Die Diakonie:
Wohltätigkeitskonzern unterm Kreuz (– mit Vergangenheit).

Gliederung dieser Seite:

1. Gescheiterte Aufklärung: Einige Folgen der fehlenden Trennung von Staat und Kirche am Beispiel der Diakonie.

2. Tradierungen: Auswirkungen der Geschichte der Diakonie auf ihre heutige Praxis.

3. Die Diakonie: Milliardenschwere Dominanz nicht nur auf dem Gesundheitsmarkt.

■ 1. Gescheiterte Aufklärung: Einige Folgen der fehlenden Trennung von Staat und Kirche. 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.10.2006
BUCHBESPRECHUNG:
Keine Steuermittel für religiöse Zwecke!
In den USA kennt der Staat kein Glaubensbekenntnis. Thomas Funke über die Religionsfreiheit in Amerika

■ Von Nicholas Kristof, dem angesehenen Leitartikler der „New York Times“, stammt die Bemerkung, nichts unterscheide die USA so fundamental vom Rest der westlichen Welt wie die Rolle der Religion. Tatsächlich ist Amerika, zur Irritation vieler Europäer, ein tiefreligiöses Land. Es ist gar nicht zu denken ohne die sonntäglichen Gottesdienste in tausenderlei Kirchen, Sekten und Erweckungsbewegungen. Der Glaube gehört in einem Maße zum amerikanischen Alltag, wie dies im weithin säkularisierten Europa nicht mehr vorstellbar ist, und seine Bedeutung nimmt nicht ab, sondern ständig zu. So glauben über achtzig Prozent der Amerikaner, mehr als je zuvor, an die jungfräuliche Geburt Jesu, aber kaum dreißig Prozent halten die Evolution für eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache. Als Atheisten bezeichneten sich in den USA nur fünf Prozent der Bevölkerung. Nun zählt es freilich zu den in Europa übersehenen Eigentümlichkeiten Amerikas, daß Kirche und Staat in „Gottes eigenem Land“ streng geschieden sind. Was in der BRD selbstverständlich ist: theologische Fakultäten an staatlichen Universitäten, Religionsunterricht in öffentlichen Schulen, Steuererhebung für die Kirchen durch das Finanzamt – ist in den USA seit zweihundert Jahren undenkbar. Spätestens seit Thomas Jeffersons „Bill for Establishing Religious Freedom in Virginia“ gehöre es „zum Kernbereich der weltanschaulichen Neutralität des Staates“, schreibt Thomas Funke in seiner Studie über die Religionsfreiheit in den USA, „daß Steuermittel für religiöse Zwecke nicht verwendet werden dürfen„.

Thomas Gerrith Funke: „Die Religionsfreiheit im Verfassungsrecht der USA“. Berlin 2006

2004 betrug das Kirchensteueraufkommen in der BRD: Katholische Kirche 4,1 Mrd. Euro, Evangelische Kirche 3,6 Mrd. Euro. Gesamt 7,8 Mrd. Euro. Zwei Drittel der Kirchensteuer werden für die Bezahlung von Pfarrern und Kirchenpersonal verbraucht. Nirgends verdienen Pfarrer so viel wie in der BRD: etwa 4000 Euro im Monat. Ihre Besoldung entspricht der eines Regierungsdirektors. Bischöfe werden aus Steuermitteln bezahlt und beziehen rund 7500 Euro, Erzbischöfe sowie der evangelische Landesbischof rund 10000 Euro.

Die Kosten von kirchlichen Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern, Altenheimen etc. werden fast ganz aus öffentlichen Mitteln finanziert oder von Krankenkassen gedeckt. Finanzierungsanteil bei Sozialeinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft (ohne zusätzliche freiwillige Zuschüsse der Kommunen): Klerikale Kindergärten: Kommune/Land: 75 %, Eltern 15 %. Klerikale Grund-, Haupt- und Sonderschulen 100%. Kirchlicher Religionsunterricht an öffentlichen Schulen: 100 %. (Religionsunterricht ist ein versetzungsrelevantes Fach). Krankenhäuser :100% (durch Kassensätze; Investitionen zu 100% vom Staat). Altenheime :100% (ähnliche Regelung wie Krankenhäuser). Außerdem finanziert der Staat weitgehend viele andere Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft: Die Priester- u. Theologenausbildung an Universitäten, den Unterhalt kirchlicher Fachhochschulen, die „Seelsorge“ in öffentlichen Einrichtungen (Militär, Polizei, Gefängnis, Anstalten), den Denkmalschutz für Kirchenbauten, die kirchlichen Sendungen in öffentlichen Rundfunkanstalten. Der Einzug der Kirchensteuer erfolgt aufgrund staatlicher Gesetze. Damit das möglich wird, sind alle Bürger gezwungen, ihren Aberglauben bzw. Unglauben den Behörden und Arbeitgebern zu offenbaren.

Handelsblatt, 9.6.1994
Das Netz der Diakonie
Die Tätigkeitsereiche des Diakonischen Werks werden immer zahlreicher und vielfältiger. Heute gehören der EKD die Diakonischen Werke der 24 Landeskirchen, neun Freikirchen mit ihren diakonischen Einrichtungen sowie rund 100 Fachverbände der verschiedensten Arbeitsfelder an. Gleich einem umfassenden Netz umspannt diese Organisation die Bundesrepublik: 300.000 hauptamtliche Mitglieder in etwa 20.000 selbständigen Einrichtungen unterschiedlichster Grösse und Rechtsformen als Voll- oder Teilzeitkraefte. Jüngstes Kind des Diakonischen Werkes ist die Aktion „Hoffnung für Osteuropa„. Pfarrer Dr. Hahn, als Direktor für alle Auslandsaktivitäten verantwortlich:“Wir hoffen bei solchen Aufgaben auch auf die Unterstützung der Wirtschaft.“

Handelsblatt, 18.12.1995
Diakonisches Werk verweigert Buchprüfung
Das Diakonische Werk soll rund 8,5 Millionen an das Bundesfamilien- ministerium zurückzahlen, die die Organisation für ihre Arbeit erhalten habe. Der Bundesrechnungshof habe in einem Schreiben an Ministerin Claudia Nolte beklagt, das Diakonische Werk habe „Einsicht in Unter- lagen verweigert“. Weitere Zahlungen seien einzustellen.

Frankfurter Rundschau, 3.7.1999
DIAKONIE im Zwielicht.

Der ehemals siebenköpfige Vorstand des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau existiert nicht mehr. Vier Chefs wurden gekündigt oder mit Auflösungsverträgen verabschiedet, einer ging vorzeitig in Rente. Hauptgeschäftsführer Alfred Beierle trat am Freitag zurück. … Durch riskante Geschäfte von Tochterfirmen ist das Diakonische Werk von Hessen und Nassau (DWHN) ins Zwielicht geraten.
Hauptgeschäftsführer Beierle (49) übernahm gestern die Verantwortung und trat zurück. Gegen den Leiter der Abteilung Ökumenische Diakonie war im Frühjahr Strafanzeige wegen unkorrekter Mittelverwendung erstattet worden. Der Theologe und ein Mitarbeiter sollen überhöhte Reisekosten in Rechnung gestellt haben. Laut Joachim Schmidt von der Darmstädter Kirchenleitung hat es auch Verluste bei Projekten in Ungarn, Polen und Tschechiengegeben. Dies hängt nach FR-Informationen mit dem Engagement einer DIAKONIE-eigenen Tochterfirma namens „Pro 2 M“ zusammen, die über Ableger in Ungarn zum Beispiel mit „Gesundheitsschuhen“ handelte und dabei Hunderttausende in den Sand gesetzt haben soll.
Im karitativen Konzern der Diakonie gab es weitere Probleme mit Geld. 1991 hatte das DWHN eine Firma gegründet, die jetzt als „Pro Service“ von Eschborn aus die Gehaltszahlungen für Tausende von DIAKONIE-Angestellten in Hessen, Hamburg und den neuen Bundesländern abwickelt. Das Unternehmen erhält die Brutto-Gehaltssume von den Arbeitgebern und zahlt sie mindestens einen Tag später aus. Insider berichteten jetzt der FR, „Pro Service“ habe monatlich etwa zehn Millionen Mark für Geschäfte am Kapitalmarkt genutzt. Man streiche lediglich Tagesgeld-Zinsen ein, widersprach „Pro-Service“- Geschäftsführer Wolfgang Wagner. Das Unternehmen und seine Tochterfirmen seien liquide.
Wagner und auch Joachim Schmidt von der Kirchenleitung mochten nichts zu anderslautenden Informationen der FR sagen, nach denen „Pro Service“ Geld langfristig angelegt haben soll und kaum noch flüssig sei. Das Diakonische Werk sichert die Finanztransaktionen der „Pro Service“ seit acht Jahren mit einer Sechs-Millionen-Mark-Bürgschaft ab.
1998 hat die „Pro Service“ angeblich 2,2 Millionen Mark an eine Eschborner Firma namens „Pro Con“ ausgeliehen. Die soll damit eine Sammlung historischer Postkarten gekauft haben. Die habe noch keiner gesehen, sagt ein Insider.
„Pro Service“ betreibt in der Eschborner Bürogemeinschaft eine Tochterfirma namens „Softline GmbH“. Diese ließ mit Millionenaufwand einen mobilen Computer samt Programm („Dialine“) entwickeln, der den DIAKONIEstationen die komplizierte Abrechnung der ambulanten Pflegeleistungen erleichtern soll. Die „Pro Service“ bemühte sich in Kirchenkreisen darum, möglichst viele DIAKONIEstationen zum Kauf der Computer zu bewegen. Doch viele Stationen bevorzugen Produkte der Konkurrenz. Der „Softline“ sollen daher Verluste in Millionenhöhe drohen.
Die Firmen wurden in Personalunion von Geschäftsführern des Diakonischen Werkes und ihren Vertrauten kontrolliert. Die Aufsichtsräte der „Pro Service“, Hans-Jürgen Fierke und Wolfgang Güldenpfennig, saßen zum Beispiel im Diakonie -Vorstand. Die anderen Vorstandskollegen waren in der Gesellschafterversammlung der „Pro Service“ vertreten – was eine unabhängige Kontrolle der Geschäfte nicht gerade erleichtert haben dürfte. Die Kirchenleitung hat inzwischen leitende Mitarbeiter zur Stützung des Diakonischen Werks entsandt und 1,5 Millionen Mark für eine Untersuchung der Organisation bewilligt.
Dies tut offenbar not. Die Finanzbehörden lassen sich alle drei Jahre die Abrechnungen gemeinnütziger Institutionen vorlegen. Wenn dabei herauskommt, daß sie nicht „selbstlos tätig“ (Paragraph 52 der Abgabenordnung) sind, droht der Verlust der Gemeinnützigkeit. Die Institution darf dann keine Spendenquittungen mehr ausstellen.
Autor: Von Klaus Nissen

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.3.2000
Nach den Finanz-Skandalen – DIAKONIE unter neuer Führung 

Das Diakonische Werk in Hessen und Nassau hat eine neue Leitungsstruktur erhalten. Nachdem FINANZIELLE UNREGELMÄßIGKEITEN UND FÄLLE PERSÖNLICHER BEREICHERUNG aufgedeckt worden waren, mussten ALLE SEINE SECHS GESCHÄFTSFÜHRER in den vergangenen zwei Jahren ihre Posten räumen. Zuletzt trat Ende Januar der bisherige Hauptgeschäftsführer, Pfarrer Alfred Beierle, zurück.

Frankfurter Rundschau , 15.3.2000
NS-Motive und das Geld der Diakonie . Mit einem Darlehen der Tochterfirma PRO SERVICE wurden Nazi-Postkarten erworben. 

Die Versteigerung von Nazi-Postkarten im Internet bringt das Diakonische Werk in Hessen und Nassau (DWHN) in Verlegenheit. Es finanzierte vor zwei Jahren den Kauf der Blut- und Boden-Motive. …
Organisator dieses Handels ist nach FR-Informationen ein gewisser Tobias Wagner (Internet-Kennwort tobiw). Sein Vater Wolfgang Wagner war bis vorigen Sommer Geschäftsführer der DWHN-Tochter „Pro Service“. In dieser Eigenschaft gewährte er den Millionen-Kredit an die „Pro Con“, die er nach Auskunft des Pro Con-Geschäftsführers Detlef Friedrich 1997 selbst gegründet hat. Geschäftsführer Wolfgang Wagner nutzte die Verfügungsgewalt über Millionen für kirchenferne Unternehmungen – zum Beispiel für den Postkarten-Deal. Der Vorstand des Diakonischen Werkes hatte ihn jahrelang gewähren lassen.

taz, 16.3. 2002
Affäre in Wuppertal 

Der GWG-Skandal: Für die Wuppertaler Staatsanwaltschaft eine der größten Korruptionsaffären Deutschlands. Nach ihren Ermittlungen hat eine Gruppe prominenter Wuppertaler über Jahre hinweg die Wohnungsbaugesellschaft, die zu 75% der Stadt gehört, systematisch betrogen. Ermittelt wird gegen folgende Personen.
– Anklage im Wuppertaler GWG-Verfahren
– Weitere Ermittlungen gegen ehemaligen Diakonie -Chef
Seit 1996 wurden in Wuppertal dutzende städtische Angestellte und Handwerker wegen Korruption verurteilt. Letztes Jahr kamen der Direktor der Deutschen Bank, der GESCHÄFTSFÜHRER DER Diakonie, ein Bauunternehmer, ein Architekt und weitere Mitglieder der Bergischen High Society wochenlang in Untersuchungshaft. „Das ist vielleicht der größte Korruptionsskandal in einer deutschen Stadt“, meinte der leitende Oberstaatsanwalt damals.

Frankfurter Rundschau, 5.9.2002
Der „politische Kopf“ der Altenpflege wurde fristlos entlassen 

Der seit langem schwelende Streit zwischen den DIAKONIE-Kliniken und ihrem Altenheimchef Walter Curkovic-Paul ist eskaliert. Dem Leiter des Oberin-Martha-Keller-Hauses wurde fristlos gekündigt.
Curkovic-Paul gilt als politischer Kopf in der Altenpflege. Er gehörte zu den Mitbegründern des Frankfurter Forums für Altenpflege und setzt sich für die Schaffung eines Pflegeheims für Homosexuelle ein („Altenpflegayheim“).
Nach Angaben des Geschäftsführers der Kliniken, Weber, hat Curkovic-Paul öffentlich gemacht, dass die DIAKONIE-KLINIKEN wegen Verletzung von Förderrichtlinien 23 000 Euro Fördergeld für das Keller-Haus an das Frankfurter Sozialamt zurück zahlen müssen.

Siehe dazu auch:
http://www.curkovic-paul.de/

Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 11. August 2006
Neuer Skandal bei der Diakonie 

Und schon wieder hat’s bei der Diakonie gerummst! Überraschend wurde jetzt der Leiter des Wolfsburger Diakonieheims Emmaus (stationäre und ambulante Altenpflege), Peter Sumalvico,rausgeschmissen – angeblich habe er Schmähbriefe gegen den Vorstand verfasst. Der 63-Jährige wies diese Anschuldigungen zurück. Millionendefizite, pausenlose Personalquerelen, harte Finanzeinbußen für die Mitarbeiter – das Diakonische Werk sorgt seit langem für Wirbel. Jüngster Knall: Aus dem Urlaub heraus wurde Sumalvico zum Vorstand zitiert, musste seine Schlüssel abgeben, bekam Hausverbot und die fristlose Kündigung in die Hand gedrückt. Und das nach 29 Jahren als Leiter dieses Hauses – und drei Tage vor der Pensionierung! Die Vorwürfe sind starker Tobak. Seit geraumer Zeit sehen sich Vorstände der Diakonie in anonymen Rundschreiben Vorwürfen ausgesetzt. Ausgerechnet in dem als seriös geltenden Sumalvico glaubt man, einen Drahtzieher entlarvt zu haben. Nun geht die Sache vor Gericht.

www.kirchensteuer.de, 22. August 2002

Die FINANZIERUNG DER KIRCHLICHEN KRANKENHÄUSER
Ein Report von Heike Jackler, Der Humanist

Immer wieder müssen Konfessionslose sich von den Kirchen vorhalten lassen, die soziale Infrastruktur der Kirchen zu nutzen, aber sich selbst nicht finanziell daran zu beteiligen. Vor allem die Krankenhäuser werden hier immer wieder als Beispiel genannt. So meinte denn auch der Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) bei der Bundesregierung, Prälat Reimers, zum evangelischen Nachrichtendienst idea, dass er eine Abschaffung der Kirchensteuer für unwahrscheinlich hält, weil dann der Staat selbst zusätzlich Kindergärten, Krankenhäuser und Schulen finanzieren müsste. [idea online, 13.9.1999] Auch Bischof Lehmann verstieg sich im Dezember 1999 zu der Aussage: „Wenn wohlhabende Bürger AUS STEUERGRÜNDEN DIE KIRCHE VERLIEßEN, ihre Kinder aber auf christliche Schulen schickten, halte er das FÜR ‚MORALISCH EKELHAFT'“. [Süddeutsche Zeitung, 27.12.1999]

So gibt sich die Kirche den Anschein, als würden die Krankenhäuser zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auch mit den Mitgliedsbeiträgen der Kirchenmitglieder finanziert.
DASS DEM NICHT SO IST, ZEIGEN DIE ANTWORTEN AUF E-MAILS, DIE DER HUMANIST AN DIE ZUSTÄNDIGEN STELLEN GESCHICKT HAT. Damit wir auch „ehrliche“ Antworten bekamen, haben wir die Landeskirchen nicht nach der sozialen Verwendung der Kirchensteuer befragt, sondern uns beschwert, dass kirchliche Krankenhäuser mit Kirchensteuer finanziert werden müssen, während nicht-kirchliche offenbar alle Kosten erwirtschaften können. Die Antworten – alle ungekürzt – waren aufschlussreich:

An die Kirchen: 

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich hätte gerne eine Information zur Finanzierung der Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft.
Ich kann es einfach nicht begreifen, warum für die Finanzierung der kirchlichen Krankenhäuser die Kirchensteuer herhalten muss, wo es um die Finanzen der Kirchen doch so schlecht bestellt ist, während nicht-kirchliche Krankenhäuser sämtliche Kosten über die Patientensätze voll erwirtschaften können. Da Krankenhäuser sich über die Bezahlungen der Krankenkassen für die Patienten und über Zuschüsse der Länder und Kommunen finanzieren, möchte ich gerne wissen, warum die Krankenkassen niedrigere Sätze an Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft zahlen als an Krankenhäuser in kirchenfreier Trägerschaft. Oder unterstützt das Land die Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft wesentlich schlechter als andere Krankenhäuser?
Dürfen vielleicht, im Gegensatz zu freien bzw. staatlichen Trägern, die Personalkosten kirchlicher Krankenhäuser nicht auf die Patienten umgelegt werden? Das wäre wirklich nicht fair gegenüber allen Kirchensteuerzahlern. Wieviel Prozent der Kirchensteuer gibt [die Diözese/Landeskirche] für die Krankenhäuser aus? Natürlich meine ich nur Kirchensteuer, die nicht über die Einnahmen rückfinanziert wird. Über eine Antwort würde ich mich freuen. Mit freundlichen Grüßen, Heike Jackler 

An die Länder und Parteien: 

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich habe eine Frage zur Finanzierung der kirchlichen Krankenhäuser. Als Konfessionsloser muss ich mir immer wieder vorhalten lassen, dass meine Behandlungen in Krankenhäusern kirchlicher Trägerschaft von den Kirchenmitgliedern zu einem beachtlichen Teil über deren Kirchensteuer mitfinanziert werden. Mit anderen Worten: Ich sei ein Schmarotzer. Da Krankenhäuser in nichtkirchlicher Trägerschaft offensichtlich ihre Kosten voll über die Patientensätze und kommunale bzw. Länderzuschüsse voll erwirtschaften können, wundert mich dieser Sachverhalt etwas.
Bekommen kirchliche Krankenhäuser niedrigere Patientensätze? Oder sind die üblichen staatlichen Zuschüsse dort wesentlich niedriger als bei nichtkirchlichen Trägern? Dürfen kirchliche Krankenhäuser vielleicht ihre Personalkosten nicht auf die Patientenkosten umlegen? Oder wie kommt sonst der gravierende Unterschied in der Finanzierung zustande? Ich bitte Sie hierüber um aufklärende Information. Mit freundlichen Grüßen
Heike Jackler 

Antwort der Nordelbischen Kirche

Von: KATHARINA WEYANDT Weyandt@diakonie-hamburg.de

Donnerstag, 16. März 2000

Liebe Frau Jackler,
ein freigemeinnütziges Krankenhaus in ev. Trägerschaft wird prinzipiell von den Kassen bzw. dem Land finanziert. Kirchensteuern werden nur für einzelne seelsorgerliche Aufgaben aufgewendet.
Mit freundlichem Gruß, Katharina Weyandt
Diakonisches Werk Hamburg, Königstraße 54, Tel: 040/30620-233 

Antwort desKrankenhausverbandes:

Evangelischer Krankenhausverband
Gross gross.dekv@t-online.de
Dienstag, 21. März 2000

Sehr geehrte Frau Jackler,
Unabhängig von der Trägerschaft eines Krankenhauses erfolgt die Finanzierung, wenn das Krankenhaus im öffentlichen Krankenhausplan aufgenommen ist, gemäß den Bestimmungen des Krankenhaus-Finanzierungsgesetzes (KHG). Das bedeutet: DIE ÖFFENTLICHE HAND MUSS FÜR DIE INVESTITIONEN (z. B. Gebäude, medizinische Geräte/Technik) aufkommen, entweder in Form von Einzelförderung der Maßnahmen (z. B. Baumaßnahmen, Großgeräte) oder in Form einer Pauschalförderung, die je nach Bundesland unterschiedlich hoch ausfällt und in der Regel einen festen Satz pro Planbett beträgt. Sämtliche Kosten der Behandlung bzw. des laufenden Betriebes (d. h. Personal, Medikamente, Therapieaufwand, Betriebskosten, Instandhaltung) müssen durch die von den Krankenkassen zu zahlenden Entgelte abgedeckt werden. Diese Entgelte setzen sich im Wesentlichen aus Pauschalen bzw. Festpreisen für bestimmte Leistungen (z. B. die meisten chirurgischen Eingriffe), sogenannte Fallpauschalen, und abteilungsbezogen berechneten sogenannten Pflegesätzen zusammen. Die Fallpauschalen gelten in der Regel einheitlich für ein Bundesland, die Pflegesätze werden krankenhausindividuell mit den Krankenkassen verhandelt und vereinbart. Nach dem bereits Ausgeführten sollte schon deutlich geworden sein, dass Kirchensteuermittel zur Finanzierung von Krankenhäusern in kirchlicher Trägerschaft zu keiner Zeit in Anspruch genommen worden sind und auch gar nicht in Anspruch genommen werden konnten.
Norbert Groß, Verbandsdirektor DEKV

Fazit: Auch der Deutsche Evangelische Krankenhausverband, zuständig für die Krankenhäuser der EKD, bestätigt, dass sowohlInvestitionen, also Baumaßnahmen und Erweiterungen, als auch diemedizinische Behandlung nicht von der Kirche finanziell getragen wird. Auch das oft vorgebrachte Argument, dass Kirchensteuermittel zur Deckung eventueller Defizite herhalten muss, wird in dem Antwortschreiben widerlegt. Defizite dürfen nicht gemacht werden.

• Hier noch ein wirklich krasses Beispiel dafür, wie – unter anderem auch von der oben zitierten Diakonie-Sprecherin Katharina Weyandt – mutwillig ein Zusammenhang zwischen Kirchensteuer und der kirchlichen Geschäftstätigkeit auf dem Gesundheits- und Pflegemarkt konstruiert wird: 

Die Welt, 4. Juli 2004
Immer weniger Hamburger bekennen sich zur Kirche 

Kürzlich veröffentlichte die Evangelische Kirche ihre aktuelle Statistik mit der Nachricht, dass in Nordelbien nur noch 2,2 Millionen Einwohner der evangelischen Kirche angehören – vor knapp 20 Jahren waren es noch 3,2 Millionen. In Hamburg sind nur noch 33 Prozent der Bevölkerung protestantisch – Tendenz fallend. Außerdem gibt es einen Rückgang bei evangelischen Taufen: Waren es 1988 mehr als 24 000, so sind es jetzt rund 20 000. Nur noch jedes fünfte Kind in Hamburg wird getauft. Auch der Gottesdienstbesuch ist auf ein Rekordtief gesunken: Nur 2,3 Prozent der nordelbischen Protestanten lassen sich sonntags unter einer Kirchenkanzel blicken. Noch können die Kirchen mit einem breiten sozialen Profil glänzen. Die Diakonie etwa betreibt in Hamburg 10.000 Kita-Plätze, Krankenhäuser mit 2.419 Betten sowie Alten- und Pflegeheime mit einer Kapazität von rund 5.000 Plätzen.
Was aber geschieht, wenn Hamburg endgültig Abschied vom Christentum nimmt und jene Geldquellen zu versiegen beginnen, die bislang die Kirchensteuer so reichlich sprudeln ließ?
Die nordelbische Kirche steht unter Spardruck, gingen doch die Kirchensteuereinnahmen von 380 Millionen Euro im Jahr 1992 auf 272 Millionen Euro (2004) zurück. Gravierend ist der Rückgang für die Arbeit der Diakonie: „Die Pauschalzuweisung ausKirchensteuermitteln ist seit 1997 von zwei Millionen auf 1,4 Millionen gesunken“, erklärte Pressesprecherin Katharina Weyandt. Zudem hätten die evangelischen Krankenhäuser „harte finanzielle Probleme“ dadurch, dass die Krankenkassen die Budgets deckelten. „Durch Fusionen wird versucht, Abhilfe zu schaffen.“ Auch bei den Seniorenheimen stehen zahlreiche Plätze, bedingt durch die Krise der kirchlichen Kassen, auf dem Prüfstand. „Wie viele Plätze es genau sind, ist nicht zu beziffern. Im schlimmsten Fall alle, denn aus Kirchensteuern können keine weiteren Defizite gedeckt werden“, sagt eine Insiderin. „Die Finanzschwierigkeiten der Kirchen sind mit Sorge zu betrachten“, sagte Hamburgs Zweite Bürgermeisterin, Birgit Schnieber-Jastram von der CDU. „Ein Zusammenbruch des sozialen Angebots der Kirchen wäre ein Problem für den Staat.“ Das Engagement der Kirche sei für den Staat sehr wichtig. „Nicht nur in finanzieller Hinsicht [?], denn durch die Kirche erfahren viele Menschen Zuwendung.“

Mindener Tageblatt, 24.1.2003
„Namenspatron stand den Nazis viel zu nah“. Soziales Wirken war auch Hitler-Begeisterung

„Wir Nationalsozialisten wollen aber nicht vergessen, dass er der erste Pfarrer unserer Heimat war, der uns in unserem braunen Ehrenkleide traute – als wir noch nicht die Staatsführung innehatten.“ („NS-Volksblatt“, 29. Januar 1935)

Minden (sk). Im Rahmen seiner zeitgeschichtlichen Untersuchungen über den Kirchenkampf in Minden stieß der Publizist Kristan Kossack auf Viktor Pleß – Namensgeber einer KINDERTAGESSTÄTTE DES DIAKONISCHEN WERKES.

Viktor Pleß, 1894 geboren, war von 1924 bis zu seinem Tod im Jahre 1935 Pfarrer an der Martinikirche. Neben seiner Tätigkeit als Gemeindepfarrer engagierte er sich im städtischen Ausschuss der kommunalen Jugendfürsorge. Er war zudem Vorsitzender des Evangelischen Jugend- und Wohlfahrtsamtes, Seelsorger am städtischen Krankenhaus sowie Mitarbeiter im Kinderhort. Kossack: „In Minden war im Sommer 1931 bekannt geworden, dass Pleß Trauungen unter der Hakenkreuzfahne vorgenommen hatte.“ Von anderen Pfarrern der Stadt sei eine derartige Praxis zu diesem Zeitpunkt nicht überliefert.
Auch anlässlich einer Fahnenweihe am Porta-Denkmal im Sommer 1934 sei Pleß einschlägig in Erscheinung getreten. Vor 5000 Kyffhäusern habe er das Erscheinen Hitlers auf der politischen Bühne in Deutschland als eine Art Gottesgeschenk gerühmt und von der „tiefen Sehnsucht im Volk“ gesprochen nach einem „heldischen Mann, der die Nacht verbannt und Not besiegt“.
Problematisch sei die Person Pleß nicht nur wegen seiner Verbeugung vor dem Dritten Reich, sondern auch wegen seiner Haltung gegenüber der so genannten Judenfrage. Unter anderem zeige dies eine Predigt aus dem Jahr 1934, in der er den Vorwurf der Kirchen wiederhole, dass „die Juden“ „Christusmörder“ seien. Sie, so Pleß wörtlich, „schlugen ihn, den Gottgesandten, ans Kreuz. Und darum ist Israel verflucht bis auf diesen Tag“.
Kossack hält es für ungeschickt, dass das Diakonische Werk Minden 1987 die Einrichtung an der Kuhlenstraße mit Pleß Namen versehen hatte. „Eine Vorbildfunktion ist nach dem vorliegenden Material jedenfalls nicht zu sehen.“

(2006) Eine umfassende Recherche zu dem nationalsozialistischen Diakoniepfarrer sowie eine Dokumentation zur heutigen Auseindersetzung mit der Diakonie findet sich hier:

http://www.zg-minden.de/body_viktor_pless.html

Nürnberger Nachrichten, 11.7.2003
UMSTRITTENER WOHNUNGSKAUF FÜR DIAKONIE-PRÄSIDENTEN
Mit „großer Bestürzung“ haben die Mitarbeiter auf den Kauf einer teuren Immobilie in Fürth durch das Diakonische Werk (DW) und die evangelische Landeskirche reagiert. „Die Kirche behauptet, sie müsse drastische Sparmaßnahmen durchsetzen, auf der anderen Seite stehen aber mal eben 250 000 Euro für solche Geschäfte zur Verfügung“, sagte Bärbel Kalb vom Klinikum Hallerwiese, Sprecherin der MAV-Arbeitsgemeinschaft, die die rund 40 000 Beschäftigten in Kirche und Diakonie vertritt. Wenn das DW dann noch einmal die gleiche Summe drauflege, so Kalb, zeuge das nicht gerade von leeren Kassen. Wie berichtet, hatte die Diakonie Fürth kürzlich eine Dienstwohnung für ihren Präsidenten Ludwig Markert gekauft, die fast eine halbe Million Euro gekostet hat. Die Hälfte davon war ein Zuschuss der Landeskirche. Markert war früher Dekan in Fürth und hat als DW-Präsident eigentlich keinen Anspruch mehr auf eine Dienstwohnung. Die Glaubwürdigkeit, so die MAV-Sprecherin, sei erst dann wieder hergestellt, wenn Landeskirche und Diakonie ihr Vermögen und die finanziellen Rücklagen offen legten. Das DW hatte angegeben, das Geld für die Wohnung in einer noblen Fürther Gegend stamme aus den Vermögensrücklagen. Auch innerhalb der Nürnberger Diakonie-Landesgeschäftsstelle, sorgt das Geschäft für Unruhe. Bei den Mitarbeitern ist von einem „Großherrentum“ die Rede.

• Das Anprangern von Korruption & Filz gehört zu den zentralen Themen von Rechtsparteien und rechten Bürgerinitiativen, deren Praxis meist selbst von Korruptionsaffären geprägt ist. Das reale Leben, zumal in einer hierarchischen Gesellschaft, besteht eben aus sozialen Beziehungen und symbolischem Tausch, was dem braven, angeblich unbestechlichen Bürger sehr wohl bekannt ist. Unter diesen Bedingungen würde die vorgebliche „Abschaffung jeder Korruption“ auf herzlose Beamtenmentalität, zusätzliche Heuchelei und Leugnung der Hierarchien hinaus laufen. Tatsächlich tun viele „ehrenwerte“ Herren so, als sei alles, was ihnen gelingt, Resultat ihrer Leistung bzw. von rationalen Abwägungen. Doch allein mit „sachlichen Beschlüssen“ kriegt man zum Beispiel kein Klinikum auf einen Sportplatz. Ein paar Vorteile – durchaus auch für einen Teil des Publikums – müssen dabei schon heraus springen. Allerdings funktionieren nicht alle Formen der Vorteilsgewährung so direkt wie diese: 

Westdeutsche Zeitung, 2. Mai 2006
„Gnadenurteil“ über Ex-Diakonie-Chef 

Wuppertal. Schlussstrich um den Skandal rund um den früheren Direktor der Diakonie Elberfeld, Uwe Reiter: Die Disziplinarkammer der Evangelischen Kirche im Rheinland hat am Wochenende entschieden, dass der Kirchenbeamte des Amtes enthoben wird. Das Urteil bedeutet allerdings nicht den Ausschluss aus dem Kirchendienst: Reiters Beamtenverhältnis bleibt bestehen. 

Vor einem Jahr war Reiters wegen gewerbsmäßiger Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr in 14 Fällen, gewerbsmäßiger Untreue in zwei Fällen sowie Beihilfe zur gewerbsmäßigen Untreue zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden.

Im Prozess gestand Reiter, seine Position als Diakonie-Chef ausgenutzt zu haben, um von mehreren Geschäftspartnern Schmiergeld zu kassieren. Die Staatsanwaltschaft hatte einen „Zusatzverdienst“ von 300 000 Euro ausgerechnet. Nach der Inhaftierung des langjährigen Diakonie-Chefs hatte das Landeskirchenamt 2001 ein Disziplinarverfahren eingeleitet.

Nach seiner kircheninternen Degradierung ist Reiters Gehalt zunächst von 3500 Euro netto auf knapp 2500 Euro geschrumpft. Nach dem aktuellen Urteil des Kirchengerichts bleiben dem 58-Jährigen noch rund 60 Prozent seines Chef-Gehaltes (2100 Euro netto). Dass sich Reiter als reuig zeigte, dürfte ihn vor dem Aus bewahrt haben. Das Kirchengericht hätte die Möglichkeit gehabt, Reiter den Status als Kirchenbeamter zu entziehen, denn wie bei „normalen“ Beamten liegt die Grenze für einen automatischen Ausschluss bei einer strafrechtlichen Verurteilung von einem Jahr. Und Reiter hatte zwei Jahre kassiert. Doch bei der Kirche gibt es noch eine Einzelfall-Überprüfung. Die hat der 58-Jährige offensichtlich bestanden. Er arbeitet schon wieder für den Kirchenkreis Düsseldorf/Mettmann.

Die katholischen Kollegen von der Caritas wollen hinter der Diakonie nicht zurück stehen. Ein Beispiel:

Saarbrücker Zeitung, 5. Februar 2002
FUSSBALLAFFÄRE
Sieben Jahre Haft für Caritas-Manager
Das Landgericht Koblenz hat den Trierer Ex- Caritas-Manager Doerfert wegen Untreue in Millionenhöhe zu sieben Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Laut Anklage hatte Doerfert mit Finanz- und Immobiliengeschäften mindestens 20 Millionen veruntreut. Zudem hat er den Fußballclub 1. FC Saarbrücken mit hohen Summen illegal gesponsert. Über diese Affäre stolperten im Herbst vergangenen Jahres der damalige Bundesverkehrsminister Klimmt (SPD) und der saarländische Innenminister Meiser (CDU) und mussten von ihren Ämtern zurücktreten. Doerferts ehemaliger Vorstandskollege Bernhard Veit wurde zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten wegen Untreue in 16 Fällen verurteilt. Der Ex-Caritas-Manager Ziegelmayer muss für vier Jahre wegen Untreue in 50 Fällen hinter Gitter.

Frankenpost 2.5.2007
Neuer Skandal bei der Diakonie 
HOF – Streit ist nicht das passende Wort für das, was sich da monatelang in der Führung der Diakonie Hochfranken zugetragen hat. Jemand, der es wissen muss, aber nicht mit Namen genannt werden will, sagt drastisch: „Es war der totale Krieg.“
Das Kapitel beginnt im Mai 2004, als Karlo Zimmermann, damals 40, die Geschäftsführung des Diakonischen Werks Hof übernimmt. Aus seiner Sicht erfordern die anstehenden Aufgaben einen starken Verbund. Unters Dach einer sogenannten Holding, der Diakonie Hochfranken GmbH ziehen schon bald das Hofer Diakonische Werk, die Stiftung Marienberg aus Schwarzenbach an der Saale und der Diakonieverein Rehau mit insgesamt fünf Tochtergesellschaften. Das neue Unternehmen, einer der größten Arbeitgeber der Gegend, hat rund tausend Beschäftigte.
Den Vorsitz des dreiköpfigen Leitungsgremiums hat Pfarrer Zimmermann, die Pädagogin Mangei ist für Familienhilfe zuständig; der Dritte im Bunde, Martin Abt, ist Geschäftsführer der Zentralen Dienste für Verwaltung und Finanzen. Doch bald rauscht es in der Führung. Auch im Aufsichtsrat: Immer wieder gehe es in dem Neuner-Gremium, das seine Sitzungen stets mit einer Andacht eröffnet, in aufgeheizter Atmosphäre zur Sache.
Wie weiter zu hören ist, feilte Zimmermann an Plänen, Frau Mangei auszubooten. Doch Mangei und Abt verbünden sich gegen den Geschäftsführer. Am 10. Februar fasst der Aufsichtsrat den Beschluss, den Pfarrer als Holding-Chef abzuberufen. Laut Mangei und Abt lässt Zimmermann „sämtliche Geschäftsunterlagen aus seinem Büro verschwinden“. Die Diakonie-Gesellschaft stellt Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs und Unterschlagung. Kurz darauf erhält der Pfarrer Besuch: Die Polizei erscheint in seinem Haus, durchsucht es und beschlagnahmt die Akten. Mangei und Abt beschuldigen Zimmermann, er habe Entscheidungen getroffen, in deren Folge wirtschaftliche Verluste für die Diakonie entstanden seien; so sei in der Altenhilfe „statt eines eingeplanten positiven Ergebnisses von 323 000 Euro ein Verlust von mehr als 27 000 Euro“ aufgelaufen. Der Neubau des Seniorenhauses koste mit rund vier Millionen Euro eine Million mehr als vorgesehen. Das Defizit sei über die Pflegesätze nicht abzudecken. Diakonie-Mitarbeiter beschweren sich bitter über den „rüden Ton“, den der Geschäftsführer an den Tag gelegt habe; manche von ihnen habe er „regelrecht zur Sau gemacht“.

■ 2. TRADIERUNGEN 

„Die evangelische Kirche hat sich immer als Verbündete des Staates gesehen, gemäß dem Luther-Wort: ,Seid der Obrigkeit untertan!'“

Kinderbewahranstalten, Krankenanstalten, „Krüppel- und Blödenheime“ sind Einrichtungen, die im 19. Jahrhundert in Namen „evangelischer Liebestätigkeit“ gegründet wurden. Als Träger solcher Einrichtungen entstanden sehr früh Innere Mission und Diakonie. Die Abbildung zeigt das Haus der Augsburger Diakonie im Jahr 1855.
Eine der besten kritischen Untersuchung dieser repressiven Anstalten stammt von Michel Foucault: „Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks.“

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Ärzte Zeitung Nr. 155 vom 2.9.1998
150 Jahre Diakonie 
Zu dem Bemühen, das Helfen und Heilen als große gesellschaftliche Aufgabe ins Bewußtsein zu rücken, und dem Versuch, mit der praktizierten Nächstenliebe auch kirchliche Inhalte zu transportieren, tritt als weiteres Betätigungsfeld der Diakonie bald die humane Reform von Pflege und Medizin. (…) Dabei war auch die Diakonie vor Irrwegen (!) nicht gefeit. Es gab leitende Mitarbeiter in diakonischen Heimen, die die Mordaktionen der Nationalsozialisten an nutzlosen Kranken nicht nur nicht verhinderten, sondern aktiv unterstützten.

[Vergangenheitsbewältigung unter Freunden: der Massenmord als „Irrweg“] 


• September 1933: German Protestant deacons met in Hamburg to celebrate the centennial of their association.

Kieler Nachrichten, 27. Juni 2006
100 Jahre Lübecker Diakonie 
Lübeck (dpa) – Eine der größten diakonischen Einrichtungen in Schleswig-Holstein wird 100 Jahre alt: Am 29. Juni 1906 wurde in Lübeck eine „Idiotenanstalt“ zur Verwahrung geistig behinderter Menschen gegründet. Ihr Jubiläum begeht die Vorwerker Diakonie mit einem bunten Festprogramm. (…) Die Vorwerker Diakonie ist eine Einrichtung, die auch zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor in der Region Lübeck geworden ist. Jahresumsatz: 70 Millionen Euro. Sprecher Lutz Regenberg: „Wir arbeiten kostendeckend.“ Ein Mann drückte den „Vorwerker Heimen“ wie kein anderer seinen Stempel auf: Diakoniepastor Paulsen „regierte“ mehr als 20 Jahre. Die Zahl der Bewohner wuchs auf 600. Pastor Paulsen half auch nach dem Fall der Mauer beim Aufbau der Diakonie in Mecklenburg und beteiligte die Vorwerker Diakonie zu je 50 Prozent am Diakoniewerk „Kloster Dobbertin“ und am Diakoniewerk im nördlichen Mecklenburg.
(…) Geschichte: 1934 trat das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft. Auch die Bewohner der Vorwerker Einrichtung wurden auf richterliche Anweisung sterilisiert. 1940 wurde ein umfassendes Tötungsprogramm in Gang gesetzt, dem auch viele Menschen mit Behinderungen zum Opfer fielen. Was in Vorwerk geschah, ist bis heute nicht gänzlich geklärt. Es ist die Zeit des Dunkels.

Kein Wort dazu auf der Homepage: http://www.vorwerker-diakonie.de/profil/geschichte/

Beteiligungsgesellschaften: Hansfelder Hof gGmbH, Wölschendorfer Hof gGmbH, Vorwerker Dienste GmbH, Diakoniewerk im nördlichen Mecklenburg gGmbH, Diakoniewerk Kloster Dobbertin gGmbH, Kloster Dienstleistungsgesellschaft mbH, Diakonisches Bildungszentrum Mecklenburg gGmbH, IBAF gGmbH Rendsburg,Berufsausbildungs- und Qualifizierungsagentur Lübeck GmbH. 


• Bild: Diakonieschwestern bringen kleinen Kindern den Hitlergruß bei. Im Mai 1933 hatte die Führung der Inneren Mission beschlossen: „Die Innere Mission … stellt sich hinter die Regierung Adolf Hitlers, des Führers, den Gott unserem deutschen Volk gegeben hat.“ 


FAZ, 9.5.2000

www.hagalil.com, 10. Dezember 2000
Wie die Diakonie – heute – die „Judenmission“ unterstützt

Am 31. Mai 2000 fand im Foyer der Französischen Friedrichstadtkirche in BERLIN MITTE eine Podiumsdiskussion zur Frage der sogenannten „Judenmission“ statt. Eingeladen hatte damals die Evangelische Akademie Berlin, das American Jewish Committee sowie die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Bischof Huber und Professor von der Osten-Sacken betonten, daß die Kirchen gegen Judenmission seien. Jedoch: In der Novemberausgabe der Monatszeitschrift der jüdischen Gemeinde zu Berlin, „Jüdisches Berlin“ wurde folgender Leserbrief veröffentlicht: „… Seit Monaten liegen – was der evangelischen Kirche bekannt gemacht wurde – stapelweise Handzettel „mehr messianische Juden für Deutschland“ der sich als messianisch-jüdisch definierenden Gemeinde Beit Sar Schalom im Cafè des CVJM in Berlin-Mitte aus. Der CVJM arbeitet unter dem Dach der evangelischen Kirche. Beit Sar Schlom trifft sich jeden Samstagnachmittag in einem KIRCHLICHEN KRANKENHAUS im Berliner Süden zu messianischen Gottesdiensten, an denen bis zu 150 Personen teilnehmen. Simultanübersetzung ins Russische ist gewährleistet. Es werden auch Judentaufen durchgeführt. Dieses Krankenhaus gehört dem DIAKONISCHEN WERK BERLIN BRANDENBURG. In einigen freikirchlichen Gemeinden, die – wie die evangelische Kirche – im Ökumenischen Rat Berlin sind, finden regelmäßig judenmissionarische Veranstaltungen statt. Zu einer Feier von Beit Sar Schalom (Haus des Friedensfürsten) kamen nicht nur Vertreter von judenmissionarischen Aktivitäten, sondern auch Vertreter der evangelischen Kirche in Berlin. Gratuliert – zu den judenmissionarischen Erfolgen – in Form von Grußworten haben auch Pfarrer Paul Toaspern, Pastor Hans Büsser (Berliner Stadtmission)sowie ein Pfarrer des DIAKONIEVERBANDES SCHLACHTENSEE. DER DIAKONIEVERBAND SCHLACHTENSEE IST MITGLIED IM DIAKONISCHEN WERK BERLIN. Pfarrer Paul Toaspern ist Pfarrer der evangelischen Landeskirche im Ruhestand, also keineswegs ein kirchlicher Randsiedler. Pastor Hans Büsser leitet eine Gemeinde der Berliner Stadtmission, die ein freies Werk der evangelischen Landeskirche ist. Nun hat am ersten Septemberwochenende 2000 in Berlin ein Ausbildungswochenende stattgefunden, in dem Interessierte für judenmissionarische Einsätze trainiert wurden. Veranstalter war Beit Sar Schalom und eingeladen war aus Amerika ein Vertreter der Organisation „Chosen People Ministries“ (Sam Nader – Leiter des Gesamtwerkes) – neben „Jews for Jesus“ der zweite große Exponent für Judenmission. Räume hat eine freikirchliche Gemeinde zur Verfügung gestellt, die Mitglied im Ökumenischen Rat Berlin ist. Den Teilnehmern wurde nahegelegt, sich während den Hohen Feiertagen in die Synagogen zu begeben und aktiv zu werden, denn da seien Juden „besonders offen für ihren Messias Jeschua“ (…)“. Im November 2000 hat in Potsdam die „3. Israel Gebets- und Fastenkonferenz“ stattgefunden. Veranstaltungsort war die evangelische Nikolaikirche, das größte Kirchengebäude der Stadt, das zu diesem Zweck freikirchlichen Gruppierungen überlassen worden ist. Fazit: Auch wenn die offizielle kirchliche Position sich gegen Judenmission richtet, so werden solche Aktivitäten von freikirchlichen Gemeinden und evangelikalen Gruppen innerhalb der Landeskirche unterstützt.

• 1938: Landesbischof Sasse aus Eisenach gab in diesem Jahr Martin Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) unter dem Titel „Martin Luther über die Juden – Weg mit ihnen!“ neu heraus. Im Vorwort schreibt der evangelisch-lutherische Bischof: „Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der Gott gesegnete Kampf des Führers zu völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist.“

• 1997: Bei der Weigerung der Bewohner von Gollwitz/Brandenburg, 60 russischstämmige Juden aufzunehmen, war einer der Wortführer der Bevölkerung, Horst Schmidt, ehrenamtlicher Mitarbeiter im EVANGELISCHEN KIRCHENRAT des Ortes. Er sagte im Hinblick auf den damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis: „Soll der Bubis doch die 60 Juden zu sich nehmen, genug Häuser hat er ja!“ (Süddeutsche Zeitung, 10.7.1997)

• Günter Brakelmann: Evangelische Kirche und Judenverfolgung (Frankfurt 2001)
Die Frage „Kirche und NS-Judenpolitik“ gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Kirche im System des Nationalsozialismus. Den Kirchenleitungen kommt es 1933 im Jahr der „Nationalen Revolution“ vor allem auf ihre Solidarität mit der Regierung an. Auf dem Hintergrund ihres traditionellen Antisemitismus begrüßt sie die anfängliche Judenpolitik des neuen Staates und mahnt lediglich „humane Formen“ der Entrechtung und Ausgliederung der Juden an. Angesichts der Vorgänge zum 09.November 1938 ist ein nahezu totales Schweigen der verschiedenen kirchenpolitischen Gruppierungen zu konstatieren. Wie tief der mehrheitliche Kirchenprotestantismus in seinem antisemitischen Denken verhaftet gewesen ist, zeigt die Schulddiskussion nach 1945. Erst nach fünf Jahren erscheint eine offizielle Erklärung zur Schuld der Kirche und ihrer Christen in der Entwicklung des politischen Antisemitismus zum Vernichtungsantisemitismus. 

• siehe auch unter:
http://juden.judentum.org/missionare.htm
Strategien und Konzepte der Judenmission

„Kauft nicht beim Juden!“ – Methodisten und EKD gegen Israel

Evangelischer Pressedienst, 22.6.2007
Ökumeneexperte erinnert an kirchlichen Boykott-Aufruf
gegen Israel

Düsseldorf/Amman (epd). Der Ökumeneexperte der Evangelischen Kirche im Rheinland, Wilfried Neusel, hat auf einen Boykott-Aufruf des Weltkirchenrates zur Unterstützung der palästinensischen Bevölkerung hingewiesen. Der Boykott solle sich gegen Firmen wie Motorola oder Caterpillar richten, die an der Lieferung von Sicherheitssystemen für Israels Siedlungen im Westjordanland verdienten, erklärte Neusel am Donnerstag im jordanischen Amman. Dort tagte die vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) einberufene Konferenz „Kirchen gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen Osten“. Der Theologe sagte, es gehe um die Solidarität mit Flüchtlingen, der Stärkung ihrer Rechte und das Ende der israelischen Besatzung von palästinensischem Territorium. Deshalb fordere das neu gegründete Ökumenische Palästina-Israel-Forum des ÖRK auch die Umsetzung der UN-Resolutionen zum Nahen Osten. Das ökumenische Forum kritisiere die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen Israels, insbesondere durch die völkerrechtswidrigen Verlauf der Trennmauer, erklärte Neusel. Örtliche Kirchenführer beklagten die Zerstörung der Lebensgrundlagen der Palästinenser. Das Forum sei eine Antwort auf den Appell der 13 in Jerusalem, Israel und den palästinensischen Gebieten beheimateten Kirchen aller Konfessionsfamilien. Dem ÖRK gehörenrund 400 Millionen Christen in mehr als 340 Kirchen in über 100 Ländern an. Zu ihnen zählen die Mehrzahl der orthodoxen Kirchen, außerdem Baptisten, Methodisten und viele unabhängige Kirchen. [Während dieser Aufruf erschien, eroberte Im Gaza die antisemtische Hamas die Macht. Ihr Ziel ist die Vernichtung Israels]

■ Antisemitische Evangelikale

„Diakonische“ GmbHs und Aktiengesellschaften werden auch von
den evangelikalen Freikirchen betrieben. Zum Beispiel von der Methodistenkirche, die Mehrheitseigner der Klinik- und Altenheim- Kette Agaplesion AG ist, der in Hamburg der „Diakonie-Klinikum“ gehört. Wes Geistes Kind die Gruppierungen sind, die hinter den evangelikalen „Diakoniewerken“ stehen, ist selten bekannt. Die folgende Auswahl stammt von dem von Wetzlar aus betriebenen evangelikalen Portal Idea 
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Idea, 23.03.09
Erstarken der ‚Messianischen Juden‘ ist Zeichen der Endzeit
Die wachsende Bewegung von Juden, die an Jesus Christus als den verheißenen Messias glauben, ist ein „starkes Zeichen“ für die ange- brochene Endzeit. Dieser Ansicht ist der Leiter des Arbeitskreises Israel des pietistischen Liebenzeller Gemeinschaftsverbandes, Predi- ger Karl-Heinz Geppert. Experten schätzen, dass es weltweit 100.000 messianische Juden gibt, von denen rund 15.000 in Israel leben. Die Zahl der Jesus-gläubigen Juden in Deutschland stieg in den vergange- nen 20 Jahren von einem Dutzend auf etwa 2.000. Laut Geppert erin- nert das Erstarken dieser Bewegung an die Erfahrungen der ersten Christen, als immer mehr Juden zu Nachfolgern von Jesus Christus wurden. Ein Vorstandsmitglied des Gemeinschaftsverbandes rief die 400 Konferenzbesucher zum Gebet für Israel auf, damit die Menschen dort Jesus Christus als Messias erkennen. Die Liebe zu Israel bedeute aber nicht, alle politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in diesem Staat positiv zu bewerten.

[Als „Christen, die am jüdischen Kultus in ausgewählten Teilen fest- halten“ werden so genannte „Messianische Juden“ von den Evangeli- kalen dargestellt. Die aus Nichtjuden und zum Christentum übergetre- tenen Juden bestehende Gruppierung spielt bei der Judenmission der Evangelikalen eine strategische Rolle. Die deutschen Evangelikalen,
zu denen auch der von der Methodistenbischöfin Wenner geführte Dachverband ‚Vereinigung Evangelischer Freikirchen‘ gehört, waren in der Nazi-Zeit besonders eng mit dem Regime verbunden. Sie halten
es auch nach dem Holocaust für angebracht, die jüdische Gemeinde
zu dezimieren. Das ist der Hintergrund ihrer „Israelsolidarität“].

Idea, 19.03.08
Methodistische Studie erregt Unmut bei Juden
Eine Studie der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK USA) über die Beziehungen zwischen Israel und den Palästinensern hat großen Unmut bei jüdischen Gruppen hervorgerufen. In der Studie heißt es, der israelisch-palästinensische Konflikt habe „die am stärksten gefeierten [!] Opfer der Geschichte, die Juden, zu Unterdrückern der Palästinenser werden lassen“. Die jüdische Antidiffamierungsliga B’nai Brith verurteilte die Studie als „Affront gegen Israel und die Juden“. Sie erwähne nicht, dass arabische Gruppen die Verpflichtung zur Zer– störung des Staates Israel in ihren Satzungenfestgeschrieben hät- ten. Die EmK habe schon früher Israel mit unberechtigten Vorwürfen konfrontiert. Führende Repräsentanten der EmK verteidigten die Stu- die. Darin gehe es um den säkularen [!] Staat Israel. Auch in einem neuen Kinderbuch der EmK wird Israel als Aggressor im Nahostkonflikt dargestellt. Insgesamt umfasst die EmK rund elf Millionen Methodisten in den USA, Afrika, Europa und Asien. Zur deutschen EmK gehören rund 63.000 Personen.

Idea, 31.12.08
Messianische Juden: Gebetsbrücke für Frieden in Israel
Eine Gebetsbrücke für Frieden in Israel hat das jüdisch-messianische Missionswerk Beit Sar Shalom (Berlin) gestartet. In den nächsten drei Wochen wollen die an den Messias Jesus glaubenden Juden täglich
um 9 und um 21 Uhr deutscher Zeit für Frieden im Krisengebiet beten, teilt der Leiter des Missionswerks, Pikman, mit. Jeschua (Jesus) sei
der „Messias Israels und der Friedefürst“. Pikman steht der mehr als 300 Mitglieder zählenden Gemeinde Beit Sar Shalom vor, die der Ber- liner Evangelischen Allianz angehört und unter anderem ein jüdisch-messianisches Zentrum unterhält.

Idea, 24.02.08
Israel: Messianische Juden unter Druck
In Israel fühlen sich eingewanderte messianische Juden zunehmend unter Druck gesetzt. Beamte des Innenministeriums haben in den vergangenen Monaten messianische Juden vorgeladen, um ihren rechtlichen Status zu überprüfen. Einige Wochen wurde einigen Befragten mitgeteilt, dass man ein Verfahren zum Entzug der isra- elischen Staatsbürgerschaft eingeleitet habe.

Idea, 24.04.08
Israel lässt Massentaufe im Jordan nicht zu
Israelische Sicherheitskräfte haben Tausende orthodoxe Christen da- ran gehindert, sich im Jordan taufen zu lassen. Rund 15.000 Ortho- doxe hätten sich während der Osterwoche nahe der Stelle versam- melt, wo Jesus im Jordan [nach dem christlichen Mythos] getauft wurde. Der Fluss markiert dort die Grenze zwischen dem Westjordan- land und Jordanien. Unter den enttäuschten Teilnehmern waren auch Christen aus Ost- und Westeuropa.

Idea, 27.09.07
Israels Oberrabbinat verbietet Kontakte zu Christen
Wegen Bedenken gegen missionarische Aktivitäten von Christen hat Israels Oberrabbinat Juden die Teilnahme an einem internationalen Großtreffen zum Laubhüttenfest verboten. Über 6.000 Evangelikale aus 90 Ländern werden zu Feiern erwartet, die an die Wanderschaft des jüdischen Volks durch die Wüste ins gelobte Land erinnern. Das Verbot hat bei dem Veranstalter des Treffens, der ‚Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem‘ (ICEJ), große Enttäuschung ausge- löst.

Methodistische Kirche Ludwigsburg, 08.04.2007
Die Freikirchen und das 3. Reich
Unter der Vorherrschaft der einflussreichen Staatskirchen in Deutsch- land hatten die Freikirchen lange Zeit nur begrenzten Spielraum für
die Entfaltung ihres kirchlichen Lebens. 1934 erzielte die Methodis- tenkirche mit der Zuerkennung der Reichskörperschaft eineverstärkte rechtliche Anerkennung. Die Freikirchen entgingen der Gleichschaltung. (…) In seiner Schrift „Nach dem Chaos kommt Christus“ [man bleibt immer im Geschäft] schrieb der amerikanische methodistische Bischof Moore: „Welche Haltung auch immer die deutschen Methodisten zum Nationalsozialismus eingenommen haben mögen, sie haben an Men- schen und in der Zerstörung des Eigentums unersetzliche Verluste erlitten.“ (…) In einem Wort der Methodistenkirche von Ende 1945 heißt es im Blick auf „die Verbrechen, die IM NAMEN unseres Volkes [also nicht von diesem] begangen worden sind: In der von Gott ge- setzten Solidarität mit unserem Volk, beugen wir uns mit unter diese Schuld und tun vor Gott Buße.“ (…) Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fand in den Jahren nach 1945 kaum [nicht] statt [die christlichen Täter wurden auch nicht juristisch angeklagt]. Trotzdem wurde Erstaunliches geleistet: Die Gemeinde beteiligte sich [ganz in der volksgemeinschaftlichen Tradition] an der Errichtung der „Heimkehrerhilfe“.

• A very interesting letter dated December 2, 1933: (translation) „The District President of Segeberg County Bad Segeberg, City Hall, Hamburger Straße 30 Date of Receipt To the National Association for Inward Mission (=Deaconry) Department concentration camp Kuhlen in K u h l e n Neumünster District.“ (… ). This letter refers to a concentration camp which at the time was run by Lutheran deacons in Bad Segeberg, near Hamburg. The deacons charged the district president for their expenses.

Frankfurter Rundschau vom 18.08.2000
Frühzeitig meldete die Diakonie Ansprüche auf Zwangsarbeiter an 

Die Diakonie der Evangelischen Kirche hat öffentlich eingestanden, dass sie „aus den erzwungenen Arbeitsleistungen“ von Zwangsarbeitern während des Zweiten Weltkriegs „Nutzen gezogen hat“. …Dabei sprang dem Historiker ins Auge, dass die kirchliche Einrichtung die Zwangsarbeiterinnen aus Polen und der Ukraine bereits zu einem „frühen Zeitpunkt“ angefordert hatte. Ende 1940 stand das nationalsozialistische Regime dem Einsatz von osteuropäischen Zwangsarbeitern aus rassenideologischen Gründen noch skeptisch gegenüber.

MOPO Hamburg | 19.08.2000
ZWANGSARBEITER IN DER Diakonie 

AUCH DIE EVANGELISCHE KIRCHE IN NORDELBIEN hat in der NS-Zeit Zwangsarbeiter beschäftigt. Was man bisher schon ahnte, hat jetzt der Historiker Harald Jenner genauer erforscht.

SZ vom 09.01.2001
DIE INNERE MISSION (DIAKONIE) UNTERHIELT ZU BEGINN DER NAZIZEIT BEI KIEL EIN KZ 

Drei Kilometer östlich von Rickling, einer 3000-Seelen-Gemeinde bei Kiel, beginnt der größte Wald Schleswig-Holsteins. .. „Fundament der Baracke des Konzentrationslagers Kuhlen. Hier waren von Juli bis Oktober 1933 etwa 200 Männer, fast alle aus Schleswig-Holstein, gefangen. Nichts Besonderes also – Europa ist voller Stätten der Erinnerung an Leid und Verfolgung, und an den meisten ereignete sich Schlimmeres als hier, am Standort der vor zwei Jahren wegen angeblicher Baufälligkeit abgerissenen KZ-Baracke. Auch ging es den „Schutzhäftlingen“ dort nicht schlechter als 100 000 anderen Deutschen, die 1933 zur „Bekämpfung staatsfeindlicher Bestrebungen“ festgenommen wurden. Doch eben diese Gleichheit macht das KZ bei Rickling einmalig, es war nämlich „das KZ der Kirche„.
Zwar steht das KZ Rickling 1957 hinter Auschwitz in einer britischen KZ-Liste von 1957; auch in Yad Vaschem in Jerusalem ist es registriert. Sonst aber wäre es wohl für immer vergessen, wenn nicht 1983 der pensionierte Ricklinger Diakon Peter Sutter, damals Pressesprecher des Landesvereins für Innere Mission, bei Recherchen für eine Geschichte der Schleswig-Holsteinischen Brüderschaft auf eine dünne Mappe gestoßen wäre. Sie trug die Aufschrift „Verwaltung Konzentrationslager Kuhlen“. Nach drei Jahren Recherchen und zahllosen Gesprächen gab er 1986 im Eigenverlag das 310-Seiten-Buch „Der sinkende Petrus – Rickling 1933-1945“ heraus. Es sorgte für heftigen Zwist: „Spinner“ und „Netzbeschmutzer“ waren noch die milderen Beschimpfungen. „Das KZ der Kirche“ war das Lager Rickling/Kuhlen formal zwar nicht, doch es war aufs engste mit derInneren Mission Schleswig-Holsteins verbunden. Deren Direktor, Oskar Epha, war schon vor der Machtergreifung Mitglied der Reiter-SA; KZ-Verwaltungsleiter war ein Diakon , „Hausvater“ Schuba; der Verein führte das KZ-Konto und zahlte den neun SA- und einem SS-Bewacher Kost, Logis plus eine Reichsmark Tageslohn. Er bezahlte auch den SS-Kommandanten, den Österreicher Othmar Walchensteiner, Ex-Diakonschüler und zuletzt Erzieher in einer Diakonenanstalt. Die Innere Mission drückte ihnen nach der Auflösung des KZ die „Anerkennung für die erfolgreiche Durchführung der Ihnen gestellten, sicher nicht leichten Aufgabe“ aus.

..Die enge Beziehung zwischen NS-System und INNERER MISSION hat der Publizist Ernst Klee in seinem Dauer-Bestseller “ Die SA Jesu Christi “ nachgewiesen. Da ist zu lesen, wie die Kirche teilweise lange vor 1933 dem nationalistischen Wahn erlag; und wie gerade jene, die von Berufs wegen mit den Schwachen der Gesellschaft zu tun hatten, mit fliegenden Fahnen zum Kult der Stärke überliefen: „Die Sturmabteilungen! In gewaltigen Strömen ergießt sich die braune Flut durch alle Straßen, alle dem einen Ziel entgegen, zum Kreuz!“, jubelten im Mai 1933 die Kaiserswerther Diakonissen. DieSymbiose von Kreuz und Hakenkreuz bröckelte erst, als der NS-Staat gegen die kirchliche Unabhängigkeit vorging.

„Die evangelische Kirche hat sich immer als Verbündete des Staates gesehen, gemäß dem Luther-Wort: ,Seid der Obrigkeit untertan!'“

• Der Volksgemeinschaft dienen: Zwischen 1933 und 1945 wurden Innere Mission/Diakonie, Caritas und Rotes Kreuz zu einer Arbeitsgemeinschaft unter der Leitung der NS-Volkswohlfahrt zusammengeschlossen. Das Bild zeigt eine Rot-Kreuz-Schwester, eine Diakonisse und eine NSV-Funktionärin Anfang der 1940er Jahre.

Main Rheiner Lokales 25.1.2003
Euthanasie

Aus den ehemaligen Diakonie-Anstalten Bad Kreuznach waren zwischen 1941 und 1944 insgesamt 251 Menschen mit Behinderungen in Anstalten der „Euthanasie“ deportiert worden – nach Wartha und nach Meseritz-Obrawalde in Polen und nach Wien. Ihre Geschichte ist bis heute nicht ganz erforscht.

• Bild: 1920 wurden Körperbehinderte erstmals der „öffentlichen Fürsorge“ unterstellt. Auf dieser Grundlage eröffneten die Rummelsberger Diakonie-Anstalten eine große „Krüppelanstalt“ in Altdorf bei Nürnberg, wo die Behinderten unter dem Titel der Fürsorge äußerst grausam behandelt wurden. 

Diese Praktiken der Diakonie wurden ab 1933 noch radikalisiert: In weiten Kreisen der Inneren Mission (so hieß damals die Diakonie) wurde Hitler als von Gott gesandter Retter begrüßt. Antikommunismus, deutschnationales Denken, Antisemitismus und missionarische Hoffnungen machten die Diakonen bereit für ihre Beteiligung an der Gewalt des NS-Regimes. Der Gehorsam gegen die „von Gott gesetzte Obrigkeit“ verhinderte in der Diakonie immer schon jede Distanz zur Macht. Dies wirkte sich für den Umgang mit den Patienten katastrophal aus. 1933 wurde die Zwangssterilisation von Erbkranken zum Gesetz. Sie wurde in den Pflegeheimen der Diakonie meist mit großer Zustimmung umgesetzt. 1939 begann die „Euthanasie“-Aktion zur Tötung der Behinderten. Die Patienten wurden in staatliche Heime verlegt, und dort oder in speziellen Tötungsanstalten ermordet. Viele Verantwortliche in den diakonischen Heimen unterstützen diese Morde aus Überzeugung. Allein aus der Diakonieanstalt Neuendettelsau wurden 839 Patienten ermordet, im ganzen Reich waren es mindestens 200.000 Menschen. (vgl. die beschönigende Darstellung auf der Homepage Diakonie Neuendettelsau http://www.diakonieneuendettelsau.de/ Tatsächlich meldete damals der Rektor dieser Anstalt, Lauerer, Patienten, die noch nicht zur Tötung abgeholt worden waren, nach, weil sie als Hilfskräfte für die Hausarbeit nicht einzusetzen waren. Zur Rolle der Diakonie bei der Judenverfolgung, siehe u.a.
http://www.dieter-potzel.de/landesbischof_meiser.htm sowie
http://www.theologe.de/theologe11.htm Zur Innere Mission und ihrer Rolle bei der Zwangssterilisation und den nationalsozialistischen Krankenmorden, siehe auchhttp://www.humanist.de/geschichte/euthanasie.html undhttp://www.trend.infopartisan.net/trd0301/t270301.html
Zu den christlichen Wurzeln des Nationalsozialismus, siehe:http://www.humanist.de/kriminalmuseum/jesus-sa.htm ) 

Literatur 

• Jenner, Harald; Klieme, Joachim (Hrsg.): Nationalsozialistische Euthanasieverbrechen und Einrichtungen der Inneren Mission: eine Übersicht. Stuttgart/ Reutlingen 1997

Übersicht über die Einrichtungen der Inneren Mission/Diakonie und ihre Teilnahme an den Euthanasiemorde. Mit einer Einleitung über die Innere Mission und die nationalsozialistischen Krankenmorde. Aus Hamburg werden die Alsterdorfer Anstalten und Anscharhöhe beschrieben, aus Schleswig-Holstein die DiakonissenanstaltBethanien in Kropp, die Vorwerker Diakonie in Lübeck und die Ricklinger Anstalten in Rickling. Zu den einzelnen Einrichtungen werden Angaben über die Bewohner und ihr Schicksal im Rahmen der ’Euthanasie’ gemacht. 

• Klee, Ernst: ’Die SA Jesu Christi’: die Kirchen im Banne Hitlers. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 1989. 203 S., Ill.

Kritische Darstellung über die Rolle der Kirchen im Nationalsozialismus. Schwerpunkte sind unter anderem die Beiträge über DIAKONEN des Rauhen Hauses in Hamburg als begeisterte Mitglieder der SA, das Konzentrationslager Kuhlen der INNEREN MISSION in Schleswig-Holstein und über die Ignoranz der Kirchen gegenüber der Verfolgung der Juden und Christen jüdischer Herkunft.

• Strohm, Theodor; Thierfelder, Jörg (Hrsg.): Diakonie im ’Dritten Reich’: neuere Ergebnisse zeitgeschichtlicher Forschung. Heidelberg 1990

Aufsätze über die Teilnahme der Inneren Mission/Diakonie an der ’Rassepolitik’ des Nationalsozialismus. Theodor Strohm bilanziert die Forschung zum Thema Diakonie im ’Dritten Reich’, es folgen Aufsätze zu Geschichte der Inneren Mission und ihr Verhältnis zur NS-Wohlfahrt, zur Kinderpflege und Zwangssterilisation. 

• Greschat, Martin: Die Haltung der deutschen evangelischen Kirchen zur Verfolgung der Juden im Dritten Reich. In: Büttner, Ursula (Hrsg.): Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich. Hamburg: Christians, 1992 (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte; Bd. 29), S. 273 – 292.

Beitrag über die Haltung der evangelischen Geistlichkeit gegenüber der Judenverfolgung im Nationalsozialismus. Greschat stellt die These auf, das es keineswegs primär theologische Gesichtspunkte waren, aus denen sich der Antijudaismus der Kirchen ableitete, sondern soziale: die kirchliche Führungsschicht war ideologisch, kulturell und mental nahezu identisch mit der deutsche Elite in Verwaltung, Ministerialbürokratie und Militär. Dazu gehörte strukturell und traditionell ein gewisser Antisemitismus.

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Süddeutsche Zeitung, 29.01.2003
Heiliger Mammon – Kirchenbanken
Ob die BANK FÜR SOZIALWIRTSCHAFT Köln, die Bank im Bistum Essen oder die DKM Darlehnskasse Münster – kaum ein Sparer kennt sie. Kein Wunder, sind die Kirchenbanken mit ihren oft besonders günstigen Konditionen häufig gar nicht am gemeinen Anleger interessiert. Die evangelischen Genossenschaftsbanken BKD (Bank für Kirche und Diakonie) aus Duisburg und DGM (Darlehns-Genossenschaft Münster) werden sich 2003 zur KD-Bank eG – Bank für Kirche und Diakonie zusammentun. Während der normale Wertpapierhandel bei den Kirchenbanken rückläufig ist, wächst das Geschäft mit so genannten Nachhaltigkeitsfonds. Investiert wird in Unternehmen, die moderne Technik einsetzen und sich zu einer umfassenden Umweltberichterstattung verpflichten. Rüstungsfirmen sind ebenso tabu wie Produzenten von Alkohol oder Zigaretten.

Spiegel, 19. Mai 2003
Unbarmherzige Schwestern 

Die Umerziehung zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft begann mit einer Lüge, im Namen des Herrn. Im Fond des Autos, erinnert sich Gisela Nurthen an jenen Tag im Frühjahr 1961, habe eine fremde Frau gesessen und ihr gesagt: „So, jetzt machen wir einen kleinen Ausflug nach Dortmund, da triffst du viele Mädchen in deinem Alter, es wird dir sicher gefallen.“ Die Fahrt von Detmold nach Dortmund war kurz, dann hielt der Wagen in der Oesterholzstraße 85 vor einem düsteren Ziegelsteinbau, umgeben von hohen Mauern. Eine Nonne führte das Mädchen in einen Raum, in dem es in wadenlange graue Heimkleidung gesteckt wurde. Der Blick nach draußen war ebenso trist: An den Fenstern fehlten die Griffe, Gitter markierten das Ende aller Sehnsüchte. Aus einer Ecke drang leiser Kirchengesang. Der Teenager hatte verstoßen gegen Sitte und Anstand. Trotz des Verbots ihrer allein erziehenden Mutter war Gisela tanzen gegangen, hatte sich am Ende nicht nach Hause getraut, war mit einem Jungen nach Hannover gefahren und am nächsten Morgen beim Versuch, zurückzutrampen, von der Polizei aufgegriffen worden. Nur 24 Stunden später hatte sie der Vormund beim Jugendamt, „weil weitere Verwahrlosung droht“, in das Dortmunder Heim geschickt – geleitet von den „Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vincenz von Paul“. So begannen zwei unbarmherzige Lebensjahre, die der erwachsenen Frau noch heute zu schaffen machen. Zwei Jahre lang war das junge Mädchen mitten in Dortmund eine Gefangene, ohnmächtig gegenüber einem perfiden Repressionssystem frommer Schwestern, mit Prügel gezwungen zu Gebet, Arbeit und Schweigen.
1960 trimmten christliche Erzieher in rund 3000 Heimen mit 200 000 Plätzen die ihnen Anvertrauten. Sobald sich die Tore der KONFESSIONELLEN BESSERUNGSANSTALTEN hinter ihnen schlossen, mussten viele von ihnen schmerzhaft erfahren, was damals Buße bedeutete: Misshandlungen, Ungerechtigkeiten, soziale Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen im Namen Gottes und der Kirche, die bis heute unangeklagt und damit ungesühnt sind.
(…) Bei der Deutschen Bischofskonferenz, den Ordensgemeinschaften un der Diakonie will man angeblich nicht wissen, was jahrzehntelang unter ihrer Verantwortung geschehen ist.
Dabei liegen die letzten dieser Fälle gar nicht so lange zurück. So wurden Kinder im „St. Joseph-Haus“ in Seligenstadt noch 1992 blutig geschlagen. Und im Stift zu Eisingen bei Würzburg wurden sie noch im Jahr 1995 beispielsweise zur Strafe in Badewannen mit kaltem Wasser gesteckt. Doch vor allem von 1945 bis etwa 1970 wurden dieschlimmsten Pädagogikvorstellungen der Nazi-Zeit in der kasernierten Fürsorgeerziehung nahezu ungebrochen fortgesetzt. Erst die „Heimkampagne“ der Apo und vereinzelte, auch von Ulrike Meinhof unterstützte „Befreiungsaktionen“ leiteten Reformen ein. (…) Den Fluch der Erbsünde bekämpften die unbarmherzigen Schwestern in Dortmund vor allem mit akkordähnlicher Arbeit. Gisela Nurthen wurde schon bald in jenen Trakt beordert, in dem Dutzende Mädchen mit gesenktem Blick nähten und stopften, wuschen, mangelten und bügelten. Dabei herrschte Sprechverbot, nur Marienlieder waren erlaubt. Arbeitsbeginn war sechs Uhr. Bis zu zehn Stunden schuftete die 15-Jährige fortan im immer gleichen Takt – erst beten, dann mangeln. Schon die geringsten Verfehlungen, erinnert sich die Frau, hätten Schläge oder andere Bestrafungen durch die Nonnen nach sich gezogen. „Wir wurden nummeriert und durften nur in Zweierreihen durchs Haus marschieren – zur Kirche, zur Toilette, zum Essen.“ Als sie im Schlafraum ein Elvis-Lied summte, musste Nurthen zur Einzelhaft in die „Klabause“, eine Isolationskammer mit Pritsche und Eimer. Dem Essen wurden Medikamente untergemischt – welche das waren, hat sie nie erfahren.
Die hauseigene Großwäscherei war für die Schwestern ein lukratives Geschäft. Dortmunder Hotels, Firmen, Krankenhäuser und viele Privathaushalte zahlten gut … „Wir waren jugendliche Zwangsarbeiter“, sagt Gisela Nurthen. ….
„Jede Minute des Tages wurden wir bewacht, auch während des Entkleidens zur Nacht, jede Schamgrenze wurde verletzt. Sie spielten mit Rosenkränzen und fixierten unsere jungen Körper.“ Die „Barmherzigen Schwestern“ referierten dann gern darüber, wie man sich wirklich „unten reinwäscht“, und kontrollierten es auch.
Während die Deutschen unter Ludwig Erhard das sogenannte Wirtschaftswunder erlebten, verbrachten von 1945 bis 1970 schätzungsweise eine halbe Million Kinder und Jugendliche ihre besten Jahre in solchen Anstalten. (…) Heute sind in den meisten dieser Häuser die Spuren der Vergangenheit wegrenoviert, sowohl bei den Fassaden als auch in der Geschichtsschreibung. In Jubiläumsbroschüren wird die Zeit gern übersprungen, und in Ordnern existieren nur noch selten Aktenvermerke oder Fotos, die die dunklen Kapitel belegen könnten. Der Aachener Jürgen Schubert scheiterte beim Versuch, seine früheren Peiniger zu verklagen. Er sagt: „Ich wurde immer wieder misshandelt, mit Fäusten und schweren Gegenständen traktiert.“ Aber es gab keine gerichtsverwertbaren Beweise. Die Nonnen ließen ihn nicht in ihr Archiv. (…) Im Heim zischten allabendlich die Weidenruten auf die Kinder nieder. (…) Nachbarn oder Lehrer dienten den Jugendämtern als Denunzianten, meldeten etwa den „unordentlichen Lebenswandel“ junger Töchter allein erziehender Mütter. Die Einweisungsgründe hießen: Herumtreiberei, Arbeitsplatzwechsel, Schuleschwänzen, Renitenz, sexuell haltlos.

• 15. November 1933: More than a thousand deaconesses, and Lutheran nuns, met under the swastika. The Bishop of Berlin in his speech: „Permit me to compare our sisters with the SA!“ (a paramilitary Nazi troop similar to the SS). Note that even the arrangement of the chairs forms a swastika. [Der Saal ist gleichzeitig mit Christenkreuz, dem Diakoniesymbol Kronenkreuz, Hakenkreuz und Friedenstaube geschmückt.] 

F.A.Z., 15.04.2006
Fehlendes Unrechtsbewußtsein
Diakonie und Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg

Der Sammelband hellt endlich den früher oft verdrängten Einsatz ausländischer Zwangsarbeiter im Bereich der evangelischen Kirche auf. 23 Beiträge, die etwa zwei Drittel der Landeskirchen sowie die großen Einrichtungen der DIAKONIE auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik abdecken, überzeugen durch eine differenzierte historische Einordnung. …Die Zwangsarbeiter – Kriegsgefangene sowie zunächst freiwillige, später zunehmend verschleppte ausländische Zivilarbeiter – wurden vor allem in der Land- und Gartenwirtschaft sowie in der Hausarbeit eingesetzt, weniger in den Pflegebereichen, die eine qualifiziertere Ausbildung und bessere Sprachkenntnisse erforderten. Weitere Einsatzfelder stellten die Bewirtschaftung des Forstbesitzes und die Betreuung der Friedhöfe dar, auf denen beim Ausheben der Gräber ebenfalls Schwerarbeit verrichtet werden mußte. Kennzeichnend waren lange Arbeitszeiten, häufig unzureichende Bekleidung und geringe Löhne, die sich nach den staatlichen, rassisch abgestuften Vorgaben richteten. Unterkunft und Verpflegung waren hingegen zumeist besser als in Industriebetrieben, was sich aus der eher familiären Einbindung kleinerer Gruppen von Zwangsarbeitern ergab.
Den höchsten Prozentsatz verzeichneten die vonBODELSCHWINGHSCHEN ANSTALTEN, die ständig zirka 340 Zwangsarbeiter beschäftigten, was über die Jahre etwa zehn bis fünfzehn Prozent des Stammpersonals ausmachte. Mit Berücksichtigung der Fluktuation SIND ALLEIN DORT ÜBER 1000 ZWANGSARBEITER aus zwölf Nationen zum Einsatz gekommen. In anderen Einrichtungen war es oft nur eine Handvoll. Gesicherte Daten zur Gesamtzahl liegen aufgrund der teils sehr schlechten Quellenlage nicht vor. Fundierte SCHÄTZUNGEN REICHEN VON 10000 BIS 15000 AUSLÄNDISCHEN ARBEITSKRÄFTEN – eine durchaus beachtliche Anzahl. Gemessen an den etwa 4,6 Millionen Kriegsgefangenen und 8,4 Millionen ausländischen Zivilarbeitern, die 1944 rund ein Drittel aller in der deutschen Wirtschaft tätigen Arbeitskräfte stellten, handelt es sich jedoch um einen geringen Anteil.
Zieht man ein Resümee aus den Einzelstudien, so wiesen die Arbeits- und Lebensbedingungen ein weites Spektrum auf, das von christlicher Nächstenliebe bis zur Prügelstrafe, der Abschiebung schwanger gewordener Arbeiterinnen und der Überstellung an die Gestapo reichte. Alles in allem waren die Verhältnisse jedoch erträglich. Dies ist – wie Hans-Walter Schmuhl und andere Autoren betonen – „nicht auf den christlichen Charakter der Arbeitgeber zurückzuführen“, sondern entsprach den allgemein herrschenden Verhältnissen in diesen Einsatzfeldern, die sich bei all ihrer Ausbeutung, Unwürde und Willkür doch von der rassistischen Versklavungspolitik in industriellen Zwangsarbeitslagern unterschieden.
Daß Kirche und DIAKONIE gleichwohl vom Zwangscharakter des Ausländereinsatzes profitierten und insofern fest in das nationalsozialistische Unrechtssystem eingebunden waren, dessen war man sich damals kaum bewußt. Die Ausnutzung und Rechtlosigkeit dieser Arbeitskräfte gerieten kaum in den Blick, da es schlicht an Unrechtsbewußtsein fehlte. …
Erst im Jahr 2000 verabschiedete der Bundestag ein Gesetz zur Entschädigung der osteuropäischen Zwangsarbeiter, an dessen Fonds sich die EKD und das Diakonische Werk mit 10 Millionen Mark beteiligten.
• Jochen-Christoph Kaiser (Herausgeber): Zwangsarbeit in DIAKONIE und Kirche 1939-45. Verlag Kohlhammer, Stuttgart 2005. 464 S., 22,-

Spiegel, 2006

Schläge im Namen des Herrn.
Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik.

Autor: Peter Wensierski. Spiegel-Buch 2006, 207 S.19,90 EUR

Ihr Schicksal ist kaum bekannt: Bis in die siebziger Jahre hinein wurden mehr als eine halbe Million Kinder vor allem in kirchlichen Heimen Westdeutschlands oft seelisch und körperlich schwer mißhandelt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Viele leiden noch heute unter dem Erlebten, verschweigen diesen Teil ihres Lebens aber aus Scham – selbst gegenüber Angehörigen. Manchmal genügte den Ämtern der denunziatorische Hinweis der Nachbarn auf angeblich unsittlichen Lebenswandel, um junge Menschen für Jahre in Heimen der Diakonie oder der Caritas verschwinden zu lassen. In diesen Institutionen regierten Erzieherinnen und Erzieher, die oft einem Orden angehörten und als Verfechter christlicher Werte auftraten, mit aller Härte. Die „Heimkampagne“, ausgelöst von Andreas Baader und Ulrike Meinhof, und die Proteste der 68er brachten einen Wandel. Die Erlebnisberichte in diesem Buch enthüllen das vielleicht größte Unrecht, das jungen Menschen in der Bundesrepublik angetan wurde.

• Reaktionen evangelischer Träger auf dieses Buch, darunter Reaktionen der Diakonie-Zentrale und der Diakonie Bayern finden sich auf der Homepage des Autors:
http://www.wensierski.info/html/freistatt_fotos.html
• Eine Besprechung („In den Mühlen der Fürsorge“, Marcus Hammerschmitt, 13.05.2006) findet sich unter:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22605/1.html

Diakonie-Report, April 2006

Evangelisches Hilfswerk/Innere Mission als Ordnungsmacht 

„Kampf um die Herdplatten“ heißt ein Artikel auf der Website des Evangelischen Hilfswerks München. Er bezieht sich auf „Bettlerbanden aus dem Ausland“, auf Roma aus Osteuropa, die in vielen westeuropäischen Fußgängerzonen zu sehen sind, in demütiger Körperhaltung, in Begleitung von Kindern, Mißbildungen vorzeigend. Jede/r, der/die z.B. das Buch von Karl-Markus Gauß „Die Hundeesser von Svinia“ gelesen hat, kann über die Hintergründe dieser Touren Bescheid wissen. Welch Wunder, dass diese Menschen irgendwann in einer Obdachloseneinrichtung auftauchen, z.B. in der Münchner „Teestube komm“ der Diakonie. Doch dort sind Bettler, die nicht „unsere Obdachlosen“ sind, nicht erwünscht. Der Ton der folgenden Schilderung tradiert seit den 1930er Jahren bekannte deutsche Erzählungen über Osteuropa: 

KAMPF UM DIE HERDPLATTEN 
Knapp 250 organisierte Bettler aus Mittel- und Osteuropa zählte die Polizei vergangenes Jahr in der bayerischen Landeshauptstadt. Das Gros stammte aus den EU-Mitgliedsstaaten Slowakei und Ungarn sowie aus Rumänien, das der EU Anfang 2007 beitreten soll. Die Drahtzieher platzierten ihre Leute an lukrativen Standorten wie der Leopoldstraße und zeigten durchaus Einfallsreichtum: An den Einsatzorten wechselten sich Mütter mit Kleinkindern, Menschen mit Behinderungen und Leute mit putzigen Hündchen ab. Die Bettlergruppen arbeiteten jeweils zu fünft: zwei baten Passanten um Geld, drei standen Schmiere und kassierten regelmäßig die Erlöse. „Wir rechnen damit, dass diese Banden im Jahr der Fußballweltmeisterschaft verstärkt aufkreuzen“, sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums München. Die Einrichtungen der evangelischen Obdachlosenhilfe steuerten sie gezielt an, um sich zu verpflegen, zu duschen und ihre Kleidung zu waschen. „Anfangs haben wir das geduldet, aber als dann bis zu 30 Leute pro Tag kamen, haben wir einen Riegel vorgeschoben“, sagt Anton Auer, Leiter der Diakonie-Teestube „komm“. Die Einrichtung ist Anlaufstelle für viele Obdachlose. Doch die fanden plötzlich keinen Platz mehr an den Herdplatten der Küche; zudem waren die Duschen belegt oder verstopft. Unmut machte sich breit. Auer: „Es hat reihenweise Beschwerden von unseren Leuten gegeben.“ Mit einem Faltblatt in Slowakisch und Ungarisch fing das Team die ungebetenen Gäste schließlich bereits an der Tür ab und verwies sie an Stellen, die rechtliche und ärztliche Beratung für Ausländer anbieten. Auer ist überzeugt: Die organisierten Bettler werden zurückkehren. Der Sozialpädagoge wünscht sich, dass dem Problem diesmal von Seiten der Stadt [=Polizei] mit einer gezielten Strategie begegnet wird. Streetworker der Diakonie sorgen sich angesichts zunehmender Polizeikontrollen um ihre Klientel. „Wir haben erlebt, dass die organisierten Bettler bei Kontrollen Reisepässe mit Touristenvisa vorzeigten und unbehelligt blieben, während unsere Leute keinen Ausweis hatten und von den Beamten mitgenommen wurden.“ Kreisverwaltungsreferent Beyerle verlässt sich in erster Linie auf die Arbeit der Polizei. Es seien bereits Verfahren gegen zwei Hintermänner eingeleitet worden. Trotz Fußball-WM sei deshalb nicht damit zu rechnen, dass die Bettler aus dem Osten in großer Zahl nach München zurückkehren.


• Photo of Hitler on the cover of a German Christian magazine. Note that the date follows the „Krystalnacht“, the shameful anti Jewish race laws of Nuremberg of 1935, open harassment of the Jews, the sending of Communists, democrats, homosexuals, and others to concentration camps the annexation of Austria in early 1938, and the invasion of Czechoslovakia in March 1939. 

Dpa, 23. August 2006
Diakonie gedenkt Eugen Gerstenmaier
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat den vor 100 Jahren geborenen früheren Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier (CDU) gewürdigt. Gerstenmaier habe das diakonische Profil im Nachkriegsdeutschland mitgeprägt, erklärte der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Huber. (…) Parallel zu seiner akademischen Karriere (Promotion 1935, Habilitation 1938) trat Gerstenmaier 1936 in den Dienst des Kirchlichen Außenamtes der Deutschen Evangelischen Kirche, wo er nach Kriegsbeginn zum Konsistorialrat aufstieg. (…) Weil die Politik des kirchlichen Außenamtes den Interessen der auswärtigen Politik des „Dritten Reiches“ verpflichtet war und wegen der Nähe der Reichskirche zu den Deutschen Christen stellte Gerstenbergers Tätigkeit einen Makel in den Augen der Bekennenden Kirche dar. In späteren Darstellungen wird Gerstenmaier jedoch als eine Art Widerstandskämpfer dargestellt, der in grundsätzlicher Opposition zum NS-Regime stand. Rund 15 Jahre lang war er Präsident des Deutschen Bundestags. 1945 wurde er zum Leiter desEvangelischen Hilfswerkes, der Vorläufer-Organisation des heutigen Diakonischen Werkes der EKD berufen. Das Evangelische Hilfswerk verteilte nach 1945 enorme Mengen an Hilfsgütern, die u.a. von Partner-Kirchen kamen. Während der 50er und 60er Jahre wurden das Evangelische Hilfswerk und die Innere Mission der Evangelischen Kirche in Deutschland in neugegründeten Diakonischen Werken zusammengeführt. Erst 1975 entstand in der BRD das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) durch den Zusammenschluss des bereits 1848 entstandenen Central-Ausschusses für die Innere Mission mit dem Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland. 1949 wurde Gesretnmaier für die CDU in den Bundestag gewählt und widmete sich der Außen- und Sicherheitspolitik. 1954 wurde Gerstenmaier Bundestagspräsident.

→ Ein Darstellung ohne Beschönigungen findet sich hier:

Eugen Gerstenmaier
von Otto Köhler (in: Freitag, 25.8.2006)

• 1969 trat Gerstenmaier zurück, nachdem er sich „Wiedergutmachung“ in Höhe von 280.000 Mark besorgt hatte – dafür dass die Nazis ihn aus politischen Gründen nicht hätten Theologie-Professor werden lassen. Da gab es freilich verschiedene Auslegungen. Gerstenmaier hatte entgegen wissenschaftlichem Brauch, seine schon 1937 gedruckte Dissertation Schöpfung und Offenbarung unverändert, aber erweitert als Habilitationsschrift vorgelegt. Politisch war dieser Text damals allerdings unproblematisch. Gerstenmaier schreibt beispielsweise: „Wo ein Volk nichts mehr davon weiß, daß ihm Blut und Boden, Rasse und Landschaft zur geschichtlichen Tat“ gegeben seien, da verspiele es „die eigentliche Geltung seiner völkisch-geschichtlichen Existenzbedingungen“. Und sieben Seiten weiter beschwört er das „Gesetz des Kampfes als vernichtenden Widerstreit“ gegen „Strukturstörungen“ durch „blutmäßig-rassische Vermischung“.
Am 22. September 1939 beantragte Bischof Heckel beim Leiter der Kulturpolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt (AA), dem damaligen SS-Sturmbannführer Max Lorenz – zuständig für die Fünfte Kolonne der Nazis im Ausland – eine Bescheinigung für die Beurlaubung durch das Wehrbezirkskommando. Gerstenmaier, so schrieb der Bischof, werde „zwecks Abwehr der Propaganda der Westmächte eine Reise in die nordeuropäischen Länder unternehmen“. Der Bischof fügte hinzu: „Ich bemerke noch, daß Gerstenmaier Angehöriger des SA-Reitersturmes 1/29 ist.“ – Das war nicht ganz korrekt. Genau genommen war nur Gerstenmaiers Pferd in der SA, er selbst nur SA-Anwärter. Im Auftrag des AA reiste Gerstenmaier 1939 nach Skandinavien. Danach denunzierte er in seinem Reisebericht an das Ribbentrop-Ministerium den in Genf lebenden deutschen Theologen Siegmund Schultze. Gerstenmaier war längst die rechte Hand Bischof Heckels, der seinerseits schon 1936 Dietrich Bonhoeffer als „Staatsfeind“ denunziert hatte.
Heckels Konzept lautete: „Der Sieg Deutschlands über die Westmächte führt zu einem Neubau Europas, wobei das Reich die führende Zentralmacht sein wird. In diesem Rahmen ist die Neuausrichtung der europäischen kirchlichen Organisationen in ihrem Verhältnis zu Deutschland wichtig… Aus diesen Tatsachen ergeben sich Aufgaben, bei denen sich das Kirchliche Außenamt der Außenpolitik des Reiches zur Verfügung stellen möchte.“ Und so forderte der von Bischof Heckel überreichte Arbeitsplan einige zehntausend Mark für Reisen ins Ausland, die Gerstenmaier antrat. Er wurde wie sein späterer Parteifreund Kurt Georg Kiesinger (NSDAP/CDU) von nun an als „wissenschaftlicher Hilfsarbeiter“ auf der Gehaltsliste des Auswärtigen Amtes geführt. Später hielt Gerstenmaier auch Kontakt zu Leuten des Widerstands und wurde am 20. Juli 1944 festgenommen. Doch während die Verschwörer fast alle zum Tode verurteilt wurden, kam er mit sieben Jahren Zuchthaus davon. Nach 1945, vor seiner Karriere als CDU-Politiker, wurde Gerstenmaier Leiter des Hilfswerks der Evangelischen Kirche. Dort agitierte er 1947 für die Begnadigung des SS-Arztes Karl Brandt, der unter der Tarnbezeichnung „Euthanasie“ die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ sowie die Menschenversuche in den KZs koordiniert hatte.
Hilfe für Kriegsverbrecher gehörte zu den selbstverständlichen Aufgaben des Hilfswerks, und die Zusammenarbeit mit der „STILLEN HILFE“ der Prinzessin Isenburg war so eng, dass Gerstenmaiers unmittelbarer Vorgesetzter Altbischof Wurm dort als stellvertretender Präsident tätig wurde. Die Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte ist eine 1951 von Helene Elisabeth Prinzessin von Isenburg (1900–1974) gegründete Hilfsorganisation für inhaftierte, verurteilte und flüchtige NS-Kriegsverbrecher. Der Nazi-Anwalt Rudolf Aschenauer – später Herausgeber des Buches „Ich – AdolfEichmann“ – richtete mit finanzieller Unterstützung von Gerstenmaiers Hilfswerk in Nürnberg ein Büro zur Koordination der Verteidigung von etwa 120 Angeklagten der Dachauer und Nürnberger Prozesse ein. Büroleiter war Dr. Heinrich Malz, einst persönlicher Referent des Vollstreckers der „Endlösung“, ErnstKaltenbrunner. Der hatte Gerstenmaier nach dessen eigener Darstellung am 21. Juli 1944 persönlich verhört und „nicht übelwollend“ für harmlos befunden. Schon bald nach Hitlers Tod entdeckte Gerstenmaier für sich eine Vergangenheit, die er im Juni 945 in der „Neuen Zürcher Zeitung“ so darstellte: „Seit März 1933 nahm ich in enger Verbindung mit Pastor Martin Niemöller am Kampf der Bekennenden Kirche teil… Jahrlang war ich … verwickelt in die erbitterten Kämpfe mit der Avantgarde des Nationalsozialismus. Kurz nach Ausbruch des Krieges wurde ich … beinahe verhaftet.“ Da platzte dem „Vater der Bekennenden Kirche“, dem 1935 aus Bonn nach Basel verjagten Theologen Karl Barth der Kragen. Im Kirchenblatt für die Reformierte Schweiz schrieb er über Gerstenmaiers Legende vom Widerstand: „Die Stunde des feinen Teufels scheint angebrochen: die Stunde des großen verkannten Antinazis, Bekenners, Helden und Beinahe-Märtyrers, die Stunde der glänzenden Alibis.Wer das gutheißt, der bewundere, propagiere, fördere und pflege …den Typus Eugen Gerstenmaier!“

■ 3. DIE WOHLFAHRTSVERBÄNDE. 

Die auf dem „Sozialmarkt“ tätigen klerikalen Netzwerke betreiben 60.000 einzelne Einrichtungen – vom Kindergarten über das Altenheim bis zur Großklinik. Diese Einrichtungen finanzieren ihre Dienstleistungen nicht mit eigenen Mitteln, sondern aus staatlichen Zuwendungen, aus Erstattungen der Sozialleistungsträger sowie aus der von ihnen betriebenen Spenden-Industrie. Die besondere Größe und Stellung gerade der christlichen Einrichtungen ist eine deutsche Eigenheit. Nirgends sonst haben Kirchen und ihre Unternehmen eine so einflußreiche und privilegierte Position, nirgends sonst werden sie derart gefördert. Die im Sozial-, Gesundheits-, Kultur- und Bildungsbereich tätigen klerikalen Vereine und Kapitalgesellschaften gelten als „gemeinnützig“ – ein vorteilhafter Sonderstatus, der ihnen vielfältige Konkurrenzvorteile sichert.

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Focus, 29. März 1993
SOZIALINSTITUTION KIRCHE / Milliardenschwere Mogelpackung
Ohne Kirchen keine Sozialversorgung? Horst Herrmann sagt in seinem neuen Buch: „Das ist Etikettenschwindel“
[Artikel fehlt noch]

Handelsblatt, 07.01.1994
Diakoniebetriebe gehen neue Wege beim Management
Die Novellierung des Bundessozialhilfegesetzes setzt die Diakonie unter Wettbewerbsdruck. Sie fürchtet die privaten Anbieter, wenn das für die Diakonie so komfortable Kostendeckungsprinzipaufgegeben wird. Es stelle sich die Frage, wie die Diakonie nach den Prinzipien erwerbswirtschaftlicher Unternehmen geführt werden könne, sagt Juergen Korte vom Vorstand der Diakonie Kaestorf. Mit Widerspruch der Traditionalisten sei zu rechnen. Effizienz hat für sie eine bedrohliche Nähe zu Profit. Die Diakonie wird von so manchem in der Kirche als Staat im Staate beargwöhnt, denn sie stellt allein mit ihrer Grösse einen Machtfaktor dar, während den Kirchengemeinden die Aufrechterhaltung ihres Angebots immer schwerer fällt. Noch sitzen an der Spitze der Diakonie fast nur Theologen. Weil die Gläubigen den Kirchen weglaufen, wollen die Diakonischen Werke Manager ans Ruder lassen. Man erwartet von den neuen Managern jedoch , dass sie die Ideologiekomponente des Produkts [!] in einen Wettbewerbsvorteil ummünzen – so der Vorstand der Bodelschwinghschen Anstalten. Infolge der Entkirchlichung der Gesellschaft dürfte noch ein weiterer Markt-Vorteil dahinschwinden: Stützte man sich bisher auf christliches Personal, so sitzen nun Teile dieser säkularisierten Gesellschaft in der eigenen Belegschaft. Viele Diakonie-Geschäftsführer klagen jetzt über das „starre Korsett“ des Bundesangestelltentarifvertrags und erwarten Entlastung von flexibleren Alternativen. Über eine Liberalisierung der Mitarbeitervertretung, das im „Tendenzbetrieb“ Diakonie weniger arbeitnehmerfreundlich ist als sonst in der Gesellschaft üblich, wird jedoch nicht gesprochen.

Der Spiegel, 31.1.1994
Knete in der Tasche 
Nach einer Reihe von Finanzskandalen wollen Rechnungsprüfer WOHLFAHRTSVERBÄNDE zwingen, ihre Kassenbücher offenzulegen.

Betrügerei, Untreue und Mauschelei sind gar nicht so selten im Alltagsgeschäft „gemeinnütziger“ Verbände. Immer wieder entdecken Finanzprüfer Ungereimtheiten in den Abrechnungen der fünf Grossorganisationen Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, Caritas, Deutsches Rotes Kreuz, Arbeiterwohlfahrt und Diakonie , die nach Schätzung von Experten jährlich fast 60 Milliarden ausgeben. Ein grosser Teil der Einnahmen stammt aus Steuergeldern [*]. Trotz der massiven Zuschüsse aus öffentlichen Haushalten lassen sich die SOZIALKONZERNE jedoch nur ungern in ihre Kassenbücher schauen – eine Praxis, gegen die jetzt der Kieler Landesrechnungshof vor Gericht ziehen will. Einblick war den Rechnungspruefern bislang in der Regel nur bei bestimmten Einzelprojekten gewaehrt worden, fuer die staatliche Zuschuesse flossen. Ob die Verbaende dabei Geld von einem Projekt zum anderen schieben oder Mitarbeiter doppelt finanzieren lassen, zum Beispiel eine Schreibkraft gleich ueber zwei Projekte abrechnen, koennen die Buchpruefer der Rechnungshoefe auf diese Weise nicht erkennen.

DAZU MÜSSTEN SIE DIE BÜCHER DER VERBÄNDE EINSEHEN DÜRFEN. DIESES RECHT WILL DER LANDESRECHNUNGSHOF IN SCHLESWIG-HOLSTEIN JETZT DURCHSETZEN. OBERPRÜFER GERNOT KORTHALS SIEHT SEINE ARBEIT „VON DEN VERBÄNDEN REGELRECHT BOYKOTTIERT“.
Im vergangenen Herbst hatten Korthals‘ Pruefer versucht, die Bilanzen einer Reihe von Sozialstationen des Landes einzusehen. Aus Angst vor der drohenden Transparenz holte die Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbaende (LAG) umgehend ein Gutachten ueber die Rechtmaessigkeit einer solchen Pruefung ein. Ergebnis: Der Rechnungshof duerfe nur einzelne Projekte untersuchen, die Gesamtfinanzen der Verbände sei aber deren Sache. „Wir sind schliesslich keine Behörde“, erklaert LAG-Geschaeftsfuehrer Holger Rohde, „sondern eine eigenständige Organisation.“

LAUT BERICHT DES RECHNUNGSHOFES ERGAB SCHON DIE ABGEBROCHENE PRÜFUNG, DASS DIE LANDESREGIERUNG 13 MILLIONEN MARK ZUVIEL AN DIE SOZIALEINRICHTUNGEN GEZAHLT HATTE.
Einer der Verbände sei 1992 mit 2,8 Millionen Mark fuer ambulante Dienste gefördert worden. Die Haelfte davon habe er auf einem Ruecklagenkonto gebunkert, statt das Geld in die Hilfsdienste zu investieren. Auf dem Sparkonto des Verbandes, berichtet Korthals, hätten ausserdem schon vor dem staatlichen Geldsegen 4,6 Millionen Mark gelagert.
In anderen Faellen haben sich einige der ueberwiegend ehrenamtlichen Helfer auch ganz privat auf Staats- oder Verbandskosten bedient. IM HESSISCHEN OFFENBACH ETWA LIESS SICH EIN VORSITZENDER DER ARBEITERWOHLFAHRT MIT STAATLICHEN ZUSCHÜSSEN EINE WOHNUNG IN EINER BEHINDERTENTAGESSTÄTTE EINRICHTEN. Sein Verband fiel Pruefern des Landesrechnungshofes Hessen ausserdem durch fingierte Spendenquittungen fuer Firmen auf, die dafuer grosszuegige Rabatte einraeumten.

[*] AWO und andere bekommen auch öffentliche Gelder, müssen über deren Verwendung aber Rechenschaft ablegen. Caritas und Diakonie brauchen das nicht und sind als kirchliche Einrichtungen auch noch von Steuerzahlungen befreit. (Anm. Ini)

Der Spiegel , 25.12.1995

Wohltätigkeit Konzerne unterm Kreuz 
Unter dem Deckmantel der Nächstenliebe verwirtschaften die Wohlfahrtsverbände Milliarden zu Lasten der Sozialkassen. Windige Geschäfte und getürkte Rechnungen – der „gute Zweck“ heiligt stets die Mittel. Und die enge Verflechtung von Politik und Wohlfahrt ist besonders hilfreich. 

Ein Dezembertag in einer westdeutschen Kleinstadt. An den Strassenrändern sind Plastiksaecke abgestellt: Kleiderspenden. Auf den Saecken steht „für Bedürftige“. 400 000 Tonnen Alttextilien werden jaehrlich in Deutschland von allerlei Organisationen eingesammelt. Fast die Haelfte davon wird – für 600 bis 800 Mark je Tonne – an kommerzielle Betriebe verkauft. DIE GEBEN DIE TOP-STÜCKE FÜR 6000 BIS 10 000 MARK JE TONNE AN SECONDHANDSHOPS WEITER. EIN ANDERER TEIL WIRD NACH OSTEUROPA VERHÖKERT.
Schaetzungsweise ein Drittel der wohltaetigen Sammlung schiffen die Haendler nach Afrika ein, kassieren gut 2000 Mark pro Tonne dafuer. Fuer wahrhaft „Beduerftige“ sind die Klamotten damit viel zu teuer. ABNEHMER IST DIE LOKALE MITTELSCHICHT.

DIE ALTEN SACHEN AUS DEM REICHEN DEUTSCHLAND BRINGEN SO DEN HEIMISCHEN MARKT IN AFRIKA DURCHEINANDER – WAS AUS EUROPA KOMMT, KANN HIER NICHT GEFERTIGT UND ABGESETZT WERDEN, FAMILIEN GERATEN IN NOT. Nicht einmal Uwe Schwarz, Funktionaer beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), mag widersprechen. Man muesse, raeumt er ein, „dringend etwas veraendern“ und suche nach „Lösungen“. Doch „leider“ seien alle Wohlfahrts-Organisationen, nicht nur das DRK, auf die Altkleider-Profite „dringend angewiesen“. Darum könne man „die Sache“ nicht einfach beenden.
Was einst mit [angeblich] selbstlosen Werken christlicher Samariter, als spontane Selbsthilfe von Unterdrückten oder als Spende der Begüterten begann, hat sich zu einem gigantischen Wirtschaftszweig entwickelt, in dem sich – fast – alles nur noch um Geld dreht. Der Jahresumsatz der Branche liegt bei etwa 50 Milliarden Mark – das Vierfache des deutschen Esso-Konzerns.
CARITAS und evgangelische Diakonie , das Rote Kreuz, die vielen Firmen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und die Arbeiterwohlfahrt (Awo) beschäftigen rund 940 000 Menschen, die 1,5 Millionen ehrenamtlichen Helfer nicht mitgezaehlt. Kein privater Arbeitgeber in Deutschland hat mehr Personal als allein die Caritas: über 430 000 Beschaeftigte.

DIE GELDSPENDEN, DIE IN DER VORWEIHNACHTSZEIT BEI DEN HILFSORGANISATIONEN EINGEHEN, SIND PEANUTS IM VERGLEICH ZU DEREN BUDGETS. Das Spendenaufkommen ist, gemessen an den riesigen Umsätzen, „auf vernachlaessigbare Groessenordnungen abgefallen“, hat der Muenchner Organisationswissenschaftler Hubert Oppl herausgefunden.

WAS DIE BETREUUNGSBRANCHE BRAUCHT, HOLT SIE SICH BEI DEN SOZIALKASSEN UND BEIM STAAT. TATSÄCHLICH, SO DER DÜSSELDORFER SOZIAL-STAATSSEKRETÄR WOLFGANG BODENBENDER, „LEBEN DIE WOHLFAHRTSBETRIEBE TOTAL AUS DEN ÖFFENTLICHEN KASSEN“. Und davon leben sie nicht schlecht.

DEN WOHLFAHRTSKONZERNEN GEHÖREN ÜBER 80 000 EINRICHTUNGEN – KRANKENHÄUSER UND BEHINDERTENHEIME, REHA-KLINIKEN UND SCHULEN, MIT KNAPP DREI MILLIONEN BETTEN BEZIEHUNGSWEISE PLÄTZEN. GESCHÄTZTER WERT: BIS ZU 150 MILLIARDEN MARK.
Die Grossbetriebe mit dem Guetesiegel „barmherzig“ begrünen Daecher, bereiten Trinkwasser auf und verleihen Gulaschkanonen fuer Jubilaeumsfeiern an die Industrie – samt Personal und gegen Bares.

Der Geldverbrauch der Wohlfahrtskonzerne ist gewaltig. „Es ist kaum zu glauben“, so Pforzheims Oberbuergermeister Joachim Becker (SPD), „wie aufgebläht die Verwaltungen der Verbaende sind: Für alles gibt es Referenten, Unterreferenten und Sachbearbeiter in grosser Zahl.“
Über 15 Milliarden Mark, hat der Organisations-Forscher Oppl ausgerechnet, könnten in den öffentlichen sozialen Kassen jedes Jahr eingespart werden, wenn die „gemeinnützigen“ Verbände wirtschaftlicher arbeiteten würden [in dieser Forderung soll sich die Kritik schon erschöpfen?]. Die Ausgaben für Krankenwagen haben sich binnen vier Jahren fast verdoppelt, von 1,5 Milliarden (1990) auf 2,7 Milliarden Mark im Vorjahr.

Den Verursachern ist das egal: DIE KOSTEN WERDEN AUF STEUER- UND SOZIALKASSEN UMGELEGT.
WIE DA GERECHNET WIRD, ZEIGT EIN INTERNER BERICHT DERDiakonie ÜBER DIE PREISGESTALTUNG IN DER FAMILIENPFLEGE: „Um letztlich die Kosten je Einsatzstunde zu ermitteln, müssen die durch die Leistungserstellung verursachten Kosten auf die (potentiellen) Arbeitsstunden in den Familienhaushalten umgelegt werden.“ Dabei seien „auch die Ausfallzeiten der Mitarbeiter zu berücksichtigen“.

ANDERS ALS BEHÖRDEN KÖNNEN DIE VERBÄNDE MIT IHREN GELDERN OHNE GENAUE KONTROLLEN UMGEHEN. ORDENTLICHE BILANZEN GIBT ES NICHT. Wo doch ein Rechnungshof einmal genauer hinsieht, stösst er gelegentlich auf GETÜRKTE ABRECHNUNGEN, fingierte Leistungen, verschwundene Belege.
Beispielhaft ist der Bericht der schleswig-holsteinischen Rechnungspruefer, die sich die ambulanten SOZIALEN DIENSTE DER WOHLFAHRTSVERBÄNDE angesehen haben: Die Einnahmen wurden „in vielen Faellen unvollständig angegeben, im Ausgabenbereich bestand die Neigung, Kosten auszuweisen, die nicht entstanden waren“.
ALLEIN FÜR DIE AMBULANTEN DIENSTE IM KLEINEN NORDLAND HABEN DIE FIRMEN, SO DER RECHNUNGSHOF, 13 MILLIONEN MARK ZUVIEL ABGERECHNET. KEIN FALL FÜR DEN STAATSANWALT. DAS LAND WILL DAS GELD – GEGEN DEN RAT SEINER EIGENEN KONTROLLEURE – NICHT EINMAL ZURÜCKFORDERN. DAZU SIND DIE BEZIEHUNGEN UND VERBINDUNGEN VON POLITIK & WOHLFAHRT OFFENBAR ZU ENG.

Günther Jansen zum Beispiel – Ex-SPD-SOZIALMINISTER – kam beimDiakonischen WERK ALS BERATER UNTER. CDU-MdB wie Ortrun Schaetzle oder Werner Doerflinger sind als Funktionaere fuer die Caritas aktiv.

Auf der unteren Ebene ist das nicht anders. Mal ist der Bürgermeister im Neben-Ehrenamt Caritas-Chef, MAL WECHSELT DER OBERKREISDIREKTOR NACH VERTRAGSABLAUF AUF EINEN GUTDOTIERTEN GESCHAEFTSFÜHRERJOB INS WOHLFAHRTSGEWERBE. „Personelle Identitaeten“ von Geldgebern und Geldempfaengern kritisierte der niedersaechsische Steuerzahlerbund: Das Abrechnungsgebaren der Wohltäter sei undurchschaubar.

Geschummelt wird, zum Beispiel, bei der Fortbildung: Teilnehmerlisten werden phantasievoll erweitert, abgerechnet oder teure Referenten schlicht erfunden. In den Selbstkostenadditionen von Heimen und Kliniken tauchen dieselben Namen von angeblichen Mitarbeitern an mehreren Orten auf. Jeder in der Branche weiss es, aber niemand traut sich, es laut zu sagen: Das Kartell kassiert und schweigt.

Doch nun droht [- und nur darauf will der Spiegel hinaus und nicht etwas auf die Trennung von Staat und Kirche -] der Einbruch privater Konkurrenz: In München konkurrieren schon 195 Anbieter von Pflegediensten, die Hälfte davon sind PRIVATE. „Essen auf Rädern“ weckt bei den Fertigkost-Herstellern – wie Apetito, Bofrost oder Eismann – zunehmend Appetit. Und für sogenannte Sozialimmobilien sammeln schon die ersten Fonds Kapital bei Investoren ein, mit klangvollen Namen wie „Prosecur“ in Paderborn oder „Curafonds“ in Wiesbaden.
Für die Traditionssamariter wird der klassische Markt eng. Aus überschüssigen Krankenhausbetten werden in den nächsten Jahren Tausende von Pflegebetten. Die Umwidmung könnte die Preise drücken. Parallel geht die Verweildauer in den Pflegeheimen zurück: Konnte ein Pflegebett bis 1985 nur einmal alle sieben Jahre neu belegt werden, geht das jetzt dreimal. Grund: Die alten Menschen bleiben so lange wie möglich daheim.

Auch die Geschäftserweiterung, die die „Deutsche Einheit“ brachte [Diakonie & Caritas schnappten sich dort die FDGB-Hheime), trägt nicht auf Dauer. „UNERBITTLICH“, EMPÖRTE SICH CARITAS-HELFERIN HILARITAS KRAUSE, SEI „DER KAMPF UNTER DEN WOHLFAHRTSVERBÄNDEN UM STANDORT UND ANZAHL VON SOZIALSTATIONEN GEFÜHRT“ WORDEN. Nach der Wende war die Caritas selbst an vorderster Stelle aktiv beim Aufbau von Sozialstationen in den „neuen Bundesländern“. Inzwischen musste Krause ihren Oberen melden, dass mehr Mitarbeiter „als nötig“ eingestellt worden seien, weil das Geld reichlich geflossen ist. Die Caritas-Schwester: „Nach dem Bedarf wurde nicht gefragt.“
Die Liga der barmherzigen Samariter reagiert ganz langsam auf die neue Lage, aber in gewohnter Weise: QUER DURCHS LAND, IN DEN BALLUNGSRÄUMEN UND AUF DEN DÖRFERN KREIEREN SIE IMMER NEUE BETREUUNGS- UND BERATUNGSEINRICHTUNGEN FÜR PROBLEME, VON DENEN BIS DAHIN NIEMAND WUSSTE – OFT NICHT EINMAL DIE BETROFFENEN.

Der Spiegel, 6.3.1995
Die Geschäfte der deutschen Bischöfe 

Wie soll der Chef eines Milliarden-Unternehmens bei einer Bilanzpressekonferenz schon reden? Norbert Feldhoff spricht von der „konjunkturellen Entwicklung“ und von „Sparmassnahmen ohne Tabus“. Er sagt „cash“, wenn er Bargeld meint, und kündigt an, dass es „im Einzelfall auch zu Entlassungen kommen“ muesse, „leider unvermeidlich“. Der ganz gewöhnliche Kapitalismus also, nur dass der Boss in diesem Betrieb nicht Krawatte traegt, sondern Schwarzgrau mit pastoralweissem Kragen: Norbert Feldhoff, 55, ist Generalvikar des Erzbistums Koeln. Der Verwaltungschef der Kölner Dienstleistungsfirma „Erzbistum“ befehligt 48 000 Menschen. Die singen und beten nicht nur, betreuen nicht nur Junkies und pflegen alte Menschen, sie drucken auch Zeitungen, produzieren TV-Serien, verhoekern Grundstuecke UND SPEKULIEREN MIT DOLLAR. 1,3 MILLIARDEN SETZT DER MANAGER FELDHOFF IN DIESEM JAHR UM, ETWA SOVIEL WIE DER SCHUHPRODUZENT SALAMANDER.

Von jeder Mark, die die leichtgeschürzten Damen des DEUTSCHEN FERNSEHBALLETTS eintanzen, gehen drei Groschen an katholische Bischoefe. Die Tanzdamen befinden sich zu einem Drittel in kirchlichem Firmenbesitz. Bei solchen Summen bleibt auf Dauer einiges hängen. Nach Feldhoffs Angaben hat die Erzdioezese weit ueber eine Milliarde Mark auf der hohen Kante. Nicht gerechnet die Immobilien und andere Werte des Sprengels. Unter Glaubensbruedern gilt Köln als reichster Kirchendistrikt der Welt. Doch wie reich die Kölner wirklich sind, ist geheim.

MIT BUCHUNGSTRICKS VERSCHLEIERN DIE BEIDEN GROSSKIRCHEN BUNDESWEIT IHR VERMÖGEN. Nur ausnahmsweise, zur Abdeckung aktueller Finanzlöcher, fliessen die Zins-Millionen aus den AKTIEN- UND WERTPAPIERPAKETEN in den offiziellen kirchlichen Etat. Sie tauchen fast nie in den Buechern auf, werden selten fuer mildtaetige oder fuer profitable Werke ausgegeben – sie mehren einzig und allein den Reichtum der deutschen Kirchen.
Wieviel die Bistuemer und Gemeinden, die kirchlichen Betriebe und Vereine, Orden und Kloester inzwischen angehaeufelt haben, weiss niemand auch nur halbwegs genau. Experten schaetzen das Gesamtvermoegen auf rund 400 Milliarden Mark.
DER DIENSTLEISTUNGSBETRIEB KIRCHE IST TROTZ SEINES GIGANTISCHEN VERMÖGENS EINER DER GROSSEN SUBVENTIONSEMPFÄNGER DER REPUBLIK. Ueber 460 Millionen Mark fliessen beiden Grosskirchen in diesem Jahr direkt aus dem Bundesetat zu. Füer die „kulturelle Auslandsarbeit“ und die BISCHÖFLICHE VERWALTUNG DER EHEMALIGEN OST-GEBIETE, für christliche Bauernbünde und gläubige Bundesgrenzschützer.

Dass die Kirchen lieber verbergen, womit sie ihr Geld machen, ist zumindest teilweise begreiflich.
Ueber ihre Firma Tellux zum Beispiel sind die katholischen Bischoefe, gut getarnt, bei etlichen Fernsehfirmen dabei, etwa bei Provobis, Arena, Astratel, PR-Video. Die drehen erfolgreiche TV-Streifen wie „Polizeiruf 110“, „Schwarz greift ein“ oder Kinofilme wie „Mario und der Zauberer“. Das ist gut fuer die Kasse, aber nicht immer fuers christliche Ansehen. Wenn es öffentliches Aufsehen gibt, gehen die Kirchenmanager denn auch schnell auf Distanz. Als die Arena-Filmemacher in einem für Sat 1 produzierten, am 5. August 1992 ausgestrahlten Beitrag das Videoband eines Selbstmordes in der Badewanne ausstrahlten, entrüsteten sich etliche Bischöfe. Doch sonst passierte nichts.

Als der Sebaldus-Verlag im August 1990 zusammen mit dem Burda-Verlag das Wochenblatt SUPER ILLU auf den ostdeutschen Markt [*] warf, wurde es heikler. Sebaldus, einst von einem Prälaten gegründet, macht heute über eine Milliarde Mark Umsatz und ist zu 10,6 Prozent im Besitz der Erzdioezese Bamberg. Weitere Anteile halten eine Reihe katholischer Einrichtungen wie die Erzbischoefliche Ernestinische Seminarstiftung Bamberg, das Bischoefliche Seminar Sankt Willibald in Eichstaett oder das katholische Missionswerk Missio in Muenchen. Sebaldus hat 200 Gesellschafter, die ihre Anteile zwar vererben, aber nicht verkaufen dürfen – allenfalls an den Verlag.
Die Sex-Geschichten in Super Illu sorgten fuer Wirbel, die Amtskatholiken protestierten. Weil Sebaldus von der Busen-Postille nicht lassen wollte, trennten sich die Kirchenmänner von dem Verlag. Sie gaben ihre Anteile zurück und liessen sich auszahlen.
Zweieinhalb Jahre spaeter – das Unternehmen hatte „erheblichen Finanzbedarf“, so ein fuehrender Verlagsmitarbeiter, und die Glanzzeit des Ostblaettchens schien auch vorbei – verkaufte Sebaldus dem Partner Burda den 50-Prozent-Anteil an SUPER ILLU. Nach dieser Reinigung kehrten die kirchlichen Oberhirten mit ihrem Geld wieder und nahmen ihre alten Anteile, die bei Sebaldus zwischengelagert waren, zum alten Preis zurück.
Insgesamt sind die Grosskirchen in Deutschland an 48 Verlagen beteiligt, die mehr als 140 Zeitschriften, meist kirchlichen Inhalts, herausgeben, ausserdem zwei politische Wochenzeitungen, den katholischen Rheinischen Merkur und das evangelische Sonntagsblatt.

Was die Amtskirchen offiziell an weltlichen Beteiligungen ausweisen, ist nach Schaetzung von Kirchenkennern lediglich ein Bruchteil ihres finanziellen Engagements. Nur gelegentlich verrutscht die Decke, die die Kirchen ueber ihren Reichtum breiten. Im Rheinischen etwa gibt es den Aachener Grundfonds. „HIMMLISCHE RENDITEN aus irdischen Objekten“, schwärmte die FAZ über die Firma, die teuerste Innenstadt-Grundstuecke, Geschaefts- und Buerohaeuser besitzt – alles zusammen ein Vermoegen von rund 730 Millionen Mark. 1973 gegruendet von den katholischen Dioezesen in Nordrhein-Westfalen, gehoeren der Fonds und dessen Immobilien juristisch nicht der Kirche, sondern den etwa 1000 Anlegern. Die Anteilscheine sind jedoch nicht frei zu kaufen oder zu verkaufen, sondern duerfen nur mit Zustimmung der Kapitalanlagegesellschaft uebertragen werden, im Klartext: mit Billigung der Kirchen.
Das Koelner Erzbistum nennt neben seinen gemeinnuetzigen Gesellschaften immerhin zehn profitorientierte Beteiligungen: an zwei Wohnungsbaugesellschaften, zwei Verlagen und einer Nachrichtenagentur, an der TV-Holding Tellux, einer Sondervermoegen-Verwaltungsgesellschaft, einer stillen Gesellschaft SVG, einer in Holland angesiedelten BRD Domkloster Cologne und an der Pax-Bank.

DIE PAX-BANK ist eines der kleinen, aber feinen katholischen Geldinstitute, die jeweils eine bis drei Milliarden Mark bewegen. Zu diesen Instituten gehoeren auch die Bank im Bistum Essen eG (Bilanzsumme: eine Milliarde Mark), die Darlehenskasse im Bistum Muenster eG (2,3 Milliarden) oder die Darlehenskasse im Erzbistum Paderborn (2,5 Milliarden). All diese Kreditinstitute und Betriebe halten wiederum Beteiligungen an weiteren Firmen. DIE EVANGELISCHEN BRÜDER UND SCHWESTERN SIND IN GELDGESCHÄFTEN NICHT MINDER AKTIV: DIE BANK FÜR KIRCHE UND DIAKONIE IN DUISBURG BRINGT ES AUF EINE DREI-MILLIARDEN-BILANZ, die Evangelische Kreditgenossenschaft in Kassel auf 4, die in Kiel sogar auf 4,7 Milliarden, und auch die kleinere Darlehensgenossenschaft in Münster (2,3 Milliarden Bilanzsumme) hat noch einen ordentlichen Korb voller Beteiligungen – zehn Firmen, von der APB Unternehmensberatung bis zum Wibu – Wirtschaftsbund sozialer Einrichtungen eG.
Auch im VERSICHERUNGSGEWERBE tummeln sich die Kirchen. Die evangelische Familienfürsorge etwa versichert das Leben von mehr als einer viertel Million Menschen und bilanziert Vermögensanlagen von über 1,6 Milliarden Mark. „Einen besonders begruessenswerten Ausdruck evangelischer Regsamkeit“ sahen die Kirchenoberen, offenkundig zu Recht, schon 1954 in dem Versicherungsbetrieb, zumal „das Kapital, das der Sicherung der Mitgliederansprueche dient, im kirchlichen Raum angelegt“ wird. (…)

[*] Caritas und Diakonie haben in Ostdeutschland nach der sogenannten Wende zahlreiche Sozialeinrichtungen für einen symbolischen Preis einkassiert. Beide Konzerne haben die Gelegenheit mit Erfolg genutzt, sich dort zu etablieren. Die vorhandenen Mitarbeiter wurden auf unterschiedliche Weise behandelt. Viele bekamen befristete Verträge – die nur dann in unbefristete umgewandelt wurden, wenn diese Mitarbeiter auch in die Kirche eintraten. Das war der massive Versuch einer Zwangskonfessionalisierung. (Anm. Ini)

Lohnende Auslandsaktivitäten der Diakonie

Frankfurter Rundschau, 3.7.1999
• Diakonie: Geschäfte in Ungarn
Laut Joachim Schmidt von der Darmstädter Kirchenleitung hat es auch Verluste bei Projekten in Ungarn, Polen und Tschechien gegeben. Dies hängt nach FR-Informationen mit dem Engagement einer Diakonie-eigenen Tochterfirma namens „Pro 2 M“ zusammen, die über Ableger in Ungarn zum Beispiel mit „Gesundheitsschuhen“ handelte und dabei Hunderttausende in den Sand gesetzt haben soll.

Frankfurter Rundschau, 13.9.1999
• Diakonie: Geschäfte in Serbien 
Das Diakonische Werk sammelt Spenden für Serbien. Es sei inzwischen „Normalität“ eingekehrt bei den Hilfsorganisationen im früheren Jugoslawien. Routiniert wird mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln geholfen. Die Diakonie ist in allen Teilen des früheren Jugoslawien aktiv.

Diakonie Pressemitteilung, 2/2006
• Diakonie: Geschäfte in Polen 

Als internationaler Sozialkonzern engagiert sich die Diakonie Neuendettelsau auch in Polen.

„Freikirchliche“ Diakonie in Osteuropa 
• Seit 1990 haben sich besonders die „Freikirchen“ stark in Osteuropa ausgebreitet. „Diakonie“ und Mission sind dabei eng miteinander verknüpft. Man unterstützt dort Bibelschulen und theologische Ausbildung, die Beschaffung von Bibeln und den Bau von kirchlichen Gemeindehäusern. Methodisten, Baptisten und die Heilsarmee haben sich auf den Spuren der Nato im Kosovo ausgebreitet, später auch im ehemaligen Jugoslawien, in Albanien, Bosnien und in Mazedonien. Als Einstieg nutzen sie häufig die „Diakonie-Katastrophenhilfe“. Die Mennonitische Kirche ist an drei Orten in Bosnien aktiv und betreibt den Aufbau einer Klinik in Rumänien. Verschiedene deutschen „Freikirchen“ sind im ehemaligen Leningrad tätig, außerdem in Bulgarien der Ukraine, in Kirgisien, in Moldawien und in Tadschikistan. Die methodistische Kirche betreibt „Projekte“ im Baltikum, in Bulgarien, Tschechien, Ungarn und Mazedonien. Die Heilsarmee ist in ganz Osteuropa auf dem Vormarsch. Fast 2.000 uniformierte Mitglieder und 103 Offiziere arbeiten in Rußland und den GUS-Staaten. Es gibt „Soldaten Christi“ in der Ukraine, in Georgien, Moldawien, Estland und Rumänien. Die „Herrnhuter Brüdergemeinede“ arbeitet schwerpunktmäßig in Estland und in der Tschechischen Republik.

Die Zeit, 31. Oktober 2001
Die Wohltäter kommen
In diesem Jahrzehnt wird der Markt für die Wohlfahrtskonzerne schneller wachsen als die Volkswirtschaft insgesamt.
[Artikel fehlt noch]

Der Spiegel, 3.12.2001
KIRCHE: Diskret wie Schweizer Banken 

Die Kirchen klagen über rückläufige Steuereinnahmen und leere Kassen. Doch ein Wissenschaftler hat errechnet: Die Christen-Institutionen sind die reichsten Unternehmer der Republik.

Drei Jahre lang recherchierte der Hamburger Politologe Carsten Frerk penibel Zahl um Zahl. Er las Haushaltsplaene und Bilanzen, befragte Finanzräte und Stiftungsaufseher, durchforstete Rechenschaftsberichte und Staatskirchenverträge. Dann rechnete er zusammen – und kam auf eine stattliche Summe. Die beiden grossen Kirchen in Deutschland, so sein Fazit, verfügen über ein Gesamtvermögen VON FAST EINER BILLION MARK.
Das Unterfangen des 56-jaehrigen Wissenschaftlers war hoechst beschwerlich. Denn wenn es um ihr Geld geht, sind die beiden Kirchen so verschwiegen wie Schweizer Banken. Zwar sickert hin und wieder mal eine Zahl ueber kirchliche Latifundien, Weinberge, Brauereien, City-Immobilien oder Forste und Gutshoefe durch, doch einen Ueberblick hat niemand. Angaben über Stiftungen, Sondervermögen und Immobilien werden nicht veröffentlicht. Der Grundbesitz beider Kirchen wurde zuletzt 1937 in einer offiziellen Reichs-Statistik erfasst. Aktuelle Zahlen gibt es nicht.
Frerks stellt erstmals detailliert Vermoegenswerte, Geldanlagen und Immobilien von Landeskirchen und Dioezesen, karitativen Stiftungen und anderen ebenso frommen wie lukrativen Werken vor*.
DAS GESAMTE KIRCHENVERMÖGEN (GELD, AKTIEN, BETEILIGUNGEN, GRUND UND IMMOBILIEN) BEZIFFERT FRERK AUF 981 MILLIARDEN MARK – DAMIT SIND DIE KIRCHEN DIE REICHSTEN UNTERNEHMER DER REPUBLIK. Allerdings verteilt sich der Reichtum sehr unterschiedlich auf eine Vielzahl kirchlicher Rechtstraeger – von der Dorfgemeinde bis zu den Hilfswerken Misereor (katholisch) und Brot fuer die Welt (evangelisch).
Immobilien- und Grundbesitz im Wert von 298 Milliarden, so Frerk, seien ebenso problemlos kapitalisierbar wie 170 Milliarden Mark Geldvermögen. Historische Kirchenbauten dagegen haben, da unverkaeuflich, nur theoretischen Wert. Auch der aber ist beträchtlich: Würde die Kirche den Kölner Dom etwa als Museum einer öffentlichen Stiftung übereignen, könnte sie mit einer Ausgleichszahlung von 500 Millionen rechnen.
Beide Kirchen, so hat der Autor errechnet, besitzen alles in allem 6,8 Milliarden Quadratmeter Grund und Boden – etwa dreimal so viel wie Bremen, Hamburg, Berlin und Muenchen zusammen. Allein auf evangelischem Boden stehen 75 062 Gebaeude. Mal auf Filetgrundstuecken in der City, mal am Dorfanger.
Das Gemeindehaus der HAMBURGER ST.- PETRI-KIRCHE etwa ist ein siebenstöckiger Bürobau nahe der Haupteinkaufsstrasse, Schätzwert 20 Millionen, vermietet an einen Radiosender und an Firmen.
In Berlin-Mitte gehörten Grund und Boden sowie das Gebäude des Dorint-Hotels am Gendarmenmarkt einem Immobilienfonds der EKD.
In Hildesheim verfuegt die katholische Kirche über 16 City-Grundstuecke. Den Wert aller kirchlichen Gebaeude und Grundstuecke beziffert Frerk auf 424 Milliarden Mark.
Ihre Ausgaben für Personal, Seelsorge und gute Taten decken die Kirchen jedoch kaum aus Vermögen, sondern vor allem aus LAUFENDEN EINNAHMEN. Allein 17 Milliarden kommen jährlich durch die zwangsweise von den Mitgliedern erhobene Kirchensteuer herein – rund 9 Milliarden bei den Katholiken, etwa 8 bei den Evangelischen. Weitere 19,1 Milliarden beziehen sie aus staatlichen Quellen, zum Teil als Zuschuesse, zum Teil als Ausgleich fuer die Zwangsenteignung von Kirchengut mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803.
Mit öffentlichen Geldern werden unter anderem extra bezahlt oder subventioniert:
Militär-, Anstalts- und Polizeiseelsorge, Kirchentage, Denkmalpflege, Religionsunterricht, kirchliche Kindertagesstätten, Kirchen-Bibliotheken und Konfessionsschulen.
In zahlreichen Bundesländern werden zudem Bischöfe und Pfarrer wie Beamte vom Staat besoldet.
Der Staat verzichtet ausserdem auf 20 Milliarden Einnahmen, indem er den Kirchen steuerliche Privilegien einräumt. Zudem kostet die Abzugsfähigkeit der Kirchensteuer mittlerweile rund 6,8 Milliarden pro Jahr.
EINEN GROSSTEIL IHRES GELDES DEPONIEREN DIE FROMMEN GELDHÜTER AUF ZWÖLF KIRCHLICHEN BANKEN – etwa der katholischen Kölner Pax-Bank oder der Evangelischen Darlehnsgenossenschaft Kiel. Frerk taxiert die Einlagen kirchlicher Organisationen bei den religioesen Geldinstituten auf insgesamt 42 Milliarden Mark. Trotz der permanten Klage der kirchlichen Finanzverwalter ueber sinkende Steuereinnahmen und harsche Sparmassnahmen ist diese Summe in den letzten Jahren gestiegen. 1997 waren es noch 7,5 Milliarden weniger.
Dabei fehlt in den Bilanzen der Kirchenbanken ein wichtiger Posten: die Kirchen-Depots mit Aktien und Investmentpapieren. Mit diesen „unsichtbaren Depots“, so Frerk, steige die Summe der Anlagegelder – auf rund 50 Milliarden Mark. Die Kirchen-Banken sind zudem nur eine Groesse im Finanzspiel der Christen. Nach Frerks Einschaetzung existieren BEI „WELTLICHEN“ GELDHÄUSERN etwa dreimal so viel Kirchenkonten wie bei Pax und Co. Die gesamten kirchlichen Geldeinlagen setzt er auf derzeit 170 Milliarden Mark an.
EIGENE BAUFIRMEN, VERSICHERUNGEN UND SIEDLUNGSUNTERNEHMEN WERFEN EBENSO MILLIONENGEWINNE AB WIE KOLPING-HOTELS UND CVJM-HERBERGEN ODER KIRCHLICHE REISEUNTERNEHMEN. AUF ZWEI MILLIARDEN UMSATZ WIRD ALLEIN DAS VOLUMEN KIRCHLICHER GRUPPENREISEN IN DEUTSCHLAND GESCHÄTZT.
Auf die Vermoegenslage angesprochen, dementierte der Ratsvorsitzende der EKD, Praeses Manfred Kock: „Unser Vermoegen wird ueberschaetzt. Wir verfuegen nur ueber die uns gesetzlich zustehenden Ruecklagen, die fuer drei Monate reichen.“
Beide Kirchen haben zuletzt fuer 1993 immerhin 5,1 Milliarden Mark Einnahmen aus Vermoegen zugegeben, was bei einer Verzinsung von fuenf Prozent 102 Milliarden Mark Vermoegensbesitz ergaebe.

DABEI FEHLTEN NOCH DIE WOHLFAHRTSVERBÄNDE. 
Auf diese Werke ist Frerk nicht gut zu sprechen. Sie schmücken sich seiner Ansicht nach mit fremden Federn: MISEREOR ETWA FINANZIERT SICH ZU 49 PROZENT AUS STEUERGELDERN, ZU 41 PROZENT AUS SPENDEN, NUR 8 PROZENT KOMMEN AUS DIOEZESANEN MITTELN. Warum Misereor als „Bischoefliches Hilfswerk“ firmiert, fragt Frerk angesichts der Zahlen, „bleibt unerklärlich“.
Untersucht hat der Autor auch einzelne Landeskirchen und Dioezesen, etwa das Erzbistum Köln. Der Sprengel mit seinen 2,3 Millionen Katholiken gilt gemeinhin als reichstes deutsches Bistum.
Doch das stimmt nicht ganz: Reich ist nicht das Erzbistum, sondern lediglich der „Erzbischöfliche Stuhl zu Köln“, ein Titel, der an den jeweiligen amtierenden Oberhirten gebunden ist. Rechtlich bedeutet das: Vermoegen und Einnahmen muessen nicht im Dioezesanhaushalt ausgewiesen werden, da die „Bischöflichen Stühle“ ihre Etats quasi privat verwalten.
Ueber das Generalvikariat besitzt der Koelner Bischofsstuhl, in Person: Kardinal Joachim Meisner, 67, zum Beispiel rund 40 Prozent des Grundkapitals der „Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft mbH“, der 22 000 Einheiten im Rheinischen gehoeren. Geschaetzter Marktwert des bischoeflichen Anteils: 1,9 Milliarden Mark. Vom Jahresgewinn 1998 gingen 3,7 Millionen in die erzbischoefliche Kasse.
EIN KAPITEL FÜR SICH SIND DIE MEDIEN-BETEILIGUNGEN DER KIRCHEN. So gehört die lukrative Augsburger Weltbild-Gruppe, die in ihrem Buchversand auch allerhand esoterische Titel vertreibt, 15 Bistuemern. An der Tellux Beteiligungsgesellschaft sind 8 Oberhirten als Mehrheitsgesellschafter beteiligt. Die TV-Firma produziert kirchenfreundliche Streifen wie „Glut unter der Asche“ oder „Nikolaikirche“, aber auch Krimis wie „Der Discokiller“ aus der Serie „Polizeiruf 110“.
Bei seinen Nachfragen zum kirchlichen Medien-Engagement stiess Frerk auf eine MAUER DES SCHWEIGENS. Immerhin fand er heraus: Der Umsatz in VERLAGEN betraegt mindestens 1,5 Milliarden, in der kirchlichen FILMBRANCHE 68 Millionen Mark.
Den vermutlich groessten Kirchenschatz vermochte der Hamburger Wissenschaftler indes nicht einmal annaehernd zu erheben – JENE KLEINODIEN WIE KELCHE, MONSTRANZEN UND RELIQUIARE, DIE IN KIRCHLICHEN MUSEEN UND TRESOREN LAGERN ODER ZU SEHEN SIND. Aus ihnen, glaubt Frerk, ist so wenig Kapital zu schlagen wie aus dem Dom zu Speyer. Deshalb hat er sie unter der Rubrik „Kunst, Sakrales und Unverkaeufliches“ zusammengefasst. PETER WENSIERSKI

• Frerk: „Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland“. Alibri Verlag, 436 Seiten

WELT, 29.6.2003
Mega-Konzern Kirche 

Die evangelische und die römisch-katholische Kirche in Deutschland gelten als die größten nichtstaatlichen Arbeitgeber und beschäftigen zusammen mit ihren Sozialwerken über 1,3 Millionen Menschen. Damit sind sie auch die größten Anbieter sozialer Dienstleistungen und wichtige Träger von Bildungseinrichtungen. Der mit ihren Unternehmungen erzielte Gesamtumsatz beträgt nach Schätzungen des Finanzexperten Carsten Frerk mindestens 125 Milliarden Euro.
Weitere Zahlen und Fakten: Die evangelische und die römisch-katholische Kirche in Deutschland haben zusammen mehr als 53 Millionen Mitglieder und repräsentieren 65 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Einnahmen aus Kirchenlohn- und Einkommensteuer betrugen im Jahr 2000 bei der EKD 4,38 und bei der römisch-katholischen Kirche 4,7 Milliarden Euro. Die römisch-katholische Kirche gliedert sich in sieben Erzbistümer, 20 Bistümer und 13 214 Gemeinden, die evangelische Kirche in 24 Landeskirchen und 16 896 Gemeinden. Ihr Gesamtvermögen wird auf 500 Milliarden Euro geschätzt. Die beiden Wohlfahrtsverbände Caritas (katholisch) und Diakonie (evangelisch) sind das Dach über jeweils mehr als 20 000 selbstständigen Unternehmen. Sie erzielen einen Umsatz von jeweils mindestens 25 Milliarden Euro. Darüber hinaus verfügen die beiden Kirchen über zahlreiche Finanzbeteiligungen und auch über mehr als ein Dutzend eigener Banken. Stark zu kämpfen haben die Kirchen mit einem wachsenden Mitgliederschwund: 1970 gehörten noch über 90 Prozent der Bundesbürger einer der beiden großen Kirchen an, jetzt sind es nur noch etwa zwei Drittel. Weniger Mitglieder bedeuten weniger Kirchensteuer. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen aus dem Erwerbsleben ausscheiden oder arbeitslos werden. Deshalb rechnen die Kirchen mit weiter sinkenden Einnahmen und einer Verschlechterung der finanziellen Situation. Beispiel Nordelbische Landeskirche: Verglichen mit dem Haushalt 2002 rechnet die Kirche für 2004 mit Steuerausfällen von rund 25 Prozent. Deshalb wurde als Sofortmaßnahme jetzt das Pensionsalter der Pastoren um ein Jahr auf 63 erhöht. Auch bereitet eine Expertenkommission bereits ein Konzept vor, damit es der Kirche gelingt, bis zum Jahr 2010 nur noch mit der Hälfte ihres heutigen Etats in Höhe von 312 Millionen Euro auszukommen.

Diakonie: Marketing wie bei den Islamisten

Jungle World , 6. April 2005
Gesetzliche Privilegierung und staatliche Finanzierung fördern die kirchlichen Wohlfahrtsverbände. Von Carsten Frerks

Das Diakonische Werk beschäftigte Anfang der siebziger Jahre 175 000 MitarbeiterInnen, 2002 waren es 452 244 Beschäftigte; ein Anstieg um 160 Prozent. Wie konnte es dazu kommen? 1961 wurde in das Bundessozialhilfegesetz (BSHG) und ebenso in das Jugendhilfegesetz (das heutige Sozialgesetzbuch VIII) der BRD auf Druck der Kirchen eine Regelung eingeführt, die sich »Subsidiaritätsprinzip« nennt. Im Bundessozialhilfegesetz wird das Verhältnis der staatlichen Träger der Sozialhilfe zu den Wohlfahrtsverbänden beschrieben:

»Die Träger der Sozialhilfe sollen bei der Durchführung dieses Gesetzes mit den Kirchen und Religionsgesellschaften des öffentlichen Rechts sowie den Verbänden der freien Wohlfahrtspflege zusammenarbeiten und dabei deren Selbstständigkeit in Zielsetzung und Durchführung ihrer Aufgaben achten

Damit war eine Art Schutzzone beschrieben, in der vor allem die konfessionellen Träger unbeaufsichtigt wirtschaften konnten. Im weiteren heißt es dann:

»Wird die Hilfe im Einzelfalle durch die freie Wohlfahrtspflege gewährleistet, sollen die Träger der Sozialhilfe von der Durchführung eigener Maßnahmen absehen; dies gilt nicht für die Gewährung von Geldleistungen.«

Damit war nicht nur eine »Vorfahrtsregelung« ermöglicht, nach der die Wohlfahrtsverbände nach Belieben Einrichtungen eröffnen konnten und dem Staat nur der ungewollte »Rest« blieb, sondern ebenfalls eindeutig definiert, dass die Finanzierung ausschließlich durch Steuergelder erfolgt. Ebenfalls unter einer christlich-demokratischen Regierung wurde 1994 im neuen Sozialgesetzbuch XI (Pflegeversicherung) dieses Prinzip nicht nur fortgeschrieben, sondern auch noch vertieft und gleichzeitig entscheidend verändert.

Und im weiteren heißt es im § 11 Rechte und Pflichten der Pflegeinrichtungen:

„Freigemeinnützige und private Träger haben Vorrang gegenüber öffentlichen Trägern.“

Damit konnte von den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege nicht nur das 1961 in Gesetzen eingeführte Subsidiaritätsprinzip im Sozialgesetzbuch XI fortgeschrieben werden. Es ist auch vergleichsweise einmalig, wie unverblümt kirchliche und »sonstige« Träger ihren selbst reklamierten »Auftrag« zur Pflege, Betreuung, Tröstung und Sterbebegleitung exklusiv in einen Gesetzestext hineinformulieren konnten. Somit war Anfang der 1990er Jahre noch einmal die Reduzierung staatlicher Einrichtungen im Gesundheits- und Sozialbereich fixiert worden. Parallel dazu wurde jedoch im Zuge der Gesundheitsreformen das bis dahin gut geschützte Reservat für die Wohlfahrtsverbände aufgebrochen, indem ihnen privatgewerbliche Einrichtungen gleichgestellt wurden. Seitdem sehen sich die Wohlfahrtsverbände in allen Gewinn bringenden Tätigkeitsfeldern einer – aus ihrer Sicht – bedrohlichen Konkurrenz ausgesetzt. War das Selbstkostendeckungsprinzip eine Art Selbstbedienungsladen, da die staatlichen Stellen die Kosten pauschal zu finanzieren hatten, müssen die Einrichtungen nun vorrangig mit festgelegten Budgets auskommen. Eine Konsequenz daraus ist, dass die konfessionellen Träger unrentable Einrichtungen aufgeben.

Es ist den Kirchen gelungen, Macht und Pfründe in einem Bereich weitgehend zu erhalten, der ihnen großes Prestige sichert. Kranke heilen und Hungrigen etwas Essen zu geben – das waren immer schon die überzeugendsten Argumente, um Gefolgsleute und Anhänger zu finden oder zumindest Respekt zu gewinnen. Es ist einebewährte Marketing-Maßnahme, die auch heute noch erfolgreich angewandt wird, z. B. von islamischen Fundamentalisten in Ägypten, die durch kostengünstige medizinische Versorgung und Suppenküchen die Menschen in den Armenvierteln Kairos für sich gewinnen.

Ein historisches Beispiel aus Deutschland: 1576 begründete der Würzburger Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn »für allerhand Sorten Arme, Kranke, unvermugliche, auch schadhafte Leut, die Wund- und anderer Arznei notdürftig sein, desgleichen verlassen Waysen und dann furüberziehende Pilgram und dörftige Personen« per »Fundationsurkunde« eine Stiftung, das heute noch bestehende Juliusspital. Zweck dieser Stiftung war es durch soziale Fürsorge den katholischen Machtbereich zu stärken. Damit seine Stiftung ihrer Aufgabe entsprechen konnte, ließ Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn ein Spital bauen und stattete seine Stiftung mit reichen Pfründen aus, d.h. mit Landwirtschaft, Forsten und Weinbergen bester Lagen. Diese Stiftung hat alle Zeitläufe überdauert, das gegenwärtige Stiftungsvermögen beläuft sich auf rund 72 Millionen Euro.
In evangelischen Landen war die Kirche zwar auch bemüht, durch »Gotteskästen« und »Armenkassen« die menschliche Not zu lindern, verstand sich aber ansonsten als Teil einer von einem allmächtigen Gott eingesetzten Obrigkeit, die der Armut eher mit Arbeits- und Zuchthäusern zu begegnen trachtete. Nach den Befreiungskriegen 1813/1815 entstand in Deutschland eine bis dahin in einem solchem Ausmaß unbekannte »soziale Frage«, womit Hunger und Armut, katastrophale Arbeitsbedingungen und die politische Formation einer Arbeiterbewegung gemeint sind. »Bauernbefreiung«, Abschaffung der ständischen Zunftordnungen, Wirtschaftskrise, Landflucht und die sich ausbreitende Industrialisierung führten zu verarmten Massen, die ohne jede Form sozialer Absicherung oder Schutz waren.

Staat, Amtskirchen und Bürgertum verhielten sich erst gleichgültig, dann zutiefst verschreckt durch die sozialdemokratischeArbeiterbewegung, die in die Kritik des bürgerlichen Staates auch die mit dem Staat innig verbundenen Kirchen einschloss.
Auf diese Situation reagierte die Innere Mission, getragen von »im Pietismus ›erweckten‹ staatsnahen, und – wie es damals hieß – ›staatsfrommen‹ Gründungsvätern und Förderern wie Johann Hinrich Wichern (1808 bis 1881) und [dem Antisemit] Adolf Stöcker (1835 bis 1909), der auch ›ein Kind der konservativen Gegenrevolution‹ ist und dementsprechend vom staatlichen Deutschland von Anfang an wesentlich gefördert wurde«. Diese Pastoren und Theologen waren der Auffassung, dass Massenarmut, Hunger und Elend ihre Ursache in der Abwendung des Proletariats von den Botschaften der christlichen Kirche hatten, also eine Art Strafe des darüber zürnenden Gottes seien, und man sich nur befleißigen müsse, aus den Massen wieder gläubige Christen zu machen. 1848 gründete Johann Hinrich Wichern mit anderen die Innere Mission, den »Generalstab der Liebesarmee« im Krieg gegen Unglaube, Armut und soziales Elend, wie es der alte Bodelschwingh um die Jahrhundertwende beschrieb, und es blieb bei der verbandlichen Unabhängigkeit neben der Kirche und damit angesichts der Einheit von Thron & Altar auch neben dem Staat. Erst 1996 wurde das Diakonat als besonderes kirchliches Amt von der EKD anerkannt. 1945 entstand das von Eugen Gerstenmaier [siehe oben] begründete Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland, ein Konkurrenzunternehmen der evangelischen Amtskirche neben der Inneren Mission, zur Verteilung der amerikanischen Hilfsgüter in Deutschland, welches schließlich seinen Zweck verlor. Seit 1957 schlossen sich beide Organisationen zu landeskirchlichen Werken zusammen. 1975 wurde dann das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland als Dachorganisation begründet. Gegliedert in 24 Landes- und 90 Fachverbände und unter der Mitarbeit der diakonischen Einrichtungen von neun evangelischen Freikirchen (Mennoniten, Heilsarmee, Selbständige Ev.-Lutherische Kirche, Methodisten, Herrnhuter Brüdergemeinde, Alt-Katholiken, Bund freier evangelischer Gemeinden, Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, Evangelisch – altreformierte Kirche) stellt sich das Diakonische Werk als »der Sammelpunkt für die gesamte diakonische und volksmissionarische Arbeit der deutschen evangelischen Christenheit« dar. Die Mitgliedschaft im Diakonischen Werk ist so etwas wie ein evangelisch-theologischer Tüv, eine Art Unbedenklichkeitsbescheinigung.

• Der Text ist dem Buch von Carsten Frerk »Caritas und Diakonie in Deutschland« entnommen (Alibri Verlag, ISBN 3-86569-000-9).

Frankfurter Rundschau, 1. Juni 2006
Das Geschäft mit der Nächstenliebe
Von Carsten Frerk

Das „Religiöse“ sei wieder stark im Kommen, liest man allerorten, und als die Bundesfamilienministerin van der Leyen am 20. April in Berlin das „Bündnis für Erziehung“ vorstellte, wurde sie dabei von einer evangelischen Bischöfin und einem katholischen Kardinal sekundiert. Christliche Partikularwerte und Interessen werden gegendie weltanschauliche Neutralität des Staates und dieuniversalistischen Grundwerte in Stellung gebracht.

Das breite Spektrum der Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft (z. B. Kindergärten, Krankenhäuser, Altenheime, Sozialstationen und Beratungsstellen) suggeriert einen hohen finanziellen Mitteleinsatz der Kirchen. Die Behauptung der besonderen Verknüpfung von sozialen und moralischen Aspekten unterstellt eine exklusive normative Qualität gegenüber den nicht-konfessionellen Trägern. Ein Schelm, der Böses bei solchen selbstlosen Unterstellungen denkt.

Doch wie ist es wirklich? Ist die Betreuung in kirchlichen Pflegeheimen besonders gut? Fallen kirchliche Einrichtungen durch besondere Berücksichtigung der Bürgerrechte auf?

Der Gesundheits- und Sozialbereich in Deutschland scheint eine Art Terra incognita zu sein, in dem viele von uns zwar einzelne Einrichtungen kennen, jedoch Ein- und Überblick nicht vorhanden sind. Auf dem Boden dieser Unkenntnis können sich Stereotypen und Vorurteile erhalten, die mit der heutigen Realität nur noch wenig zu tun haben.
1961 wurde in das Jugendhilfegesetz ein kurzer Absatz eingefügt, der den so genannten „freien Trägern“ den Vorrang (!) vor den staatlichen Trägern einräumt. Dieses „Subsidiaritätsprinzip“ wurde insbesondere von der organisierten katholischen „Nächstenliebe“ (Caritas) und der evangelischen „Brüderlichkeit“ (Diakonie) genutzt, um zum größten privaten Arbeitgeberverbund in Europa aufzusteigen.

1960 hatten Caritasverband und Diakonisches Werk zusammen rund 300 000 MitarbeiterInnen. Die aktuellen Zahlen belaufen sich auf zusammen rund 950 000 Beschäftigte. Dazu kommen noch rund 300 000 weitere Mitarbeiter als Azubis, Honorarkräfte, Freiwillige des Sozialen Jahres etc., die von den Verbänden selber nicht als Beschäftigte gezählt werden, da sie nicht hauptberuflich und unbefristet beschäftigt sind. Insgesamt sind es also zurzeit rund 1, 25 Millionen Menschen, die Lohn und Arbeit bei Caritas undDiakonie finden.

Bereits für die offiziellen Mitarbeiterzahlen beider Wohltätigkeitsverbände gilt, dass jeder der beiden Organisationen für sich mehr Menschen beschäftigt als der Siemens-Konzern (426 000) oder der Daimler-Chrysler-Konzern (366 000) weltweit. Mit anderen Worten: Caritas und Diakonie sind unbekannte Giganten.

Diese schnelle Vergrößerung der Mitarbeiterzahl hat die innere Struktur der Verbände und die Mentalität der Mitarbeiter stark verändert. Oder, wie andere Stimmen sagen: „Wer bei der Kirche arbeitet, fällt vom Glauben ab.“ Untersuchungen verdeutlichen:Schraubt man das Schild am Eingang ab, wird inhaltlich nicht mehr deutlich, wer Träger der Einrichtung ist.

• [Dass die Klerikalen sogar im eigenen Verein an Boden verlieren, ist ja zu begrüßen. Wir bedauern ja nicht, dass die Nonnen z.B. der „Bethanien“-Sekte im Alltagsgeschäft der Diakonie keine große Rolle mehr spielen. Zu erklären wäre, wieso diese Sozialkonzerne trotzdem ALS Kirchen diese Rolle spielen können. Sie haben ihre Rolle übrigens auch in der Nazi-Zeit gespielt, onwohl oder weil gerade viele evangelische Pfarrer Nazis waren. Anm. Ini]

Beide Organisationen setzen mittlerweile ein Finanzvolumen von jährlich insgesamt rund 45 Milliarden Euro um (Leistungsentgelte der Krankenkassen, der Pflegeversicherung etc.). Die vielfältige Arbeit von Caritas und Diakonie kommt vor allem dem Image der beiden Kirchen zugute: „Die tun doch so viel Gutes.“
Hinsichtlich der Finanzierung dieser Einrichtungen darf die beständige Wiederholung: „Die Kirche ist der Träger von Kindertagesstätten, Krankenhäusern, Altenheimen, etc.“ jedoch nicht täuschen, da in wesentliche Bereiche überhaupt kein Cent Kirchengeld fließt und die gesamten kirchlichen Zuschüsse für Caritas und Diakonie nur 1,8 Prozent von deren Gesamtkosten abdecken.

Die Frage dieser geringen Eigen-Finanzierung hat dabei zwei entscheidende Aspekte:

1. Die Glaubwürdigkeit des Trägers. Da die meisten Menschen meinen, dass die Kirchen, wie sie es selber auch immer darstellen, die sozialen Einrichtungen überwiegend aus der Kirchensteuer finanzieren, würden (nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland, www.fowid.de) rund die Hälfte der Kirchenmitglieder aus der Kirche austreten, wenn die Kirchen diese Einrichtungen nur geringfügig finanzieren. Genau das ist jedoch die Realität.

2. Die Rechtmäßigkeit eines Besitzanspruchs. Artikel 140 des Grundgesetzes (in Verbindung mit Artikel 137,3 der Weimarer Reichsverfassung) privilegiert die Kirchen u. a. in der Weise, dass sie ihre eigenen Einrichtungen selbstständig verwalten. Wenn also ein Krankenhaus, oder ein Altenheim, oder eine Kindertageseinrichtung ohne einen Cent aus der Kirchensteuer finanziert werden – ist es dann noch eine eigene Einrichtung der Kirchen?

Die selbstständige Verwaltung der Einrichtungen durch die Kirchen hat Bedeutung für viele Menschen, weil in den konfessionellen Einrichtungen ein „Dritter Weg“ der Mitarbeitervertretung gilt: kein Betriebsrat, kein Streikrecht, keine Mitbestimmung oder Informationsrecht. Begründung: Dienstgeber und Dienstnehmer sitzen im gleichen Boot der „Glaubensverkündigung“. Während jedoch bei der Caritas schon immer in Arbeitsverträgen unterschrieben wurden musste, dass man nach den Regeln der katholischen Kirche leben würde – alles andere bedeutete möglicherweise die fristlose Kündigung –, hatte die Diakonie bisher keinen Erfolg, derartige „Loyalitätsrichtlinien“ für die MitarbeiterInnen durchzusetzen. Dafür wird jetzt Abhilfe geschaffen: Das bereits von der rot-grünen Bundesregierung formulierte Antidiskriminierungsgesetz, das dieser Tage vom Bundeskabinett verabschiedet wurde, gibt den Kirchen das gesetzlich festgeschriebene Privileg, nach ihren eigenen ethischen Lehren „Loyalitätsanforderungen“ zu formulieren, die nicht als Diskriminierung gelten.

Handelsblatt, 23.08.06
Geldsegen für die Diakonie
Gemeinnützige Gesellschaften entdecken neue Wege zur Finanzierung
[Artikel fehlt noch]

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 3.12.06
Die heimlichen Geschäfte der Wohltäter
Caritas und Diakonie sind zu einem gigantischen Wohlfahrtsimperium geworden. Doch unter dem Siegel der Gemeinnützigkeit verbergen sich Intransparenz und jede Menge staatlicher Privilegien.
Aber davon ist nur wenig bekannt. Das liegt an der notorischen Verschwiegenheit der Branche. Über die guten Werke redet man gerne. Doch die Sozialunternehmen bleiben im dunkeln. Noch nicht einmal die Chefs der großen Verbände kennen Umsatz und Kassenlage ihrer Wohlfahrtsimperien. „Unter dem Siegel der Barmherzigkeit findet sich viel Intransparenz“, sagt Dominik Enste, Fachmann für Wohlfahrtsökonomik beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.
Die Branche der Wohltäter hat sich in einem Gewirr rechtlich selbständiger, regionaler Kleinverbände organisiert, die völlig unabhängig nebeneinander wirtschaften. Sie weigern sich hartnäckig, ihre Zahlen an die Zentralen weiterzureichen. „Franchising im Namen der Nächstenliebe“, nennt Enste das Organisationsprinzip der Branche. Gegen den gerne erweckten Anschein spielen Spenden bei der Finanzierung eine untergeordnete Rolle. Schätzungen schwanken zwischen 2 und 4 Milliarden jährlich. Der Umsatz der Gesamtbranche liegt aber bei 55 Milliarden Euro. Über 80 Prozent der Einnahmen stammen aus Mitteln des Sozialstaats, aus denen sich die Wohltäter meisterhaft zu bedienen wissen.
Wer das Gütesiegel der Gemeinnützigkeit ergattert, wird vom Staat großzügig mit einer Fülle von Privilegien ausgestattet, z.B. die Befreiung von der Umsatzsteuer. „Letztlich sind weniger die Leistungsempfänger, sondern eher die Leistungserbringer Nutznießer der umsatzsteuerlichen Vergünstigungen“, hat der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesfinanziministerium in einem Gutachten festgestellt. Schon Ende der neunziger Jahre stelllte die Monopolkommission fest: „Das kartellartige Erscheinungsbild der Wohlfahrtsverbände stellt den Gegenpol zur Nachfragemacht des Staates dar“. Die staatlich gewährten Privilegien sichern den Wohlfahrtskonzernen ihre führende Marktstellung im Sozialbereich. Unbehelligt von Wettbewerbern, handeln sie mit den Kostenträgern Pflegesätze aus. Im Kartell wird Hand in Hand gearbeitet.
Die Wohlfahrtsbranche kennt diese Kritik. Und reagiert ziemlich gelassen. Durch den Verweis auf ihren Non-Profit-Status (der in Wirklichkeit nur ein Verzicht auf Gewinnausschüttung ist) fühlen sich Caritas und Diakonie immun. Zur Begründung hat die Branche ihr eigenes Selbstbildnis gebastelt: Nicht einfach Dienstleister will man sein, sondern „Anwalt der Benachteiligten“ und dafür zuständig, „Solidarität in der Gesellschaft“ zu stiften. Doch der Druck auf das Wohlfahrtskartell wächst. Die Verbände mussten sich vom sogenannten Selbstkostendeckungsprinzip der Finanzierung verabschieden. Das war nichts anderes als ein Selbstbedienungsladen, die Möglichkeitt, willkürlich alle Kosten abzurechnen. Heute müssen die Einrichtungen mit Budgets und Fallpauschalen auskommen. Druck kommt auch von den Brüsseler Wettbewerbshüter. Sie lassen den Verzicht auf eigennützige Gewinnverwendung als Begründung der Privilegien nicht gelten: Verbände, die gegen Bezahlung soziale Dienstleistungen anbieten, sind für sie normale Unternehmen im Sinn des EU-Wettbewerbsrechts. Finanzminister Peer Steinbrück war zunächst nicht abgeneigt, disen Rat zu beherzigen. Doch die Branche mobilisierte rasch den Volkszorn. Und der Finanzminister knickte ein. Mehr noch: Steinbrück will jetzt ein Gesetz („Hilfen für Helfer“) präsentieren, welches darauf hinausläuft, die Privilegien der Wohltäter großzügig auszuweiten.

STEUERVORTEILE
Die Wohlfahrtsverbände zahlen weder Körperschaft- noch Gewerbe- oder Erbschaftsteuer. Zugleich gibt es Vergünstigungen bei der Umsatzsteuer. Nach Berechnungen des Ökonomen Dirk Meyer errechnet sich allein aus der Körperschaft- und Gewerbesteuer ein Steuervorteil von jährlich 600 Millionen Euro. Zudem erhalten die Wohlfahrtsverbände exklusiv Bußgelder und Lotterieerlöse (Aktion Sorgenkind). Das benachteiligt freie Selbsthilfegruppen, private Anbieter und nicht organisierte Träger.

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Wohlfahrtsverbände können nicht nur viele Ehrenamtliche und Freiwillige beschäftigen (eine Kostenentlastung von geschätzt 10 Milliarden Euro jährlich), sie setzen zudem in großem Stil Zivildienstleistende ein: „eine Sondersteuer für junge wehrtaugliche Männer“ (Meyer). Dies ergibt einen Kostenvorteil von fast 200 Prozent gegenüber der Konkurrenz.

GELDSPENDEN
Das deutsche Spendenrecht unterscheidet nach der Trägerschaft der Einrichtung. Gemeinnützigkeit wird vorausgesetzt. Für die Wohlfahrtsverbände bedeutet das eine vom Fiskus subventionierte Eigenfinanzierung. Ökonom Meyer schätzt das Spendenaufkommen der Kirchen auf 2 bis 4 Milliarden Euro jährlich.

Evangelischer Pressedienst, 22.6.2007
Diakonie-Bank steigert Jahresüberschuss
Dortmund (epd). Die KD-Bank – Bank für Kirche und Diakonie – hat 2006 einen Jahresüberschuss von 5,2 Millionen erwirtschaftet, zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Die Bilanzsumme erhöhte sich um 4,1 Prozent auf 3,8 Milliarden Euro, wie Vorstandschef Ekkehard Thiesler am Mittwoch in Dortmund bei der Generalversammlung der kirchlichen Genossenschaftsbank mitteilte. Das Ergebnis sei „insgesamt zufriedenstellend“. Auch für die nächsten zwei Geschäftsjahre erwartet das Geldinstitut, das neben Privatkunden in erster Linie kirchliche Körperschaften und diakonische Einrichtungen als Kunden bedient, einen ähnlich positiven Geschäftsverlauf. Den rund 3.600 Mitgliedern, die die Bank tragen, wurde bei der Generalversammlung eine Dividende von sieben Prozent angekündigt. Im Jahr 2006 gewährte die KD-Bank ihren Kunden neue Darlehen mit einem Gesamtvolumen von 138 Millionen Euro, 55 Millionen mehr als im Vorjahr. Die Kreditnachfrage diente zum überwiegenden Teil derFinanzierung von Neubauten und von Modernisierungsmaßnahmen in Alten- und Pflegeeinrichtungen sowie Krankenhäusern. Die KD-Bank war 2003 durch den Zusammenschluss der Bank für Kirche und Diakonie in Duisburg mit der Evangelischen Darlehnsgenossenschaft Münster entstanden. Hauptsitz der Bank ist Dortmund.

Politische Ökonomie des Heilsgeschehens

Hannoversche Allgemeine, 29.4.2009
Diakonie GmbH drängt in private Arbeitsvermittlung
Die hannoversche Landeskirche hat 100.000 Euro zur Rettung ihrer diakonischen GmbH Uelzen freigegeben. Der Kirchenkreis hofft, die Gesellschaft unter dem Dach seines Diakonischen Werkes trotz eines Defizits von 520.000 Euro weiterführen und eine drohende Insolvenz abwenden zu können. Die Diakonie GmbH Uelzen war 2006 als private Arbeitsvermittlung gegründet worden. Derzeit gibt es 140 Teilnehmer in „Qualifizierungsprojekten“. Dieses Geschäftsfeld wird von der Agentur für Arbeit finanziert. Dabei, so die Diakonie gGmbH Uelzen, sind in der Vergangenheit Kosten zum Teil „nicht sauber kalkuliert worden“.

Neue Westfälische, 29.4.2009
Diakonie will Gelder aus dem Konjunkturpaket
Nach Auffassung des westfälischen Diakoniechefs Barenhoff müssen sich auch diakonische Unternehmen auf die Finanzkrise einstellen. Ba- renhoff kritisiert, dass die Diakonie an dem Konjunkturpaket der Bun- desregierung nur sehr begrenzt beteiligt wird. Erst durchmassiven politischen Druck sei es an einigen Stellen gelungen, von den Kom- munen auch für diakonische Firmen Mittel aus dem Förderprogramm zugeteilt zu bekommen. Barenhoff warnte auch vorKonkurrenz unter den Diakonie-Unternehmen. Es bestünde Gefahr, dass die gemeinsa- me Identität verloren gehe.

Der Diakonie-Konzern 

Frankenpost, 29.3.2006
Kirche & Diakonie: Schulterschluss im Wettbewerb auf dem Sozialmarkt.
Mit Leitlinien, die neben dem neuen Diakoniegesetz beraten werden, soll der Schulterschluss von Kirche und Diakonie festgeschrieben werden. Das Spannungsfeld von WIRTSCHAFTLICHKEIT und NÄCHSTENLIEBE unter den harten Konkurrenzbedingungen auf dem SOZIALMARKT wird in dem Papier ausführlich beschrieben.

■ Das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche mit Sitz in Stuttgart und Berlin ist die Hauptgeschäftsstelle der Diakonie. Diesem Dachverband sind 23 Landesverbände (Diakonische Werke) angeschlossen.

Beispiele (Firmen unter http://www.diakonie.net):

Geschäftsstellen In Hamburg:
• Diakoniewerk Jerusalem, Moorkamp 2-8
• Diakonisches Werk, Holertwiete 5
• Diakonisches Werk Hamburg, Königstraße 54

BANKEN, SPARKASSEN, VERSICHERUNGEN
• Bank für Sozialwirtschaft AG, Köln
• BKD -Bank für Kirche und Diakonie eG, Duisburg
• EKK – Evangelische Kreditgenossenschaft, Kassel
• Evangelische Darlehnsgenossenschaft, Kiel

HOTELS UND TAGUNGSSTÄTTEN
• Diakonische Akademie
• Akademie-Hotel, Berlin
• Hotel Elisenhof GmbH, önchengladbach
• Wikingerhof, Hotel – Restaurant, Kropp

VERLAGE
• Diakonie Verlag Gustav Werner Stiftung, Reutlingen
• Diakonie Report Hamburg, Königstr. 54

DIENSTLEISTUNGEN
• DIASO -Dienstleistungen für diakonische
und soziale Einrichtungen GmbH, Rendsburg

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■ GMBHs und AGs (Auswahl)

→ Agaplesion Aktiengesellschaft
DIAKO-Dienstleistungs GmbH
Diako-Service GmbH
Diako-Service GmbH Augsburg
Diako-Sterilgutservice GmbH
DIAKO Versorgungs-und Service GmbH
DIAKO Verwaltungsgesellschaft mbH
DiakoClean GmbH
DIAKOMED Diakoniekrankenhaus ChemnitzerLand GmbH
Diakona Handels- und Vertriebsgesellschaft mbH
diakonia Dienstleistungsbetriebe GmbH
Diakonie- und Sozialstation Ludwigsburg GmbH
Diakonie-Gemeinnützige Gesellschaft mbH
Diakonie-GmbH im Ev.Stadtkirchenverband Köln
Diakonie-Hospiz Lichtenberg GmbH
Diakonie-Hospiz Wannsee GmbH
→ DIAKONIE-KLINIKUM-HAMBURG GMBH
Diakonie-KLINIKUM Stuttgart GmbH
Diakonie-Kolleg Hannover gGmbH
Diakonie-Krankenhaus Harz GmbH
diakonie-net online gmbh
Diakonie-Pflege-Zentrum (DPZ) GmbH
Diakonie-Pflege Forst gGmbH
Diakonie-Pflege Lübben gGmbH
Diakonie-Pflege Neukölln gGmbH
Diakonie-Pflege Reinickendorf gGmbH
Diakonie-Pflege Tiergarten gGmbH
Diakonie-Pflege Verbund Berlin gGmbH
Diakonie-Pflege Wedding gGmbH
Diakonie-Pflegedienst gGmbH in Vorpommern
diakonie-project gemeinnützige GmbH
Diakonie-Sozialstation Crivitz GmbH
Diakonie-Sozialstation Dom/Schloss gGmbH
Diakonie-Sozialstation Jena gGmbH
Diakonie-Sozialstation Mitte gGmbH
Diakonie-Sozialstation Südstern gGmbH
Diakonie-Sozialstationen im Oldenburger Land gGmbH
Diakonie-Station Charlottenburg gemeinnützige GmbH
Diakonie-Station Tempelhof gGmbH
Diakonie-Station Wilmersdorf-Bethanien gGmbH
Diakonie-Struktur gGmbH
Diakonie-Treuhandgesellschaft GmbH
Diakonie-Werkstätten Berlin gGmbH
Diakonie-Werkstätten Potsdam gGmbH
Diakonie-Zentrum Frielendorf Gemeinnützige GmbH
Diakonie-Zentrum Mariendorf gGmbH
Diakonie – Pflegedienst St. Spiritus GmbH
Diakonie – Pflegedienst Südwestmecklenburg gGmbH
Diakonie – Sozialstation Hellersdorf/Marzahn gGmbH
Diakonie – Verbund Eisenach GmbH
Diakonie – Werkstätten Halberstadt GmbH
Diakonie AKTIV gGmbH
Diakonie Auerbach gemeinnützige GmbH
Diakonie Barmen gGmbH
Diakonie EDV Service GmbH
Diakonie Eiderstedt gGmbH
Diakonie GmbH Melle/Wittlage
Diakonie Hattingen-Witten Ambulante Pflege GmbH
Diakonie im Kirchenkreis Düsseldorf-Mettmann gGmbH
Diakonie im Landkreis Karlsruhe GmbH
Diakonie in Nordhausen/“Maria im Elende“ GmbH
Diakonie in Südwestfalen GmbH
Diakonie Landgut Holzdorf gGmbH
Diakonie Lankwitz gGmbH
Diakonie Mark gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Diakonie Naumburg-Zeitz gGmbH
Diakonie NordWest gGmbH Nürnberg
Diakonie Nürnberg-Ost GmbH
Diakonie Pflege und Rehabilitation GmbH
Diakonie Riesa-Großenhain gGmbH
Diakonie Schwarzbachaue gGmbH
Diakonie Service Gesellschaft Stargard mbH
DIAKONIE Soziale Dienste gGmbH
Diakonie Station Spandau gGmbH
Diakonie Team Noris gGmbH
Diakonie Unteres Pegnitztal gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Diakonie Weiden/OPf. Gemeinnützige Evangelische Gesellschaft mbH zur Förderung der kirchlichen Altenpflege
Diakonie Zentrale Dienste GmbH
Diakonieberatung in Oberfranken GmbH
Diakoniegesellschaft Betreutes Wohnen gemeinnützige GmbH
Diakoniegesellschaft mbH Helbe
Diakoniegesellschaft Waldeck-Frankenberg mbH
Diakoniehof Rackith gGmbH
DIAKONIEKLINIKEN Leipzig gGmbH
Diakoniekrankenhaus Mannheim GmbH
Diakoniekrankenhaus Paul Gerhardt Stift GmbH
Diakoniekrankenhaus Rotenburg (Wümme) gGmbH
Diakoniekrankenhaus Seehausen gGmbH
→ DIAKONIESTATION ALTEN EICHEN GMBH
Diakoniestation Bethel Lichterfelde gGmbH
Diakoniestation Bezirk Stuttgart-Vaihingen gGmbH
Diakoniestation Birkenau-Reisen GmbH
Diakoniestation der Ev. Kirchengemeinde Lichtenrade GmbH
Diakoniestation Doberlug- Kirchhain gGmbH
Diakoniestation Flensburg-Ost gGmbH
Diakoniestation Im Stuttgarter Norden gGmbH
Diakoniestation Kirchenkreis Niendorf gGmbH
Diakoniestation Neukirchen-Vluyn gGmbH
Diakoniestation Nürnberg-West gemeinnützige GmbH
Diakoniestation Nürtingen gGmbH
Diakoniestation Oberes Ermstal – Alb gGmbH
Diakoniestation Pforzheim gGmbH
Diakoniestation Radevormwald gGmbH
Diakoniestation Remscheid GmbH
Diakoniestation Schöneberg gGmbH
Diakoniestation St. Johannisstift GmbH
Diakoniestation Stadt Leer gGmbH
Diakoniestation Wellingsbüttel/Bramfeld gemeinnützige Gesellschaft für häusliche Kranken- und Altenpflege mbH
Diakoniestation Welzow gGmbH
Diakoniestation Wermelskirchen gGmbH
Diakoniestation Zehlendorf – West GmbH
Diakoniestationen der Evangelischen Kirche in Kassel gemeinnützige Gesellschaft m.b.H
Diakoniestationen Essen gGmbH
Diakoniestationen gemeinnützige GmbH Evangelische Hauskrankenpflege Frankfurt am Main
Diakoniestationen Hannover gGmbH
Diakoniestationen im Kirchenkreis Herford gemeinnützige GmbH
DiakonieVerband Brackwede GmbH
Diakonieverband Hensoltshöhe Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Diakonieverbund Eberswalde GmbH
Diakonieverbund Kyffhäuser-gGmbH
Diakonieverwaltung GmbH
Diakoniewerk – Neues Ufer – Rampe gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Diakoniewerk Arbeit und Kultur gGmbH
Diakoniewerk Barnim gGmbH
Diakoniewerk Bethesda gemeinnützige GmbH
Diakoniewerk Bochum-Pflege gGmbH
Diakoniewerk Bochum-Werkstätten gGmbH
Diakoniewerk Bochum-Wohnen gGmbH
Diakoniewerk Bochum gGmbH
Diakoniewerk des Kirchenkreises Stargard GmbH
Diakoniewerk „Es Castellot“ Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Diakoniewerk für Sozialpsychiatrie Duisburg GmbH
Diakoniewerk für Sozialtherapie Duisburg GmbH
Diakoniewerk im nördlichen Mecklenburg gemeinnützige GmbH
Diakoniewerk Kappeln GmbH
Diakoniewerk Kloster Dobbertin gemeinnützige GmbH
Diakoniewerk Martha-Maria gemeinnützige GmbH
Diakoniewerk Niederschönhausen GmbH
Diakoniewerk Oberlausitz Service Gesellschaft mbH
Diakoniewerk Osnabrück gGmbH
Diakoniewerk Zschadraß gemeinnützige Gesellschaft für soziale Dienste Entwicklung und Beratung
Diakoniewerkstätten Neubrandenburg gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Diakoniezentrum Gera gGmbH
Diakoniezentrum Rheydt GmbH
Diakonische Akademie Deutschland GmbH
Diakonische Altenhilfe gemeinnützige GmbH
Diakonische Altenhilfe Niederlausitz GmbH
Diakonische Altenhilfe Siegerland GmbH
Diakonische Altenzentren Bielefeld gGmbH
Diakonische Arbeitsgemeinschaft Sozialpädagogischer Initiativen DASI Berlin gGmbH
Diakonische Behindertenhilfe gemeinnützige GmbH
Diakonische Behindertenhilfe Siegerland GmbH
Diakonische Betreuungsdienste gGmbH
Diakonische Betriebe Kästorf GmbH – D. B. K
Diakonische Dienste Dortmund gGmbH
Diakonische Dienste GmbH
Diakonische Dienste Lünen und Selm gGmbH
Diakonische Dienste Neuendettelsau GmbH)
Diakonische Dienste Rosenheim Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Diakonische Dienstleistungsgesellschaft mbH Ueckermünde
Diakonische Einrichtungen der Ev. Frauenhilfe Rheinland GmbH
Diakonische Gesellschaft zur Förderung der beruflichen Bildung gemeinnützige GmbH
Diakonische Handwerks- und Dienstleistungen in Schwaben
Diakonische Jugendhilfe Mark-Ruhr gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Diakonische Jugendhilfe Stuttgart gGmbH
Diakonische Kranken- und Altenpflege in den Kirchenkreisen Pinneberg und Rantzau gGmbH
Diakonische Leipziger gGmbH (DLG)
Diakonische Pflegeeinrichtungen Süderdithmarschen gGmbH
Diakonische Wirtschaftsbetriebe Bad-Godesberg gGmbH
Diakonische Wohnheime Hildesheim GmbH
Diakonischer Dienst GmbH
Diakonisches Altenhilfezentrum Saalfeld-Rudolstadt gGmbH
Diakonisches Bildungszentrum Mecklenburg gGmbH
Diakonisches Institut für soziale Berufe gGmbH
Diakonisches Werk Ennepe-Ruhr/Hagen gGmbH
Diakonisches Werk Gladbeck-Bottrop-Dorsten-Bottroper GmbH
Diakonisches Werk Gladbeck-Bottrop-Dorsten-Seniorenhilfe GmbH
Diakonisches Werk Gladbeck-Bottrop-Dorsten-Service GmbH
Diakonisches Werk Gladbeck-Bottrop-Dorsten – Diakoniestation GmbH
Diakonisches Werk Husum gGmbH
Diakonisches Werk irchenbezirk Löbau-Zittau gGmbH
Diakonisches Werk Kirchenkreis Neumünster gGmbH
Diakonisches Werk Wittgenstein gGmbH
Diakonisches Zentrum Eckental gGmbH
Diakonisches Zentrum Sophienhaus Weimar gGmbH
Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus Speyer Eins gGmbH
Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus Speyer Zwei gGmbH
Diakonissenkrankenhaus Dessau gGmbH
diakonos e.K.
DIAKONZEPT GEMEINNÜTZIGE GMBH – DIAKONISCHE GESELLSCHAFT FÜR MANAGEMENT QUALIFIZIERUNG UND FORSCHUNG
DIAKOS Service Gesellschaft Grimma mbH
Diakoso Service Gesellschaft mbH Dienstleistungen für diakonische und soziale Einrichtungen

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