Eimsbütteler Turnverband, Seite I

Gliederung dieser Seite:
Folge 1 Robert Finn. Die NS-Biographie. Erste Hinweise. (9/06)
• Exkurs: Die zweite Entnazifizierung Robert Finns durch den ETV.
Folge 2 Neue Dokumente + Kommentare. (10/06)

Kurze Zusammenfassungen:
Robert-Finn-Halle: Presseerklärung vom 21. September 2006
Robert-Finn-Halle: Presseerklärung vom 23. November 2006
Robert-Finn-Halle: Presseerklärung vom 26. Januar 2007

Lesehinweis: Das Thema ETV ist chronologisch geordnet und auf mehrere Seiten verteilt. Auf dieser Seite „ETV 1“ ist der Beginn der Auseinandersetzung (im September 2006) um den Umgang des Eimsbütteler Turnverbandes mit der NS-Vergangenheit seines früheren Vorsitzenden Robert Finn dokumentiert. Die jüngsten Meldungen und Kommentare finden sich derzeit am Ende der Seite ETV 4.
Als wir ab 21.9.2006 mit dem ersten Abschnitt begannen, hatten wir nicht mehr als das – vom ETV zudem falsch überlieferte – Stichwort der „Schmierölversorgung“. Jetzt wissen wir bedeutend mehr, behalten aber die chronologische Ordnung bei, um den Weg der Auseinandersetzung zu dokumentieren. Diesen Weg müssen die Leser nicht nachvollziehen. Man kann das Thema auch vom Ende her erschließen.

Vorbemerkung: Die geplante Bebauung des Sparbier-Sportplatzes ist ein gemeinsames Projekt von Rechtssenat & Agaplesion AG sowie des Unternehmerverbandes „Diakonisches Werk Hamburg“. Dem Eimsbütteler Turnverband kommt bei diesem Vorhaben nur die Rolle eines Trittbrettfahrers zu. Obwohl dem ETV der öffentliche Platz nicht gehört, berufen sich CDU und SPD auf die „Zustimmung des ETV“. Gemeint ist nicht die Fußballabteilung des ETV (die wollte aus Protest gegen die Privatisierungspolitik des Vereins diesen 2004 sogar verlassen), sondern die der ETV-Führung. Und man hat sich dieses symbolische JA, das man zur Legitimation des Bauvorhabens gut gebrauchen kann, etwas kosten lassen. Bezahlt wird der ETV-Führung jedoch nicht der Sportplatz, der ja öffentliches Eigentum ist, sondern ihre Rolle als Ordnungskraft, die den Protest gegen die Privatisierung einer Sportfreifläche entschärfen soll. Die Details dieses Deals sind auf diesem weblog nachzulesen. Weil wir jedoch den ETV-Vorstand für einen Nebendarsteller in dieser Auseinandersetzung halten, der die geplante Bebauung als günstige Gelegenheit zur Durchsetzung einer ohnehin projektierten Ausrichtung des Vereins auf „den Markt“ (Trendsport & Reha) sieht, haben wir bisher auf eine „ETV-Seite“ verzichtet. Das ändert sich nun, da wir die Hintergründe der im September 2006 erfolgten „Wiedereinweihung“ der Robert-Finn-Halle zu kommentieren haben und dazu Dokumente präsentieren wollen. In Mittelpunkt dieser neuen Seite steht also die frisch renovierte NS-Vergangenheit des Namengebers der Robert-Finn-Halle des Eimsbütteler Turnverbandes.

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Robert Finn – erste Folge
der Auseinandersetzung um einen Ehrenbürger des ETV
(ab September 2006)


Schlagzeilen und Portrait von Robert Finn aus dem ETV-Magazin, September 2006

■ ■ Dokumente + Materialien
zur NS-Biographie
des Namengebers der „Robert-Finn-Halle“
des Eimsbütteler Turnverbandes 

Einleitung:

INITIATIVE GEGEN DIE BEBAUUNG DES SPARBIER-SPORTPLATZES
■ 17. September 2006

Der Eimsbütteler Turnverband und die NS-Vergangenheit des Robert Finn 

Die „älteste und wahrscheinlich schönste Sporthalle Hamburgs“ hat der Eimsbütteler Turnverband (ETV) nach eigenen Worten in diesem Sommer für 375.000 Euro renovieren lassen.

In einer anderen Angelegenheit bleibt hingegen alles beim Alten: Zur „Wiedereinweihung“ am 17. September 2006 verkündete der ETV-Vorstand, er sei weiterhin stolz auf die NS-Biographie von Robert Finn, dessen Name die Halle (erst) seit 1976 trägt.

Wie schon anläßllich des 100. Jahrestag der Gründung der Fußballabteilung, als man penetrant die Auseinandersetzung um die NSDAP-Vergangenheit des Ehrengastes Walter Jens ignorierte („Seit über hundert Jahren kommen Menschen in den Verein,… Wie die Jungs vom Eimsbütteler TV, denen Walter Jens zwischen 1931 und 1937 zujubelte.“) und die Jahre 1933 bis 1945 als die Glanzzeit des ETV feierte, wird nun ganz offensiv die NS-Karriere von Robert Finn (1899-1974) unter dem Titel der „Traditionspflege“ historisiert und verharmlost.

Im ETV-Magazin sowie auf der Homepage des ETV wird der Lebenslauf dieses Mannes ausführlich präsentiert (der Wortlaut ist am Ende dieser Seite abgedruckt). Über die 12 Jahre von 1933 bis 1945 steht dort allerdings (wie in so vielen deutschen Biographien und Firmenchroniken) nur ein einziger Satz. Und der ist bemerkenswert, denn er lautet:

„Im 2. Weltkrieg leitete er die deutsche Schmierölversorgung.“

Punkt.
Dieser Satz ist ein deutscher Satz. Alles, was er transportieren soll, gehört zur deutschen Tradierungssprache. Er soll sagen: Andere mögen den Nationalsozialismus dämonisieren. Sein Alltag war jedoch (für die, die dazu gehörten) so banal wie ein Alltag auch heute ist. Es gab viel zu tun. Es gab berufliche Chancen. Es gab die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen. Zum Beispiel die Verantwortung für die deutsche Schmierölversorgung.

Und wer weiß schon, – wer will schon wissen -, was eine „deutsche Schmierölversorgung“ damals von einer Salatölversorgung unterschied? Wer musste da „versorgt“ werden? Und wieso „versorgt“, wo man Schmieröl sonst doch kaufen muß?

Die Autoren des ETV-Magazins nennen die Quellen nicht, aus denen sie die Biographie von Robert Finn gestrickt haben. Sie wissen offenbar viel über ihn, haben dann jedoch eine Auswahl getroffen und aus ganz bestimmten „Fakten“ eine kurze Geschichte gemacht. Sie wissen schon deshalb über die NS-Biographie von Robert Finn eine ganze Menge, weil Finn sich im damaligen ETV-Journal („Der Eimsbüttler“) mit deutlichen Worten als völkischer Beobachter zu erkennen gegeben hatte. Zum Beispiel 1940 mit dem Hinweis,

dass der ETV eine Zelle der Volksgemeinschaft ist, welche ein Stückchen des völkischen Lebens im besten Sinne zu tragen mag.“

Dieses Bekenntnis war eingebunden in einen Text, der den Krieg der Nazis darstellte als

letzten schweren Kampf, der sein muss, weil die westlichen Demokratien den Lebensraum uns schmälern wollen aus Angst vor unserer jugendlichen Kraft“.

Die ETV-Geschäftsführung, die den Text über Finn verantwortet, hat also von den vielen möglichen Sätzen über dessen Aktivitäten zwischen 1933 und 1945 gezielt diesen einen ausgewählt, um ihm dem Publikum zu servieren: „Im 2. Weltkrieg leitete er die deutsche Schmierölversorgung.“

Man weiß nur nicht so recht, was man von dieser Auswahl halten soll? Wollen sie auf diese Weise Finn als harmlos-politischen Zeitgenossen darstellen, obwohl sie seine nazistischen Sprüche sehr wohl kennen? (Und besser als wir, denn sie sitzen auf dem Archiv!). Oder wollen sie den Nationalsozialismus insgesamt als eine gemütliche Veranstaltung beschreiben, wo es – von der Brötchenversorgung bis zur Schmierölversorgung – lauter nette Onkels gab, die das für andere erledigten?

Der Satz taucht wie beiläufig auf zwischen dem Hinweis, Finn habe vorher Weihnachtsmärchen im ETV einüben lassen, und danach sei er Direktor der Deutschen Shell Chemie geworden. Diese gewollte Beiläufigkeit, die Art, wie dieser Satz über Finns NS-Biographie mit Harmlosigkeiten gerahmt wird, ist wirklich typisch für eine gewisse deutsche „Vergangenheitsbewältigung“. Nur, dass man heute (siehe die jüngsten Wahlergebnisse in Mecklenburg-Vorpommern) nicht mehr weiß, aus welcher Ecke dieser Wille zur Verharmlosung des Nationalsozialismus kommt.

Der Satz : „Im 2. Weltkrieg leitete er die deutsche Schmierölversorgung“ ist Teil eines gesellschaftlichen Versteckspiels.

Denn tatsächlich weiß jeder und jede beim Lesen dieses Satzes (ohne deshalb über besondere Kenntnisse der Mineralöl-Chemie verfügen zu müssen), dass Robert Finn nicht die Bäckerei nebenan, sondern Wehrmacht, Luftwaffe und Marine sowie Rüstungsindustrie und Kriegswirtschaft mit einem der kriegswichtigsten Produkte „versorgte“: Ohne Schmieröl und andere Schmierstoffprodukte konnten kein LKW und kein Panzer fahren, konnte kein U-Boot tauchen und kein Sturzkampfbomber fliegen. Nicht einmal ein Maschinengewehr kann ohne Schmieröl auf Dauerfeuer gestellt werden. Schmieröl war, neben Munition und Benzin praktisch der wichtigste Posten auf den Versorgungslisten der Wehrmacht. Rund 100.000 gepanzerte Fahrzeuge, 1200 U-Boote und vielleicht 100.000 Flugzeuge, dazu ungezählte Kübelwagen, Schwimmwagen, Lastwagen, Personenwagen, Motorräder, Kanonen etc. mussten „versorgt“ werden, wenn der Angriffs- und Vernichtungskrieg florieren sollte.

Und da Deutschland eben nicht über nennenswerte Rohölquellen verfügt, beruhten die Konzepte dieser „Versorgung“ auf bestimmten strategischen Optionen: Für die erste Kriegsphase war eine gewisse Autarkie durch Kohlehydrierung (synthetische Herstellung von Benzin und Öl) vorgesehen. Von Beginn an wurde außerdem ein enges Bündnis mit Rumänien angestrebt, dessen reiche Erdölvorkommen man sich 1940 durch Unterstützung des faschistischen Putsches von Ion Antonescu sicherte. Im weiteren Verlauf der Eroberung von „Lebensraum“ sollten jedoch die geraubten Mittel der überfallenen und besetzten Länder die deutsche „Versorgung“ sichern. Dabei standen der Raub von Nahrungsmitteln und von Mineralölen ausdrücklich im Mittelpunkt. Die Beschlagnahmung von Rohölreserven und die Ausbeutung von Erdölvorkommen begann – nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei – im besetzten Tschechien und in Polen. Hinzu kam schon bald reiche Beute in Westeuropa und auf dem Balkan und schließlich in der Sowjetunion. Diese Beutepraxis ging stets einher mit dem Einsatz von Kriegsgefangenen und mit Hungerpolitik durch Entzug der Energiequellen. Später kommt es auch bei der „heimischen“ Kohle- , Braunkohle- und Schieferverflüssigung zum Einsatz von Zwangsarbeiter und KZ-Häftlingen. Die Produktion von Schmieröl fand u.a. in den Buna-Werken der IG-Farben in Auschwitz sowie im österreichischen KZ Ebensee statt.

Man muss nicht alle Details kennen, um diese Zusammenhänge zu erahnen. Aber man muss es ausdrücklich NICHT wissen wollen oder aber GUT UND RICHTIG finden, wenn man eine Turnhalle nach dem Mann benennt, der nach eigenen Angaben dafür verantwortlich war – und zwar auf Reichsebene!

Denn wenn es stimmt, dass Finn wirklich die „Schmierölversorgung“ des ganzen Deutschen Reiches kontrollierte (unsere Nachforschungen laufen noch), wenn sich die Autoren des ETV-Magazins also nicht ungeschickt ausgedrückt haben und eigentlich nur die Schmierstoffversorgung des ETV-Vorstandes meinten („Schmieröl“ ist ja auch eine große Metapher!), dann MUSS Robert Finn z.B. ständig mit dem Kriegsverbrecher Albert Speer (Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion), dem Reichswirtschaftsministerium (bis 1939 vom Kriegsverbrecher Walther Funk geleitet, dann aufgelöst), dem OKW und dem Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt (WiRüAmt) zu tun gehabt haben. Und er muss, ob in Zivil oder in Uniform, viel gereist sein, Produktionsstätten – vielleicht auch in den dem Reich „angeschlossenen“ Gebieten – besucht sowie den Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen akzeptiert und vielleicht auch angefordert haben. Denn anders war die „deutsche Schmierölversorgung“ nicht zu „leiten“. Robert Finn muß also, selbst wenn er als mit der Branche vertrauter Kaufmann oder Manager auftrat, behördliche Weisungsbefugnisse gehabt haben. Er war dann ein „hohes Tier“ an einer zentralen Stelle des NS-Apparates (ohne deswegen Mitglied der NSDAP gewesen sein zu müssen). Er hat dann Verbrechen gesehen, geduldet und gedeckt (ohne deswegen daran beteiligt gewesen sein zu müssen).

Unsere Recherche steht erst am Anfang. Die Frage ist, wieso der Eimsbütteler Turnverband die Daten, die diese Recherche erleichtern würden, unter Verschluss hält und in seiner Vereinszeitung eine „bereinigte“ Version der Robert-Finn-Biographie anbietet.

Robert Finn war vor und nach „dem Krieg“ (die beliebte Umschreibung von Holocaust + Vernichtungskrieg; zudem ein Stichwort, um an die „Verbrechen der Alliierten“ zu erinnern, z.B. in Dresden) für Shell tätig. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatte er bereits bei Shell Hamburg (Rhenania) mit der Wehrmacht zu tun, da die Hamburger ab 1933 für Wehrmacht und Luftwaffe produzierten. Von hier aus beginnt offenbar seine Karriere in den staatlichen Instanzen, wo man Kontaktleute zur und aus der Wirtschaft brauchte. Nach 1945 (oder war es erst 1948, weil Finn in Haft war oder sich noch zurück halten musste?) kam Finn zu Shell zurück und wurde dort (laut ETV) gleich Direktor. Die alten Kameraden saßen eben überall. Man nannte das „Stille Hilfe“.

Der ETV erwähnt die Firma Shell sichtbar gerne, wohl weil viele Leser/innen denken sollen, das sei ein ausländischer Konzern, Finn habe also vielleicht für „die andere Seite“ gearbeitet. Tatsächlich stand Shell, ebenso wie etwa Ford oder Opel, in diesen Jahren unter deutscher „Treuhand“-Aufsicht. Der Kontakt der deutschen Shell-Betriebe zur Muttergesellschaft war 6 Jahre lang vollständig unterbrochen. In Hamburg firmierte Shell seit 1925 unter dem Namen Rhenania-Ossag. In der Gedenkstätte Neuengamme gibt es eine ganze Akte über diese Wirkungsstätte von Robert Finn.

Die ETV-Spitze, der die NS-Biographie von Robert Finn bekannt ist, hält daran fest, eine Sporthalle nach diesem Mann zu benennen.

Wir finden, dass das etwas über die Zustände in Vorstand und Geschäftsführung sagt. Und es ist, wie schon erwähnt, nicht die erste „Entgleisung“ dieser Art. Jede „Firma“ hat ihre Tradition. Der ETV war schon vor 1933 ein rechter Verein und er wurde auch nach 1945 nicht zum Sammelbecken aufmüpfiger Zeitgenosssen. Daher ist auch noch nicht entschieden, ob der Eimsbütteler Turnverband durch politischen Druck von seiner „Robert-Finn-Halle“ abzubringen ist. Als im Oktober 1997 die Nazi-Vergangenheit des St.-Pauli-Vereinspräsidenten Wilhelm Koch bekannt wurde, stand am Ende die Umbenennung des damals noch nach Koch benannten Stadions. Doch Eimsbüttel ist nicht St. Pauli, und zwischen 1997 und 2006 entwickelte sich der „nachhaltige“ Trend zum „unbefangenen“ Patriotismus.

Wir werden sehen. Und auf dieser Seite nach und nach Material zu diesem Fall präsentieren. Wir freuen uns über jeden hilfreichen Hinweis (an unsere Mail-Adresse; auch anonym).

Das hier ausgebreitete Material stammt aus dem Netz und aus Büchern. Eine Archivrecherche ist in Vorbereitung. Es gibt in unserem Umkreis Historiker, die mit solchen Themen vertraut sind, allerdings ist die Recherche in Archiven aufwendig und sie benötigt Zeit, z.B. weil es bei Anfragen Bearbeitungszeiträume gibt.

Relativ einfach ist es, Mitgliedschaften von Robert Finn in NS-Organisationen in Erfahrung zu bringen. Doch die Mehrzahl der NS-Täter war nicht einmal in der Partei, und es ist angesichts der hohen Position Finns in der NS-Kriegswirtschaftsbürokratie nicht entscheidend, ob er auch noch in der NSDAP war oder nicht. Unklar ist noch die Quellenlage zur Schmieröl-Bewirtschaftung. Während des 1. Weltkrieges gab es dazu die zentrale Kriegs-Schmieröl GmbH. Bei den Nazis war das als Folge der vielfältigen Konkurrenzen in und zwischen Wehrmacht, SS, NSDAP, Reichsministern, Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt etc. oft weniger durchschaubar. Unklar ist auch noch, ob und wo es Akten über die Hamburger Shell zwischen 1925 und 1945 gibt. Nicht zuletzt ist an den ETV die Forderung zu richten, sein Material über Robert Finn offenzulegen. [Dieser Text stellt den Stand von Mitte September dar. Zu diesem Zeitpunkt wußten wir z.B. noch nicht, dass Finn nicht für die „Schmierölversorgung“, – so der ETV – sondern die „Schmieröl-Verteilung“ zuständig war.]

■ ■ Dokumente + Materialien

Das nachfolgende Material bezieht sich auf drei vom ETV (ohne Quellenhinweise) gemachte Angaben:

1. 1929 trat Finn in die Deutsche Shell AG ein.
2. Im 2. Weltkrieg leitete er die deutsche Schmierölversorgung.
3. Später wurde er Direktor der Shell Chemie in Hamburg.

– eine erste Annäherung an das Thema –


Shell-Haus Hamburg, Alsterufer 4-5, damals Sitz der Hauptverwaltung

■ (1) Die Shell AG in Hamburg (Rhenania-Ossag)
und an anderen Standorten

(a)

Die [eher unwahre] Geschichte von Shell in Deutschland in der Darstellung der Shell AG heute:

1902 gründet die Royal Dutch ihre deutsche Tochtergesellschaft „Benzinwerke Rhenania“ in Düsseldorf. 1919 wird die erste Raffinerie in Monheim eingeweiht und 1924 die erste Tankstelle der Rhenania in Neuss eröffnet. 1929 ist die Belegschaft auf 7500 Mitarbeiter angewachsen. [..16 Jahre fehlen!..] 1945 sind als Folge des Zweiten Weltkriegs alle Werke und Raffinerien stark zerstört, Vertriebseinrichtungen durch Kriegseinwirkungen zerschlagen. [schön gelogen]

(b)

Die tatsächliche Geschichte der Shell AG, die in Hamburg als Rhenania firmierte:

Die Firma, in die Robert Finn laut ETV 1929 eintritt, heißt Rhenania-Ossag Mineralöl Aktiengesellschaft. Das zeigt diese Aktie aus dem Jahr 1942 (Ausgabeort: Hamburg).

Geschäftszweck und Beteiligungen werden den Aktionären so erklärt:
Produktion: Benzin, Diesel, Schmieröl. Gegründet am 12.10.1917 unter Übernahme der Mineralölwerke Rhenania GmbH und der Benzinwerke GmbH. 1929 (dem Eintrittsjahr von Finn) Errichtung des Werkes in Hamburg-Harburg. Beteiligungen 1943: 1. Hydrierwerke Pölitz AG, Stettin-Pölitz. 2. Ostmärkische Mineralölwerke GmbH, Wien u.v.a. Großaktionär: N.V. de Bataafsche Petroleum Maatschappij, Den Haag, (Koninklijke Nederlandsche Shell-Gruppe). [Heute Tochtergesellschaft der Shell AG.]

(c)


Aktie der Ossag 1922 mit Stempel der Warburg-Bank

Vollständig ist auch diese Darstellung nicht. Was sie – 1942 aus wohlbekannten Motiven – verschweigt, wird meistens auch nach 1945 selten erwähnt: Die Gründer der Ossag waren Juden (aus dem hessischen Breidenbach).

Zwischen 1889 und 1903 entstand auf dem Grasbrook im Hamburger Hafen mit den „Ölwerken Stern-Sonneborn AG“ (OSS AG, später kurzOssag genannt), eine der ersten Schmierölfarbriken. Die Gründer, die Brüder Josef und Leopold Stern sowie deren später beteiligter Schwager Jacques Sonneborn, waren jüdisch. Sie hatten bereits 1886 in Köln-Sülz die „Rheinische Fett- und Vaselinefabrik“ gegründet. Auf dem deutschen Markt galt des Schmieröl von Ossag als das beste Produkt. In Freital/Sachsen entstand später eine weitere Schmieröl-Raffinerie, in der Voltol hergestellt wurde. Außerdem gehörten zur Ossag zeitweise ein Tankstellen-Vertrieb unter dem Namen Sonol, eine Fabrik in Pantin bei Paris, Niederlassungen in Mannheim, Straßburg, Breslau, Tetschen, Budapest, Antwerpen und Rotterdam sowie Verkaufsstellen in London, Paris, Turin und Genua. Die Firma besaß zudem mit der „Ossag“ ein eigenes Tankschiff (zunächst als Segel- , später als Motorschiff) zum Export der eigenen Produkte.

Zur gleichen Zeit entstand in Düsseldorf die „Benzinfabrik Rhenania GmbH“. Gründer war offiziell Heinrich Späth. Obwohl im Handelsregister nicht erwähnt, war jedoch die Royal Dutch (Shell) Mehrheitseigner: Der größte Teil des Stammkapitals wurde von zwei Vertrauten von Henri Deterding gehalten. 1913 baute die „Benzinfabrik Rhenania GmbH“ in Monheim (zwischen Düsseldorf und Köln) eine eigene Schmierölraffinerie, die „Mineralölwerke Rhenania GmbH“. Während des 1. Weltkrieges wurde dieses Werk, das rumänische Petroleumrückstände und Rohöle aus Venezuela zu Schmieröl verarbeitete, zum Hauptlieferanten der deutschen Armee. Im November 1917 wurden Benzinfabrik, Schmierölraffinerie und alle Vertriebsfirmen unter dem neuen Firmennamen „Mineralölwerke Rhenania Aktiengesellschaft“ zusammengeschlossen. Bereits während des 1. Weltkrieges kam es zu einer Beteiligung der Rhenania an den „Ölwerken Stern-Sonneborn“, die über ein damals kriegswichtiges Veredelungspatent verfügten (die Verarbeitung von fetten Ölen zu Schmierstoffen für Heer und Marine). Seither wartete die Royal Dutch Shell auf eine Gelegenheit zur Übernahme der Ossag. Das gelang ihr schließlich 1925. Die Rhenania AG nutzte die Kapitalschwäche der Ossag und kaufte den Traditionsbetrieb für 8,8 Mio. RM. Beide Gesellschaften wurden nun zur „Rhenania-Ossag Mineralölwerke AG“ zusammengeschlossen. Nur acht Jahre später, im Frühjahr 1933, also noch bevor die Nazis das ausdrücklich verlangten, wurden bei der Rhenania-Ossag alle jüdischen Teilhaber und Mitarbeiter entlassen. Als Erste mußten die Gründer der Ossag, Leopold Stern und Jacques Sonneborn, ihre Aufsichtsratsmandate niederlegen! Diese „Arisierung“ der Führungsetage wurde ausgerechnet vom Rhenania-Ossag-Direktor Walter Kruspig verfolgt, dem früheren Syndikus der Ölwerke Stern-Sonneborn, der 1925 mit seinen jüdischen Chefs zur Rhenania kam und dann in den 1930 Jahren NSDAP-Mitglied wurde [zu Kruspigs Tod auf einer Dienstreise siehe unten]. Auch die jüdischen Aufsichtsratsmitglieder Richard Stern, Karl Friedrich Kunreuther und Ludwig Hogrewe wurden entlassen. Entlassen wurden nicht nur Aufsichtsratsmitglieder, sondern auch jüdische Angestellte und Arbeiter. Eine Recherche über ihren weiteren Lebensweg hat bisher offenbar nicht stattgefunden. (1938 „arisiert“ wurden die benachbarten „Oelwerke Julius Schindler“, die 1907 gegründet wurden – mit Werken auf dem Grasbrook, in Wilhelmsburg und in Peine. Hauptprodukte waren Schmieröle und Fette. Die Zentrale saß in der Innenstadt, Hohe Bleichen 28).

In den Shell-Publikationen der 1950er Jahre wird der jüdische Hintergrund der Ossag ebenso verschwiegen wie die NSDAP-Mitgliedschaft des Wehrwirtschaftsführers Kruspig. Es versteht sich, dass sich auch in der Robert Finn-Biographie des ETV kein Hinweis befindet. Die Entlassung aller jüdischen Vorgesetzten und Mitarbeiter war damals ein Aufsehen erregendes Ereignis. Außerdem wurden durch die freiwerdenden Posten so mache Karrieren erst möglich. Als Jude entlassen wurde zum Beispiel auch Otto Stern, damals Direktor der Abteilung Schmieröl und Vorgesetzter von Robert Finn. Es war gewiss kein Zufall, dass dann Finn Shell-Schmieröl-Direktor war, bevor er „Leiter der deutschen Schmierölversorgung“ (ETV) wurde.
Die deutsche Gesellschaft ist ein verschworenes Schweigekollektiv. Die Alten, aber auch etliche Jüngere, wissen alles, aber behalten es für sich. Wegen des Kalten Krieges kam die Tätergeneration (neue Sprachregelung: „Erlebnisgeneration“ bzw. „Zeitzeugen“) zudem überwiegend straflos davon. 1950 sitzen im Hamburger Shell-Haus wieder viele der braunen Kameraden. Nur an der Spitze der Rhenania-Ossag, die seit 1. Januar 1947 „Deutsche Shell AG“ heißt, kam es zu Umbesetzungen – oft mit Niederländern wie z.B. dem Generaldirektor Albert de Graan. „Sonol“ ist heute übrigens die führende Schmierölmarke in Israel und dort zugleich der Name des größten Tankstellennetzes. Und das hat mit den Flucht – und Emigrationswegen der Gründerfamilien zu tun.

Und auch dies wäre noch zu erwähnen: Das noch unter Josef und Leo Stern entwickelte und im Ossag-Werk Freital bei Dresden produzierte Flugmotorenöl Voltol (ursprünglich: „Volt-Öl“ – für „elektrisch veredeltes“ Schmieröl), wurde in der NS-Zeit zum zentralen Motorenöl der deutschen Luftwaffe (z.B. für Focke-Wulf FW-190 oder den Bomber Heinkel HE-177). Es wurde weiterhin in Freital produziert, nun jedoch als „Shell-Voltol“ bzw. als Gemisch/Halbvoltol unter „AeroShell-Mittel“ (die Werksunterlagen sind vollständig erhalten). Das die Nazi-Luftwaffe mit „jüdischem Öl“ flog, durfte selbstverständlich nicht erwähnt werden. In den antisemitischen Hetzartikeln der Publikationen der Schmierölindustrie wurde ja ständig gesagt, die Juden in der Mineralölbranche wären dort immer nur in der „Zirkulationssphäre“ tätig gewesen („Juden = Geld“), während für die Produktion deutsche Ingenieure und Unternehmer verantwortlich gewesen seien („Arier = Arbeit“). Die antisemitisch motivierten Vertuschungen der Nazis sind auch nach 1945 nicht ohne Folgen geblieben: Shell stellt zwar bis heute Voltol her (als Shell Voltol Gleitöl) aber woher diese Marke kommt und dass es einst Görings Luftwaffenöl war, weiß praktisch niemand mehr. Es steht nun erstmals hier.


Josef und Leo Stern 

Das Werk Hamburg-Grasbrook 1912 mit dem Schriftzug „Ölwerke Stern-Sonneborn A.G:“ Heutige historische Darstellungen zeigen das Werk im Jahr 1926 mit dem Schriftzug „Rhenania Ossag“. 

(d)

Shell und die Nazis vor und nach 1933

Der Shell-Konzern wurde seinerzeit von dem fanatischen Antikommunisten und engagierten Naziunterstützer Sir Henry Deterding (1866-1939) geleitet. Der niederländische Industrielle war Gründer und Hauptaktionär des Shell-Konzerns. Nach der russischen Oktoberrevolution wurden der Shell-Konzern, dem 60 % der kaukasischen Erdölvorkommen gehörten, dort enteignet. Deterding entfesselte darauf hin mit ungeheuren Summen eine Kampagne gegen den Kauf des „stolen oil“. 1926 und 1927 fanden in London unter seiner Ägide Konferenzen statt, auf denen die Pläne des Industriellen Arnold Rechberg und des Generals Max Hoffmann, einen antisowjetischen Feldzug zu führen, beraten wurden. 1937 spendete er 10 Millionen holländischer Gulden an Adolf Hitler. Deterding wurde im Februar 1939 in Dobbin-Linstow in Mecklenburg-Vorpommern beerdigt, wo er zuletzt mit seiner deutschen Frau lebte. An seinem Grab fand sich damals die gesamte NS-Führung ein. Walter Kruspig, 1925 noch Syndikus der Ossag, ab 1927 Personalchef der Rhenania Ossag und seit 1930 deren Generaldirektor, zum Jahresbeginn 1933 NSDAP-Mitglied, ist auf den Fotos von der Beisetzung mit zum Hitlergruß ausgstreckten Arm zu sehen.

Die rechte Orientierung des Shell-Managements wirkte sich in den ersten Monaten des Jahres 1933 auf die Firmenpolitik gegenüber den Nazis aus. Mit dem Einverständnis der niederländischen Zentrale bemühte man sich, als regimetreuer Betrieb da zu stehen. Spätestens mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Amsterdam ist die Konzernmutter jedoch für das Tun der deutschen Shell-Firmen nicht mehr verantwortlich:

Shell’s ties with the Third Reich, however, were not limited to the use of forced labor. It was also a founding partner in Deutsche Gasoline(25%), the national German petroleum company explicitly crafted to give the Reich greater control over domestic gasoline production – for both military and civilian purposes. Shell additionally held the dubious distinction not only of having collaborated with the Nazi Regime to bring Deutsche Gasoline into fruition, but also of sharing control over the company with I.G. Farben Industrie – the infamous producer of Zyklon B poison gas. (Quelle)

(e)

Die Rhenania Ossag (Shell) produzierte direkt oder indirekt für Wehrmacht und Luftwaffe 

GENERALLUFTZEUGMEISTER
Aktennotiz über Besprechungen mit finnischem Militär- und Luftatt. Suellmann und Rhenania-Ossag, Mineralölwerke AG. und Olex Deutsche Benzin.
1. Rhenania-Ossag, Mineralölwerke AG
2. Bericht über die Erprobung des Schmieröls Aero-Shell-Schwerim DB-Flugmotor 600 G-2 Werk-Nr. 1943, 29.11.1937
3. Bauunterlagen Betriebsgebäude Hydrieranlage und Schmierölfabrik
(Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv)

During WWII, Rhenania produced fuel for the German army, for the air force, and for civilian consumption – until much of its production capacity was destroyed by Allied bombing.


Rechts unten die Aufschrift: „Rhenania-Ossag“

Für die Lieferungen der Industrie an die Wehrmacht gab es unterschiedliche Regelungen. Bei Betriebsstoffen + Schmiermitteln funktionierte es so: Von Betriebsstoff- bzw. Schmieröl-Verteilungslagern (Verteilungslager der Hersteller oder Wifo-Lager) oder direkt von den Raffinerien / Hydrierwerken (koordiniert von den Hersteller-Kartellen) gingen – Betriebsstoffzüge bzw. Schmierölzüge zu den Kraftfahr-Parks der Wehrmacht ab. Der Transport erfolgte mittelsEisenbahnkesselwagen. Die Masse der Kesselwagen wurde von der Wehrmacht in Mineralöl-Lagern bereitgehalten. Da dies den knappen Transportraum band, versuchte man vorhandene Tanks zu nutzen. Auf dem gleichen Weg wie Betriebsstoffe wurden Schmieröle an die Wehrmacht geliefert, nur dass Schmieröle häufig auch in Ölfässern angeliefert wurden.
Schüler, Klaus: Die Rolle der Eisenbahn bei Planung, Vorbereitung und Durchführung des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion. Frankfurt 1987.

(f)

Zwangsarbeit von (jüdischen) KZ-Häftlingen für Shell Hamburg (Rhenania-Ossag) und andere Shell-Standorte

KZ Neuengamme, Außenlager: DESSAUER UFER
Zeitraum des Bestehens: Mitte Juli 1944 bis 13. September 1944
Anzahl der Häftlinge: 1500 Frauen
Auftraggeber: Ebano-Oehler (Esso), Rhenania Ossag (Shell), Jung-Öl u. a.

Mitte Juli 1944 wurde das erste Frauenaußenlager des KZ Neuengamme in einem Speicher in Veddel am Dessauer Ufer im Hamburger Freihafen errichtet. Die ersten 1000 ungarischen und tschechischen Jüdinnen waren Anfang Juli 1944 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau für einen Arbeitseinsatz in Hamburg ausgewählt worden. Sie erreichten Hamburg
wahrscheinlich am 16. oder 17. Juli 1944. Etwa einen Monat später trafen am Dessauer Ufer weitere 500 polnische Jüdinnen aus dem Getto Lodz ein, die ebenfalls aus Auschwitz-Birkenau kamen. Die Frauen mussten im Rahmen des „Geilenberg-Programms“ – ein
(Sofortmaßnahmen-Programm zur Rettung der zerstörten Mineralölindustrie( – bei größeren Hamburger Raffinerien wie Rhenania
Ossag ((Shell), Ebano-Oehler (Esso), J. Schindler oder Jung-Öl Aufräumungsarbeiten verrichten. Am 13. September 1944 teilte die SS die Frauen in drei Gruppen auf und verlegte sie in die Lager Hamburg-Sasel, Wedel und Hamburg-Neugraben.
Gedenkstätte: Der Speicher wurde Ende 1998 unter
Denkmalschutz gestellt. An der Außenwand des Speichers wurde eine Tafel aus dem Programm der Hamburger Kulturbehörde „Stätten der Verfolgung und des Widerstandes 1933–1945“ angebracht. Es ist an diesem Ort der einzige Hinweis auf das ehemalige Außenlager. Am Elbufer entstand 1995 das Wandbild „Für die Frauen vom Dessauer Ufer“. Der ursprünglich vorgesehene Standort war von der stadteigenen Hamburger Hafen- und Lagerhaus-AG abgelehnt worden. Im Mittelpunkt der Darstellung steht Lucille Eichengreen, eine 1925 in Hamburg geborene Jüdin [sie wohnte in der Hohen Weide 25, praktisch neben dem ETV, der Freizeit-Wirkungsstätte von Robert Finn. Hier schließt sich sozusagen der Kreis. Anm. Ini] , die im Oktober 1941 [nebenan übte Robert Finn laut ETV-Magazin Weihnachtsmärchen mit den ETV-Jugendlichen ein] als 16-Jährige zusammen mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester ins Getto Lodz und später in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert worden war. Im Sommer 1944 kehrte sie als KZ-Häftling zur Zwangsarbeit in ihre Heimatstadt Hamburg zurück. Gemeinsam mit 500 anderen Frauen, zumeist polnischen Jüdinnen, kam sie vom Dessauer Ufer ins Außenlager Sasel des KZ Neuengamme und von dort gegen Kriegsende ins Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nach der Befreiung emigrierte Lucille Eichengreen, deren Mutter und Schwester ebenso wie ihr Vater (im KZ Dachau) ermordet worden waren, in die USA.

(Quelle: Gedenkstätte Neuengamme:
www.vriendenkringneuengamme.nl/Aussenlager.pdf

7.4.2003: Etwa 25 Personen versammeln sich vor dem Haus Hohe Weide 25 in Eimsbüttel. Hier hatte Lucille Eichengreen zwischen 1928 und 1935 als CECILIE LANDAU gelebt. Zusammen mit Vater, Mutter und jüngerer Schwester – den drei Personen, an deren Ermordung im NS-Vernichtungsapparat nun erinnert werden soll. Die Jahre im Ghetto Lodz und später in Auschwitz hat sie in ihrer Autobiografie „Von Asche zum Leben“ verarbeitet (1992). 

(Fortsetzung:)
LAGER DESSAUER UFER (GEILENBERG-PROGRAMM)
a) 15. September 1944 bis 25. Oktober 1944
b) 15. Februar 1945 bis 14. April 1945
Anzahl der Häftlinge:
a) 2000 Männer (1944)
b) 800 Männer (1945)
AUFRÄUMUNGSARBEITEN BEI RAFFINERIEN
Nachdem am 13. September 1944 die im Speicher am Dessauer Ufer inhaftierten Frauen in die Außenlager Neugraben, Sasel und Wedel verlegt worden waren, wurden zwei Tage später 2000 männliche KZ-Gefangene nach Hamburg-Veddel gebracht. Sie waren zuvor im Stammlager Neuengamme zur Arbeit ausgewählt worden und mussten im Rahmen des „Geilenberg-Programms“ Aufräumungsarbeiten bei Mineralölfirmen und der Reichsbahn verrichten. Ein Kommando musste auch Panzergräben bei Hittfeld ausheben. Die Bewachung der Häftlinge übernahmen Zollbeamte, die zur SS abgeordnet worden waren. Durch einen Bombenangriff der Alliierten am 25. Oktober 1944 wurde das Lager weitgehend zerstört. 150 Gefangene sollen dabei ums Leben gekommen sein. Die Überlebenden transportierte die SS ins Außenlager Fuhlsbüttel; die Arbeitseinsatzorte änderten sich nicht. Am 15. Februar 1945 ließ die SS 800 männliche KZ-Gefangene aus dem Außenlager Fuhlsbüttel an das Dessauer Ufer zurückverlegen. Ein Kommando war in Wilhelmsburg bei der Firma Jung-Öl zur
Treibstoffherstellung eingesetzt. Am 14. April 1945 ließ die SS das Außenlager am Dessauer Ufer endgültig räumen und transportierte die Häftlinge in das Kriegsgefangenenlager nach Sandbostel.
Bis zum 25. Oktober 1944 war SS-Obersturmführer Karl Wiedemann Leiter des Außenlagers.

ÜBERLEBT
Fritz Sarne (* 24. Mai 1906 Berneburg/Saale) lebte und arbeitete zwischen 1927 und 1934 in Harburg. Er beschrieb seine Erinnerungen in einer Tonbandaufzeichnung, die auf den 8. Januar 1990 datiert:
Zwangsarbeit: Ab dem 6. Juni 1939 wurde ich vom Hamburger Arbeitsamt zum Arbeitseinsatz, zum Judeneinsatz, zur Zwangsarbeit verpflichtet. Ulkigerweise kam ich nach Harburg zurück, zurRhenania/Ossag (Shell), wo ich mit einer »Judenkolonne«, bestehend aus 50 Leuten, die niemals zuvor Erdarbeiten verrichtet haben, Planierungsarbeiten für neue Tankanlagen auf dem Gelände der Rhenania/Ossag geleistet habe. [Ob Robert Finn das beim ETV-Stammtisch erzählte?]. Nachdem diese Arbeiten beendet waren, war ich an der Elbbrücke an der Wilhelmsburger Seite mit Kabelarbeiten beschäftigt, bei der Firma Burmeister, habe schwerste Erdarbeiten in Wandsbek bei der Verlegung des Rundfunkkabels Hamburg-Berlin leisten müssen. Ich war dann bis zu meiner »Evakuierung« am 25. Oktober 1941 nach Litzmannstadt im Eppendorfer Krankenhaus mit Vorbereitungen für Luftschutzkeller-Erdarbeiten tätig… Damals wohnte ich in dem »Judenhaus« Heinrich-Barth-Straße 8. Deportation: Wir waren 1.037 Menschen jeden Alters in unserem Transport, Hamburger und ein Teil Harburger. Von diesem Transport haben nachweislich nur drei Leute überlebt.(Quelle)
[Fritz Sarne ist Mitte der neunziger Jahre in den USA verstorben.]

siehe auch: Slave Labor at Rhenania Ossag
1,385 forced laborers worked at oil refineries and petrochemical plants owned and operated by the Shell Group. These workers, largely civilians from Eastern Europe and the Low Countries of Western Europe, were compelled to work on the grounds of German and Austrian subsidiaries, Rhenania Ossag (Hamburg) and Shell Austria AG, respectively. Shell has failed to compensate any of the men and women who worked on its grounds between 1943 and 1945. There where 150 forced laborers worked at the Hamburg refinery between 1944 and 1945. They were housed at the nearby Concentration Camp Hamburg-Hafen and worked under S.S. guard cleaning debris from air raids, shoveling snow, felling trees, and performing maintenance work. Ms. Zach, a claimant in our registry, was one of the forced laborers who worked for Rhenania Ossag in Hamburg. She has attested to the long hours, poor diet, and physical strain she endured during her time with Rhenania. Additional locations which housed Rhenania forced laborers: Civilian Work Camp, Homberg, 420 persons; Civilian Work Camp, Hamburg, 175 persons; Concentration Camp, Schwelm, 380 persons. Sources: Das NS-Lagersystem, pp. 78-9, 410, 434, 482. Verzeichnis der Haftstätten unter dem Reichsfuhrer-S.S., p. 374.

siehe auch:Lager der Shell Ölraffinerie: Lager für ungarische Juden in Floridsdorf/ Österreich: Ein Lager der Shell Ölraffinerie im Zeitraum von Juni 1944 bis April 1945. siehe auch:German Companies that used forced labor – Rhenania (Shell Oel Com.) – Rhenania-Ossag – Shell Ölraffinerie

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20. Oktober 1943:

Lebenslauf eines Altersgenossen und Kollegen von Robert Finn: DerShell-Architekt Georg Wellhausen. Geboren 1898. 1913 Lehre im Architekturbüro. 1929 – 1939: Chefarchitekt der Deutschen Shell AG,Rhenania Ossag Mineralölwerke AG. 1940: Freistellung von der Wehrmacht durch die Shell. 1941: Freigestellt für das Amt für kriegswichtigen Einsatz (AkE) in Hamburg. Zuständig für die Unterbringung von Zwangsarbeitern. 1987 gestorben in Hamburg.

Anm.: Die Freistellung von der Wehrmacht wegen einer Tätigkeit für Shell kam häufig vor, da Rhenania Ossag als R-Betrieb (Rüstungsbetrieb) eingestuft war. Vgl. auch die Biographie des Shell-Mitarbeiters Wolfgang Schulenbergs, wo es heißt: „Auf Anforderung des Shell-Konzerns von der Wehrmacht freigestellt.“ www.oldenburg.de 

Winterschild an einem Wehrmachts-Krad mit Hinweisen zur Verwendung von Motorenöl und Getriebeöl. 

■ (2) Die nationalsozialistische Schmierölversorgung
…. (der ETV gedenkt ihr mit der Robert-Finn-Halle)

(a)

Wozu Schmieröl? 

Erdöl – Rohöl – Mineralöl – Schmieröl:

Das Naturprodukt Erdöl wird vor der Verarbeitung in der Erdölraffinerie zum Rohöl aufbereitet.

Als Mineralöl bezeichnet man die Produkte, die bei der Verarbeitung von Rohöl durch Destillation und Raffination entstehen, vor allem alsoBenzin, Heizöl, Schmieröl. 

Schmieröl dient zur Verringerung von Reibung, die Materialverschleiß verursacht. Bei problematischen Umgebungen (Regen, Staub) nutzt man Schmierfett, welches die Wälzlager auch gegen äußere Einflüsse abschirmen kann.

Man unterscheidet Schmieröl nach Herkunft, vor allem mineralische Öle und synthetische Öle. Außerdem nach Anwendung: Motoröl, Kettenöl, Öl für feinwerktechnische Geräte, Marineöl etc.

Schmieröle setzen sich aus Grundölen verschiedener Herkunft, Raffination und Viskosität sowie aus Wirkstoffen zusammen, die dem Öl zur Verbesserung der Grundöleigenschaften beigemengt werden.

Beispiele:
• Das Kampfflugzeug Messerschmitt Me 108 hatte ein
Triebwerk mit Achtzylinder-Motor und 250 PS. Es startete mit 220 Liter Benzin und 15 Liter Schmierstoff an Bord. Verbrauch: Ein Flugzeug mit 1000 PS benötigt etwa 200 Liter Treibstoff und 3 Liter Schmieröl pro Flugstunde.
• Schlachtschiff Gneisenau: Länge 220 m, Besatzung: 1900 Mann, WPS: 160.000. An Bord waren bei Fahrtbeginn 72 Tonnen Treiböl und 25 Tonnen Schmieröl.
• U-Boote: Die beiden Dieselmotoren eines U-Bootes verbrauchten damals am Tag ungefähr 100 bis 150 kg Schmieröl. 1943 lag der durchschnittliche Brennstoffverbrauch bei 0,168 kg/PS/Std und der Schmierölverbrauch bei 0,036 kg/PS/Std. Daher gab es große Schmierölvorratstanks an Bord.

The Wehrmacht had one grade of motor oil „EINHEITSOIL“ for both summer and winter use in all types of automotive engines, an oil with a viscosity of 8 Engler at 50oC. For North Africa, they later used „Sondermotern Oel T“. During the Russian winter campaign of 1941, „Einheitsoil“ was unsatisfactory and a winter grade was produced but not containing Oppanol as the Army thought this additive produced gumming piston deposits. GEAR OILS: Normal type mile E.P. oils containing sulfurized fats were used at the start of the war. As supplies of fats decreased, lead naphthenate, free sulfur, sulfur monochloride treated cracked wax, and Etrol, a nitro compound containing some sulfur and fatty oil, were substituted.

NS-Luftwaffe: Rhenania-Ossag versorgte die Luftwaffe mit AeroShell-Mittel (ASM, mit 15% Voltol), mit einem 50 Grad Celsius Voltol-Öl und einem 20° C Viscose Hydraulic Schmieröl. In Freital bei Dresden wurden monatlich 200-250 Tonnen Schmieröl (Endvoltol, Halbvoltol) produziert.

NS-Kriegsmarine: Schmieröle von Rhenania-OssAG: Shell Öl CY2, Shell Öl CY3, Shell Öl BC9, Shell Marineöl, Shell Bunkeröl, Shell Korrosionschutzöl:

(b)

Rüstungsbehörden, Wehrmacht und Wirtschaft

In der NS-Zeit waren Verbände und Kartelle (häufig als „Arbeitsgemeinschaften“ bezeichnet) die Bindeglieder zwischen Unternehmen, Rüstungsbehörden und Wehrmacht. Bis 1939 berief das Reichswirtschaftsministerium, danach Albert Speers Rüstungsministerium die Führer und Direktoren der Kartelle und Wirtschaftsgruppen.

Bekannt wurde in diesem Zusammenhang der Cottbusser Textilfabrikant Hans Kehrl. Er war zunächst Präsident der IHK Niederlausitz, stieg dann ab 1935 in höchste Wirtschaftsämter auf und machte zugleich in der SS Karriere. Ab 1943 war Kehrl als Mitarbeiter von Rüstungsminister Albert Speer führender Organisator der deutschen Kriegswirtschaft. (Siehe: Rolf-Dieter Müller „Der Manager der Kriegswirtschaft. Hans Kehrl: Ein Unternehmer in der Politik des Dritten Reiches“ Klartext-Verlag, 1999)

Am 18. Oktober 1936 trat der Vierjahresplan in Kraft, mit dessen Hilfe Deutschland in Hinblick auf Roh- und Grundstoffe unabhängig und Wirtschaft + Wehrmacht binnen vier Jahren „kriegsfähig“ werden sollten. Einer der Schwerpunkte des Vierjahresplanes war die Herstellung von Ersatzrohstoffen für Benzin, Schmierstoffe und Gummi, wofür eine kostspielige Industrie errichtet wurde.

Bei Leipzig erfolgte die Herstellung von Benzin, Heizöl und Schmieröl aus Braunkohle, durch das Verfahren der Kohlehydrierung. In Leuna wurde schon 1927 durch die Inbetriebnahme einer Braunkohle-Hydrierungsanlage, aber auch aus Teer und schweren Erdölfraktionen mittels Wasserstoff unter Druck Benzin, Leichtöl und Schmieröl erzeugt. Shell und die I.G. Farben lieferten synthetischen Gummi, Schmieröl und synthetisches Benzin. Hinzu kam ab 1939 die Einbeziehung der Fabriken in den besetzten Gebieten.


Blick in die riesige Grube eines ehemaligen Mineralöl-Tanklagers bei Hitzacker

(c)

Schmieröl-Lager für die Wehrmacht

WIFO-Tanklager Hitzacker 

Die Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft mbH Wifo) mit Sitz in Berlin wurde vom Deutschen Reich 1934 zum Zwecke derBeschaffung, Bevorratung und des Transports strategischer Rohstoffreserven für den geplanten Krieg gegründet. Gesellschafter waren die Gesellschaft für öffentliche Arbeiten AG, Berlin und die I.G. Farbenindustrie AG, Frankfurt. Projekte der Gesellschaft gab es im gesamten Reichsgebiet. Bis zum Ende des Tanklager-Bauprogramms Mitte 1942 hatte die Gesamtkapazität der WIFO-Tanklager rund 1,5 Millionen m³ Kraft- und weit mehr als 100.000m³ Schmierstoffeerreicht, darüber hinaus verfügte die WIFO über große Tankkapazitäten für andere Stoffe, über mehr als 38.000 Kesselwagen und 35 Schiffe. Am Kriegsende arbeiteten reichsweit rund zehntausend Mitarbeiter für die Gesellschaft.

Auch bei Hitzacker an der Elbe wurde in den Jahren 1936-38 auf einer Fläche von über 460 ha ein Großtanklager mit drei Lagerungsbereichen (Treibstoff, Öl und Sonderkraftstoff), ausgedehnten Straßen- (über 6,7km), Schienen- (rund 11km) und Rohrsystemen, zwei Häfen, einem Heizkraftwerk zur Verflüssigung des zähen Öls, Verwaltung, Labors, einem Ölbahnhof, zwei Benzin-Bahnhöfen, mehreren Rangier- und Abstellgleisen, zwei großen und zahlreichen kleinen Pumpstationen, einer Fass-Abfüllanlage, Kesselhäusern, Wasserwerk, Wach- und Zwangsarbeiterlagern und vielen weiteren Bauten. Zur werksinternen Infrastruktur gehörten auch Kesselwagen und zwei Diesellokomotiven, die in eigenen Lokschuppen untergebracht waren. Der Lagerbereich für Kraftstoff bestand aus 30 Tanks mit einer Kapazität von jeweils 3.300m³, hatte also eine Gesamtkapazität von rund 100.000m³ Benzin. Der überirdische Teil wurde mit Erdboden überschüttet und aus Tarnungsgründen bepflanzt.

siehe auch: 
Die Benzin- und Schmieröl-Lager, die die Wehrmacht bei Hitzacker hat bauen lassen, waren geheime Einrichtungen an geheimen Orten, um die Kriegsmaschinerie des 3. Reiches am Laufen zu halten. Auch hier waren Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter bei der Ausführung eingesetzt. Und hier wie anderswo hüllt sich ein Mantel des Schweigens über die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den jeweiligen Lagern.

Auch in Lichtenau-Herbram
(Kreis Paderborn) sind zahlreiche Relikte eines Groß-Tanklagers der WIFO erhalten. Wie aus den Akten des Bundesarchivs hervorgeht, zeichnete die WIFO für die Errichtung + Betrieb von Lagern für Betriebs + Treibstoffe und hochwertige Schmierstoffe sowie deren Beschaffung + Transport im Zuge der Mobilmachung verantwortlich. Ende des 2. Weltkriegs wurde die Anlage von Geschwadern der Alliierten angegriffen und zerbombt.

Bekannt ist auch das
Wehrmachts-Öl-Lager im Heiligenstädter Pferdebachtal: Mitte 1937 hatte die Wehrmacht vier Nachschublager für Treibstoffe undSchmiermittel geplant, die von der Wifo errichtet werden sollten. „Alle Anlagen sind besonders gut getarnt. Kraftstoff und Schmieröle werden aus den Kesselwagen in kleine Gebinde umgefüllt oder in die Tanks gepumpt. Es können täglich bis zu 300.000 l versandt werden“. Am 30. April 1943 lagerten hier 1.884 t Normalbenzin, 459 t Diesel, 966 t Motorenöl und 229 t Schmieröl. In unmittelbarer Nähe der Pumpstation war die Füllstation für fertige Kraftstoffe und Schmierölangesiedelt, wo neben Fässern auch Kanister befüllt wurden.
Baranowski, Frank: Rüstungsprojekte in der Region Nordhausen, Worbis und Heiligenstadt während der NS-Zeit, Duderstadt 1998. Ders.:Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Nordthüringen, Duderstadt 2000.


Das Hamburger Schmierölwerk der Rhenania-Ossag nach dem alliierten Angriff am 4. April 1945. Das Werk Grasbrook produzierte für die Wehrmacht ASV-Motorenöl, ASV-Getriebeöl, Einheitsschmierfett und ASV-Wintermotorenöl. Nach dem Prinzip des günstigsten Fabrikationsortes war das Werk z.B. 1943 den Wehrkreisen I, III, VII, XVII, XVIII, XX und dem Protektorat zugteilt. 

1940-1945: Robert Finn geht die Arbeit auch deshalb nicht aus, weil die Briten und Amerikaner – anders als der ETV- genau wissen, was nationalsozialistische „Schmierölversorgung“ bedeutet: 

Alliierte Angriffe auf die Schmierstoffproduktion der Nazis
Im April 1940 wurde vom britischen Air Ministry eine neue Direktive herausgegeben. Nun führten Hydrierwerke zur Herstellung von synthetischem Treibstoff die Liste an. Mit dieser Zielpriorität eröffnete das Bomber Command dann im Mai 1940, nach dem deutschen Luftangriff auf Rotterdam, den strategischen Bombenkrieg gegen das Deutsche Reich. Wichtige Ziele waren u.a.: Gelsenkirchen Gelsenberg Benzin AG (480.000 t), Gelsenkirchen Hydrierwerk Scholven AG (240.000t), Bottrop-Welheim: Ruhröl AG (160.000 t), Duisburg-Homberg: Schmierölwerke Rheinpreußen (3.600 t Schmieröl)

Hamburger Abendblatt, 21. Juli 2003
Bomben auf Schmieröltanks in Harburg
Am 18. Mai 1940 dringen rund 30 Kampfflugzeuge der Royal Air Force (RAF) aus Richtung Nordsee in Hamburgs Luftraum ein. Am 20. Mai 1940 durchsieben Bombensplitter fünf mit Schmieröl gefüllte Tanks in Harburg. 3000 Tonnen laufen in die Umwallung aus, werden aber zurückgepumpt. Ein Volltreffer setzt im Juli 1940 einen Schmieröltank der Rhenania-Ossag im Petroleumhafen in Brand.

Hamburg-Wilhelmsburg 1944: Am 20. Juni werden die Rhenania-Ossag, die Deutschen Erdölwerke und die (1938 „arisierten“) Ölwerke Julius Schindler erfolgreich bombardiert.

Die entscheidende und endlich erfolgreiche Offensive gegen die Mineralölindustrie fand ab 1944 statt. Siehe: United States Strategic Bombing Survey, Summary Report. The Attack on Oil. Further Dividends From the Oil Attack. No. 119: Rhenania Ossag Mineraloelwerke A G, Harburg Refinery, Hamburg, Germany. 120: Rhenania Ossag Mineraloelwerke A G, Grasbrook Refinery, Hamburg, Germany. 121: Rhenania Ossag Mineraloelwerke A G, Wilhelmsburg Refinery, Hamburg, Germany.

Rheinische Post, 12.02.2005
Schmierölwerk Monheim brennt
Die Schmierölwerke der Rhenania-Ossag waren ab 1942 ein Hauptziel alliierter Bombenangriffe auf Monheim. Am 25. Oktober 1944 veröffentlichte die New York Times ein Bild der brennenden Raffinerie. Im Februar 1945 stand das Werk erneut in Flammen.

Leipziger-Volkszeitung, 24.8.2004
Angriff auf das Schmierölwerk Freital
Am 24. August 1944 startete ein 1200 Bombenflugzeuge umfassender Verband der 8. US-Luftflotte, geschützt durch über 600 Jäger. Während ein Teil das Leuna-Werk und Rüstungsbetriebe bei Weimar (in Nachbarschaft des KZ Buchenwald) angriff, bombardierten Teile des Verbandes das Hydrierwerk Ruhland, um dann den Raum Brüx zu erreichen, wo sie die Sudetenländischen Treibstoffwerke angriffen. Vorher war aber die 486. und die 487. Bomber-Gruppe (65 B17-Bomber) des 92. US-Kampfgeschwaders nach Westen abgedreht und hatte Kurs auf Freital genommen. Ziel des Angriffs waren die als Objekt „GQ 1612“ markierten Anlagen der Rhenania Ossag Mineralölwerke AG in Freital-Birkigt, die kältebeständige Spezialschmierstoffe (etwa 6000 Tonnen pro Jahr) für die Luftwaffe lieferten und als Hauptproduzent von Voltol-Ölen galten.

[Nachtrag 1/07 zu dieser Abbildung: Was wir im Sept. 2006 noch nicht wußten – Carl Zerbe, der als Besatzer in Amsterdam für die Wehrmacht forschen lies, meldete im Deutschen Reich seine Patente an. Robert Finn machte ihn einige Jahre später zu seinem technischen Berater. Siehe unten]. 

(d)

Schmieröl aus den besetzten Gebieten

– Raubgut für Robert Finns ASV
Beute-Schmierfett wird über Robert Finns ASV an die Industrie verkauft. Ein interner Vermerk der Reichsstelle für Mineralöl vom 26. September 1944:

[Nachtrag Jan. 2007:] Im September 2006, als wir mit unseren Nachforschungen begannen, war uns dieses Dokument noch nicht bekannt. Es gab jedoch BEGRÜNDETE Vermutungen darüber, wie Finns ASV gearbeitet haben könnte. Im Januar 2007 wurde aus der Vermutung Gewissheit: Die ASV war auch mit dem Ankauf und dem Vertrieb von Schmieröl befasst, das die Wehrmacht in den überfallenen Ländern erbeutet hatte. Robert Finn war während dieser Zeit Direktor der ASV. 

– Raub in Polen

(Februar 1941)

-Raub in den Niederlanden
Hungerwinter in den Niederlanden 1944/1945
Mit der Befreiung am 5. Mai endete für die Niederländer nicht nur die fünfjährige Besatzung durch die Deutschen. Für tausende Bewohner der großen Städte im Westen des Landes ging auch eine Hungersnot zu Ende. 22.000 Menschen starben zwischen September 1944 und Mai 1945 an den direkten oder indirekten Folgen des Hungers.
(…) Im Laufe der Besatzung stellte Deutschland immer mehr Forderungen: Kaffee, Tee, Tabak, Aluminium, Gummi, Schmierölund Benzin.

– Raub in Frankreich 
Der Militärbefehlshaber in Frankreich.
Abt. MVZ[2] – Gruppe 3 – Br.[ief]B.[uch] Nr. 480/43 g(eheim). Paris, den 6. November 1943, Stempel: Geheim! LAGEBERICHT ÜBER VERWALTUNG U. WIRTSCHAFT, Juli/September 1943. Mit Beitrag des WEHRWIRTSCHAFTSSTABES West:
Im Schmierölsektor ist die Produktion weiterhin angestiegen. Januar 1944: Schmieröl- und Mineralöl-Transporte sind nur zum kleinsten Teil durchgeführt. April 1944: Ernste Mangellagen sind flüssige Treibstoffe(nur 35% der Zuteilung von März 1942), Schmieröl und Bereifung.

– Raub in Griechenland
Bis September 1941 wurde in hektischem Tempo alles beschlagnahmt, was von Nutzen schien. Darunter Rohstoffe, Halbfabrikate, Schmierstoffe, wertvolle Maschinen sowie Transport- und Zugmittel. Der Oberfeldzeugstab 4 bei der 12. Armee meldete bis zum 23. Juni 1941 seien von der erfaßten Beute 111 Eisenbahnwaggon und zwei Schiffe mit je 679 t. nach Deutschland gebracht worden. Mit Beginn des Überfalls versuchten die Deutschen vor allem über Manager der Privatwirtschaft in Uniform die Produktionsstätten in ihre Gewalt zu bringen. Der Beauftragte des Kruppkonzerns in Athen meldete nach Essen, in der Zeit vom 1. bis 10. Mai 1941 habe man die gesamte griechische Bergbauproduktion „für Deutschland gesichert“. Von besonderer Bedeutung erschien den Deutschen die Kontrolle über die griechischenMineralölgesellschaften. Auf Initiative der deutschen Großwirtschaft wurde den griechischen Betrieben von deutschen Besatzungsbehörden die Rohstoffe und Halbfabrikate durch Beschlagnahmungen entzogen, so dass sie geschlossen werden mußten.

Jagd nach Öl: Sowjetunion, Iran, Irak
Die Wehrmachtführung errechnete 1939 die für den Krieg nötige Jahresmenge mit 24 Millionen t Öl, das waren mindestens 20 Millionen t mehr, als aus den deutschen Erdölfeldern und den Synthesewerken herauszuholen war. Die Wehrmacht stellt klare Forderungen nach Beherrschung der rumänischen Ölfelder. Sie plante außerdem die Besetzung der Förderstätten des estnischen Ölschiefers und der galizischen Ölfelder (Südostpolen) und „das größte und lohnendste Ziel: die Beherrschung des gewaltigsten Erdölgebietes Europas, Kaukasien.“ 1940 träumten die deutschen Eroberer von der Verwirklichung eines deutschen Erdölimperiums, das sich nach der Besetzung Frankreichs und eines Sieges über England ergeben hätte: das britische, niederländische und französische Eigentum an der rumänischen Ölausbeute, das tatsächlich 1940/41 unter deutsche Kontrolle geriet, die britischen und französischen Ölkonzessionen im Irak, das britisch beherrschte Öl des Iran und in Saudi-Arabien, Kuweit und Bahrein (Royal Dutch- Shell ). Arabische Politiker bereiteten im April 1941 einen antibritischen Aufstand im Irak vor. Eine erhebliche Anzahl deutscher militärischer und ziviler „Berater“ landeten Anfang Mai mit 20 Flugzeugen im Irak, die jedoch binnen vierzehn Tagen niedergekämpft wurden. Kaukasus-Öl: Zuerst fielen der Wehrmacht kleinere Ölvorkommen in Ostgalizien, Estland und der Ukraine in die Hand. Im Herbst 1941 begann die Niederlage der Nazi-Wehrmacht. Doch die Wehrmacht plante weiter den Vormarsch zumIrak und Iran, gar nach Indien. In Nordafrika rechneten die Militärs mit Rommels Vorrücken in Richtung auf den Golf. Im Indischen Ozean würde man schließlich mit dem japanischen Bundesgenossen zusammentreffen.

Deutsche Tradition: Mit „irakischen Freiheitskämpfern“ gegen „britischen Kapitalismus und Juden“ (Abbildung aus: Hans Bahr: „Das Öl im englischen Krieg“, Berlin 1941). Erläuterung: Seit 1935 gab es eine britische Pipeline von Kirkuk/Irak nach Haifa/Palästina. Deutschland mobilisierte damals faschistische irakische Putschisten gegen England. Zugleich wollte die Wehrmacht bis nach Palästina kommen. Die Einsatzgruppen zur Judenvernichtung waren schon zusammen gestellt.

– Osteuropa/Sowjetunion: Kontinentale Öl
Die Kontinentale Öl AG (Konti Öl) wurde am 27. März 1941 gegründet. Sie hatte das ausschließliche Recht zur Gewinnung und Verarbeitung von und zum Handel mit Mineralölerzeugnissen (Schmierstoffe etc.), in den von Deutschland besetzten (und noch zu erobernden) Gebieten. Die ersten „Erwerbungen“ waren dierumänische Erdölgesellschaften Concordia und Columbia Oil ausfranzösischem bzw. belgischem Besitz. Für die Übernahme der Erdölquellen des Kaukasus wurde im August 1941 die Tochtergesellschaft „Ost Öl GmbH“ (Ostöl) gegründet. Diese hatte Ende 1941 bereits für 16 Millionen RM Bohrgeräte, Fahrzeuge und andere Betriebsmittel gekauft, doch die Erdölquellen des Kaukasus sollten zum Glück nie in deutsche Hand geraten. Für das Baltikumwar die Tochtergesellschaft „Baltische Öl GmbH“ vorgesehen. Für die Inbesitznahme der Erdölanlagen wurden spezielle Wehrmachtseinheiten als Beuteerfassungstrupps gebildet, so das„Mineralölkommando Nord“, „Mineralölkommando Süd“ und das „Mineralölkommando K“ für den Kaukasus. Die Gesellschaft wurde geleitet von: Rudolf Fischer – Vorsitzender des Vorstands (Direktor der IG Farben). Im Aufsichtsrat saßen u.a.: August Rosterg (Wintershall), Karl Schirner (Arbeitsgemeinschaft Erdöl-Gewinnung und Verarbeitung, in der auch Robert Finn saß: siehe unten).

[Die Wintershall AG ist bis heute der größte Mineralöl- und Erdgas-Produzent in Deutschland. Der Hauptsitz befindet sich in Kassel. Das Unternehmen ist eine 100%ige Tochtergesellschaft der BASF in Ludwigshafen, Nachfolger der IG Farben. 2006 startete Wintershall als erstes ausländisches Unternehmen mit der Erdölförderung in Russland, wo man 1941 schon hin wollte.]

-DIE TECHNISCHE BRIGADE MINERALÖL 
Göring ließ einen gewaltigen militärisch-technischen Apparat zusammenstellen, die sogenannte Technische Brigade Mineralöl (TBM), die später über 6000 deutsche Kräfte, Offiziere, Soldaten und zivile Fachkräfte, zählte und für die weitere 6000 sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene arbeiteten. Die Niederlage bei Stalingrad und die sowjetische Offensive in Richtung Rostovbedeutete zum Glück das Ende des gesamten Kaukasus-Feldzuges. Weder Grozny noch die Stadt Ordshonikidse (Vladikavkaz) wurden von den Nazis erreicht. Die Ölleute der TBM, insgesamt über 1500 Mann, zogen im Oktober erfolglos (und unter großen Verlusten) ab.

-Karpaten Öl AG 
Mit dem Einmarsch der Wehrmacht kamen die deutschen Mineralölkonzerne auch in das ostgalizische (ukrainisch-polnische) Erdölgebiet südlich von Drohobycz. Die Beskiden-AG bzw. die Karpaten Öl AG, wurden 1939 bzw. im August 1942 im Auftrag des Reiches von einem Firmenkonsortium gegründet, um die galizischen Erdölvorkommen auszubeuten. Die Karpaten-Öl-AG, seit Frühjahr 1943 offizieller Wehrbetrieb, richtete in der Nähe von Borislaw eigene Arbeitslager ein. Der überwiegende Teil der über 1000 Insassen waren ‚Arbeitsjuden‘, die neben dem Stern mit einem ‚R‘, für ‚Raffineriearbeiter‘ gekennzeichnet wurden.

Wichtigster Lieferant von Öl für die deutsche Kriegsmaschine war das faschistische Rumänien. (Quelle: Dietrich Eichholtz "Deutsche Politik und rumänisches Öl 1938-1945". Leipzig 2005) 

(e)

Synthetische Schmierölproduktion in Konzentrationslagern

Bunafabrik in Auschwitz

Die IG Farben übernahm eine Reihe von Chemiewerken in den besetzten Gebieten, wie die in jüdischem Besitz befindlichen Skoda-Werke Wetzler. Der starke Bedarf an Rohstoffen zur Kriegsführung, wie Kautschuk, Schmieröl und Benzin, führte 1941 zur Errichtung einer großen Bunafabrik in Auschwitz. Für die Häftlinge, welche die Fabrik bauen mussten, wurde das Konzentrationslager Monowitz, Auschwitz III errichtet. (…) Das Verfahren der IG Farben war das bedeutendste zur Erzeugung von synthetischem Treibstoff. Das Produkt der Reaktion – Buna – bildete die Grundlage für synthetische Kautschuke. Ethan wurde katalytisch dehydriert. Durch seine Polymerisation konnten Schmieröle hergestellt werden. Nachfrage: Vor allem der Bedarf der Wehrmacht. Den größten Produktanteil des IG-Verfahrens bildete der Flugtreibstoff, gefolgt von Fahrbenzin, Diesel, Heizöl und Schmieröl. (Quelle: www.ruhr-uni-bochum.de)


Zubehörteil aus der Winterausrüstung der Wehrmachtsfahrzeuge zur Feststellung der Ölverdünnung des Motoröls. Bei hohen Minustemperaturen ist das Öl so zähfließend, dass der Motor nur schlecht oder überhaupt nicht zu starten ist. Deshalb wurde eine vorgegebene Menge Benzin dem Motoröl beigegeben. Wenn das Fahrzeug außer Betrieb genommen werden sollte, wurde der Motor abgestellt und mit dem Luftblasenviskosimeter überprüft, wie viel Benzin noch im Öl nach dem Benutzen von der letzten vorgenommenen Ölverdünnung vorhanden ist. Dies ist notwendig zu überprüfen, da bei zu hoher Verdünnung die Schmierfähigkeit des Öls nachlässt. 

KZ Ebensee – Deckname „Dachs II“ 
Übersetzung eines amerikanischen Militärberichts, der kurz nach dem 2. Weltkrieg entstand (Autor: Felix). Er behandelt die Schmieröl-Produktion „Dachs II“, die in den Stollenanlagen „Zement A“ untergebracht wurde.
Standort: Die DACHS II Anlage der Deutschen Erdölaktiengesellschaft Erdölwerke „Nova“, befand sich unterirdisch in der Nähe von EBENSEE, Österreich, und wurde am 29. Mai 1945 von L. Newman und H.M. Weir untersucht.
Verhörte Personen: Betriebsführer: Dr.Friedrich Staiger, Maschinen Ingenieur: Egon Kasimier, Kaufmännischer Direktor: Erich Greiser
Allgemeine Beschreibung der Anlage: Die Anlage „A“ besteht aus 12 Haupttunnel welche 326 m in den Berg getrieben wurden. Alle Haupttunnel hatten Portaleingänge. Zwei von den 3 Quertunnel, Nr. 1 und 2 sind mit Schienen ausgerüstet und so gebogen daß damit alle Haupttunnel erreicht werden konnten. Der Hauptzweck der Anlage war es, Rohöl, welches per Schiene angeliefert wurde, in Benzin undSchmierstoffe zu verwandeln. Die miteingeschlossenen Anlagen bestanden aus „Öfen“, vakuum Destillations-Türmen, Entparafinierungs-Räumen, Lagerungstanks, Kesselräumen, Verladungstunneln für Benzin und Öl. Die Arbeiten begannen am 15. November 1943 und wurden am 1. Februar 1944 abgeschlossen.

Arbeitskräfte: Deutsche Zivilisten: 1168. NS-Techniker: 219. „Fremdarbeiter“ („freiwillige“ Zwangsarbeiter): 1231. Kriegsgefangene :356. Sklavenarbeiter :6916. Gesamt: 9890

 

(f)

Heute:

Die NS-Schmierölversorgung als „Rüstungsaltlast“ 1945: Die Alliierten beginnen, die Rüstungsanlagen zu zerstören. Etwa 125 Werke unterhielt die Wehrmacht zur Herstellung von Kampfmitteln und Munition. Darüberhinaus entstanden im Deutschen Reich seit 1933 etwa 4000 Rüstungsanlagen auf einer Fläche von 10.000 Quadratkilometern. Giftige Substanzen verseuchten das Gelände. „Neben vielen krebserregenden Stoffen gehören die Schmiermittelzu den Substanzen, die sich noch heute in den Böden befinden“‚, sagt Prof. Preuß, Leiter der Arbeitsgruppe „NS-Rüstungsaltlasten“, die seit 1991 an der Uni Mainz arbeitet.

Ostthüringer Zeitung, 14.6.2001
Schmieröllager der Wehrmacht beseitigt
Das von der Wirtschaftlichen Forschungsgesellschaft mbH (Wifo) 1939 aus dem Boden gestampfte Heerestanklager für Schmierstoffe bei Münchenbernsdorf existiert nicht mehr. Mit rund 6,2 Millionen hat das Bundesvermögensamt eine der größten militärischen Altlasten saniert. Wo einst die gewaltigen Hochbehälter in den Himmel ragten, unterirdische Bunker und Tanksysteme für Spekulationen sorgten, ist jetzt nichts mehr. Nicht zuletzt durch die Bombardements wurden große Areale verseucht. Ein Zug, voll beladen mit Schmierstoffen, wurde getroffen, tagelang war damals ein Flammenmeer zu sehen.

Shell Deutschland Oil GmbH
ELBE MINERALÖLWERKE
Schmierstoffwerk Grasbrook
Worthdamm 32, 20457 Hamburg
Schmierölkapazität: 0,58 Mio. t

Der Verband Schmierstoff-Industrie 
(VSI) ist ein Zusammenschluß aller bedeutenden Hersteller von Auto- und Industrieschmierstoffen in Deutschland mit über 50 Mitgliedsfirmen.

Noch näher dran als der ETV: Der SV Shell
Der Sportverein Rot-Gelb Hamburg von 1926 e.V. ist hervorgegangen aus dem S.V. Shell Hamburg von 1930 und dessen Vorgänger Sportverein Rhenania-Ossag Hamburg von 1926.

Erinnerungskultur im September 2006: Festveranstaltung des ETV zur „Wiedereinweihung“ der „Robert-Finn-Halle“. Die NS-Biographie des Namengebers ist dem ETV-Vorstand bekannt 

Anhang

■ (3) Robert Finn in den Darstellungen des ETV und der Lokalpresse 

(a)

Robert Finn im ETV-Magazin 3/2006 bzw. (gleichlautend) auf derETV-Homepage[*]

[*] 22.9./Hinweis: Der nachfolgend abgedruckte Text des ETV über Robert Finn wurde am 21. September von der ETV-Homepage entfernt. Er wird weiterhin über die PDF-Version des ETV-Magazins (Seite 20) auf der Homepage angeboten. Außerdem ist die gelöschte Seite bis Ende Oktober unterGoogle-Cache zu sehen. 

Robert Finn, Namensgeber unserer neu-renovierten Sporthalle, wurde am 11. Oktober 1899 als ältester Sohn eines hamburgerischen Kaufmanns geboren. Mit 7 Jahren trat er in den ETV ein. Schon bevor er 1917 mit dem Notabitur zum Kriegsdienst eingezogen wurde, engagierte er sich im Jugendbereich des Vereins. Nach dem Krieg studierte Robert Finn in Hamburg Deutsch, Geschichte und Kunstgeschichte und wollte ins höhere Lehramt. Auf Anraten seines Vaters wurde er jedoch Kaufmann.
Bevor er 1921 bis 1924 aus beruflichen Gründen in Rio de Janeiro und Las Palmas verbrachte, war er unter anderem als Redakteur der Zeitschrift „Jungs und Mädels im ETV“, Wanderführer, Leiter von Wanderführer-Lehrgängen und Regisseur von Weihnachtsmärchen im ETV tätig. Nach seiner Zeit im Ausland arbeitete er einige Jahre in Niedersachsen und trat 1929 in die Deutsche Shell AG ein. Im 2. Weltkrieg leitete er die deutsche Schmierölversorgung. Später wurde er Direktor der Shell Chemie in Hamburg.

Schon in dieser Zeit war er mit verschiedenen Aufgaben im ETV betraut und wurde 1948 zum 1. Verbandsvorsitzenden gewählt. Robert Finn trieb den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Anlagen mit Tatkraft voran und war dabei sehr findig in der Geldbeschaffung. Er sorgte für den Wiederaufbau und Ausbau der Tennis- und Fußballanlage und des Gebäudes an der Bundesstraße. Die Kleine Halle wurde wiederhergestellt, die große Halle, die 1976 zu Ehren des langjährigen 1. Vorsitzenden in Robert-Finn-Halle umbenannt wurde, entstand durch eine waagerechte Unterteilung neu. Der Bereich darunter wurde von der Edeka Großeinkauf als Lagerraum genutzt. 1957 baute die Philips-Sport-Gemeinschaft diese Fläche für Sportzwecke aus. Zehn Jahre später wurde auch die Kleine Halle waagerecht unterteilt und der Céronne-Saal entstand. Damit hatte Robert Finn die nutzbare Fläche des Vorkriegshauses für rund 1.436.000 DM verdoppelt.

Auch die Gründung und der Anschluss neuer Abteilungen wurden von Robert Finn stark vorangetrieben und führten zum Aufschwung des ETV, der zu einem der größten deutschen Turn- und Sportvereine wurde.

Doch nicht nur im ETV engagierte sich Robert Finn für den Sport. 1951 übernahm er den Vorsitz im Finanzausschuss für die Vorbereitung und Durchführung des Deutschen Turnfestes in Hamburg. Außerdem war er von 1957 bis 1971 im Vorstand des Hamburger Sportbundes tätig und wurde anschließend Ehrenmitglied.

Nach 25-jähriger Amtszeit kandidierte er nicht wieder für das Amt des ersten Verbandsvorsitzenden und wurde 1973 von Karl-Heinz Lanser abgelöst.

Anlässlich seines Todes am 11. Juni 1974 schrieb Paul Ritter: „Trotz der Erfolge und der Anerkennung, die Robert Finn von allen Seiten zuteil wurde, blieb er immer derselbe Mensch: Er war gewandt im Umgang, nie anmaßend und überheblich. Er hatte Humor und konnte herzhaft lachen. Er erzählte gern von seinen Erlebnissen und Begegnungen mit Menschen jedes Standes, wobei er ein erstaunliches Gedächtnis bewies. Aber er konnte auch gut zuhören, und so ergab sich oft ein lebhafter, sachlicher Meinungsaustausch.“

(b)

Robert Finn in der freien Qualitätspresse, die den ETV-Satz „Im 2. Weltkrieg leitete er die deutsche Schmierölversorgung“ einfach überhört.

Hamburger Abendblatt, 14. September 2006
Herz des ETV in neuem Glanz
Für 375 000 Euro wurde die älteste Sporthalle Hamburgs renoviert. Am Sonntag wird die Neueröffnung gefeiert. Frank Fechner nennt den Komplex in der Bundesstraße, der sechs Sporthallen, drei Gymnastiksäle, zwei Judo-Dojos, einen Kraftraum und ein Fitnessstudio beheimatet, „das Herz des ETV“. Der Geschäftsführer weiß um die Bedeutung der Robert-Finn-Halle (benannt nach dem Wiederaufbauer und ETV-Mitglied Robert Finn) für seinen Verein. Nachdem die größte der sechs Sporthallen renoviert wurden, findet am Sonntag ein Festakt zur Neueröffnung statt. Dass die 375 000 Euro teuren Maßnahmen, 125 000 Euro wurden vom Hamburger Sportbund (HSB), der Stadt, dem Bezirk und der Umweltbehörde bezuschusst, abgeschlossen sind, freut vor allem die 6000 Sportler des ETV, die die Halle nun wieder auf ihrer gesamten Fläche (8000 Quadratmeter) nutzen können.“

Die Welt, 16.September 2006
Robert-Finn-Halle des ETV erstrahlt in neuem Glanz 
Die Robert-Finn-Halle des ETV ist mit ihren 96 Jahren die älteste noch genutzte Sporthalle Hamburgs. Darauf legt der Verein mit großem Stolz wert. Ein interessanter Ansatz der Eigenwerbung in einer Zeit, in der Sporthallen gern zu „Arenen“ werden. „Äußerlich hat sich hier eigentlich kaum etwas verändert“, sagte Geschäftsführer Fechner, während er einen Stoß alter Bilder [aus dem ETV-Archiv] durchblättert. Rund 350 000 Euro kosteten die Umbaumaßnahmen, 120 000 Euro wurden dabei aus öffentlicher Hand beigesteuert, der Rest wurde durch Spenden und Darlehen finanziert. [Andere Zahlen als beim Abendblatt! Und von wegen Spenden!]

Robert-Finn-Gedächtnisfeier am 17. September 2006 in der „Robert-Finn-Halle“ des Eimsbütteler Turnverbandes. Mit 250 Gästen aus Sport, Politik und Medien, darunter Verena Lappe (Vizepräsidentin der Bürgerschaft) und Günter Ploß (HSB-Präsident). Als Ehrengäste begrüßte ETV-Geschäftsführer Frank Fechner (hier am Mikrophon)Armin Finn (14.9.1930) und Volker Finn (11.8.1940), die Söhne von Robert Finn. Sie kennen die ganze Geschichte ihres Vaters, da die Familie an seinem Berufsleben (inklusive Wohnortwechsel, Flucht aus Berlin und Saalfeld etc.) Teil hatte. Das gilt besonders für Armin Finn, der als Jugendlicher (er war noch in der HJ) die Aktivitäten des Vaters bewusst mitbekam und darüber bis heute sicher am meisten weiß. Nach unserem ersten Flugblatt besorgte Armin Finn dem ETV schon am 25. September Robert Finns Entnazifizierungsurkunde vom Januar 1949 (!), sowie eine Berufungsurkunde vom Juni 1947, die Frank Fechner umgehend mit dem Hinweis „da war doch nix“ an Presse und Parteien mailte. Nicht weitergeleitet hat Armin Finn hingegen die Urteile, auf die sich die Berufung des Sommers 1947 bezieht! Dieser Vorgang hat selbst eine eigenständige Betrachtung verdient. 

PERSILSCHEIN REVISITED

• Aktuell am 27.September 2006
Die zweite Entnazifizierung des Robert Finn durch den ETV 
Verbandsgeschäftsführer Frank Fechner verschickt Entlastungsscheine an Parteien und Medien:
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Die Meinungen über die Manöver der ETV-Führung sind geteilt. Die Gutwilligen sprechen von Naivität und Unbeholfenheit. Weniger Gutwillige sprechen davon, dass da rechte Positionen deutlich werden. Was zum Beispiel soll man davon halten, dass der ETV den Vorwurf, Robert Finn habe geredet wie heute ein NPD-Mann redet und gehandelt wie ein Funktionär der NS-Kriegswirtschaft handelte, bei Nachfragen von Medien + Parteien dadurch entkräften will, dass er zwei – von deutschen Behörden ausgestellte – Entlastungspapiere verschickt, von denen das erste jedoch – indem es erwähnt, WELCHE Strafen nun erlassen werden – das Mißtrauen gegen Finn eigentlich nur verstärken kann. Denn dieses deutsche Papier aus dem Jahr 1947 [*], als angesichts des Kalten Krieges bei den Briten an einer weiteren Entnazifizierung kein großes Interesse mehr bestand, erwähnt notgedrungen (weil es auf einen Einspruch antwortet), die zuvor gegen Finn verhängten Strafen: striktes Tätigkeitsverbot in seinem Schmierölgewerbe und Beschlagnahmung seines Vermögens. Und das ist nicht wenig. Wenn man nun denen, die lediglich verlangen, dass Robert Finn nicht weiter GEEHRT wird – und nur darum geht es im Moment – , ein Dokument entgegen hält, das eindeutig BEWEIST, dass Finn praktisch vorbestraft ist und zum Ehrenbürger einfach nicht taugt, wenn man sozusagen die Entlassungspapiere eines notorischen Rechtsradikalen wie ein Empfehlungsschreiben verschickt, dann fällt es schwer, dahinter nur eine gewisse Beschränktheit zu vermuten. Denn dann will uns jemand sagen, dass die deutschen Stellen 1947 und 1949 nurBesatzungsunrecht gut gemacht haben, dass also in Wirklichkeit nie etwas vorgefallen ist. Der ETV präsentiert den Satz: „Sie können ihre Tätigkeit wieder aufnehmen. – Konten und Vermögen werden freigegeben“ so, als sei Finn einer Art Justizirrtum zum Opfer gefallen. Aber dieser Irrtum soll keinesfalls zum Thema werden. Deshalb erwähnt der ETV das britische Urteil von 1945 nicht, GEGEN das Finn 1947 vor einer deutschen Instanz Berufung einlegte.Deshalb wird nicht erklärt, warum Robert Finn 1949 erneut „entlastet“ werden musste (1947 wurden nur die Tätigkeits- und Kontosperre aufgehoben). Und natürlich wird nicht erwähnt, dass Finn von deutschen Stellen in die selbe Entnazifizierungskategorie eingeordnet wurde (Kategorie V, unbelastet) wie zur gleichen Zeit beispielsweise Leni Riefenstahl und Hermann J. Abs.
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[*] Man muß sich heute immerhin dumm stellen, wenn man behauptet, von Persilscheinen und Gefälligskeitsentnazifizierungen noch nie gehört zu haben. Wer UNSEREN Kommentar zur Qualität von Robert Finns Entlastungsscheinen nicht akzeptieren will, kann die gleiche Schlußfolgerung beispielsweise auch in Beate Meyers Buch „Goldfasane und Nazissen“ (Hamburg 2002) nachlesen: „Ende 1947ging die Entnazifierung in der britischen Zone auf Spruchkammern mit deutscher Besetzung über, die sich schon bald als Mitläuferfabriken erwiesen. Durch den überstürzten Abschluss der Entnazifizierung im Sommer 1948 kam es zu milden Urteilen gegen die noch Einsitzenden, so dass für viele die Internierungshaft die eigentliche Strafe des gesamten Entnazifizierungsverfahrens darstellte.“ Die Autorin schildert auch die Beseitigung von belastenden Dokumenten und die dreisten Ausreden der Eimsbüttler Nazis vor den Spruchgerichten.

Nachtrag 28.12. 2006. Stellungnahme von ETV-Geschäftsführer Fechner drei Monate später im „Wochenblatt“. Er bemerkt überhaupt nicht, dass er für ihn ungünstige Nachfragen provoziert: WARUM wurde Finn entlassen? WOVON wurde er rehabilitiert? Warum verfügten auch die Briten ein Beschäftigungsverbot? Warum wurde er erst 1949 (zusammen mit dem Rest der Nazis) in Kategorie 5 eingestuft? Warum nicht schon im Mai 1945? 

Die Deutschen als Meister der kollektiven Heuchelei. Gestern noch als „Herrenmenschen“ mordend und brandschatzend unterwegs in Europa, fürchten sie 2 Jahre später schon, der Aufbau einer „gesunden“ [sic!] Demokratie könne mißlingen,wenn mit der Entnazifizierung nicht sofort Schluss gemacht würde. Ab sofort beansprucht man eine KollektivUNschuld und verkleinert den eigenen Beitrag zum Gelingen der mörderischen Volksgemeinschaft zur „Gesinnung“, zur privaten „Meinung“ und folgenlosen „Irrtum“. Und man weiß, dass das auch auf die juristischen Kategorien von Schuld und Verantwortung nicht ohne Wirkung sein wird, denn die „Befehle“, die man angeblich „nur“ ausführte, weil man sonst bestraft worden wäre, hatte man gerade wegen der nationalsozialistischen „Gesinnung“ hochmotiviert ausgeführt. (Ausschnitt eines Artikels aus der „Welt“ vom 23. August 1947. Es handelt sich um einen von CDU, SPD, Zentrum, DP, FDP und KPD unterzeichneten Appell des deutschen Zonenbeirats der britischen Zone an die Besatzungsbehörden).

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Robert Finn – zweite Folge
der Auseinandersetzung um einen Ehrenbürger des ETV
(ab Oktober 2006)


Schmieröl für die Wehrmacht: ETV-Held Robert Finn in den 1940er Jahren.


1942: „Schmieröl-Verteilungslager Spandau“. Für die Verteilung zuständig: Robert Finn.

1938: Schmierölverteilungslager vor Kriegsbeginn. Es gibt rund 300 Schmierölager bzw. Schmieröl/Benzin-Lager, darunter etwa 30 Großlager, u.a. in Köln, Mainz, Frankfurt/Main, Karlsruhe, Spandau, Torgau, Dresden, Stettin, Breslau, Königsberg und im Hamburger Petroleumhafen. Nicht abgebildet: Tanklager und Umschlagsstellen von Wehrmacht, Luftwaffe und Kriegsmarine. Ab 1939 kommen Verteilungsstellen in den eroberten und teilweise „eingegliederten“ Gebieten (Tschechoslowakei, Polen, Frankreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Dänemark, Norwegen, Griechenland, Jugoslawien, SU, später Ungarn, Italien) hinzu, die unter Kontrolle der Wehrmacht bzw. der Besatzungsbehörden stehen. Nicht dargestellt: Die Verbindung zu Förderstellen, Importen (Transportwege), Raffinerien, Hydrierwerken. Zu diesem Zeitpunkt gibt es, abgesehen von getarnten Großlagern, auch noch keine Untertageverlegung.
Unten: Ab 1939 werden die kriegswirtschaftlichen Regelungen auf die dem „Dritten Reich“ einverleibten Gebiete ausgedehnt, teilweise auch im Hinterland der Wehrmacht, den Gebieten mit „Zivilverwaltung“.


Das Tätigkeitsgebiet der ASV reichte bis Bialystok: 

Dokumente

Organisationen + Personen der auf Krieg und Zwangsarbeit beruhenden nationalsozialistischen Erdöl- und Mineralöl-Bewirtschaftung, 1934-1945.

■ 1945 suchen die Alliierten nach den Mineralöl-Funktionären der NS-Kriegswirtschaft, deren oberster Chef zuletzt Albert Speer war. Auf ihren Listen steht unter anderem auch Robert Finn.

Britische Suchlisten: 

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KONTINENTALE ÖL AG
• Dr. E.R. Fischer [1], Direktor der Kontinental AG [richtiger Name: Kontinentale Öl AG], sowie führender Funktionär im Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion. Zudem Direktor der Deutschen Gasolin.

[Anm. 1: Ernst Rudolf Fischer, NSDAP-Mitglied, war auch seit 1929 Prokurist, später Direktor im IG-Farben-Konzern. Er war schon vor der Gründung des Speer-Ministeriums Abteilungsleiter für Mineralöl im Reichswirtschaftsministerium mit besonders engem Kontakt zu Göring] 
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KONTINENTALE ÖL AG
• Karl Blessing [*], Direktor der Kontinentale AG [handschriftlich hinzugefügt: Hindenburgstr.27-29, Hannover. Außerdem steht zwischen beiden Namen „Oslo„, weil man beide noch dort vermutet]. 
REICHSWIRTSCHAFTS-MINISTERIUM
• Dr. Bodo Muhlert [in Berlin 1945], 
REICHSSTELLE FÜR MINERALÖL
• Dr. Budczies, [believed to be in Hamburg, kaufmännisch]

[*] Blessing, der nebenbei noch jüdische Wohnungen „arisierte„, wurde nach 1945 interniert. 1958 bis 1969 war er bereits Präsident der Deutschen Bundesbank. Jeder DM-Schein trug seine Unterschrift.__________________________________________________

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REICHSSTELLE FÜR MINERALÖL
• Raab, [München, kaufmännisch]
TECHNISCHE HOCHSCHULE BERLIN
• Prof. Ubbelohde [in Pressburg?, Bratislawa?]
REICHSLUFTFAHRT-MINISTERIUM
• Dr. Nöcker [München], 
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FORSCHUNGSSTELLE DER WEHRMACHT
• Dr. K.O. Müller, Head of Wehrmacht Research [Flensburg?]
• Dr. Noack, zuletzt Berlin. Experte für Lube Oil [Schmieröl]. 

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REICHSSTELLE FÜR MINERALÖL
• Dr. Budczies war der Anwalt dieser Organisation, er wird in Hamburg vermutet. 
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WIRTSCHAFTSGRUPPE KRAFTSTOFF-INDUSTRIE.
Repäsentanten, die sich im Bereich der 21 Army Group aufhalten:
• Rhenania: Dr. Böder [meint: Boeder]- Hamburg
• Deutsche Vacuum: Engel -Hamburg
• Deurag/Nerag: Brochhaus – Hannover
• Deutsche Erdöl: G. Schlicht [1] – Wietze bei Celle
• Deutsche Erdöl: Schirner – Wietze
Oberste Direktoren, wahrscheinlich Anfang 1945 [aus Berlin!] nach Hamburgevakuiert:
• von Klass: Benzol-Verband – nach Hamburg [ev.]
• Spangenberg: Standard – nach Hamburg
• von Madlyski: Leuna AG – nach Hamburg mit der Deutschen Gasolin.

[Anm.1: Günter Schlicht war zudem Mitglied der „Technischen Brigade Mineralöl“ und kam mit der 1.deutschen Panzerarmee bis zu den sowjetischen Erdölfeldern bei Rostov. Die Deutsche Erdöl AG, damals Produzent von Mineralöl-Produkten aller Art, wurde 1899 als „Deutsche Tiefbohr-AG“ gegründet. Beteiligungen (1943) u.a. bei Deutsche Viscobil Oel GmbH, Berlin und Braunkohle-Benzin AG, Berlin. 1948 verlagert nach Hamburg. 1970 umfirmiert in Deutsche Texaco AG, 1989 in RWE-DEA AG für Mineraloel + Chemie. 2002 wurde von Shell und RWE-DEA das Unternehmen „Shell & DEA Oil GmbH“ gegründet. 2002 wurde diese Firma zu 100% von Shell übernommen.] 
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ARBEITSGEMEINSCHAFT FÜR SCHMIERÖL VERTEILUNG (ASV)
Direktoren waren:
• Robert Finn – Shell [Haus]
• Friedrich Schild – Standard [Shell Haus]
• Kühne – Nitag
Alle sind in Hamburg.
• Dr. Gubisch von Olex (Augenbogenstr. 6) kann wohl Auskunft über diese Organisation und diese Personen geben; er sollte kontaktiert werden. 

• Dipl. Ing. Kahno, Sekretär der DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR MINERALÖLFORSCHUNG, der nach Celle evakuiert wurde, ist ebenfalls gut über diese Regierungsbehörde und ihre Mitarbeiter informiert und sollte , wenn möglich, befragt werden.
• Rosenkranz [Hamburg] und • Paul Schneider waren Schlüsselfiguren im [Albert] Speer-Ministerium [1942: Reichsministerium für Bewaffnung und Munition; 1943: Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion] und dort zuständig für Petroleum und synthetisches [Schmier-]Öl. Sie sollten in der Lage sein, Hinweise zu geben und die für dieQualitätssicherung der Wehrmachtsprodukte zuständigen Techniker zu identifizieren. 


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ARBEITSGEMEINSCHAFT FÜR ERDÖLGEWINNUNG UND VERARBEITUNG
Die folgenden sind zu vernehmen:
• Brochhaus [1], Hannover
• Dr. Boeder [2], Hannover
• Dr. Engel (Vakuum), Hamburg
• Schlicht (Deag), Wietze
Die Berliner Zentrale dieser Organisation wurde nach Wietze bei Celle evakuiert; sie dürften über das umfangreichste Wissen über die Petrol-Industrie verfügen.

[Anm 1: Brochhaus war neben den (in Nürnberg angeklagten) Nazis Karl Blessing und Rudolf Fischer (IG Farben) Vorstandmitglied der Kontinentale Öl. Enger Kontakt zu Göring]

[Anm 2: Dr. Erich Boeder, der 1939 Generaldirektor der Rhenania-Ossag Mineralölwerke wurde und damit Nachfolger von Walter Kruspig (zum Hintergrund von dessen „tödlichem Unglücksfall“ siehe unten), ist auch im Geschäftsbericht der NS-nahen Deutschen Bank von 1938 erwähnt (S.22) – als Beirat neben dem Aufsichtsrat Philipp F. Reemtsma und dem Vorstand Hermann J. Abs. 1954 ist Boeder bereits wieder stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Shell AG. Das „Hamburger Abendblatt“ ehrt ihn in seiner Titelrubrik „Menschlich gesehen“. Anlässlich seines 25jährigen Firmenjubiläums im November 1954, findet im Hamburger Shell Haus ein Treffen der „langjährigen Mitarbeiter“ statt, die zusammen mit Boeder in der Nazizeit Karriere gemacht hatten. Darunter auch Robert Finn.]

Robert Finn war ebenfalls Teil dieser Arbeitsgemeinschaft – als mitverantwortlicher Koordinator von Produktion und den Erfordernissen (requirements) der Wehrmacht: 

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Technischer Hinweis: Bei den auf Mikrofilm gesicherten Vorlagen handelt es sich um vergilbte Originale bzw. um nachgedunkelte Kopien.

Für die ASV existieren folgende Schreibweisen:
Arbeitsgemeinschaft für Schmieröl Verteilung
Arbeitsgemeinschaft Schmieröl Verteilung
Arbeitsgemeinschaft für Schmierstoff Verteilung
Arbeitsgemeinschaft Schmierstoff Verteilung

Inhaltlicher Hinweis: Eine Darstellung der – sich im Kriegsverlauf verändernden – Arbeitsweise dieser Industrie-Kartelle kann hier aus Platzgründen nicht erfolgen. Wir planen deswegen eine separate website. 

Die Rhenania-Ossag, Robert Finns Herkunftsfirma, ist Mitglied des ASV


1943


Betriebsversammlung der Shell-Schmierölfabrik im Hamburger Curio-Haus, 1935. Seit 1929 in leitender Stellung dabei: Robert Finn.


Die Rhenania-Ossag marschiert am 1. Mai 1938 (auf dem mitgeführten Schild steht: „Betriebszelle Rhenania-Ossag“)


Fassabfüllanlage: Schmieröl für Wehrmacht, Luftwaffe und Marine.

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[Hinweis: Auf dieser Seite werden Symbole von verbotenen Organisationen gezeigt. Dies ist nach nach §86 und §86a StGB strafbar. In diesem Fall gilt jedoch§86, Abschnitt 3:3. Absatz 1 gilt u.a. nicht, wenn die Abbildung der Aufklärung dient.]
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Verschiedene Dokumente der Schmieröl-Verteilung


Anordnung II/43 zur Schmierstoffverteilung durch die ASV

Im „Wehrmachtsschmiermittel-Ausschuss“ trafen sich die Herren von Wehrmacht, Rüstungsministerium, Rohstoffamt, Statistischem Reichsamt, der Reichsbeauftragte für Mineralöl sowie Robert Finn, Direktor der Arbeitsgemeinschaft Schmierstoff-Verteilung.

Britannic Majesty`s Goverment. War Cabinet: Technical Sub-Committee on Axis Oil. The Oil-Position in Axis Europe first six month of 1944. Mineralöl-Hydrierwerke Gelsenkirchen, Leuna, Magdeburg, Poelitz, Auschwitz. Hier wurde auch synthetisches Schmieröl produziert.

Britischer Bombardierungsbericht: Im Visier die Mitgliedsfirmen (nichtsynthetisches Schmieröl) des von Robert Finn geleiteten ASV, darunter auch seine Herkunfstfirma Rhenania-Ossag.


Dokumente zur Schmieröl-Verteilung. Die Organisation der NS-Kriegswirtschaft hat sich mehrfach geändert. Eine genaue Darstellung der Zusammenhänge erfordert mehr Platz als wir hier haben. Sie erfolgt entweder auf einer separaten Robert Finn-Website oder im Rahmen eines wissenschaftlichen Aufsatzes des zu diesem Thema arbeitenden Historikers G. Jacob.

1944: Schlechte Zeiten für die Schmierölverteilung des ASV. Zerstörte Kesselwagen des Schmieröllagers Regensburg.

Unterirdische Schmierölproduktion in Porta

Im 2. Weltkrieg leitete Robert Finn die deutsche Schmierölversorgung.“ (ETV). Auch wenn es damals „Schmieröl-Verteilung“ hieß, so hat der Eimsbütteler Turnverband doch das Wesentliche erfaßt: Robert Finn war (zunächst unter Anleitung des Reichswirtschaftsministerium, später als Teil des Albert Speer-Apparates) Mittelsmann zwischen Schmierölproduktion und Schmierölverbrauch. Verbraucht wurde Schmieröl in den letzten Kriegsjahren fast vollständig von Wehrmacht, Marine und Luftwaffe. Produziert wurde Schmieröl unter immer schärferen kriegswirtschaftlichen Vorgaben. Zum Beispiel durch die unterirdische Schmierölproduktion in Porta (Bild oben und unten). Dort unter Einsatz von Zwangsarbeitern, bewacht von der SS.

„Solange Robert Finn nicht auf diesem Foto zu sehen ist, besagt es doch nichts“. Jener ETV, der das Stichwort „Leiter der Schmierölversorgung“ selbst in die Welt gesetzt hat, kann in dem vorhandenen Material über Produktion + Verteilung von Schmieröl keinerlei „Beweise“ für irgend etwas entdecken. Aber vielleicht sieht man Robert Finn nicht, weil er der Fotograf war? Es kann aber auch sein, dass Finn selbst nie in Porta war. Vielleicht hat er den Bau von seinem Schreibtisch in Saalfeld aus verfolgt. Unmöglich ist jedoch, dass er mit dieser Untertageverlegung NICHTS zu tun hatte. Denn er MUSSTE sich darum bemühen, an jeden Liter Schmieröl heran zu kommen und ihn der Rüstungsindustrie und der Wehrmacht zukommen zu lassen. Da durch die alliierten Bomber immer mehr Schmierölwerke zerstört worden waren, musste er an diesem Projekt interessiert sein. Doch das ist eine deduktive Schlussfolgerung und noch kein Beweis. Der liegt erst vor, wenn ein Dokument oder ein Zeuge seine Beteiligung belegen. (Wir haben so bereits seine Tätigkeit als Direktor belegt). Die Schlussfolgerung, dass Finn davon gewußt haben mußte, ist jedoch zwingender als das Gegenteil: Man kann eben nicht die Information in die Welt setzen, Robert Finn sei Direktor der „deutschen Schmierölverteilung“ gewesen und dann behaupten, er habe mit der REALEN Schmierölverteilung mit Sicherheit nichts zu tun gehabt. Im Unterschied zu unserer sachlich begründeten Schlussfolgerung, wäre dies eine absolut unsachliche Schlussfolgerung – ohne jeden Beweis! 

(Franz Seidler: Die Organisation Todt – Bauen für Staat und Wehrmacht, 1988)

Suchen, finden, wegsperren: Entnazifizierung vor 1949

Als die britischen Truppen, die noch unter dem Schock von Bergen-Belsen standen, das KZ Neuengamme erreichten, war dieses Lager, wo über 50.000 Menschen ermordet worden waren, menschenleer. Man hatte die überlebenden Häftlinge auf Todesmärsche getrieben. Die Gebäude auf dem Gelände waren frisch gekalkt. Die Briten nutzten das Gelände nun als Internierungslager für Parteinazis und leitendes Personal aus Wirtschaft und Bürokratie. Zu den Festgenomenen gehörte auch Robert Finn, jetzt wohnhaft in der Sudeckstraße 2, Hamburg 20. Auch Finns Vermögen wurde (bis 1947) beschlagnahmt. 

In der Nachkriegszeit wurde zuerst die Unterscheidung zwischen Parteimitgliedern und unschuldiger Mehrheit populär. Dann kam die Unterscheidung in böse Parteimitglieder und harmlose Parteimitglieder hinzu. 1945/946 sahen das auch die Briten, deren Entnazifizierungspraxis nur halb so engagiert war wie die der Amerikaner, noch anders. Zivilisten, die führende Funktionen in der NS-Kriegswirtschaft begleiteten, galten ihnen ebenfalls als Nazis. (Abb.: Hamburger Nachrichten-Blatt. Herausgegeben von den britischen Militärbehörden) 

Antifa 1945: „Nazis raus“ hieß damals: „Nazis rein!“ Eine Sporthalle nach dem Reichsschmierölmann zu benennen, hätte damals noch keiner gewagt. 

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EXKURS: Zeitgleichheiten

DIE WELT, 2.11.2006
Deutsche Erinnerungskultur 2006
Abgewandeltes Wehrmachtsemblem bei Bundeswehr
Soldaten der KSK haben ein abgewandeltes Wehrmachtsemblem verwendet. Das Verteidigungsministerium bestätigte den Vorfall. Es habe sich um die Abbildung einer Palme mit einem Eisernes Kreuz gehandelt. Das Afrika-Korps der Nazis benutzte ebenfalls eine Palme als Symbol – mit einem Hakenkreuz in der Mitte. [Anm: Sie benutzten – Vertracktheit der Kontinuitäten! – auch das Eiserne Kreuz, das bis heute von der Bundeswehr benutzt wird]. Der Vorfall entstand, als die KSK unter dem Kommando von General Günzel stand. Er wurde 2003 entlassen, weil er den CDU-Abgeordneten Hohmann nach einer antisemitischen Rede unterstützt hatte. Ein KSK-Soldat hatte gesagt: „Ein paar unserer Jungs sind Ewiggestrige und fanden es schick, mit dieser Wehrmachtsinsignie herumzufahren.“

Währenddessen findet es der ETV-Vorstand schick, eine Turnhalle erneut nach einem Funktionär der NS-Kriegswirtschaft zu benennen.
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© dieser Seite: Initiative gegen die Bebauung des Sparbierplatzes. Das historische Material recherchierte für uns der Historiker G. Jacob

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Veröffentlicht unter ETV