Abschlussbericht

Der Abschlussbericht zur Privatisierung und Bebauung des öffentlichen Raumes in Hamburg-Eimsbüttel durch die evangelikale Aktiengesellschaft Agaplesion kann erst im Jahr 2017 fertiggestellt werden. Die Ausdehnung von Agaplesion-Hamburg wird wahrscheinlich erst zu diesem Zeitpunkt zu einem vorläufigen Ende kommen. Ab 2015 wird ein weiterer Gebäudekomplex in der Wohnstraße Hohe Weide abgerissen und durch den zweiten Teil eines Erweiterungsbaus ersetzt werden. Zugleich hat die Agaplesion AG unter dem Titel „Bethanien-Höfe“ eine riesige Anlage in Hamburg-Eppendorf gebaut, die kurz vor der Fertigstellung steht. Dass hinter den „Bethanien-Höfen“ der Frankfurter „Nächstenliebe-Konzern“ steckt, ist in Hamburg nahezu unbekannt, da Agaplesion nicht selbst als Bauherr auftritt, sondern (wechselnde) methodistische Stiftungen.

Wie es danach weitergehen wird, schildert dieser Bericht:

Dystopia liegt in Eimsbüttel

Hamburg-Eimsbüttel 2050. Nach langen Auseinandersetzungen ist das Ziel erreicht. Wir leben jetzt in einer Gesellschaft, in der es KEINE KRANKHEITEN mehr gibt. Und nicht mehr diese unzähligen Institutionen, die früher auf dem Gesundheitssektor tätig waren. Für alles, was mit GESUNDHEIT zu tun hat, gibt es nur noch einen Konzern. Er ist gemeinnützig und er bringt seine große und selbstlose Mission schon im Firmennamen zum Ausdruck: NÄCHSTENLIEBE AG.

Der heilsame Einfluss dieses Konzerns steht am Ende einer langen Entwicklung, in deren Verlauf GESUNDHEIT immer weniger als ein Zustand verstanden wurde, der dem Einzelnen selbst überlassen werden kann. Die neue Ordnung, die sich dann durchgesetzt hat, beruht darauf, dass die Einzelnen gesetzlich zum Erhalt ihrer GESUNDHEIT verpflichtet sind. Die NÄCHSTENLIEBE AG wurde vom Staat damit beauftragt, die Einhaltung dieser Verpflichtung zu überwachen. Die AG hat sich dieses Vertrauen verdient, denn sie hatte frühzeitig erkannt, dass GESUNDHEIT etwas anderes ist als Erholung, Spaß und gute Wohnverhältnisse.

Es ist heute das gemeinsame Interesse an der Vermeidung jeder Krankheit, das die Einzelnen und die Allgemeinheit verbindet. Der Einzelne hat ein Recht auf GESUNDHEIT und entsprechende Fürsorge. Dafür ist er aber verpflichtet, für seine GESUNDHEIT selbst aktiv zu werden. Vorsorge – und dazu gehört auch die Mitgliedschaft in einem Sportverein – ist nun gesetzlich vorgeschrieben. Die NÄCHSTENLIEBE AG sorgt für die entsprechenden Angebote, veranstaltet zusammen mit den Sportvereinen GESUNDHEITS- WOCHEN, kontrolliert die Einhaltung der Verpflichtungen und spricht Verwarnungen aus, wenn jemand durch einen falschen Lebensstil seine GESUNDHEIT vernachlässigt.

Es ist letztlich der Körper, der die Menschen vor allem verbindet, nicht der Geist. In den geistigen Äußerungsweisen liegen bekanntlich die Potentiale von gesellschaftlichen Störungen. Kritik, Konflikte und das Beharren auf einer eigenen Geschichte machen die Menschen bitter und letztlich krank. So war es in der alten Gesellschaft. Heute weiß man, dass nur eine frohe Bejahung des Bestehenden die Menschen gesund und glücklich macht. Forschungsteams der NÄCHSTENLIEBE AG haben herausgefunden, dass diejenigen das größte Glück empfinden, die auch ohne bewusste Anstrengung keine krank machenden kritischen Gedanken haben. Wie glückliche Menschen aussehen, zeigen die Informationsbroschüren der NÄCHSTENLIEBE AG.

Es ist klar, dass die Herstellung und Absicherungen dieses idealen Zustandes eine entsprechende Kontrolle verlangt. Doch massive Repressionen sind in einer Konsensgesellschaft nicht notwendig. Der private Sicherheitsdienst des Konzerns muss nur selten eingreifen. Da GESUNDHEIT heute das höchste Ziel ist, würde Kritik an einem Gesundheitskonzern immer auf Unverständnis stoßen.

GESUNDHEIT und NORMALITÄT sind endlich identische Begriffe, weil das individuelle und das gesellschaftliche Streben nach GESUNDHEIT jetzt übereinstimmen. Abweichungen von dieser Normalität werden in den Kliniken der NÄCHSTENLIEBE AG erfolgreich behandelt.

Geleitet wird die NÄCHSTENLIEBE AG von einer neuen Managergeneration, den so genannten MANAGERPRIESTERN. Anders als frühere Wirtschaftsführer sind sie in der Lage, die Menschen ganzheitlich zu betreuen. Wer zur Unzufriedenheit neigt, kann seine Zweifel beichten. In schwierigen Fällen können Gespräche auch angeordnet werden. Das Verfahren nennt sich DRITTER WEG. Wegen ihrer erfolgreichen Methode, nennt man die Managerpriester auch METHODISTEN.

Die Menschen fühlen sich in diesem System keineswegs unfrei. Kontrollen stören sie nicht, weil sie deren Zweck teilen. Das von der NÄCHSTENLIEBE AG aufgebaute Informationssystem sorgt dafür, dass nur die glücklich machenden Ereignisse kommuniziert werden. Die Menschen sind deswegen überzeugt, dass das Leben unter der Kontrolle des gemeinnützigen Gesundheitskonzerns gut und gerecht ist.

Einige Ältere können sich noch an Zeiten mit heftigen sozialen Konflikten erinnern. Es gab damals Menschen, die zu Protesten gegen den Konzern aufgerufen hatten, als dieser eine wunderbare Klinik auf einem Gelände errichtete, das damals der so genannten Erholung diente. Damals hatte man noch nicht verstanden, dass „Erholung“ ein Begriff einer kranken Gesellschaft war, die nicht auf GESUNDHEIT, sondern auf individuellem Hedonismus und Wohlergehen aufgebaut war.

Jede Erinnerung an solche Konflikte stellt eine bedrohliche Belastung dar. Deshalb ist die NÄCHSTENLIEBE AG heute auch für die Schaffung eines historischen Gedächtnisses zuständig, das vor gefährlichen Erinnerungen und Zweifeln und damit vor neuen Krankheiten schützt. Wie langfristig angelegte Versuchsreihen zeigten, kann die Konstruktion fiktionaler Ansichten über die Realität den Menschen helfen, sich besser zu fühlen. Die Schaffung neuer Fakten sollte immer von Interpretationen und Formeln begleitet sein, die den Menschen das Gefühl vermitteln, dass ihnen etwas geschenkt wird, dass es ihnen jetzt besser geht, auch wenn sie sich schlechter fühlen und dass das alles nur für ihre GESUNDHEIT getan wird. Die NÄCHSTENLIEBE AG hat hier erfolgreich ein Instrumentarium schöner Leitsätze wie MIT LIEBE ZUM LEBEN oder GEMEINSAM GESUND entwickelt.

Der beruhigenden Wirkung solcher Sätze können sich selbst zur Krankheit des Querulantentums neigende Menschen kaum entziehen, weil ihnen hier schlicht die Worte fehlen. Denn niemand kann und will sich in einer Gesellschaft, in der GESUNDHEIT das höchste Ziel ist, gegen Maßnahmen wenden, die AUS LIEBE ZUM LEBEN getroffen wurden. Ein Gegner der GESUNDHEIT zu sein, hieße ein Gegner der Gesellschaft zu sein. Die jährlichen Wachstumsraten der NÄCHSTENLIEBE AG liegen derzeit bei 25 Prozent.

Literatur:
Aldous Huxley, Schöne neue Welt, 1932. Frederik Pohl/Lester del Rey, Der Wohlfahrtskonzern, 1981. Alejandro Jodorowsky/Jean Giraud, L’Incal, 1981ff. Margaret Atwood, Der Report der Magd, 1985. Dariusz Muszer, Gottes Homepage, 2007. Juli Zeh, Corpus delicti, 2009.

KAIFU Ärztehaus am DKH 2013 01
In einer sehr schmalen Wohnstraße in Hamburg-Eimsbüttel steht auf einer privatisieren Erholungsfläche einer der längsten Gebäudekomplexe Hamburgs: Das „Diakonieklinikum“ des Frankfurter evangelikalen Klinik-Konzerns Agaplesion AG.

KAIFU Ärztehaus am DKH 2013 02

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