Flugschriften 2009

– April: Toxischer Kunstrasen!

Partner Agaplesion ETV

INITIATIVE GEGEN DIE BEBAUUNG DES SPARBIERPLATZES
■ Flugschrift, 22.4.2009

Toxischer Kunstrasen!

RÄTSEL: „Drei Ganoven wollen nach ihren Raubzügen eine Beute von 20.480.000 € teilen. Entsprechend der Hierarchie soll der Erste mehr als der Zweite und der Zweite mehr als der Dritte bekommen. Wieviel bekommt jeder?

Zugegeben, diese beliebte Mathe-Aufgabe passt nicht ganz zur Einweihung der „ETV-Spielfelder“ auf einem Teil des einst öffentlichen Sparbierplatzes:

• Erstens wurde der 22.000 qm große Sparbierplatz (2 Elferfelder) nicht unter drei, sondern untern zwei Beteiligten aufgeteilt.

• Zweitens sind es natürlich keine Ganoven, die diese einst öffentliche Fläche unter sich aufteilen, sondern ehrenwerte Herrschaften, die sich bester Beziehungen zu ebenso ehrenwerten Amtsträgern und Parteifunktionären rühmen können.

• Drittens spricht man nicht von Diebstahl, wenn ein Filetgrundstückim Wert von 20.480.000 € (laut Bürgerschaftsdrucksache 18/6148
vom 8.5.07), das bisher als kommunal-öffentliches Eigentum allen Interessierten als Sportfläche kostenlos zur Verfügung stand und als unbebaute Großfläche eine Erholungsfunktion im dicht bebauten Stadtteil hatte, von Bezirkversammlung (CDU/SPD) und Beust-Senat einem Klinikkonzern und einem Großsportverein „legal übertragen“ wird.

Doch in einer Hinsicht passt das Mathe-Rätsel: Es gibt eine klare Hierarchie unter den an der Privatisierung des Sparbierplatzes Beteiligten, weshalb hier auch nicht Halbe-Halbe geteilt wird:

→ Der größte Teil der direkten und indirekten staatlichen Zahlungen (Baukosten und „Entschädigung“ für das Elim-Gelände) und die Hälfte des Gesamtplatzes (Klinikbau und Tiefgarage) gehen an den bundesweit expandierenden evangelikalen Klinikkonzern Agaplesion AG, der auf dem Sparbierplatz unter dem eingetragenen Markennamen „Diakonie-Klinikum“ eine seiner Filialen errichtet. Der Klinikkonzern ist Urheber, Initiator, Dirigent und Prinzipal einer Art „Bruderschaft der Privatisierer“, eines Zweckbündnisses, das die sonst so heiligen Werte der sozialen Marktwirtschaft – von der Wertschöpfung durcheigene Leistung bis zur Nachhaltigkeit – im Fall des Sparbierplatzes dadurch außer Kraft setzt, dass es sich mit Hilfe des Beust-Senats eine öffentliche Fläche in bester Lage gleichsam wie eine Beute aneignet.

→ Der ETV war und ist bei diesem Geschehen nur ein auf eigene Vorteile bedachter Mitmacher. Er bekommt seinen 5,5-Prozent-Anteil an der Beute (4 Mio. Sporthalle und 1,5 Mio Kunstrasenplatz bei 100 Mio. Baukosten) allein dafür, dass er auf Geheiß von Senat & Agaplesion immerzu „ja, ja, ja“ schreit – „Ja“ zur Privatisierung und Bebauung des öffentlichen Sparbierplatzes, „Ja“ zur Zerstörung dieser letzten großen Gesamtfreifläche im dicht bebauten Stadtteil … Das allerdings musste er ganze sechs Jahre lang tun. Doch selbst vom jahrelangen Widerstand der Bebauungsgegner hat der ETV profitiert: Je wirksamer dieser Widerstand war, desto höher fielen die politischen „Sondervergütungen“ des Senats für den ETV aus: 2002 sollte er – finanziert aus Krankenhaus-Investitionsmitteln! – „nur“ eine Sporthalle bekommen. Im März 2003 gab es die erste Zugabe: Kunstrasen auf einem kleinen Restfeld. Ab Herbst 2006, als der Verein wegen seiner nach dem Nazi Robert Finn benannten Halle unter Druck stand, wurde ihm zusätzlich Standardkunstrasen auf dem Rest-Großfeld zugesagt. Im Herbst 2008 versprach man dem ETV schließlich superteuren Plastikrasen „der neuesten Generation“ auf dem gesamten Restareal – sozusagen als Entschädigung für unsere Baustopp-Klage, die dem ETV seine auf Kosten der Öffentlichkeit gemachten Deals noch einmal für ein Jahr verdorben hatte.

Ein Trauriger Verein,

der feiert, dass er durch seine Unterstützung der Bebauung der einen Hälfte des Sparbierplatzes faktischer Besitzer der anderen Hälfte geworden ist. Das schamlose Kalkül wurde im internen ETV-Magazin 2/2006 ganz unverfroren ausgesprochen:

„Mit der Realisierung des Krankenhauses auf dem Sparbierplatz bietet sich dem ETV die einmalige Chance, eines der modernsten und attraktivsten Sportzentren mitten in der Stadt zu bekommen“.

Bereits 2002, kurz nach den klammheimlichen Absprachen mit Agaplesion hinter dem Rücken von Öffentlichkeit und Sportamt, benahm sich der ETV wie ein Besitzer der öffentlichen Fläche. Ganz offen wurde dieser Anspruch zuletzt im Sport-Mikrofon vom 14.4.2008 erhoben:

„’Im September 2008 [!] wird an der Bundesstraße ein neuer Kunstrasenplatz eingeweiht. Ein Kleinfeld und ein Großfeld können wir dann unser Eigen nennen‘, blickt der ETV-Jugendobmann Rainer E. bereits stolz voraus auf die Zeit nach den Sommerferien.“ 

WIE genau der ETV es schaffte, dass zu seinen Gunsten letztlich Finanzmittel von 5,5 Millionen ausgeschüttet werden – alle Hamburger Vereine zusammen erhalten jährlich 6,5 Millionen Euro – will der Verein aber nach außen lieber nicht an die große Glocke hängen. In einer Ankündigung auf SportNord.de umschreibt der ETV die Tatsachen so:

„Die Sparbier-Sportplätze sind im Zuge des Neubaus des Diakonieklinikums an der Hohen Weide vollkommen neu gestaltet worden“.

Und auch in der Einladung zur heutigen „Einweihungsfeier“ ist – im Plural – von einer

„Wiedereröffnung der Sparbier-plätz-E

die Rede. Obwohl seine gierige Strategie im Windschatten der Klinikkette erfolgreich war, hat der Verein selbst am Tag der Inbesitznahme noch ein Rechtfertigungsproblem.

Die WAHRHEIT darüber, wie er zu diesem privaten „Fußball-Zentrum“ kam, muss – auch gegenüber einem Teil der heute Eingeladenen – durch verschleiernde Sprachregelungen verheimlicht werden. Zugleich schwört der ETV intern selbst Kinder und Jugendliche auf die „neoliberale“ Privatisierungspolitik ein. Seit 100 Jahren macht dieser Großverein als „tragendes Element des sportlichen Lebens und wichtiger Gesellschaftsfaktor“ (Abendblatt, 5.9.1964) in Hamburg-Eimsbüttel mit den jeweils Mächtigen gemeinsame Sache. Seine Geschäftspolitik ist zugleich Gesellschaftspolitik.

Hochpolitisch ist auch der teure Kunstrasen. Er ist so „toxisch“ wie die Wertpapiere der HSH-Nordbank. Ohne die Überweisung immer größerer Summen aus den Finanzspekulationen dieser Bank an den Hamburger Haushalt (s. „Spiegel“ 15/2009) wäre es wohl zu der Millionenzahlung zugunsten des ETV so einfach nicht gekommen. Das bis 2001 auf dem Diakoniegrundstück „Alten Eichen“ in Stellingen geplante Klinikum sollte damals 50 Millionen kosten. Auf Initiative von Dietrich Wersich, früher Arzt am (Agaplesion-) Krankenhaus Bethanien und heute Sozialsenator, wurde diese Summe verdoppelt, um die hohen baulichen (schalldichte Fenster etc.) und politischen (Sporthalle, Kunstrasen) Mehrkosten zu finanzieren, die durch einen Bau auf dem begehrten Sparbierplatz entstehen. Der ETV profitiert letztlich auch von den „neoliberalen“ Geldvermehrungstricks der letzten Jahre und kassiert jetzt, obwohl die Kreditblase gerade geplatzt ist, seine politische Bonuszahlung.

Der ganz große Gewinner der Sparbierplatz-Privatisierung ist jedoch die expandierende Klinikkette Agaplesion, deren Klinikbau derzeit zum Schutz des Restgewissens der ETV-Sportler hinter einem diskreten Vorhang verschwindet. Diese AG wird am Ende zusätzlich zum Sparbierplatz Teile des Elim-Grundstückes behalten und am Altenheimgeschäft in Alten Eichen beteiligt sein. Nicht auszuschließen ist, dass sie auch in Bethanien weiter machen wird. Es ist auch ein besonders aparter Zynismus, dass Agaplesion und ETV parallel zur Bebauung der vorher kostenlosen Sportfreifläche jetzt gemeinsam den Markt des kostenpflichtigen „Gesundheitssports“ entwickeln.

■ Die Auseinandersetzung um die Bebauung des öffentlichen Sparbierplatzes ist Geschichte. Aber: Die suggestiven Sprachformeln der Privatisierungsgewinner zeigen, dass sie – besonders jetzt, da die „neoliberalen“ Prediger etwas in Deckung gehen auf Indifferenz, Vergesslichkeit und das nachträgliche Umschreiben der Geschichte angewiesen bleiben. Gerade deshalb sollten die tatsächlichen Vorgänge in Erinnerung bleiben.

V.i.S.d.P.: G. Warnke (494200) – R. Behrendt – T. Schulze

s. auch → Zwischenberichte 2009

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