Eimsbütteler Turnverband, Seite II

Folge 3 ETV 1933-1945 und die Folgen. (11/06)
• 1933: 130 Delegierte WÄHLEN einen Nazi zum Führer des ETV
• 1948: Wie der ETV Robert Finns Vergangenheit verschweigt
• Stuttgart – Berlin – Breslau: Mit Erfolg ins Dritte Reich
• ETV-Mitglieder in der NS-Zeit und danach
• Vorfaschistisches Hakenkreuz der antisemitischen Turner
• Rückblende: Der ETV und die Deutschvölkischen
• ETV-Kultstätte zur Erinnerung an die NS-Wehrverbände
• Auch der NSDAP-Mann Brose wird Ehrenmitglied des ETV

Folge 4 Die Modernisierer und die Robert-Finn-Generation. (12/06)
• Der ETV mobilisiert die „alten Kameraden als „Zeitzeugen“
• Neue Dokumente zur Arbeitsgemeinschaft Schmierstoff-Verteilung
• Robert Finns Nachkriegs-Karriere bei der Deutschen Shell
• 1932: Noch vor den Nazis führt der ETV den Wehrsport ein.
• Mit Fotos, Film & Kopierer: Beispiele für Traditionspflege im ETV.
• „Verjudetes England“ und „Arierparagraph“ – Antisemitismus im ETV
• Zwangsarbeiter in den ETV-Hallen

Robert Finn – dritte Folge
der Auseinandersetzung um einen Ehrenbürger des ETV.
(ab November 2006)

Die Gliederung dieser ETV-Seite hat mit dem Verlauf der Auseinandersetzung zu tun. Sie beginnt damit, dass der ETV aus Anlass der Wiedereinweihung der „Robert-Finn-Halle“ eine Kurzbiographie des Namengebers veröffentlichte (im „ETV-Magazin“ und auf der ETV-Homepage). Nachdem der ETV schon in den Monaten davor immer selbstverständlicher die Nazijahre als beste Zeit des ETV gefeiert hatte, war bei den Verantwortlichen jede Vorsicht abhanden gekommen. In ihrer Vorstellung hatte sich der Nationalsozialismus schon derart normalisiert, dass sie „nichts dabei dachten“, als sie „nebenbei“ erwähnten, Finn sei der Reichsschmierölbeauftragte gewesen. Wir und alle anderen, die von dieser Information und von der demonstrativen neuen „Selbstverständlichkeit“ – es geht um dieEhrung dieses Mannes! – überrascht wurden, wußten bis zu diesem Zeitpunkt nichts über Robert Finn. 

• Mit Teil 1 („Die NS-Biographie – erste Hinweise“)

versuchen wir uns einen ersten Überblick (inzwischen wissen wir erheblich mehr) über die Bedeutung der Schmierölwirtschaft (Herstellung und Vertrieb bzw. „Verteilung“) für die NS-Kriegswirtschaft (vor und nach 1939, insbesondere aber ab 1941) zu verschaffen. Wir wollen es selbst genauer wissen und reagieren zugleich auf die Provokation der ETV-Verantwortlichen, die mit ihrer Beiläufigkeit den Eindruck erwecken wollen, NS-Kriegswirtschaft (sie umfasst Lieferungen an die Wehrmacht wie auch die Bewirtschaftung des privaten = industriellen Verbrauchs) sei bis zum Beweis des Gegenteils eine ganz und gar sachlich-harmlose Wirtschaftstätigkeit gewesen. Der provokante Charakter dieses Versuchs einer Beweislastumkehr ergibt sich schon daraus, dass zwei zentrale Elemente der NS-Kriegswirtschaft – Raub in den besetzten Gebieten und massenhafter Einsatz von Zwangsarbeitern – heute ALLGEMEIN bekannt sind. Es handelt sich hier nicht um ein „umstrittenes“, oder nur „Experten“ bekanntes Spezialgebiet. Selbst Sportfunktionären wird zugemutet, das zu wissen. Wenn wir trotzdem ein Stück auf diese Umkehrung eingehen, so deshalb, weil die Vorgehensweise des ETV durchaus „im Trend“ liegt. Auch Parteien + Medien, die das „eigentlich“ nicht akzeptieren können (z.B. weil sie öfters Erklärungen gegen „Neonazis“ abgeben), äußern sich nur ungern über den mitgliederstarken Eimsbütteler TV, zumal die derzeitige ETV-Führung in einer anderen Sache einstweilen noch gebraucht wird: Sie soll durch öffentliche Einverständniserklärungen die geplante Privatisierung einer großen öffentlichen Sportfreifläche erleichtern.

• Teil 2 („Neue Dokumente und Kommentare“)

belegt erstmals konkret, wo Robert Finn tätig war und dass er wegen dieser Tätigkeit auf britischen Suchlisten stand. Als wir Teil 1 recherchierten, wußten wir nicht einmal den genauen Namen von Finns Behörde, weil der ETV (der seine Quelle bis heute nicht offen legt) von Schmierölversorgung statt von Schmierölverteilung gesprochen hatte. Nach außen geben sich die ETV-Verantwortlichen auch nach Teil 2 unbeeindruckt. Sie können weit und breit keinen „Beweis“ erkennen, der Robert Finn irgendwie als Namengeber einer großen Sporthalle in Frage stellen könnte. Die ETV-Führung erklärt immer größere Bereiche des gesicherten Wissens über den Nationalsozialismus zur Fiktion. Wir verstehen solche Praktiken jedoch als Teil des Problems. Wir haben damit auch gerechnet (siehe Vorwort). Auch andere Institutionen hüllen sich in (lokal-) patriotisches Schweigen. Im Hintergrund finden jedoch diverse Aktivitäten statt, die wir verfolgen und später kommentieren werden.

• Mit Teil 3 („ETV 1933-1945 und die Folgen“)

sowie mit unserer „Presseerklärung vom 23. November“ dehnen wir die Recherchen auf den ETV selbst aus. Aufmerksam wurden wir zunächst über den Hinweis des ETV auf Finns kriegswirtschaftliche Tätigkeit. Als wir nun genauer hinschauten, zeigte sich, dass Robert Finn im ETV praktisch allgegenwärtig ist – mit Texten, Gedenktafeln, einem Kriegerdenkmal etc. Zudem stellte sich heraus, dass alles, was man wissen muß, im ETV-Archiv zu finden ist und im kollektiven Gedächtnis des ETV bewahrt wird, das nicht zuletzt von einer 900 Personen (!) umfassenden mobilen Rentnertruppe (die beim Stimmrecht den Sportabteilungen gleich gestellt ist) repräsentiert wird. Es zeigte sich nun, dass Finn selbst dann nicht als zu ehrende Person akzeptiert werden könnte, wenn er nie in der NS-Kriegswirtschaft tätig gewesen wäre. Finn hat eine Menge nazistischer Texte geschrieben und war 12 Jahre lange Stellvertreter des NSDAP-Mannes Brose (ETV-Chef in der Nazizeit). Mehr muss man eigentlich nicht wissen, um die Frage der EHRUNG entscheiden zu können.

Nach der Veröffentlichung dieser Zitate kann der Ruf nach „echten Beweisen“ nur bedeuten, dass man die faschistischen Texte von Finn NICHT für hinreichende Belege hält. Die Forderung nach „mehr Beweisen“ lenkt außerdem davon ab, dass man im ETV ohnehin alles über Robert Finn weiß. Nur weil dieses Wissen verschwiegen wird, müssen wir wie Detektive Belege suchen. (Nicht selten soll der Ruf nach Historikern davon ablenken, dass man im Prinzip alles weiß, dass die Dokumente auf dem Dachboden liegen. Man braucht Historiker dann, um das „gefährliche“ Material zu historisieren, von der Gegenwart abzutrennen). Außerdem: Beweise für was? Finn ist seit 32 Jahren tot. Er ist damals, auch wenn ihm der Kalte Krieg dann einen Persilschein eingebracht hat, immerhin von den Briten hart angepackt worden. Weil es viel zu spät wäre, suchen wir keine juristischen Beweise. Wir streiten gegen die symbolische Handlung der Ehrung.

Nach dem 8. Mai 1945 gab es kein anderes Deutschland als dasjenige, das es noch am 7. Mai gab. Der Unterschied: man hatte den Krieg verloren (außer den gegen die Juden). Jetzt machte es die Staatsräson (bzw. der Welthandel) erforderlich, dass die Tätergesellschaft sich wenigstens der Form nach wieder als Zivilisation präsentierte. Dazu gehörte, dass die Millionen Nazis, die Täter und Mitläufer, die große Mehrheit der Deutschen also, die nicht nur „Heil Hitler!“ gebrüllt hatte, dass diese Mehrheit nach außen ihre fortbestehende nazistische „Einstellung“ (die auf einer immerhin 12jährigen nazistischen Praxis beruhte) möglichst nur unter Ihresgleichen artikulierte. Niemand konnte diese Mehrheit daran hindern, neue Karrieren zu beginnen. Und dieses Schweigekollektiv – nach außen! – sorgte dafür, dass schon bald nach 1947 niemand mehr angeklagt wurde. Die „Herrenmenschen“ von gestern hatten nichts mehr zu befürchten. Nur eines ging nicht:

Sie konnten keine öffentlichen Ehrungen erwarten. Wo dies doch passierte, waren Sanktionen möglich. Für die Verbrechen und das Mitläufertum nicht auch noch geehrt zu werden – das war schließlich die einzige Einschränkung, die sie am Ende mehr oder weniger akzeptieren mussten. Nachdem aber nun seit 1990 lange genug über die „Verbrechen der Sieger“ lamentiert wurde, die Nazis von gestern heute als „Zeitzeugen“ behandelt und damit den Opfern gleichgestellt werden, scheint auch der Hintergrund dieser minimalen Einschränkung bei vielen Jüngeren in Vergessenheit zu geraten.


Gedächtnislücken bei Bedarf: „Über die politische Einstellung des Vereins während des Dritten Reichs gibt es kaum Material.“ (Aktueller Text auf der Homepage des ETV)

Eimsbüttel, 6. Februar 1933
Fackelzug von SA und Stahlhelm durch Eimsbüttel
Es wurde 22 Uhr, ehe die ersten Fackeln kamen, und dann folgten, wie Wellen im Meer, an die 20.000 Braunhemden, begeistert leuchteten die Gesichter im Fackelschein. „Unserem Führer, unserem Reichskanzler Adolf Hitler ein dreifaches Heil!“ … Nun kamen die Stahlhelmer, eine graue Flut; ruhiger, durchgeistigter vielleicht. Jedesmal, wenn Fahnen kamen, hob F. den Hut, und drüben hatten sich junge Hitlerleute aufgebaut und grüßten die Stahlhelmer und Führer jedesmals durch Erheben der Hand. Wie schön und erhebend, dass der Bruderzwist, der uns so betrübte, beigelegt ist! Zwischen SA-Leuten und dem Stahlhelm aber marschierte eine Abordnung nationaler Studenten. Und sie haben Hamburg erobert. Die Gemüsefrauen und ihre Kundinnen, die gesamte Weiblichkeit ist sich einig:„Nein, diese Studenten! Entzückend!“. Den Beschluss des Zuges bildeten die SS-Leute. Wir waren berauscht vor Begeisterung, geblendet vom Licht der Fackeln gerade vor unseren Gesichtern und immer in ihrem Dunst, wie in einer süßen Wolke aus Weihrauch. Und vor uns Männer, Männer, Männer, braun, bunt, grau, braun, eine Flut von einer Stunde und 20 Minuten. Der Eimsbüttler Turnhalle gegenüber stand der Führer der Hamburger Nationalsozialisten – und neben ihm, die Hand an der Mütze, der Führer des Hamburger Stahlhelms, der nun den Vorbeimarsch der SA grüßte, wie der SA-Führer die Stahlhelmer. Was für Augenblicke!! (Bericht, 1933)

Buecherverbrennung-Eimsbuettel Vergrößern
■ 50 Meter hinter der heutigen „Robert-Finn-Halle“ werden am 15. Mai 1933 Bücher verbrannt. Der ETV wählte schon einige Wochen zuvor das NSDAP-Mitglied Eduard Brose zum 1. „Vereinführer“ und Robert Finn zu seinem Stellvertreter.
Zu den Fotos: Die meisten der heute abgebildeten Fotos von dieser Bücherverbrennung sind Aufnahmen von dem beteiligten SA-Sturm 6/76 und der Stahlhelm-Hochschulgruppe (Bild rechts, von uns stark vergrößert). Dass auch zahlreiche Eimsbüttler Bürger dabei waren – darunter gewiss auch Miglieder des angrenzenden ETV – zeigt das linke Foto aus den „Hamburger Nachrichten“. Der erhöhte Standort des Fotografen war sehr wahrscheinlich das ETV-Gebäude. 

Der Eimsbütteler Turnverband feierte sein 50. Vereinsjubiläum wenige Wochen vor dem • deutschen Überfall auf Polen (1. September 1939). Was Nationalsozialismus bedeutet, wußten die ETV-Mitglieder (ob mit oder ohne Parteiabzeichen) 1939 also sehr genau: nur 50 Meter hinter der heutigen „Robert-Finn-Halle“ hatte 1933 – nach dem Vorbild der Turnvater-Jahn-Anhänger, die auf dem Wartburgfest 1817 den Code Napoléon verbrannt hatten – die •Bücherverbrennung stattgefunden (unter Teilnahme der „Ortsgruppe Hohe Weide“ der NSDAP, der mit Sicherheit auch ETV-Mitglieder angehörten), außerdem die • Boykottkampagne gegen jüdische Geschäfte (z.B. in der Osterstraße in Eimsbüttel), ab 1. April 1933, die Bekanntgabe des • „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ am 7. April 1933 mit dem so genannten „Arierparagraphen“, • die Inhaftierung von Arbeitersportlern, Kommunisten, Sozialdemokraten, Schwulen in Konzentrationslagern seit Anfang 1933, außerdem die Bekanntmachung der • „Nürnberger Rassegesetze“ (1935), schließlich der • „Anschluss“ des Saarlandes (1935) und von • Österreich (März 1938) sowie eines Teils der • Tschechoslowakei („Sudetenland“, Oktober 1938), sodann die organisierten • Pogrome vom November 1938 sowie die endgültige • Invasion der Tschechoslowakei (Nazijargon: „Rest-Tschechei“) am 15. März 1939. Jedes dieser Ereignisse wurde vom ETV ausdrücklich begrüßt. Von den Vereinsfesten, die während der schönen Nazizeit gefeiert wurden, schwärmte man noch 1989 in der Jubiläumsschrift „100 Jahre ETV“. Zum Beispiel so:


Parkbank am Isebekkanal, 1934: „Nur für Juden“


ETV-Fußballergebnisse 1933-1945 und Selbstdarstellung 2006: „Während des zweiten Weltkriegs musste der Sportbetrieb teilweise ganz eingestellt werden.“ (Aktueller Text auf der Homepage des ETV)

Tatsächlich verstand sich der ETV, dessen 2. Vorsitzender nicht zufällig ab 1935 Robert Finn hieß, schon nach dem 1. Weltkrieg als rechtes Sammelbecken, als …

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Mitteilung des ETV an das Amtsgericht Hamburg, Abteilung für das Vereinsregister, 20.9.1933. Ein kurzer Bericht über diese Hauptversammlung findet sich in der Vereinszeitung vom Oktober 1933. 

Außerordentliche ETV-Versammlung im September 1933. Tagesordnung: Freie Wahl des Nazis Dr. Eduard Brose zum [handschriftlich nachgetragen: „1. Vorsitzenden und“] Führer des Vereins durch 130 anwesende Mitglieder. Versammlungsleiter ist Robert Finn, ein enger Freund und Mitarbeiter des Nazis Brose. Robert Finn schlägt selbst die Wahl Broses vor. Hans Winkel, seit 1926 ETV-Chef war am 19. September 1933 tatsächlich aus gesundheitlichen Gründen zurück getreten. Er war erst Anfang Februar 1933 erneut zum „Führer“ gewählt worden und tat sich bis zu seinem Tod im Januar 1939 er sich als eifernder Parteigänger des neuen Regimes hervor. Sein Stellvertreter war bis September 1933 Adolf Jacobsen, ein strammer Deutschvölkischischer (Sohn des völkisch-antisemitischen Rechtsanwalts Alfred Jacobsen), der bereits 1915-1922 ETV-Chef war und auch nach 1933 (sowie nach 1945) noch gerne die Rolle eines Chefideologen spielte. Als er in den 1970er Jahren im Alter von 94 Jahren stirbt, wird er im „Eimsbütteler“ als „Mann der Feder und besinnlicher Sprecher bei den verschiedensten Anlässen“ sowie als Autor vieler ETV-Festschriften und anderer Beiträge zur Vereinsgeschichte gewürdigt.


Mitteilung des ETV an das Amtsgericht Hamburg, Abteilung für das Vereinsregister, 31.3.1935

Schon aus besitzrechtlichen Gründen gilt das Vereinsrecht auch in der NS-Zeit. 1935 (wie auch in den folgenden Jahren) wird Eduard Brose erneut zum „Führer“ des ETV gewählt und das Wahlergebnis dem Vereinsregister des Amtsgerichtes mitgeteilt. Robert Finn hat nicht nur Brose als „Führer“ vorgeschlagen; er ist seit 1933 praktisch der „Kopf“ des ETV. Jacobsen bleibt formell noch einige Zeit Stellvertreter und wir dann offiziell Anfang 1935 von dem jüngeren Robert Finn ersetzt. Von da an bis 7. Mai 1945 bilden Brose und Finngemeinsam den Vorstand des ETV.

Finns Aufstieg im ETV beginnt also mit der Machtergreifung der Nazis. 1945 ziehen ihn die Engländer aus dem Verkehr. Bis 1948 darf er ein solches Amt nicht mehr ausüben. 1948 entschädigen ihn die alten Kameraden im ETV für die Leidenszeit und ernennen ihn zum neuen Vereinsführer. 1976 wird die große Halle nach ihm benannt. 2006 erneuern Geschäftsführer Fechner und Vereinsführer von Busch diese Ehrung eines verdienten alten Kämpfers.


Finn war außerdem noch "Abteilungsführer" beim ETV. Anderswo war er der Reichschmierölführer, aber das fällt nicht mehr in die Freizeit.

Robert Finn war mit großer Wahrscheinlichekit auch Funktionär im „Fachamt Fußball„, einem der 15 Fachressorts des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen (Dachorganisation des ETV). Zum „Reichstrainer“ wurde von diesem Fachamt Otto Nerz ernannt, ein SA-Mann (vor 1933: SPD) und Verfasser antisemitischer Artikel. Sein Nachfolger wurde von 1936 bis 1942 Sepp Herberger.

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VERSCHWEIGEN DURCH UMSCHREIBEN 
So wird vertuscht, dass Robert Finn im Nationalsozialismus 2. ETV-VORSITZENDER war:

• (1) Die Darstellung 1974:


(Nachruf des ETV, 1974) 

• (2) Eine weitere Darstellung von 1974:


(Paul Ritter, ETV) 

• (3) Die Darstellung 2006:

„Nach seiner Zeit im Ausland arbeitete er einige Jahre in Niedersachsen und trat 1929 in die Deutsche Shell AG ein. Im 2. Weltkrieg leitete er die deutsche Schmierölversorgung. Schon in dieser [?] Zeit war er mit verschiedenen Aufgaben im ETV betraut und wurde 1948 zum 1. Verbandsvorsitzenden gewählt.“ 


• (4) Robert Finns Rolle als 2. Vereinsführer wird in den Selbstdarstellungen des ETV auch mit Hilfe dieser seit 1989 häufig publizierten „Liste der 1. Vorsitzenden“ geschickt vertuscht. Robert Finn wird so als Figur präsentiert, die erst 1948 gänzlich unbelastet die Bühne betritt. Vorher, so scheint es, war Finn nur ein jugendlicher Sportsfreund, ein „Wanderführer“ und „Regisseur von Weihnachtsmärchen im ETV“ (siehe oben).


Begeisterter Einsatz für die neue „nationale Regierung“:
Sparbier, Winkel, Jacobsen, Bosse, Finn und Tonndorf. (Brose: s.o.)

→ Auch über den Werdegang des ETV-Nazis Eduard Brose erfährt man bis heute nichts. Dabei wird Brose in Nachkiegspublikationen des Eimsbütteler Turnverbandes immer wieder als langjähriges verdientes und weiterhin aktives Mitglied gewürdigt. Auch sein Eintrittsjahr 1900 zeigt übrigens, dass Brose kein dem Eimsbütteler Turnverband „von oben“ aufgezwungener, sondern ein hausinterner Nazi gewesen ist, der vor seiner Wahl zum „Vereinsführer“ jahrelang im ETV für die Leichtathletikabteilung verantwortlich war. Es zeigt sich im Rückblick, dass es sich bei der Vereinsspitze um einefaschistische Clique handelte, die sich gegenseitig protegierte und deckte. Gustav Tonndorf zum Beispiel, von Finn und Kameraden„der eiserne Gustav“ genannt, wurde nur deshalb 1945-1948 zum 1. Vorsitzenden gewählt, weil Robert Finn auf Grund seiner NS-Vergangenheit Funktionsverbot hatte. In Wirklichkeit führte Finn, wie die Publikationen aus diesen Tagen zeigen, längst hinter den Kulissen die Regie (er unterschreibt teilweise nur mit dem Kürzel RF). Auch Brose bleibt, obwohl das illegal ist, weiterhin aktiv. So wollen es die „Kameraden“, die gemeinsam den Nationalsozialismus als glückliche Zeit erlebt haben. Sie lassen sich von den Briten nicht vorschreiben, wer ihre Führer sind. Tonndorf wird sozusagen dazwischen geschoben, aber er gehört zur Clique. Als Finn 1948 legal zum 1. Vorsitzenden wird, belohnt man Tonndorf mit dem Posten des GeschäftsführersGewählt wird Robert Finn gerade WEIL er in der Nazi-Zeit 12 Jahre lang gemeinsam mit Brose den Verein führte.Weil Brose nach 1945 (und auch nach 1948) – intern hoch geachtet – offiziell in den Hintergrund treten musste, wurde Finn – offiziell ab 1948 – zum Garanten ungebrochener Kontinuität, die schließlich von 1933 bis 1974 reichen sollte. Man hat 1976 die große Halle nicht nach ihm benannt, weil er dort eine Zwischendecke hat einziehen lassen. Das ist eine Geschichte, die man extra für Außenstehende erfunden hat. Mit dieser Namengebung wollten vielmehr die alten Kameraden (und deren jüngere Anhänger) diesevierzigjährige Kontinuität festschreiben und institutionalisieren. Und zwar ausdrücklich inklusive der Nazizeit! Der vaterländisch-völkisch orientierte Julius Sparbier (Sportlehrer an der Realschule im Alstertal, Fühlsbüttelerdamm 115) und der „Rechtsextremist“ Robert Finn (er vertrat etwa das, was heute die NPD vertritt, hatte aber mehr Gelegenheit zur praktischen Umsetzung) decken zusammen als Vereinsführer rund 50 Jahre der ETV-Geschichte ab. Hinzu kommt noch der ebenfalls vaterländisch orientierte Volksschullehrer Bosse, nach dem seit 1933 ein weiterer Sportplatz benannt ist. Alle anderen, die davor, dazwischen und danach kamen, sind belanglos geblieben, obwohl sie sich mehr oder weniger lautstark in diese Tradition stellten (Als Ideologe besonders der frühere Vorsitzende Adolf Jacobsen, der bis in die 1960er Jahre das rechte „Erbe“ beschwört und in der Nazizeit Sprecher der Seniorengruppe „Altfreunde“ war, außerdem Albert Siemers, der auch in der Nazizeit sehr aktiv ist).

Dieses „Erbe“ in Frage zu stellen, ist im Eimsbütteler Turnverband bis heute unmöglich. Und deshalb passiert das Gegenteil: Obwohl das nicht ihre Zeit war, stellen sich auch die Jungen, die Traditionslosen, die Modernisierer, die pragmatischen Macher in diese Tradition. Selbst wenn „Tradition“ für sie nur ein etwas altbacknes Wort fürcorporate identity ist, wollen sie als Anbieter im Konkurrenzkampf um Marktanteile auf das Label „traditionsreicher Verein“ nicht verzichten. Sie fangen daher an, sich mit den (standardisierten, kanonisierten, gefälschten) Biographien der drei Männer, nach denen fast der komplette Vereinsbesitz benannt ist, zu identifizieren. Dieser Weg der Tradierung wird zudem immer wieder durch politische Entwicklungen aufgeladen: Da es sich hier um die Tradierung rechter Inhalte und Verhaltensweisen handelt, ergeben sich ständig Querverbindungen zu allgemeinen gesellschaftlichen Tendenzen, etwa Querverbindungen zum „unverkrampften Patriotismus“, zur Guido Knopp´schen „Erinnerungskultur“ (der Nazi als „Zeitzeuge“), zur „trotzigen“ Provokation gegen die „politisch Korrekten“ (im Sinne von Möllemann) oder sogar zu jenem „rechtsextremen Gedankengut“, das, so eine im Spiegel 47/06 zitierte Studie, „längst alle Altersgruppen und Schichten der Gesellschaft durchdrungen hat, auch im Westen.“ Anders gesagt: Während zum Beispiel in den 1990er Jahren Julius Sparbier und Robert Finn eine eher geringe Rolle spielten – niemand wußte oder wollte wissen, warum Plätze und Hallen nach diesen toten weißen Männern benannt sind – hat sich dies seit etwa 5 Jahren gründlich geändert. Das hat auf verwickelte Weise sogar mit den Absprachen des ETV mit Diakonie, CDU und Schillpartei zu tun, vor allem aber mit allgemeineren gesellschaftlichen Tendenzen sowie schließlich damit, dass es jüngst eine Menge Gelegenheit zur Umsetzung (100 Jahre Fußball, Halleneinweihung etc.) gab.

Berlin 1936

Für den ETV hatte die Nazizeit gut angefangen. Schon in den ersten Monaten des Jahres 1933 erfüllten die neuen Machthaber dem ETV einen Herzenswunsch: Die Benennung zweier öffentlicher Freiflächen in der Nachbarschaft des ETV nach den ETV-Funktionären Julius Sparbier und August Bosse. Seit 1928 war der ETV in dieser Sache beim Senat vorstellig geworden. Aber die meist sozialdemokratisch geführten Koalitionen wollten öffentliche Plätze nicht nach zwei Deutschvölkischen Turn-Opas benennen. Die Nazis taten es, obwohl sie die Plätze auch jederzeit auf Nazi-Sportlern hätten taufen können. Aber es war in Eimsbüttel für Politiker auch damals schon wichtig, sich mit diesem mitgliederstarken Verein gut zu stellen, der im Bezirk das Zentrum vaterländisch-völkischer Gesinnung bildete und der seit Ende der 1920er Jahre ohnehin sehr viele Mitglieder hatte, die zugleich in der SA, der SS und der NSDAP waren. Die ETV-Publikationen dieser Zeit belegen, dass der ETV die „neue nationalen Regierung“ erwartungsfroh begrüsste. Endlich, so der Tenor, werde alles was der ETV immer schon erstrebte, in die Tat umgesetzt: Die Erziehung der Jugend zu Vaterlandsliebe und Wehrwille und nicht zuletzt die Einheit des Sportes. Von den Turnfesten in Stuttgart (1933) und in Breslau (1938), deren Höhepunkte jeweils Hitlers Ansprachen bildeten sowie von der Olympiade in Berlin (1936) wird in ETV-Magazinen bis heute geschwärmt – in mit „Historie“ betitelten Beiträgen und in den zahlreichen Nachrufen. 

So lustig konnte Nationalsozialismus sein, wenn man dazu gehörte. Links: Der von Fans umlagerte ETV-Zehnkämfer Hans-Heinrich Sievert mit „Turnerkreuz“ bei der Olympiade 1936. Rechts: Fröhliche ETV-Mitglieder beim unpolitischen Vergnügen auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions. Mittendrin dabei übrigens: Der „Arbeitersportler“ Jule Lüdemann, ab 1939 im ETV zuständig für die Beantwortung der Feldpost an die „Kameraden “ der Wehrmacht.

Erster ETV-Vorsitzender von 1926 bis Ende 1933 war Hans Winkel. Um Mythen vorzubeugen: Seine Amtszeit endete im Herbst 1933 nicht, weil er mit Eduard Brose einem Nazi den Weg frei machen musste – Winkel war selber einer. Mitte 1932 hatte er noch den Wehrport eingeführt. Zur Olympiade 1936 mobilisierte er die ETV-Mitglieder so:

„Es entspricht dem nationalsozialistischen Grundsatz, daß der neuedeutsche Mensch die Schulung des Leibes, der Seele und des Geistes in der gleichen Weise betreiben soll. In diesem Sinne werde der olympische Gedanke zu einer nationalsozialistischen Kulturforderung, die jedem Volksgenossen die Verpflichtung auferlegt zur Mitarbeit. Damit ist auch dem ETV der Weg vorgezeichnet. Und ich denke, es wird ihm nicht schwerfallen. Denn wer die Geschichte des ETV kennt, weiß, daß er immer in vorderster Linie gestanden hat, wenn es galt, für deutsches Volkstum und deutsche Volkskraft zu werben.“ (Hans Winkel im ETV-Vereinsblatt „Der Eimsbütteler“, März 1936. Winkel, früher und enger Vertrauter von Sparbier, war 1933 bereits Rentner, er starb 1939. Zur Mobilisierung gehörte auch der „Aufruf zur Olymischen Schulung“ von Joseph Goebbels, der im Dezember 1934 im „Eimsbütteler“ erschien). 

Siehe auch: • Deutsche Turnerschaft (Hrsg.): Führer-Tagung der Deutschen Turnerschaft in Hamburg, Hamburg 1935 • Senator Richter, SA-Brigadeführer: Hamburgs Kämpfer bei den Olympischen Spielen, Hamburg 1936 • Riefenstahl, Leni: Schönheit im olympischen Kampf: Aufnahmen von den Olympischen Spielen 1936, Berlin 1937 • Paul Yogi Mayer: Jews and the Olympic Games. London, 2004 • United States Holocaust Memorial Museum: The Nazi Olympics (Ausstellung, siehe www.ushmm.com) 

Stuttgart – Berlin – Breslau: die große Zeit des ETV


Höhepunkt des faschistischen Turnfestes 1938 in Breslau war die Rede Hitlers an die Turner. Unten rechts der Marschblock des ETV, angeführt vom ehemaligen Sozialdemokraten Julius Lüdemann. Links unten: Gedenkstein für die Breslauer Synagoge, die wenige Monate später zerstört wurde. 



ETV-Abteilungen in der NS-Zeit

Fechtabteilung: seit 1900
Eine der ältesten Fechtabteilungen Hamburgs. Bis 1913 Kampf mit schweren Waffen wie bei der studentischen Schlägeremensur. Briten verhängen 1945 Fechtverbot. Fechter war u.a. John Heinemann.

Leichtatheletik seit 1914
Vorher Unterabteilung der Spielvereinigung. Nimmt 1933 viele Überläufer aus den aufgelösten Arbeitersportvereinen auf. Darunter Lüdemann. Als „Legende“ der Abteilung wird der von den Nazis geliebte Hans-Heinrich Sievert bis heute verehrt.

Schwimmabteilung ab 1912
Größte Erfolge in Nazizeit, Eheleute Muhs. Titel 1939 Inge Schmidt

Wasserball ab 1920
1936 Hamburger Meisterschaft

Tennis ab 1925 (Hoheluft-Platz)
Hoher Anteil SA und SS

Hockey Abteilung ab 1932 (Hoheluft-Platz)
Viele SS-Leute

Faustball ab 1899
1934 Deutscher Meister Frauen. Zu den „Faustball-Legenden“ der 1930er Jahre gehörte der bis heute im ETV hochgeehrte Peter Ehlbeck (sein Sohn ist auch im ETV aktiv).

Basketball ab 1937!
1938 Hamburger Meister

Aktion Spätlese ab 1923
Die Rentner-Abteilung des ETV ist besonders einflussreich und wir bis heute gegen Kritiker der Geschäftspraktiken des Vereins eingesetzt.
1923 Altfreunde Gründung durch Sparbier und Winkel
1939 Altfreunde Chef ist der Nazi Adolf Jacobsen
1976 Aktion Spätlese Heinz Krohn

ETV-Mitglieder in der NS-Zeit und danach

Im Gegensatz zum ETV verfügen wir nicht über Mitgliederlisten, auf deren Grundlage man die deutschvölkische und nazistischeOrientierung der Vereinsmitglieder recherchieren könnte. Wir haben deshalb aus Geburtstagsgrüßen und Todesanzeigen des ETV-Magazin einige Namen und Daten notiert, die dort seit Ende der 1970er Jahre bis heute auftauchen. Für die Zeit davor beschränken wir uns vorerst auf die dort erwähnten Namen aus dem Kreis der Vereinsführung. Die Recherche ist aufwändig und daher nicht abgeschlossen. Eine kleine Auswahl haben wir in Archiven abgeglichen. Die Auflistung zeigt vor allem, was möglich wäre, wenn der ETV ein Interesse an einer solchen Darstellung hätte. Es gibt zudem Feldpostbriefe und die Möglichkeit, auch die Kriegskarrieren (Wehrmacht, Waffen-SS, SS) einiger Mitglieder zu recherchieren. (Der ETV selbst hat diese für sein Wehrmachtsdenkmal erfasst und zu diesem Zweck Aufrufe im Vereinsblatt veröffentlicht). Das ginge aber weit über unseren Beweiszweck hinaus, weshalb wir uns auf ausgewählte Beispiele beschränken werden. Viele der hier erwähnten Personen leben noch, einige sind erst in den letzten Jahren verstorben. In etlichen Fällen sind ihre Nachkommen im ETV aktiv. Öffentlich hat sich niemandvon diesen Personen jemals zur völkischen und nazistischen Vergangenheit des ETV geäußert. Im Verein selbst weiß man selbstverständlich alles über diese Vergangenheit, die jedoch nicht negativ bewertet wird – auch nicht von den Jüngeren. Im Gegenteil: Als wir die ersten Flugblätter zu Robert Finn verteilten, mobilisierte die ETV-Führung „alte Kameraden“ gegen uns. Sie versorgten den ETV mit Persilscheinen und bestätigten ihm, dass Finn und andere nur den Verein vor den Nazis retten wollten.

(1) MITGLIEDER, DIE VOR ODER WÄHREND DER NS-ZEIT EINGETRETEN SIND UND MINDESTENS BIS 2006 NOCH LEBTEN.

• 1900 (9.4.) Georg Schulz. • 1908 (11.8.) Helmut Stühmer, Einritt 1919, 2. Vorstandsvorsitzender, 60 Jahre dabei, Ehrenmitglied 1978, Handball-Schiedsrichter bei Olympiade 1936 und WM 1938, 20 Jahre Vorsitzender der Turnabteilung. (NS). • 1912 (9.6.) [Nachtrag: Jule Lüdemann, starb 2009 mit 97]. Einritt 1935, Olympische Spiele 1936. Der „Hamburger Turnvater“ (Abendblatt). 1933 Überläufer aus der sozialdemokratischen Turnbewegung. • 1912 (17.3.) Herta Brüggemann. • 1912 (18.8.) Hermann Weymar („Zeitzeuge“ von Havekost und Fechner), ETV-Architekt und ETV-Veteran, hat die ganze NS-Zeit im ETV verbracht (seine Frau ist wahrscheinlich die am 27. April 1916 geborene Gertrud Weymar, die in den ETV-Geburtstagslisten auftaucht). Wird im ETV als „Zeitzeuge“ aufgerufen, um Kritiker zu widerlegen. Bagatellisiert NS-Zeit und Judenverfolgung. • 1916 (27.04.) Gertrud Weymar. • 1917 (30.6.) Walter Clasen (verwandt mit Peter Clasen, Aufsichtsratsmitglied des ETV?). • 1919 (15.4) Karl-Heinz Lanser (Ehrenmitglied). • 1919 (Februar) Ulrich Nellen, „Ehrenmitglied“ des ETV (NS). • 1921 (30.4.) Gunther Tormählen (NS). • 1921 (7.3.) Peter Ehlbeck. Der „Fritz Walter des Faustballs“. Seit 1931 dabei. Wird meistens in einem Atemzug mit dem von den Nazis verehrten ETV-Olympia-Kämpfer Hans-Heinrich Sievert genannt. Artikel im Abendblatt vom 24.2.1969 über ihn und seinen ebenfalls im ETV aktiven Sohn. Spendete 2006 u.a. mit Armin Finn, Volker Finn und Jürgen Glismann für die Renovierung der Finn-Halle. ETV-Homepage 2006 (von uns komplett gespiegelt): „Lieber Peter, Du bist ein ETV-Urgestein, und Du bist Vorbild für uns alle. Herzlichen Glückwunsch!“ [Nachtrag: erneut erwähnt im ETV-Magazin 3/2008]. Der Sohn Claus Ehlbeck ist ebenfalls im ETV aktiv. • 1922 Bernhard Koehler. • 1922 (23.3.) Erwin Marwitz. • 1923 (29.3) Heinz Plehn.

(2) MITGLIEDER, DIE VOR ODER WÄHREND DER NS-ZEIT EINGETRETEN SIND UND MINDESTENS BIS 2004 NOCH LEBTEN.

85 Jahre Mitglied – 1 Person, Eintritt 1919
75 Jahre Mitglied – 1 Person, Eintritt 1929
70 Jahre Mitglied – 2 Personen, Eintritt 1934
65 Jahre Mitglied – 2 Personen, Eintritt 1939

Darunter: • 1923 (27.10) Hans Weishoff, Einritt 1.5.1939 (NS). • Hemut Stühmer, Einritt 1936, Schiedsrichter Handball (NS). • Ilse Becker, Einritt 1936 (NS). „Ehrenmitglieder:“ • Hans Marienfeld • Jule Lüdemann • Ulrich Nellen • Peter Ehlbeck • Hans-Hermann Weymar • Karl-Heinz-Lanser • Friedrich Großmann.

(3) MITGLIEDER, DIE VOR ODER WÄHREND DER NS-ZEIT EINGETRETEN SIND UND MINDESTENS BIS 2002 NOCH LEBTEN.

• 1909 (26.6.) Berthold Pölck, (gest. 21.2.02), ETV seit 1942, Faustball, Goldene Ehrennadel (NS). • 1911 (3.6.) Thea Schulz. • 1911 (8.4.) Fritz Willers (NS). • 1912 (19.3) Christel Meinecke. • 1913 (3.4.) Heinz Eggert (NS). • 1913 (24.4.) Frieda Thoschlag (Frau des Nazis Willi Thoschlag). • 1917 (8.4.) Gerhard Langenbeck. • 1917 (22.4.) Karl Heinz Kühnlenz (NS). • 1918 (11.5.) Elisabeth Lambeck. • 1918 (6.4.) Johanns Marquard. • 1920 (16.4.) Gerhard Lüdecke. • 1920 (30.4.) Margarethe Krohn. • 1921 (20.4.) Margot Staats. • 1922 (2.3.) Karl Heinz Manja (NS). • 1923 (14.2) Rudolf Nolden. • 1923 (28.3.). • Ernst Otto Brandt (NS). • 1923 (24.5.) Wolfgang Güttner. • 1924 (23.6.) Karl Hein Lorenz. • 1925 (9.3.) Erna Sarnes. • 1925 (17.3.) Walter Beck. • 1925 (15.4.) Günter Minding. • 1926 (18.5.) Hans Domscheit.

(4) MITGLIEDER, DIE VOR ODER WÄHREND DER NS-ZEIT EINGETRETEN SIND UND MINDESTENS BIS 2000 NOCH LEBTEN.

• 1908 (13.7.) Ernst Tegele (DNVP). • 1913 (14.7.) Gerhard Hensel (NS). • 1917 (24.7.) Harald Hübner (NS). • 1922 (27.4.) Heinrich Marienfeldt. • 1924 (28.7.) Harald Steinerm.

Ehrung für Mitglieder, die im Jahr 2000 seit 60 Jahren (seit 1940) dabei sind: • Ernst Linow, Gymnastik • Berthold Pölck, Faustball. Ehrung für Mitglieder, die im Jahr 2000 seit 70 Jahren (seit 1930) dabei sind: • Gerhard Lüdecke, Fußball Armin Finn, Tennis. • Walter Clasen, Fußball. Ehrung für Mitglieder, die im Jahr 2000 seit 80 Jahren (seit 1920) dabei sind: • Alberti Balz, Einritt 1936 (NS).

(5) MITGLIEDER, DIE VOR ODER WÄHREND DER NS-ZEIT EINGETRETEN SIND UND ZULETZT ZWISCHEN 1978 UND 1994 ERWÄHNT WURDEN:

Träger der „Goldenen Ehrennadel“ des ETV 1994: • Werner Irgang. Begründung: Wiederaufbau der Wassersportabteilung. • Berthold Pölck. Begründung: Deutscher Meister Faustball 1947. • Helmuth Wieser. Begründung: Mitglied seit 1921. „Bereits in den Kriegs- und Nachkriegsjahren kümmert er sich um die Belange der Fußball-Mannschaft. Einer der größten Sponsoren des ETV.“

• 1888 (9.5.) Julius Stahl (NS). •1894 (12.6.) Max Eisfeld (NS). • 1898 Heinrich Schlüter. • 1898 (6.12) Walter Meeves. • 1898 (29.12) Otto Soltaus. • 1900 (24.2.) Alfred Heynen. In jedem Fußballbuch und mehrfach auch im Spiegel erwähnter Hamburger Rechtsanwalt (Petersson & Partner) und DFB-Funktionär. „Unter Vorsitz von Dr. Alfred Heynen, Hamburg, trat das DFB-Bundesgericht zusammen“ (Spiegel 9/1954). Stellte Finn einen Persilschein aus. (NS). • 1902 Willi Warkentin, Einritt 1928, [Nachtrag: erwähnt 11/2008]. Schlagball, 1928 Deutscher Meister, danach durchgehend aktiv. • 1903 Friedrich Muhs, Vorsitzender Schwimmabteilung. Hielt mit seiner Frau „während der Kriegszeit die Abteilungsfahne hoch“. (NS). • 1904 (2.9.) Willi Freese, Einritt 1941, Faustball, Aktion Spätlese (NS). • 1906 Arnold Achsel, Eintritt 1918, Schlagball, 1928 Deutscher Meister, danach durchgehend Trainer der ETV-Handballerinen (NS). • 1907 Ludwig Soll. • 1908 (24.12) Alfred Ebeling. • 1909 Hans-Heinrich Sievert, Zehnkampf-Weltrekordler 1934, galt zur NS-Zeit des als Symbol der „Herrenrasse“. Wehrmachtsoffizier. • Alfred Knoop, Eintritt 1920er, Mitbegründer Hockey Abteilung 1932, Polizist (NS). • Ewald Wiemann, Eintritt 1935, Fußballschiedsrichter, Goldene ETV-Nadel 1985 (NS). • 1922 Alice Engelhardt, Schwimmwettkämpfe 1930-1955. • Carl Spahn, Einritt 7.5.1903, erwähnt 1978 und 2006. Freund von Sparbier. Mit Dr. Rudolf Kappe, Baurat Otto Schwarz ab 1912 Aufbau Leichtathletik. Unternehmer. Hinweis auf „Arisierung“.

(6) ANDERE DEUTSCHVÖLKISCHE & NAZIS, DIE IN PUBLIKATIONEN DES ETV ERWÄHNT WERDEN:

• Julius Sparbier • 1910 Anneliese Sparbier • 1916 (20.11.) Hartwig Sparbier • 1919 (28.2) Hans Sparbier • Annaliese Sparbier • August Bosse • Hans Bosse • 1915 (27.2.) Adalbert Bosse • Adolf Jacobsen • Eduard Brose • Robert Finn • Edgar Finn • Gustav Tonndorf • Paul Ritter.


Verpasste Entnazifizierung in Eimsbüttel:
Völkische Symbole an der „Robert-Finn-Halle“

Backstein-Deko an der Außenfassade der Robert-Finn-Halle (gegenüber derSynagoge). 

September 2006: „An der ETV-Halle gibt es ein Hakenkreuz“ raunen sich die Schulkinder seit Jahren zu. „Das ist doch kein Hakenkreuz“könnte nun der ETV sagen. Sagt er aber nicht. Er sagt überhaupt nichts dazu. So war es jedenfalls bisher. Das Hakenkreuz war einfach da. In den 1980er Jahren war es meistens von Gebüsch verdeckt, weshalb es vor allem von Kindern und Jugendlichen entdeckt wurde (es sind übrigens auch meistens Kindern, denen die Hakenkreuze im Ziermuster des Geländers der benachbarten Isebek-Brücke auffallen). Einige von ihnen gingen sogar zum ETV rein, wo sie dem Personal am Empfang aufgewühlt von ihrer Entdeckung berichteten. Man hat sie ausgelacht und nach Hause geschickt. Beschwert haben sich auch andere. Der ETV sammelt die Eingaben seit Jahren in Ordnern. Weil es in dieser Sache bisher nie eine Öffentlichkeit gab, bleiben alle Proteste vereinzelt. Auch eine Arbeitsgruppe, die schon vor Jahren Material zu diesem „Turnerkreuz“ recherchiert hatte, konnte damit alleine nichts erreichen. Es gab bisher keine Gruppierung, die in der Lage gewesen wäre, eine kritische Öffentlichkeit herzustellen. Und selbst wenn das gelingt: Es muss schon viel geschehen, bevor der Großverein ETV, der wegen seiner Rolle bei der Privatisierung des Sparbierplatzes ohnehin unter dem besonderen Schutz von Senat und Bezirk steht, bei NDR oder Abendblatt mit etwas anderem vorkommt als mit seinen eigenen Pressemeldungen.


Robert-Finn-Halle, Sommer 2006. Ankündigung von Umbauvorhaben des ETV. Bausünden? Die vier völkischen Symbole waren jedenfalls nicht gemeint. 

Dieses Kreuz ist Teil eines Ensembles, das aus vier völkischen Symbolen besteht; darunter befindet sich auch ein linksdrehendes Hakenkreuz. Sind es denn Hakenkreuze? Ja, es sind vier völkische Symbole, die 1910, als das ETV-Zentrum gebaut wurde, bereits als Zeichen antisemitischer Strömungen verwendet wurden. Nicht nur von „Ariosophen“ wie Guido von List, die unter anderem das Hakenkreuz als germanische „Rune“ betrachteten, dem „Bund deutscher Volkserzieher“ und der „Germanischen Glaubens-Gemeinschaft“, sondern auch von Turnern.


Oben: die vier völkischen Symbole am Gebäude des ETV in Hamburg-Eimsbüttel. Unten: Vergleichbare völkische Symbole.


Linkskdrehende Hakenkreuze der völkischen Bewegung zwischen 1902 und 1912

Völkischer Antisemitismus in Hamburg 1892 und 1898

Das antisemitische Zeichen an der „Robert-Finn-Halle“ ist kein Zufall: Zentrum des ersten Aufschwungs der Hamburger Antisemiten war zwischen 1889 und 1910 Eimsbüttel. In dieser Zeit wurde auch der Eimsbütteler Turnverband (ETV) gegründet und entstand auch dessen Gebäude. Die Schnittmengen dürften erheblich gewesen sein, zumal es sich um das gleiche soziale Milieu handelte – Handwerker, kleine Geschäftsleute, Beamte – und weil die „deutschen Turner“ zum Kern der Antisemiten im Kaiserreich zählten. Man war zugleich gegen „jüdisches Kapital“ und Sozialismus. Juden sollten weder als Beamte noch als Mitglieder in Vereinen geduldet werden.

Abbildung unten: Bericht in der jüdischen Zeitung „Die Welt“ aus dem Jahr 1898 über antisemitische Attacken der „germanischen“ Turner im Vorfeld des deutschen Turnfestes in Hamburg, an dem auch der ETV beteiligt war:

Dem Vorbild der Germanischen Glaubens-Gemeinschaft folgten schonlange vor 1914 zahlreiche andere völkische Organisationen, darunter der antisemitische Deutsche Turnerbund, der ariosophische „Germanenorden“ und auch die Deutschvölkische Partei, die damals bemüht war, alle völkischen und antisemitischen Strömungen zu sammeln. (Nach 1918 spaltete sich von der Deutschnationalen Volkspartei dieDeutschvölkische Freiheitspartei ab, die 1924 mit der NSDAP eine Listenverbindung einging). Im Hebst 1918 trat schließlich einDeutscher Volksrat an die Öffentlichkeit, der mit dem Hakenkreuz als Symbol zu Pogromen gegen Juden aufforderte. Von da an entwickelte sich das Hakenkreuz zum eindeutigen Zeichen der rechten Gegenrevolution. Es wurde dann von der „Mutterorganisation“ der NSDAP, der Thule-Gesellschaft (einer Abspaltung des Germanenordens) zum Parteizeichen erhoben. Hitler hat es von dort als antisemitisches Symbol übernommen.

Das Hakenkreuz an der „Robert-Finn-Halle“ als Sportabzeichen


des 1889 gegründeten Deutschen Turnerbundes.

Als der Gau Niederösterreich der Deutschen Turnerschaft (DT) 1888den „Arierparagraphen“ des Ersten Wiener Turnvereins in seine Satzung übernimmt, wird er von der reichsdeutschen DT ausgeschlossen. Daraufhin vereinigt sich der Gau mit den „judenreinen“ Turnvereinen Nordböhmens 1889 zum Deutschen Turnerbund (DTB). Die radikal-antisemitische Haltung findet ihren symbolischen Ausdruck im DTB-Bundesabzeichen – einem Doppelhakenkreuz, das 1909 entworfen
und 1910 offiziell eingeführt wird.

Wahrscheinlich haben die antisemitischen Wiener Turner ihre Variante aus dem Vereinszeichen des Alten Turnvereins Breslau entwickelt. Die übliche graphische Anordnung der vier „F“s – das Kürzel für „frisch, fromm, fröhlich, frei“ (wobei „fromm“ = „bereit sein“ bedeutet) – wurde zuerst in Kassel und Breslau umgekehrt. Normalerweise liegen die Dachlinien des „F“ im Zentrum aneinander, während der „Mast“ mit der Spitze in die Luft ragt. In der Breslauer Variante bilden die Spitzen das Zentrum, während die „FFFF“-Haken zum rechtsdrehenden Kreuz geordnet sind. Es sieht dann aus wie ein (Doppel-) Hakenkreuz. Es ist dann auch ein Hakenkreuz. Aber es ist nicht das der Nazis, sondern ein vorfaschistisches, gleichwohl aber antisemitisches. Denn dieses Symbol ist seit dem 19. Jahrhundert ein Feldzeichen des Antisemitismus. Als es vom DTB eingeführt wird, benutzen längst auch andere antisemitische Bewegungen wie die „Ariosophen“ oder die „Volkserzieher“ (die meistens auch mit den völkischen Turnern in Verbindung stehen) Hakenkreuze als „Arierer“-Zeichen.

Die zum DTB gehörenden 800 Vereine hatten auch im übrigen Reichsgebiet Sympathisanten. Der DTB nahm zudem regelmäßig an den überregionalen Turnfesten des DT teil – auch in Breslau 1894 und in Hamburg 1898. Es mag sein, dass auf diesem Weg das Turnerhakenkreuz (das seit 1907 auch in den Publikationen der Turner abgebildet wurde) zum ETV gelangt ist. Den Antisemitismus selbst musste man nicht importieren: Eimsbüttel gehörte damals zu den antisemitischen Hochburgen in Deutschland.

Warum das im ETV nie jemand interessierte oder gar störte? Weil die authentische deutsche Erinnerung nichts zu tun hat mit der politisch korrekten StaatsräsonSie finden einfach nichts dabei!Die Welt derjenigen, die deswegen entsetzt sind, ist ihnen fremd. Wenn ihnen wirklich Ärger drohen würde, hätten sie auch kein Problem damit, dieses Hakenkreuz zu entfernen. Sie würden dann sagen: „Wir können die ganze Aufregung überhaupt nicht verstehen, aber: bitte schön! – an uns soll es nicht liegen“. Bevor es aber dazu kommt. hätten sie noch einen Vorschlag zur Güte: Die Anbringung einer großen Tafel neben dem Hakenkreuz mit der Aufschrift: „Dies ist kein Hakenkreuz“. Nicht wenige Kritiker wären sicher bereit, sich auf diesen Vorschlag einzulassen. Er würde ganz und gar dem Stand der historisierenden deutschen Erinnerungskultur entsprechen.

Schon damals in Hamburg bemerkenswert:
das Turnerkreuz als Hakenkreuz beim ETV

Oben: Grußkarten & Anstecknadeln „vaterländischer“ Turner zwischen 1889 und 1910, der Gründungszeit des ETV. (Die Karte rechts unten zeigt die Einteilung der Turnkreise). Auf allen Abbildungen ist das am christlichen Kreuz orientierte (Felsingsche) Turnerkreuz von 1844 zu sehen, das spätestens seit dem Zeitpunkt der Gründung der Deutschen Turnerschaft (DT, 1868) das Symbol fast aller „deutschen Turner“ war.

Vor diesem Hintergrund ist die Verwendung des Turnerhakenkreuzes am ETV-Gebäude besonders bemerkenswert. Der ETV war bei seiner Gründung 1889 Mitgliedsverein der DT. Warum entschied er sich trotzdem für eine Darstellung, die damals in DT-Vereinen nicht mehr gebräuchlich war, wohl aber in den offen antisemitischen Vereinen in Österreich, die auch im deutschen Reichsgebiet ihre Anhänger hatten?
Das aus den vier Fs gebildete rechtsdrehende Turnerkreuz war bereits seit 1849/1850 bekannt und diverse Hakenkreuzformen in allen Drehrichtungen galten bereits im 19. Jahrhundert als „germanische“ Zeichen.
Möglicherweise hat die Übernahme dieses rechtsdrehenden Turnerhakenkreuzes (daneben hängt noch ein linksdrehendes Hakenkreuz) durch den ETV mit Kontakten zu den antisemitischen österreichischen Turnern beim Hamburger Turnfest von 1898 zu tun. Damals gab es zwar noch nicht den ETV, aber die beiden Vereine, aus denen er 1889 gegründet wurde, bestanden schon. Vier Mitglieder dieser Vereine nahmen auch schon 1894 an dem Breslauer Turnfest teil, dessen Festbroschüren das selbe Kreuz zierten, das auch an der ETV-Halle
zu sehen ist.
Das Breslauer Kreuz wurde nach 1945 und wird bis heute vom ETV gerne als „Windmühlenform“ beschrieben. Doch so bedeutungsneutral war die Hakenkreuzform schon damals nicht. Zwar wurde sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch nicht einheitlich gedeutet, aber es gab bereits zwei Faktoren, die eine politische Deutung forcierten:

(1) die antijüdische Tendenz bei den Turnern: „Erwähnenswert ist es, wie im inneren Leben der Hamburger Turnerschaft die Zeitströmungen sich widerspiegeln: Schon 1847 war eine Bestimmung der Satzungen, dass Nichtchristen nicht aufgenommen werden dürfen, unter dem Einfluss der Judenemanzipation aufgehoben worden“, heißt in einer älteren Darstellung.


(2) der Einfluss der Indogermanentheorien, der Reden über die „nordische Rasse“ seit Mitte des 19. Jahrhunderts und der damit verbundenen chauvinistischen „germanischen“ Kulte (Julius Sparbier pflegte im ETV besonders den Siegfriedkult) sowie insgesamt die von der Rasseideologie beeinflusste prähistorische Anthropologie. Beide Faktoren haben sich seit dem 19. Jahrhundert parallel entwickelt. Mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde das Hakenkreuz zum bevorzugten Symbol verschiedener Gruppen der völkischen Bewegung. Verfechter der „Rassenreinheit“ druckten es auf Flugblätter, Pamphlete & Broschüren; es erschien auf Werbeanzeigen für „germanische“ Literatur und Kunstgewerbe in Zeitungen und Illustrierten. Besonders häufig wurde es in der 1905-1931 erschienenen antisemitischen Wiener Zeitschrift „Ostara“ abgebildet. Ihr Herausgeber, Adolf Josef Lanz v. Liebesfels, hisste bereits zu Weihnachten 1907 auf seiner Burg Werfenstein eine Hakenkreuzfahne.

Oben: • Anordnung der vier Turner-Fs in Hakenkreuzform beim Männerturnverein Cassel (wahrscheinlich 1849). Die „germanische“ Deutung der Hakenkreuzform beginnt Anfang des 19. Jahrhunderts mit der „vaterländischen Alterthumskunde“ (E. Muncu: „Grundrisse der deutschen Alterthumskunde, Freiburg 1827 und G. Klemm „Handbuch der germanischen Alterthumskunde“, Dresden 1836). • Die gleiche Anordnung beim Alten Breslauer Turnverein im Jahr 1894 (Scan des Originals. Das Symbol wurde möglicherweise schon seit 1861 genutzt, es gibt aber keine Belege aus dieser Zeit. Alle Darstellungen, die es seit 1907 gibt, sind nur nachgezeichnet). • Turnerhakenkreuz des 1889 in Österreich gegründeten antisemitischen „Deutschen Turnerbundes“ (DTB) aus dem Jahr 1909. Dieses abgerundete Doppelhakenkreuz ist keine Variante des Felsingschen Turnerkreuzes von 1844, sondern eine Variante des Breslauer Kreuzes. Die Hakenkreuzform war 1909 bereits eindeutig „rassenantisemitisch“ konnotiert. • Rechts unten: Seit 1912 benutzte die antisemitische „Germanisch-Völkische Glaubensgemeinschaft“ ein abgerundetes, mit einem Hammer kombiniertes Hakenkreuz, das ähnlich (nach rechts gedreht und mit einem Schwert kombiniert) auch von der rechtsradikalen Thule-Gesellschaft (zweites Bild unten) benutzt wurde. Beiden Gruppierungen war die Ähnlichkeit mit dem antisemitischen Turnerhakenkreuz (Doppelhakenkreuz) aus Österreich bewusst. • Oben rechts): 1936 wird dieses gekrümmte Hakenkreuz (ohne die Andeutung eines F-Zeichens) am Eingang des Berliner Olympiastadions als Turnerkreuz verwendet. • Unten: Die abgewinkelte Variante von Guido von List stammt aus dem Jahr 1907. • Die gleichzeitige Verwendung von links– und rechtsdrehenden Hakenkreuzen ist bis 1920 in völkischen Publikationen üblich. Das dritte untere Bild ist einem „germanischen Glaubenbekenntnis“
von 1918 entnommen.


Allgemein üblich war bis 1933 das bekannte Turnerkreuz, das häufig dem (1840 an Jahn verliehenen) Eisernen Kreuz anverwandelt wurde. In den ersten Jahren nach 1933 koexistieren beide Symbole bei Sportveranstaltungen. Spätestens zum Turnfest 1938 in Breslau (für den ETV bis heute eine wichtige Referenzgröße) wurde das Nazihakenkreuz generell zum Symbol der Turner. 


Von links: • „Volksbund der Deutschen in Ungarn“ • 11. SS-Freiwilligen-Panzergrenadier-Division „Nordland“ • (Christliche) „Deutsche Glaubensbewegung“ • NS-Frauenschaft • 5. SS-Panzer-Division „Wiking“, • SS Freiwilligen-Panzergrenadier Division Langemarck.

Diese Zeichen verbotener Organisationen sind dem ETV-Turnerkreuz aus zwei Gründen nicht zufällig ähnlich: Erstens ist das Kreuz mit den rechtsdrehenden F-Haken, das es als antisemitisches Zeichen schon VOR den Nazis gab (als eine von mehreren Varianten) EIN Vorgänger des Nazi-Hakenkreuzes. Zweitens benutzten die Nazis, als sie 1933 in Österreich verboten wurden, dort dieses Kreuz als Ersatzsymbol für ihr Hakenkreuz! Aus diesem Grund wurde in der 1. Österreichischen Republik auch das Turnerkreuz verboten. Ausdrücklich in Erinnerung an dieses Verbot des Turnerhakenkreuzes, benutzten später mehrere SS-Divisionen unterschiedlich stilisierte Varianten dieses Kreuzes als Divisionszeichen. 


Berlin, Friedrichstraße am 2. Mai 1945: Auf der Straße steht ein gepanzerter Zugkraftwagen, dessen Haubitze getroffen wurde. Die
SS-Besatzung liegt tot daneben. Das Logo des Flak-Wagens ist das 1936 bei den olympischen Spielen als Turnerhakenkreuz verwendete Symbol (siehe oben). Das Foto machte der sowjetische Kriegsberichterstatter Mark Redkin (1908-1987). Ein anderes Modell aus dieser Zugkraftwagen-Serie wurde im Februar 1936 auf der Titelseite der ETV-Vereinszeitschrift „Der Eimsbütteler“ abgebildet. Unter das Foto schrieb man kriegsbegeistert: „Ein Bild vom wiedererstandenen Heer: Schwerer Zugkraftwagen im Gelände“.

Es handelt sich um ein von Krauss-Maffei in München und von Borgward in Bremen produziertes, mit einer 15-cm-Feldhaubitze ausgerüstetes Halbkettenfahrzeug (SD KFZ 250, Sonder-Kraftfahrzeug 7) der 11. SS-Freiwilligen-Panzergrenadier-Division „Nordland“, die überwiegend gegen die Sowjetunion (und dort u.a. gegen lettische Juden) eingesetzt wurde, bevor ihre Reste 1945 in Berlin kapitulierten. Belegt ist der Einsatz von KZ-Häftlingen für diese Division auf dem SS-Truppenübungsplatz „Westpreußen“ am 10.August 1944. Der Wagen SS – 900915 ist der Zugführerwagen des SS-Offiziers Walter Schwark von der 5. Kompanie Pz. AA 11. Teile dieser „germanischen“ Division bestanden aus „Volksdeutschen“. Im Sommer 1998 fand in Estland eine Gedenkfeier für die „Opfer“ der Division beim „Abwehrkampf“ statt, an der der estnische Verteidigungsminister teilnahm. Der „Nordland“-Kommandeur Gustav Krukenberg (NSDAP seit 1932) wurde nie angeklagt. Er lebte von einer guten Pension bis 1980 in Bad Godesberg. 

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Weitere Informationen zu diesem Thema:
• Aktuelle Nachträge auf Seite ETV 3.
• Verlinkungen aller Texte finden sich hier und hier.

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Traditionsbewußt: Der ETV ist stolz auf Hamburgs ältestes Hakenkreuz. Eine kleine Minderheit findet hingegen: Auch wenn damit eine Wahrheit verschwindet; das Ding muß weg! Rechts: Politische Korrekturen am Gebäude der „Deutschen Arbeitsfront“ Hamburg, Mai 1945. 

Das Verbot von Hakenkreuzdarstellungen

bezieht sich auch auf Versuche, dieses Verbot durch Rückgriff auf vorfaschistische Hakenkreuze oder Modifizierungen des Hakenkreuzes zu unterlaufen. Sonst könnten zum Beispiel heutige Nazis auf die Idee kommen, für ihre Zwecke die Darstellung desETV-Hakenkreuzes zu nutzen (auch das linksdrehende Turnerhakenkreuz am ETV-Gebäude würde für eine solche Provokation taugen). Sie könnten sich dann auf den ETV-Geschäftsführer Frank Fechner berufen, der auf die – sich nun häufenden – Nachfragen antwortet, er könne weit & breit keine Hakenkreuze erkennen, sondern nur Turnerkreuze. Dass DIESE Kreuze (in beiden Drehrichtungen) eine antisemitische Geschichtehat, ist für den ETV kein Problem. Man sollte den provokantenMöllemann-Ton solcher Stellungnahmen nicht überhören: Fechners Statements sind aktuelle politische Statements! Sie richten sich an bestimmte politische Milieus im Verein und in Eimsbüttel.

Selbst wenn es sich wirklich um zwei Zeichen handeln würde, denen 1910 überhaupt keine Bedeutung beigemessen wurde – eine Annahme, die angesichts der Geschichte einer hochpolitisierten, rechtsradikalen Turnerschaft absurd wäre – hätte der ETV schon längst in Rechnung stellen müssen, dass diese beiden Kreuze, und besonders das rechtsdrehende Doppelhakenkreuz, für das gehalten werden, wonach sie ja zweifelsfrei aussehen – eben für Hakenkreuze. Dass deren offensive Präsenz seit jeher Passanten und Besucher irritiert und besorgt, ist im ETV bekannt.

„Die Juden haben doch auch nichts dagegen“

Auf Kritik antworten und ETV-Funktionäre ständig mit dem Hinweis, dass „selbst“ die Besucher der (gegenüber liegenden) Synagoge sich bislang nicht beschwert hätten. Denen, die so reden ist der antisemitische Gehalt solcher Statements nicht einmal bewusst. Die Judengelten ihnen tatsächlich als Experten, die sich mit Hakenkreuzen – das weiß doch jeder! – ganz besonders gut auskennen. Wenn also jemand wissen will, ob ein Turnerkreuz, das immerhin wie ein Hakenkreuz AUSSIEHT (das gibt man beim ETV gerade noch zu!), auch als Hakenkreuz wahrgenommen wird, dann muss man sich nur hinsetzen und warten, ob die vorbei kommenden Juden erschrecken. Wenn ja, dann können sie sich ja beschweren! Dann wird man weiter sehen. Und ihnen zum Beispiel erklären, dass sie vor diesem Hakenkreuz wirklich nicht erschrecken müssen.

Es ist schon eine große Portionen frechdeutscher Dummheit nötig, damit man die Dinge SO sehen kann. Dass die jüdische Gemeinde
(die übrigens rund 6000 Mitglieder weniger als der ETV hat), auf eine Rolle als Gewissensinstanz für dummdreiste Turnerfunktionäre womöglich keine Lust hat und zurecht erwarten kann, dass die nicht-jüdische „Zivilgesellschaft“ dieses Problem selbst löst, kann im ETV niemand begreifen.

Demnächst im braunen Versandhandel: T-Shirts selbst gestalten. Mit dem Turnerkreuz des ETV. In Hamburg bislang nicht verboten. Gibt es auch mit dem Slogan: „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“ (Martin Kippenberger, 1984).

Hamburger Abendblatt, 4. Januar 2007
Hakenkreuze gesprüht
Ein Hakenkreuz-Schmierer hat in Berlin-Neukölln einem Mann die Faust ins Gesicht geschlagen. Der Polizeibeamte außer Dienst hatte den Täter beobachtet, als er Verteilerkästen mit Hakenkreuzen besprühte.

MDR, 5. Januar 2007
Hakenkreuz gepflastert
Gegen zwei Bauarbeiter, die beim Pflastern eines Gehwegs in Görlitz ein Hakenkreuz gestaltet haben, ist Anklage erhoben worden. Die beiden Männer hatten die farblich abgesetzten Steine so verlegt, dass sich ein 36 mal 36 Zentimeter großes Hakenkreuz ergab.

Hamburger Abendblatt, 6. Januar 2007
Mehr Hakenkreuze in Hamburg
Wurden 2005 noch 285 politisch motivierte Vergehen aus dem rechten Spektrum beobachtet, waren es von Januar bis November 2006 bereits 390, teilte die Innenbehörde mit. „Dabei war eineVielzahl von Hakenkreuz-Schmierereien„, sagte Behördensprecher Fallak.

Rückblende:
Der ETV und die Deutschvölkischen

Die seit 1915 publizierten „Deutschvölkischen Blätter“ waren das „Organ des Reichsverbandes der Deutschvölkischen Partei“, das in Hamburg seinen Sitz im Karoviertel hatte (Karolinenstraße 16, Hamburg 6). Sie hießen vorher „Deutsch-Soziale Blätter“, davor – seit 1894 –„Deutsches Blatt“. Dieses wiederum war eine Nachfolgezeitung von„Die Abwehr – Hamburger antisemitische Zeitung“, in der besonders viele Eimsbüttler Geschäftsleute inserierten.

Die antisemitische Deutschvölkische Partei ging 1914 aus der Deutschsozialen Partei (gegründet 1889; das von Paul Förster formulierte Grundsatzprogramm wurde 1892 auf dem Breslauer Parteitag beschlossen) und der Deutschen Reformpartei (gegründet 1890 als „Antisemitische Volkspartei“) hervor. Aus diesen antisemitischen Wahlvereinen heraus wurde 1893 – im Kampf gegen „gegen Manchesterthum und jüdischen Ausbeutergeist“ – auch der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband gegründet (Mitglieder 1908: 120.000). Hamburg-Eimsbüttel war eine Hochburg dieser antisemitischen Bewegung. Friedrich Raab, ihr erster Bürgerschaftsabgeordneter, gelang vor allem mit den Stimmen aus Eimsbüttel ins Parlament. „Das bierfrohe Eimsbüttel“ schrieb 1897 das liberale „Hamburger Fremdenblatt“, hat „den ersten Antisemiten in die Bürgerschaft gewählt“. Außer von Geschäftsleuten und Pastoren (z.B. von der Christuskirche) kamen diese Stimmen vor allem von den Beamten und hier nicht zuletzt von den Lehrern. Da Oberrealschul – und Berufsschullehrer damals die größte Gruppe der ETV-Führung bildeten, dürfte es hier hinsichtlich der „Gesinnung“ nicht wenige Schnittmengen gegeben haben. Schon einige Jahre bevor die Nazis dieses Symbol verwendeten, kannte man in Eimsbüttel die „Deutschvölkischen Blätter“ mit dem Hakenkreuz auf dem Titel. Diese waren damit in Hamburg aber nicht die ersten.

Links„Deutschland den Deutschen“: Wahlwerbung der antisemitischen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP, Ferdinandstraße 68) in der „Vereinszeitung“ der Sportabteilung des Eimsbüttler Turnverbandes vom 15. November 1924. Verantwortlicher „Schriftleiter“ war Hans Bosse, ein Bruder von August Bosse. Der Sportjournalist Wolfheim schrieb über diese völkische Anzeige einen Artikel im „Kicker“ und erklärte zugleich seinen Austritt aus dem Verein.

Rechts unten: Der ETV behauptete daraufhin, der Verleger habe die Anzeige ohne Wissen des ETV abgedruckt. Zugleich veröffentlichte der ETV am 15. Dezember 1924 einen persönlichen Angriff auf Wolfheim in Versform. In dem hier gekürzt abgedruckten „Gedicht“ wird der Journalist als Anhänger von „Thälmann oder sonst wem“ angegriffen und als „schmierender“ Schreiber dargestellt, der „Schmutz ins Bare“ verwandelt.

Oben rechts: Dass diese Wahlwerbung kein „Versehen“ war, zeigen diverse andere Anzeigen von antisemitischen, deutschvölkischen Organisationen in den ETV-Zeitschriften dieser Jahre. Zum Beispiel diese Werbung der Deutschnationalen Krankenkasse (Sitz: Hamburg 36) im ETV-Magazin „Der Eimsbütteler“ vom April 1925. Diese Kasse wurde 1907 vom rechtsradikalen Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband (DHV) als „Deutschnationale Kranken- und Begräbniskasse“ gegründet (sie ist übrigens eine der Vorgängerkassen der heutigen DAK).

Unten: Direkt vom Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband (Holstenwall 3-5), der seit seiner Gründung 1893 damit warb, dass Juden nicht Mitglied werden können, wurde diese Anzeige in „Der Eimsbütteler“ vom April 1926 geschaltet:


ETV-Magazin „Der Eimsbütteler“, Februar 1925

Der ETV warb auch selbst für verschiedene rechtsradikale Einrichtungen, zum Beispiel für die von der völkischen „Fichte-Gesellschaft von 1914“ betriebene „Fichtehochschule“, die seit 1916 Niederlassungen u.a. in Hamburg, Kassel und Leipzig betrieb. Die Fichte-Gesellschaft entstand aus den Reihen des oben erwähnten Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes. Sie wollte die „völkische Kraft und Einmütigkeit“ wach halten und fördern. Der Zusatz: „von 1914“ bezieht sich auf den Kriegsbeginn, da man davon überzeugt war, dass gerade im Krieg diese Ziele besonders gut erreichbar seien. Der völkische Theologe Paul Althaus sprach während eines Vortrages zum Thema „Deutsche Nationalerziehung von der „Herrlichkeit der großen Stunde des Jahres 1914.“ An der Fichtehochschule wurde im Stil einer Volkshochschule „Deutsches Volkstum“ (so der Titel der Vereinszeitschrift) gelehrt. Der Lehrkörper bestand aus Völkischen & Alldeutschen, die in einer „Vereinigung für Vaterländische Vorträge“ organisiert waren. Mit Unterstützung der Fichte-Gesellschaft wurde 1919 auch die Arndt-Hochschule als völkischer Gegenentwurf zur Humboldt-Akademie gegründet. Ihrem Lehrkörper gehörten bekannte völkische Antisemiten an, darunter der Agitator Paul Förster (Bruder vonBernhard Förster), Werner Lindner vom „Deutschen Bund fürHeimatschutz“ und Joachim Kurd Niedlich, Autor von „Deutscher Heimatschutz als Erziehung zu deutscher Kultur“ (1920). Einer der Verlage der Fichtegesellschaft war übrigens die Hanseatische Verlagsanstalt. Die Ankündigung des „Frühlingsfestes der Fichtehochschule“ erschien in der Ausgabe 6/1925 des ETV-Magazins „Der Eimsbütteler“. Bereits in der Nummer davor wurde für die Zusammenkunft geworben.

Sehr deutlich werden die Gemeinsamkeiten von ETV und völkischer Bewegung auch in dem oben abgebildeten Aufruf von Robert Finn zum Aufbau eines „rein deutschen Jugendlebens“ im ETV (1923).Wie das gemeint und gegen wen es gerichtet war, hat im deutschvölkischen Eimsbüttel damals jeder verstanden. Finn versuchte seit den 1920er Jahren im ETV eine teils an der „Bismarck-Jugend“ (Jugendorganisation der DNVP, zu der in Hamburg seit 1923 eine „Turngemeinschaft“ gehörte), teils am „Wandervogel“ orientierte, zugleich wehrsportliche, lebensreformerische und romantisch-neugermanische „Landfahrerbewegung“ zu etablieren und gab zu diesem Zweck unter dem Titel „Jungs und Mädels“ eine mit floraler Ornamentik verzierte Beilage zum „Eimsbüttler“ heraus. Mit solcher Ornamentik war damals auch noch – siehe ganz oben – das Hakenkreuz der „Deutschvölkischen Blätter“ verziert.


Aus dem „Eimsbütteler Turn- und Sport-Jahrbuch“ des ETV, 1926

Verpasste Entnazifizierung in Eimsbüttel:

■ Das ETV-Denkmal für die „Kameraden“, die als Herrenmenschen mordend durch Eurpoa zogen




Aufruf des ETV gegen die Novemberrevolution.
(Der untere Teil des Textes vom März 1919 bezieht sich auf Hamburg). 

1920: Der Totenkult der Rechten ist schon das Vorspiel für den Zweiten Weltkrieg. Während jedoch anderen der Friedhof oder die öffentlichen Säulen (etwa am Rathaus) reichen mussten, beansprucht der vaterländisch-völkisch orientierte Eimsbütteler Turnverband eine exklusive Vereins-Kultstätte. 1920 werden ein zur Bundesstraße gerichteter Gedenkstein und – im Gebäude – mehrere Gedenktafeln „für unsere Gefallenen“ eingeweiht. Auf dem Stein steht: „Unseren Toten 1914-1918“. Die „Weiherede“ hält Julius Sparbier. Danach singt der ETV-Chor: „Bleib treu bis in den Tod“. Die Abbildung rechts erschien 1929 . Sie zeigt den Gedenkstein als Teil einer größeren, an das Eimsbütteler Publikum gerichteten Anlage (mit eingefassten Blumenbeeten, Bänken, Efeu etc.) direkt vor dem Eingang des ETV. 

ETV: „Treu auf deutschvölkischem Boden“ 

■ Festrede zur Weihe des Denksteines für unsere Gefallen
(Julius Sparbier, 1920)

Am Gedenktag des Kriegsanfangs ziemt uns ernste Einkehr und ehrliche Selbstbesinnung. Am Gedenktag des Kriegsanfangs enthüllen wir den Denkstein für unsere Toten und übergeben ihm dem öffentlichen Schutze und Treuegedenken. Fern von uns ruhen sie in fremder Erde; wir können nicht hinziehen, um mit treuen Händen die fremde Scholle zu schmücken. Ein Heer von Feinden hindert uns noch heute daran. Aber hier [vor dem ETV-Eingang], trauernder Vater oder trauernde Mutter, trauernder Sohn oder Tochter oder Bruder oder Schwester oder Freund, sei dieser Ort ein Platz trauter und lieblicher Erinnerung. Von der Eissteppe Sibiriens, von der Woge, die dieFalkland-Inseln umspült, erhebe sich linde Tröstung und umsäusele sanft diesen Stein.

Gewiss ist ein Tod in der Jugend ein Abbruch vor der Vollendung. Aber er bewahrt uns auch vor den Kümmernissen des Alters. Gewiss ist es tiefschmerzlich, den Baum vor der Frucht dahinschwinden zu sehen. Aber als Entgeld erscheint uns der Tote ewig jung in unserem Gedenken.

Dank, unauslöschlicher Dank, unaussprechlicher Dank gebührt den Tapferen, die heute vor sechs Jahren in treuer Pflichterfüllung dem Rufe des Kaisers folgten. Dann haben sie im schwersten Ringen, das die Geschichte kennt, gegen mehr als zehnfache Übermacht unser Land, unser Eigentum, unsere Geschichte und unsere Zukunft, unseren Geist, unsere Kunst, unsere Sprache, unser Schrifttum, den Staub unserer Vorahnen und unsere Kinder verteidigt gegen eine Welt von Feinden und sind unbesiegt heimgezogen aus dem Streite. Gibt es ein Volk auf der Erde, das Ähnliches auch nur versucht hätte? Verwundert wird einst die Nachwelt fragen, wie war es möglich, dass solches Heldentum bestehen konnte? Mit ehrfürchtigem Dank gedenke hier jeder deutsche Junge, jedes deutsche Mädchen, das jetzt oder in Zukunft hier zur Pforte [zum Haupteingang des ETV] eingeht, der ungeheuren Leistung unserer Brüder, zu deren Ehre der Denkstein hier in treuer Pflege weiter stehen wird von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. [Der ETV hat sich daran gehalten].

Jeder strebe zu einem ähnlichen Vollmenschen [1] zu reifen wie die teuren Toten. Eine Mahnung sei der Stein auch dem Vereine:

Heute mehr als je ist die Aufgabe eines deutschen Turnvereins einevölkische Notwendigkeit, da unser Heer vernichtet ist. Den Willen zur Mannhaftigkeit kann man wohl durch einen Schandfrieden [2] lahm zu legen versuchen, vernichten kann man ihn nicht! Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Deutscher Junge, deutschen Mädchen, laß Dir nicht den Willen rauben, ein echter tatwilliger deutscher Mann, eine opferwillige, vollkräftige deutsche Frau zu werden.

Im Namen des Eimsbüttler Turnverbandes gelobe ich hier bei diesem granitnen Ehrenmale unserer treuen Toten, dass wir, wie sie, Treu halten wollen an allem, was wir als hehr und heilig erkannt haben. Hier soll jeder begreifen lernen, dass der einzelne sich unterordnen und einordnen muss, wenn das Ganze gedeihen soll. Wir wollen im Sinne unseres Turnvater Jahns treu auf deutschvölkischem Boden bleiben.

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[1] Den rassistischen Begriff „Vollmensch“ hat Sparbier von Nietzsche, der im „Zarathustra“ die „Heranzüchtigung des Vollmenschen“ beschwört. Der Begriff kommt in ETV-Texten häufig vor.

[2] „Schandfrieden“ war das gemeinsame Codewort der Rechten für den Friedensvertrag von Versailles vom 28. Juni 1919. Sparbiers Behauptung, die deutsche Armee sei „unbesiegt heimgezogen“, gehörte zum Kernbestand all jener, die eine „Wiederauferstehung Deutschlands“ und zu diesem Zweck einen neuen „totalen Krieg“ anstrebten, der den „Schandfrieden“ rückgängig machen sollte. Mit dem Slogan„Im Felde unbesiegt“ war der Angriff auf die linke Arbeiterbewegung, Juden und andere „vaterlandslose Gesellen“ verbunden, die der Front einen „Dolchstoß von hinten“ versetzt hätten [das ist ihnen leider nicht ausreichend gelungen]. Er richtete sich nicht nur gegen die Arbeiter- und Soldatenräte, sondern grundsätzlich gegen die Republik. Der deutschvölkische ETV war ein Gegner dieser Republik.

Zwischenkriegszeit: Im ETV sammeln sich Reaktionäre mit großen Schnauzbärten, die Juden und Linke hassen, den Kaiser vermissen und Revanche für den verlorenen Krieg wollen. Die Jugend möchten sie am liebsten zum Zwangsturnen verpflichten. Die aber meidet in den „Goldenen Zwanzigern“ diesen repressiven Verband. Der ETV klagt deshalb über die selbstbewusste Frechheit der „vaterlos erzogenen Jugend“. 

1939, wenige Wochen, bevor Nazideutschland (nach der Besetzung der Tschechoslowakei) mit dem Überfall auf Polen endgültig den nächsten Weltkrieg beginnt: Immer wieder wird an der ETV-eigenen Kultstätte der Heldentod für das Vaterland beschworen. Die „Kameraden“ des ETV „starben den Tod fürs Vaterland“ – „den Lebenden zum Ansporn.“ Der ETV macht die Jugend fit für den Krieg – mit „Wehrturnen“. Robert Finn, seit 6 Jahren Vizechef, wird diesen Jungens schon bald ein aktuelleres Denkmal stiften.

Mit Hitlergruß am ETV-Gedenkstein. Erziehung der ETV-Jugend zum „Heldentod“ für das NS-Regime. Titelbild der ETV-Zeitung „Der Eimsbütteler“ vom April 1935 mit der Bildunterschrift: „Gefallenen-Ehrung vor dem Wetturnen.“ Einige der Teilnehmer sind heute noch im ETV. 

Ob ETV, Rhenania Ossag oder Arbeitsgemeinschaft für Schmierölverteilung (ASV): „Kameraden“, die für Nazideutschland den „Heldentod“ sterben und danach entsprechend geehrt werden wollen, findet Robert Finn überall. Bei dieser Liste aus dem Jahr 1944 handelt es sich um Mitarbeiter von Robert Finn aus verschiedenen Zweigstellen. Der erwähnte Korvettenkapitän Louis de Laporte, vor 1933 Sekretär des jüdischen Vorstandsmitgliedes Otto Stern, war nach Finns Wechsel zur ASV „Leiter der Schmierölbelange“ der Rhenania Ossag. Er war Kontaktmann zu Finn und zu diversen Fachverbänden (DESOK, FEKO). Laporte kommandierte eine „Sicherungsflottille“ (Minenschiffgruppe Westitalien) im Ligurischen Meer. Sie wurde durch eine Alliierte U-Boot-Operation versenkt. Vier Wochen zuvor kam übrigens mit Horst Obermüller ein weiterer „Kamerad“ von Robert Finn ums Leben – bei einem Bombenangriff auf Bukarest, wo er sich in seiner Funktion als Schmierölkontaktmann der Wehrmacht (und Geschäftsführer einer „Rumänien-Mineralölgesellschaft“) aufhielt. In Bukarest war am 16. September 1939 bereits Robert Finns Vorgesetzter, Walter Kruspig, ums Leben gekommen. Kruspig, Mitglied der NSDAP, nahm dort an den „Verhandlungen“ des Deutschen Reiches über den Mineralölnachschub für die Wehrmacht teil. Offiziell kam er bei einem Autounfall ums Leben. Es wird aber allgemein angenommen, dass der britische Geheimdienst ihn im Visier hatte.

Große Mengen (1943 sogar 83%) des Erdöls, aus dem Schmieröl meistens gewonnen wurde (es gab noch die synthetischen Verfahren) kam aus dem mit Nazideutschland verbündeten Rumänien. Für die Helden der Schmierölfront wurde dort eine Extramedaille gestiftet. 

1951: Die Kultstätte des ETV überstand leider den britischen Volltreffer auf das dahinter liegende, danach nur noch einstöckige ETV-Verwaltungsgebäude. Doch Robert Finn kämpfte weiter: Die von ihm angebrachte aktualisierte Tafel erinnert an „UNSERE GEFALLENEN KAMERADEN“. Finn übernimmt diese Phrase aus der Nazizeit, weil sie dort alle „Wehrverbände“ – also Wehrmacht, Waffen-SS und SS – einschloss. 


Oben: Holocaust und Vernichtungskrieg in der ETV-Erinnerung (verschiedene Berichte zwischen 1948 und 1989; weitere folgen noch). Bis in die 1980er Jahre ist dies der gängige Ton (der später als O-Ton bei Guido Knopp wieder auftaucht). Das erwähnte „Betreuungswerk“ war übrigens eine Einrichtung des ETV zur Unterstützung „seiner“ Soldaten im „Felde“ und in der „Heimat“. Man schickte Päckchen an die Front und ging mit den „Kameraden“ ins Kaifu-Bad, sofern sie nicht „dort draußen blieben“. 

April 1949: Eine der frühesten Festlegungen darüber, wer mit der neuen Tafel (Bild unten) gemeint ist: 1. Im Mittelpunkt stehen allle „vorm Feind Gefallenen“ (Wehrmacht, SS, Waffen-SS). 2. Noch genehmigt: Wehrmachtsangehörige, die an Grippe gestorben sind. 3. Geduldet: durch „Bombenangriffe und dergleichen Gestorbene“ [Männer]. 4. Unerwünscht: NS-Opfer 

2006: Der Totenkultstein des ETV liegt nun links vom Haupteingang. Auf das Ensemble mit Blumenbeeten und Efeu hat man irgendwann verzichtet, nicht jedoch auf den Stein mit der Inschrift selbst. Manchmal, etwa 1964, versucht der ETV (also Robert Finn, der solche Definitionen formulierte), den Sinn der Inschrift etwas weiter zu fassen. Dann taucht wieder die ältere Sprachregelung – „Unseren Toten“ – auf, obwohl auf dem Stein „unseren gefallenen Kameraden“ steht: „Der Stein auf dem GEDENKPLATZ vor den Hallen hat eine neue Bronzeplatte erhalten und ist jetzt unseren Toten aus beiden Weltkriegen GEWEIHT.“ Tatsächlich wollte Finn „unsere Toten“ des 1. Weltkrieges den „gefallenen Kameraden“ des Naziweltkrieges subsummieren. Die Metapher des „Kameraden“ hatte sich in der traditionalistischen Armee der Monarchie noch nicht durchgesetzt. Die Nazis propagierten den Begriff als Teil ihrer volksgemeinschaftlichen Rhetorik. Instinktiv wird der Stein daher heute im ETV als „Denkmal für die Gefallenen des 2. Weltkrieges“ wahrgenommen. 


Berichte des „Hamburger Nachrichten-Blattes“ der Militärregierung vom 2. Oktober 1945, 18. Oktober 1945, 25. Oktober 1945, 17. Dezember 1945 und 18. Dezember 1945 über Verbrechen von Wehrmacht, Kriegsmarine und SS.

Robert Finn, selbst beschuldigt, versteht den „ETV-Gedenkplatz mit Findling und Grünschmuck“ (Finn 1964) als Gegenpropaganda [die Anklagen der Alliierten werden als Propaganda denunziert] und somitals Abwehr der historischen Wahrheit dieser Berichte. In seinem Kopf sind die „Besatzer“ die wahren Verbrecher. Sie haben ein Teil „seines“ ETV-Gebäudes zerbombt. Jeder Handschlag zum „Wiederaufbau“ ist daher deutscher Widerstand gegen die „Verbrechen der anderen“. Seine Getreuen, die das auch so sehen, benennen die Halle 1976 DESWEGEN nach Finn. Und diese Interpretation wird bis heute tradiert, etwa im Hamburger Abendblatt vom 14. September 2006 , wo über den Mann, der die Kriegsmaschinerie schmierte, gesagt wird, die ETV-Halle sei „benannt nach dem Wiederaufbauer Robert Finn“.

Die „im Krieg“ entstandenen Schäden am Verwaltungsgebäude des ETV (dem Mythos zufolge an der heutigen „Robert-Finn-Halle“)bestimmen bis heute die Darstellung der NS-Zeit durch den ETV. Mehr noch: Da die größten sportlichen Erfolge des ETV in die Jahre 1933-1945 fallen, wird über die Nazizeit durchgehend begeistert berichtet. Abgrenzungen sucht man (z.B. auf der ETV-Homepage) vergeblich. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Gebäudeschäden sogar als der einzige negative Aspekt dieser Jahre überhaupt. Und diese negative Seite repräsentieren allein jene, die den Nationalsozialismus besiegt hatten. Niemals wurde über die Nutzung der ETV-Hallen als Zwangsarbeiterlager geklagt. Vergessen ist auch der metertiefe Panzergraben, der in den letzten Kriegstagen quer durch den ETV-Tennisplatz gezogen wurde. Und diese geschichtsrevisionistische kollektive Erinnerung des ETV wird ständig aktualisiert. Erst in diesen Tagen (Ende November 2006) stand im ETV-Magazin der Satz: „Julius Sparbier verstarb am 17. Juli 1937 und hat daher die Zerstörung der Halle, die er gebaut hatte, nicht mehr miterlebt.“ Soll heißen: „Er hat es durch die Gnade eines rechtzeitigen Todes nicht mehr miterleben müssen.“ Geschrieben hat das eine Praktikantin. Sie konnte nicht wissen, dass nie eine Halle zerstört wurde, aber sie hat den Grundgedanken gut verstanden. Wie immer, wenn Deutsche sich an die Nazizeit erinnern, verständigen sie sich über das nur Angedeutete: Der ETV blickt durch ein (erfundenes) Loch in der Decke seiner „Robert-Finn-Halle“ auf den barbarischen deutschen Krieg gegen die zivilisierte Welt. Und dieses (erfundene) Loch, das kann ja nicht oft genug betont werden, verursachten grundlos jene, die Deutschland so gerne anklagen.

Robert Finn, der mit seinen faschistischen Hetzreden die am Sport interessierte Jugend für den Heldentod begeistern wollte und der sich auf verschiedene Weise am Zerstörungswerk der Nazis beteiligte, hat sich selbst in unzähligen Artikeln immer wieder als jemand inszeniert, der Zerstörungen rückgängig macht – die notwendigen Zerstörungen der Sieger über die Naziherrschaft. Nach 1945 verrechnete man im ETV die „Vernichtung“ des eigenen Verwaltungstraktes mit gewissen „Schäden“, die Deutschland „anderswo“ anrichtete. Anders gesagt: Gehungert haben wir schließlich auch!

2006 beantragte ein neuer Pächter eine Umbennung des ETV-Lokals „Auszeit“ in „Ehrenstein 9“ – nach einer Adresse in Leipzig. Der skeptische Vorstand gab die Genehmigung erst als das Argument fiel, der Name passe prima zum „ETV-Denkmal für die Gefallenen des 2. Weltkrieges“.

Noch mehr Nazi-Tradition im ETV: 

(1)

1972/1975: ETV ernennt seinen alten Nazi-Vorsitzenden zum „Ehrenmitglied“ und feiert des (Vereins-) Führers Geburtstag.

(3.12.06) Je näher man hinschaut, desto fremder schaut es zurück. Es ist kaum zu glauben, doch Eduard Brose, einst rechtsradikaler Studienrat am Kaifu-Gymnasium (vorher war er, wie das „Hamburgische Staatshandbuch“ weiß, an der Oberrealschule Uhlenhorst), NSDAP-Aktivist und während der ganzen 12 Jahre der Nazizeit „Vereinsführer“ des ETV (unser oben abgebildetes ETV-Fotozeigt ihn mit dem Parteiabzeichen), wurde in den 1970er Jahren, noch während der Amtszeit von Robert Finn (und auf seine Initiative), unterstützt von den gut vernetzten alten Seilschaften sowie mit Einverständnis der Jüngeren, denen dieses Klima passt, mehrfach vom ETV geehrt. Und zwar wenige Jahre, bevor auf Initiative des selben Milieus die ETV-Halle nach seinem Stellvertreter Robert Finn(ebenfalls von 1933-1945 im Amt) benannt wurde. Dass Eduard Brose, der im Verein mit großer Herzlichkeit „unser Edu“ genannt wurde, während der Nazizeit Vorsitzender war, kann nicht ganz verschwiegen werden. Unerwähnt bleiben muss jedoch, dass der nun zum „Ehrenmitglied“ (!) ernannte Altnazi ein solcher war. Stattdessen versucht man mit einer Anspielungen und einer Relativierung einen gegenteiligen Eindruck zu erzeugen: Brose übernahm damals „sogar“ die Vereinsführung (es soll klingen wie: „trotzdem“) und er machte das in seiner „Freizeit“ (also nebenbei, ohne weitere Ambitionen). Es sind dies jedoch reine Tarnformulierungen für die Öffentlichkeit. Intern wissen alle im ETV, wer „unser Edu“ wirklich war. [*] Und alles steht wörtlich im „Eimsbüttler“, der Vereinszeitung des ETV, die im ETV-Archiv liegt. (Zum Beispiel in den Heften 5/1933 und 8/1933, wo Brose als „Führer des ETV“ die nationalsozialistische Orientierung des ETV auf Grundlage der „Richtlinien der neuen Regierung“ explizit formuliert). Trotzdem wird auf der Homepage des ETV weiterhin diese Lüge verbreitet: „Über die politische Einstellung des Vereins während des Dritten Reichs gibt es kaum Material.“

[*] Die erste „Ehrennadel für besondere Leistungen“ erhielt Brose schon am 6. April 1949. Im Mai 1951 wurde Brose als Mitglied des „ETV-Ehrenausschusses“ zuständig für die Auswahl weiterer „Ehrenmitglieder“. Als Brose am 4.12.1975 stirbt, heißt es im Nachruf lakonisch: „Von 1933-1945 übernahm er im Dritten Reich die Vereinsführung. Ihm wurden für seine Verdienst um den ETV die Ehrenmitgliedschaft verliehen.“]

(2)

Bereits 1949 druckt Robert Finn im ETV-Magazin „Der Eimsbüttler“ Artikel aus der schönen Nazizeit nach.

Dass die Nazis nach dem 8. Mai 1945 nicht plötzlich verschwunden waren, ist schon klar. Man könnte jedoch glauben, sie hätten – zum Beispiel 1949 – gewisse Anstrengungen unternommen, jetzt wenigstens wie Demokraten zu wirken. Das mag es auch gegeben haben, nicht jedoch im ETV. In den Nachkriegsausgaben des von Robert Finn redigierten Vereinsblattes – er nennt sich dort weiterhin „Schriftleiter“ („Redakteur“ gilt ihm als undeutsch -wie heute bei der der NPD) – findet man über die Zeit des Nationalsozialismus kein Wort des Bedauerns. 30 Jahre geht es ständig um den „Wiederaufbau unserer von den Engländern zerstörten Halle“ (Finns „Lebenswerk“). Das ist neben den Berichten über Kranzniederlegungen an der hauseigenen Kultstätte der einzige Hinweis darauf, dass zuvor etwas in der Welt passiert sein musste. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass man nun in einer neuen Zeit lebt. Nur in einem kurzen Beitrag der Fußballjugend wird 1949 berichtet, man habe „mit großer Begeisterung“ den Film „Volkssport Fußball in England“ gesehen. Die nazistischen und rechtsradikalen Seilschaften haben den Verein (und die Jugend) auch nach 1945 fest im Griff. Was zur Folge hat, dass die „alten Kameraden“ geradezu übermütig werden. Das geht so weit, dass man mehrfach Artikel aus der Nazizeit einfach nachdruckt. So erscheint im Juni 1949 als Reprint ein ganzseitiger Text aus der Ausgabe von Juni 1940:

Bei diesen Zeilen handelt es sich um einen jubelnden Rückblick auf die Feiern zum 50. Jubiläum des ETV im Jahr 1939, die in ein Meer von Hakenkreuzen getaucht waren und an denen viel Nazi-Prominenz teilgenommen hatte. Obwohl man 1939 ausgelassen gefeiert habe, so heißt es in dem Text, sei das Fest etwas in Vergessenheit geraten, wegen der „in jenen Wochen einsetzenden politischen Hochspannung, die uns alle damals in ihren zwingenden Bann zu ziehen begann“. Die Rede ist hier, man ahnt es schon, vom Einmarsch der Wehrmacht in Polen, der zugleich der Beginn der Vernichtung der europäischen Juden ist. Wenn man sich von solchen Dingen nicht weiter ablenken lasse, so heißt es nun 1949 (formuliert 1940), falle einem zum Beispiel dies ein:

Bei den Gratulanten handelt es sich um Nazideutschlands obersten Sportfunktionär von Tschammer sowie um den Hamburger SA-Brigadeführer Richter:


„Heute, da der erste Abschnitt in der Niederringung der bolschewistischen Gefahr verzeichnet werden kann, dürfte es am Platze sein, dem Hamburger Polizeiherren, Senator Richter, den Dank der hamburgischen Bevölkerung darzubringen für die ungeheure gefahrvolle, aber erfolgreiche Arbeit, die im Dienst das Volkes und Staates geleistet wurde.“ (Hamburger Nachrichten, 26. Mai 1933)

ETV-Freund Alfred Richter, geb. am 12. Juli 1895 in Weimar, war bis 1920 bei der Reichswehr, ehe er zur Hamburger Sicherheitspolizei (Sipo) kam. 1930 wurde der Polizei-Oberleutnant wegen nationalsozialistischer Hetzreden aus dem Polizeidienst entlassen. Richter wurde Geschäftsführer der NSDAP Hamburg, SA-Standartenführer und Bürgerschaftsabgeordneter. Im März 1933 wurde er als Chef der Hamburger Staatspolizei zum Hauptakteur der „Gegnerbekämpfung Marxismus/Kommunismus„. Unter ihm wurde das berüchtigte KZ Wittmoorgegründet. Richters spätere Entnazifizierung bestand in seiner „Rückstufung“ zum Regierungsrat und seiner Einstufung in die Kategorie 4/Mitläufer. Bereits 1952 saß er für die Deutsche Partei im Stadtrat von Oldenburg. Richter starb 1981 auf Norderney.

Damit nicht genug: Besonders hervorgehoben wird auch die Festschrift mit dem Hakenkreuz auf dem Titel, die von Grußadressen der erwähnten Nazifunktionäre eingeleitet wird:


So steht es da im Jahr 1949 – in den Worten von 1940. Schriftleitung: Robert Finn. Und diese kollektive Erinnerung an die schöne Nazizeit bzw. die Darstellung dieser barbarischen Jahre im Medium des Privaten, der Feiern, des scheinbar Harmlosen, gehört bis heute zum kulturellen Code im ETV, zu den Zeichen der Zugehörigkeit.

Einen Monat später kommt Robert Finn erneut auf diese „Jubelfeier“ zurück. „Kurz vor dem letzten Krieg“ habe sie stattgefunden. Dass „kurz vor dem Krieg“ zugleich „in der Mitte der Nazizeit“ war, spielt in seiner Zeitrechnung überhaupt keine Rolle:

Zur gleichen Zeit erschienen: Norbert Wollheim: Zum 9. November 1948 – Rede an die Jüdische Gemeinde Hamburg auf der Gedenkstunde zum zehnten Jahrestag des Beginns der Pogrome in Deutschland. Hrsg. vom Zentral-Komitee der Befreiten Juden in der Britischen Zone Deutschlands. Bergen-Belsen 1948


Robert Finn – vierte Folge
der Auseinandersetzung um einen Ehrenbürger des ETV.

(ab Dezember 2006)

Eine Zwischenbilanz

Erste Presseberichte zur Auseinandersetzung um die Robert-Finn-Halle des ETV. 

Nach drei Monaten der Auseinandersetzung um die von uns angestrebte Umbenennung der „Robert-Finn-Halle“ des ETV ist es gelungen, den Gegenstand des Streits bekannt zu machen. Drei Zeitungen berichteten darüber. Das war aus verschiedenen Gründen nicht selbstverständlich:
(a) Nach der Etablierung einer deutschen „Erinnerungskultur“ seit 1990 ist das „Nazi-Thema“ heute unter die Oberkategorie „Kriegsfolgen“ subsummiert. Das bedeutet, dass es gleichwertig im Kontext anderer „Kriegsereignisse“ abgehandelt wird: Die Bombardierung deutscher Städte, Flucht & Vertreibung, Kriegsgefangenschaft von Wehrmachtssoldaten in der Sowjetunion („Zwangsarbeiter“) usw. „Nazi-Themen“ haben daher allgemein keinen besonderen Meldungscharakter mehr.
(b) Einen „Nazi zu entlarven“ finden seit – sagen wir 1995 – ohnehin immer mehr Leute ziemlich langweilig. Viele sind der Meinung, dass die Zeit „besserwisserischer Anklagen“ irgendwie vorbei sein sollte. Empathie mit den „eigenen Leuten“ ist gefragt: „Wie hättest Du Dich denn damals verhalten?“ Oder um es mit einem Zitat zu sagen, mit dem der Turnverein Alt-Idstein seine „Geschichtsseite“ überschrieben hat: „Die, Gezwungenen, Verführten, Getäuschten, Mitläufer aber, deren Schuld allein darin besteht, daß sie so waren, wie die meisten Menschen immer sind in einer Gewaltherrschaft, ängstlich, anpasserisch, aufs persönliche Durchkommen bedacht – die alle soll man nicht bis ans Ende ihrer Tage mit Unwerturteilen demütigen und in Schuldgefühlen festhalten“. (Johann Georg Reißmüller, FAZ vom 5.1.1994) Auf dem dazu gehörigen Foto, tragen die „Gezwungenen“ übrigens fast alle Nazi-Uniformen.
(c) Der ETV hatte zeitweise damit Erfolg, dass er bei Nachfragen die Persilscheine des Robert Finn verschickte. Das verfing sogar bei Leuten, von denen wir das nicht erwartet hatten. Natürlich wissen alle, was ein solcher Entnazifizierungsbescheid einer deutschen Behörde wert ist, aber 2006 haben einfach mehr Leute als 1996 Lust, einen Persilschein als Entlastungsdokument anzuerkennen. Es fehlt ihnen nicht an Wissen, sie haben sich, seit sie sich als unverkrampfte Patrioten sehen, zu dieser Sichtweise einfach entschlossen.
(d) Über NS-Opfer kann z.B. die Hamburger Springer Presse großangelegte Geschichten bringen. Sowie jedoch auch nur ein Täterins Spiel kommt, geht fast nichts mehr. Wenn doch über die Nazi-Zeit berichtet wird, dann lautet die erste Frage, ob einer ein „richtiger Nazi“ war, also ein Parteimitglied. Wenn man antwortet, dass die meisten Täter überhaupt keine Parteimitglieder waren, dass viele überzeugte Nazis überhaupt nicht eingeschrieben waren und viele Mitglieder von SA und SS nicht in der NSDAP waren (u.a. weil es Aufnahmestops gab), dass dieses Kriterium also nicht weiterhilft, umgekehrt Leute, die keine Parteinazis waren, die aber so handelten, dadurch übersehen werden…, merkt man schnell, wie wenig über die NS-Zeit tatsächlich gewusst wird. „Robert Finn – ein Nazi?“ Das hat uns erstmal überhaupt nicht interessiert. Wir haben zunächst nicht einmal eine Anfrage beim Document Center gemacht. Wir sind anderen Spuren nachgegangen. Unsere Recherche begann ja mit der Empörung über den lapidaren Satz des ETV, Robert Finn sei „im Krieg“ Chef der deutschen „Schmierölversorgung“ gewesen. DIESER Spur wollen wir zuerst nachgehen, es sei denn die Umstände zwingen uns, mehr Gewicht auf die Klärung der Parteimitgliedschaft zu legen. Zum Beispiel, wenn unsere Kontrahenten dabei bleiben, dass Finns führende Rolle in der Kriegswirtschaft nicht gegen ihn spricht, unsere Dokumente daher kein Beweise seien. Für den ETV ist Finn ja schon dadurch entlastet, dass er nach Auskunft des Bundesarchivs nicht in der Partei war. (Falls das überhaupt stimmt: Vielleicht war ja sein Bruder dabei. In vielen Familien ging einer der Söhne zur SS – der fanatischste -, damit der andere seine bürgerliche Karriere machen oder den Familienbetrieb fortführen konnte). Dass Robert Finn völkische und nazistische Positionen vertrat (also gut in die NSDAP gepasst hätte!), gilt dem ETV hingegen nicht als Problem. Die Übergänge zwischen Deutschvölkischen und Nazis waren ohnehin fließend. Das gillt sogar noch in der Nazizeit. Wenn man heute Texte aus den Jahren 1919-1939 liest, wird man merken, dass im rechten Lager immer wieder die selben Sprachhülsen benutzt wurden, dass Nazis wie Deutschvölkische sprachen und umgekehrt. Erst ab 1939 reden beide im gleichen, nun vom Vernichtungskrieg geprägten Naziton. Finn gehörte diesem rechtsradikalen Bedeutungsfeld an. Von den rechtsradikalen Cliquen in den Führungsetagen der Rhenania-Ossag wurde er am Stallgeruch (am kulturellen Code) erkannt. Daran, das Finn dazu gehörte, wird damals niemand gezweifelt haben. Wir haben genügend Finn-Texte gelesen, um zu wissen, dass er mit jedem Parteinazi vor und nach 1945 gut zurecht kam.
(e) Zeitungsberichte über die „Robert-Finn-Halle“ waren auch deshalb nicht selbstverständlich, weil in diesem Fall der „Ehrenbürger“ eines einflussreichen Vereins angegriffen wird. Hier geht es um einen Verein, der eine Rolle in der Auseinandersetzung um ein umstrittenes Großbauprojektes spielt – und dabei auf Senatsseite steht. Der ETV wird politisch massiv unterstützt, auch von der SPD. Da sind die lokalen Medien meist sehr „zurückhaltend“.

Der ETV hat auf diese Faktoren nicht grundlos vertraut und war sich absolut sicher, das Thema totschweigen zu können. Wenn überhaupt, so waren seine Kommentare immer nur: „Es ist doch nichts bewiesen.“ Dieses Muster der Auseinandersetzung erinnert sehr an die 1960er Jahre, als der Zusammenprall noch unmittelbar war, weil es den Ost/West-Konflikt gab, weil die Tätergeneration noch nicht in Rente war und weil es die heutigen Softtechnologien der Erinnerung noch nicht gab, die jeden Antagonismus in die Opa/Enkel-Versöhnung auflösen. Der Grund für diese „klassische“ Konstellation in der Auseinandersetzung um die „Robert-Finn-Halle“ liegt darin, dass hier – mitten im großstädtischen Rahmen – ein provinzielles Näheverhältnis existiert. Es geht in der Auseinandersetzung um die „Robert-Finn-Halle“ des ETV um greifbare Orte und konkrete Biographien. Die Gegenseite ist ganz und gar nicht von zivilgesellschaftlicher political correctness und smarter Indifferenz geprägt. Viele der Älteren, aber auch etliche Jüngere werden ausfallend und aggressiv, wenn sie mit unseren Flugblättern konfrontiert werden. Sie verteidigen ihren Robert Finn, weil sie mit ihm eine ganze Tradition verteidigen. Und dieses Werteuniversum ist ihnen so selbstverständlich, dass sie wirklich nicht wissen, was wir an Robert Finn auszusetzen haben.

Wie erwähnt, hatte sich der ETV bis Mitte Dezember mit drei Auffangpositionen begnügt: (1) Einsatz der Persilscheine (2) die bis heute auf der ETV-Homepage verbreitete Behauptung, man wisse nichts über diese Zeit und besitze keine Dokumente (3) die an uns gerichtete Forderung nach „klaren Beweisen“, womit gesagt wurde, dass man Finns nazistische Sprüche und seine Tätigkeiten in der NS-Zeit (ETV und Beruf) für ganz normal hält.

Dieses Muster änderte sich teilweise nach Erscheinen des „Morgenpost“-Artikels, der das Thema in ganz Hamburg bekannt machte. Am 28. Dezember beantwortete ETV-Sprecher Frank Fechner eine Notiz, die bereits Anfang Oktober im „Wochenblatt“ erschienen war.

Die zentralen Passagen haben wir unten abgebildet (zwei weitere oben als Nachtrag zum Thema der Entnazifizierung). Bemerkenswert: Während der Hinweis auf Finns Persilscheine auch Ende Dezember noch eine Rolle spielt, verzichtet ETV-Sprecher Fechner plötzlich auf die Lüge, man besitze keine Dokumente über die NS-Zeit (auf der ETV-Homepage wird dies trotzdem weiter behauptet). Die Bedeutung des ETV-Archivs in dieser Auseinandersetzung hatten wir zuvor in einem Flugblatt beschrieben. Mehrfach hatten wir auch darauf hingewiesen, dass der ETV nicht nur über dieses Archiv verfügt, sondern auch Zugang zu Dokumenten und Fotos hat, die sich im Besitz von hunderten älteren ETV-Mitgliedern befinden, die schon in den NS-Jahren „dabei“ waren und – was sogar für etliche Fünfundfünfzigjährige gilt – Robert Finn meist noch persönlich kannten. Diese interne „Erinnerungskultur“ des ETV ist quicklebendig. Über „die guten alten Zeiten“ wird ständig gesprochen. Man macht sich dort lustig über unsere umständlichen Bemühungen, in unvollständigen Archiven etwas über die ETV-Geschichte in Erfahrung zu bringen. (Einzelne Einsichtige schicken uns immerhin anonym Material zu). Einrichtungen wie der „Ehrenausschuss“ und die Rentnerabteilung „Aktion Spätlese“ (entstanden 1939) sowie ein intakter Datenbestand, institutionalisieren diese „Traditionspflege“.

Nachdem die anderen Ausreden verbraucht sind, schwenkt Fechner in dem „Wochenblatt“-Artikel also um und bezieht sich nun positiv auf ETV-Archiv und Rentnergedächtnis. Nach einem Blick ins Archiv wisse der Vorstand endlich, dass an den „Vorwürfen“ gegen Finn nichts dran sei. Eine Befragung der Robert-Finn-Generation habe zudem ergeben, dass der Ex-Vorsitzende die Nazis mit Nazisprüchen nur hingehalten habe, um ihnen den Zugriff auf den ETV zu verwehren. (Demnächst wird man sagen, auch ETV-Chef Brose sei nur aus taktischen Gründen NSDAP-Mann geworden, sicherheitshalber schon 1930). Immerhin: Plötzlich gibt man zu, dass es das kollektive Gedächtnis des ETV und seine generationale Basis tatsächlich gibt, dass somit alles zu erfahren WÄRE, wenn es sich hier nicht um ein eingeübtes Schweigekollektiv handeln WÜRDE, wo man genau weiß, was in wessen Gegenwart erzählt werden darf.

Ende Dezember 2006: Der ETV entdeckt sein Archiv und mobilisiert die alten Kameraden als „Zeitzeugen“
Nachfolgend Ausrisse aus: „Der ETV-Geschäftsführer zu den Vorwürfen der Initiative“, Eimsbütteler Wochenblatt, 28.12.2006: 

Der Gang ins ETV-Archiv gehörte seit jeher zur ständigen Praxis, wenn ein Beitrag für die Vereinspostille zu schreiben war. So ist ja der Text über Robert Finns Schmieröl-Karriere entstanden, dessen Original aus dem Jahr 1974 man einfach abgeschrieben hat. Extra für die Medien inszeniert sich der ETV-Vorstand jetzt als Laien-Geschichtswerkstatt, die nach dem Motto „Grabe wo Du stehst“, verborgene Dokumente in alten Kellergewölben entdeckt. Was kommt dabei heraus? Ohne einen Beweis vortragen zu können, behauptet ETV-Geschäftsführer Fechner nun am 28.12.06: „Robert Finns völkische Artikel waren opportunistisch motiviert. Robert Finn ist es immer darum gegangen, den ETV vor direkter Instrumentalisierung durch die Nazis zu schützen.“ Originell sind derartige Deckbehauptungen, die zu dem bekannten Phänomen eines „Nationalsozialismus ohne Nazis“ führten, nicht. [*] Bemerkenswert ist, dasss Fechner es 2006 wagt, diese reaktionäre Apologetik-Klamotte – wir waren dabei, um das Schlimmste zu verhindern – als Behauptung in die Welt zu setzen. Er beruft sich auf die „Auskunft von Zeitgenossen„, ohne nach deren vermutlicher SA-Vergangenheit zu fragen (die SA war das Ideal der meisten Turner, das SA-Sportabzeichen galt als besonders erstrebenswerte Auszeichnung). Fechner nennt keine Namen. Finns rechtsradikale Haltung ist sogar noch für die Nachkriegszeit nachweisbar. Finn war Stellvertreter des von den ETV-Mitgliedern gewählten (!) NSDAP-Mannes Brose. Brose wurde auf Finns Vorschlag in den 1970er Jahren vom ETV geehrt. Man wird bei ihm da kein Wort des Bedauerns finden. Geehrt hat er nur die „gefallenen Kameraden“ aller NS-Waffengattungen mit einem Denkmal. Dass der Vorstand in den alten Vereinszeitungen unter all den Artikeln über Wehrsport und den Grußadressen der SA „keine Beweise“ (wofür?) gefunden hat, ist wahrscheinlich nicht einmal gelogen. Es liegt am Blickwinkel. Der Vorstand würde sogar ein dort abgebildetes Hakenkreuz für ein harmloses Turnerkreuz halten.

[*] So rechtfertigten sich seit 1945 unzählige Sportfunktionäre. Der Tenor war stets, dass der Sport seine Selbständigkeit nur durch vorgetäuschte Anpassung habe wahren können. Als „Beweis“ werden dann Aussagen von Personen zitiert, die selbst an den beschriebenen Vorgängen beteiligt waren. So wollte z.B. der DFB-Präsident Linnemann der SS angehört haben, ohne Nationalsozialist zu sein. Guido von Mengden, damals Chefideologe des NS-Reichsbundes für Leibesübungen, behauptete noch in den 1970er Jahren, der von ihm organisierte Eintritt von Turnern in die Hitlerjugend habe nur die Sportler von dem Verdacht befreien sollen, eine staatsfeindliche Gruppe zu sein. Nicht nur beim ETV findet man solche plumpen Rechtfertigungen bis heute: „Die sogenannte Gleichschaltung wurde durch das Vorstandsmitglied Ernst Junior raffiniert im Sinne unseres Klubs durchgeführt, indem er Parteimitglied wurde und damit den fanatischen politischen Gegnern den Wind aus den Segeln nahm. Sein geheimes Losungswort war:. ‚Also müssen wir uns vorne hinspielen, damit nicht viel kaputt gemacht wird‘. Danach handelte auch der im Mai 1933 gewählte Vereinsführer Ede Neitzer (NSDAP) im Turnverein. Und dafür wurden sie dann später bei der `Entnazifizierung´ bestraft“. (www.alt-idstein.de)

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Man ist geneigt, hier Unbildung zu vermuten. Aber so dumm kann man nur in böser Absicht sein. Obwohl Fechner selbst den Satz: „Im 2. Weltkrieg leitete er die deutsche Schmierölversorgung“ ins ETV-Magazin (ab-) geschrieben hat, sich also ausdrücklich nicht auf die ganze NS-Zeit bezieht, sondern explizit nur auf die Kriegsjahre (1939-1945), will er plötzlich zwischen Schmierölbewirtschaftung und dem Krieg keinen Zusammenhang mehr erkennen. Es ist, als ob Fechner sagte, er könne eine Verbindung zwischen Panzerbau und Wehrmacht nirgends erkennen. Zur Kriegswirtschaft, die damals Wehrwirtschaft hieß, zählte ab 1936 der größte Teil der deutschen Wirtschaft, da alle Rohstoffe, Textilien etc. und später auch die meisten Waren bewirtschaftet (Bezugsscheine etc.) wurden. Diese Bewirtschaftung, die zunächst nicht einem Mangel geschuldet war, sondern dazu diente, Reserveren für den Krieg zu schaffen, hatte zudem Schwerpunkte. Einer der wichtigsten war die Mineralölindustrie, deren Betriebe sogar zu R-Betrieben erklärt wurden, also Rüstungsbetrieben gleichgestellt waren. Den Grund muss man eigentlich nicht weiter erklären. Die Arbeitsgemeinschaft Schmierstoff-Verteilung (ASV), deren Direktor Robert Finn war, hatte als erklärten Hauptzweck, Schmieröl so zu verteilen, dass zu jedem Zeitpunkt die Wehrmacht genug davon bekam. 

Der Mix aus technischen Berichten, antisemitischen Hetzartikeln, Kriegsberichten und Mitteilungen der wehrwirtschaftlichen Institutionen ist typisch für die Presse der NS-Schmierstoffindustrie. „Verbraucher“ sind zu dieser Zeit Kriegsindustrie, Rüstungsindustrie, Wehrmacht, Marine, Luftwaffe. Der private Verbrauch ist bedeutungslos und wird trotzdem bewirtschaftet.
1943 wird die Schmieröl-Verteilung weiter zentralisiert. Die ASV wird faktisch über eine Zwischeninstanz direkt vom Speer-Ministerium gesteuert. Wegen ihrer kriegswichtigen Funktion wird die ASV nach Bombenangriffen auf Hamburg im September 1943 nach Thüringen verlegt. Robert Finn holt am 10. September auch seine Familie nach Saalfeld – seine Ehefrau Anneliese, geb. am 4.12.1906, die Tochter Edelgard, geb. 26.12.1933 und die beiden Söhne Armin und Volker (Angaben s. oben). Man wohnt in der Garnsdorfer Straße 50 zur Miete. Die ASV hat keine offizielle Anschrift und ist in Saalfeld aus Gründen der Geheimhandlung auch nicht registiert. Im April flüchten die Finns aus Saalfeld. Noch am 15. Januar 1946 gehen bei dem früheren Vermieter diverse Anfragen nach dem Verbleib Robert Finns ein.


Nur noch wenige Wochen bis zum Untergang. Robert Finn sitzt in Saalfeld in seiner Direktions-Baracke (Direktion Finn/“DF“), die in einer Höhle steht. Sein Apparat, der mit rund 900 Angestellten die Verteilung der Produkte von 26 großen Konzernen unter wehr- und rüstungswirtschaftlichen Gesichtspunkten steuert, hat nur eine Postfachadresse und einen Decknamen. Die Post nach Berlin und zu den ASV-Zweigstellen wird einmal wöchentlich von Notkurieren transportiert (Treffpunkt Montags, 13 Uhr, vor dem Landeswirtschaftsamt Weimar). Aber Robert Finn („Fn“) bezieht sich mit einem eifrigen „Heil Hitler!“ (der plant gerade seinen Selbstmord) auf die letzten Anordnungen von Albert Speer. (eingescanntes Original)

Weekly Information Bulletin, Organ der US-amerikanischen Militärregierung, Januar 1947. TITELGESCHICHTE (mit anschaulicher Illustration) zum Thema der Entflechtung der faschistischen Industriekartelle (z.B. Chemieindustrie/IG Farben, Kartelle der Mineralölindustrie) AM BEISPIEL des von Robert Finn geleitetenSchmierstoffkartells ASV.
Die Besonderheit dieser kriegs- und rüstungswirtschaftlichen Kartelle bestand in ihrer engen Verflechtung mit den nationalsozialistischen Institutionen, mit Speers Rüstungsministerium und dem Gewaltapparat des „Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz“, Fritz Sauckel. Das Führungspersonal dieser Kartelle bestand häufig aus Kaufleuten, Technikern und anderen Fachleuten, die sich als neue, großdeutsche Elite verstanden. Nationalsozialistische Gesinnung war eine Selbstverständlichkeit; die Mitgliedschaft in der NSDAP oder bei der SS weit verbreitet. Die Direktoren dieser Kartelle, die überwiegend aus der Industrie kamen, hatten behördliche Weisungsbefugnisse. Die TITELGESCHICHTE dieser Ausgabe des Weekly Information Bulletin („Decartelization: The Oil Industry“) beschreibt die Auflösung der Arbeitsgemeinschaft Schmierstoffverteilung (ASV)zum Jahresende 1946. Da die ASV die Verteilung der gesamten Schmierstoffproduktion auf Kriegswirtschaft, Rüstungswirtschaft und Wehrmacht kontrolliert hatte – es gab sogar eigene ASV-Markenartikel – und andere Verteilungsstrukturen nicht mehr bestanden (die Schmierölhersteller hatten keine eigenen Verkaufsorganisationen mehr, auch keine eigenen Marken), war es nicht möglich, die ASV sofort im Mai 1945 aufzulösen. Noch 1947 wird in verschiedenen Veröffentlichungen der Schmierölindustrie geschildert, wie man nach Auflösung der ASV mühsam lernte, „das Schmierölgeschäft, allen Schwierigkeiten zum Trotz, wieder erfolgreich in die eigenen Hände zu nehmen.“ Die Auflösung des „Zentralbüros“ des weitaus größeren Treibstoffkartells „Arbeitsgemeinschaft für Mineralöl-Verteilung“ (AMV) dauerte sogar noch einige Jahre länger. 

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1951: Die Seilschaften der „alten Kameraden“, deren Karrieren mit der Entlassung der jüdischen Mitarbeiter (siehe oben unter Ossag) und dem Aufbau der wehrwirtschaftlichen Apparate erst richtig in Gang gekommen waren, haben ihre Entnazifizierungsverfahren zügig hinter sich gebracht. Selbst jene, die zunächst zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, haben spätestens 1949 die begehrte Bescheinigung „Kategorie V/unbelastet“ in der Tasche.
• Nach einer über zweijährigen Zwangspause ist Robert Finn (3. von r.) ab Herbst 1951 bereits Chef der Chemischen Produktion (CP) der Deutschen Shell AG, verantwortlich nur dem Vorstandsmitglied Ernst Falkenheim.
• Sein Technischer Berater (CP-TB) ist Professor Dr. Carl Zerbe(unten, 4.v.r.), sozusagen der Wernher von Braun der Schmierölproduktion. [*] Als die Wehrmacht die Niederlande besetzte, übernahm er u.a. die Kontrolle über das (der Shell gehörende) weltgrößte Mineralölforschungszentrum in Amsterdam. Bis zur Okkupation waren dort 1200 Mitarbeiter beschäftigt. Ab 1941 wurde das Laboratorium zu 70 Prozent mit Forschungs- und Entwicklungsarbeiten für die Wehrmacht eingesetzt, d.h. die niederländischen Spezialisten wurden – kontrolliert von Hamburger Personal – gezwungen, für die Wehrmacht zu forschen. Finn und Zerbe, die sich schon vorher kannten, hatten auch in dieser Zeit viel miteinander zu besprechen. 1951 half Finn Zerbe wieder auf die Füße.

[*] Das Milieu der Öl- und Kohleforscher war schon vor 1933 und blieb nach 1945 sehr rechts. Die heutige „Deutsche Wissenschaftliche Gesellschaft für Erdöl, Erdgas und Kohle“ vergibt an Nachwuchs-Wissenschaftler einen „Carl-Zerbe-Preis“. Die Bedeutung ist nur Eingeweihten bekannt: Zerbes damalige Veröffentlichungen sind aus den Bibliotheken verschwunden.
Siehe auch oben unter Teil 1/d die Abbildung eines der von Zerbe beanspruchten Patente aus dem Jahr 1943. 

Einzelne Recherche-Ergebnisse: 

• Wehrsport: Der ETV vor 1933

Schon 1932: Exerzieren und Handgranatenwerfen im ETV.
■ Der ETV hatte zwischen 1933 und 1945 deshalb seine „große Zeit“, weil er schon vor 1933 zum rechten Lager gehörte. Bevor Wehrsport unter den Nazis obligatorisch wurde, hatte man ihn im ETV schon eingeführt – als Beitrag zum Kampf gegen „die Schmach von Versailles“, insbesondere als subversive Umgehung des Verbotes einer Wiederaufrüstung.

Wehrsportgruppe ETV: Ausriss aus der Vereins-Zeitschrift "Der Eimsbütteler", Juli 1932
(die Kopie schickte uns ein Leser) 

Der ETV hatte die Zeichen der Zeit erkannt. Drei Monate vor diesem ETV-Beschluss, im April 1932, wurde die NSDAP im Hamburger Parlament stärkste Fraktion. Etwa zur selben Zeit versuchte die rechte Brüning-Groener-Regierung (Koalition von Zentrum, Deutsche Staatspartei, DVP, Wirtschaftspartei und faschistischer DNVP) auf dem Weg eines Notverordnungsdiktats Arbeitsdienstpflicht und Wehrsport durchzusetzen. Auf diese Weise sollten Streikbruch, Lohnsenkungen und Aufrüstung abgesichert werden. Die Verordnung wurde von allen rechten Kräften begeistert begrüßt und selbstverständlich auch vom ETV unterstützt. Im Hamburger Verlag des Stahlhelm (Deutschnationale Volkspartei) erschien zugleich das Lehrbuch „Leitfaden der Wehrsport-Leibesübungen“. Vier Wochen vor diesem ETV-Beschluss war mit Franz von Papen einer der Wegbereiter Adolf Hitlers zum Reichskanzler ernannt worden. 

Juni/Juli 1932: Werbung für den „Leitfaden der Wehrsport-Leibesübungen“ (F. Niemann) aus dem Hamburger Stahlhelm-Verlag in den einschlägigen Periodika. 

Links: Aus „Rekruten-Körperschulung“ (ebenfalls F. Niemann, 1. Auflage 1932). Rechts: Anzeige aus „Geländeturnen – ein Hilfsbuch für den Wehrsport“ (Diedrich Gardeler 1933) 

Fließende Übergänge: Im März 1933 erschien der Band „Geländeturnen – ein Hilfsbuch für den Wehrsport“, herausgegeben von Diedrich Gardeler. Das Buch wurde in den letzten Wochen der Weimarer Republik verfasst und bezieht sich noch auf einen Wehrsport-Erlass des preußischen Kultusministers vom 16. Januar 1933. In Berlin finden zu dieser Zeit Besprechungen zwischen von Papen, Hindenburg und Hitler statt, der am 30. Januar 1933 Reichskanzler wird. Gardelers Buch erscheint wenige Wochen danach. Die letzten Seiten enthalten nun Anzeigen der Wehrsportabteilungen von Hitlerjugend und SA (siehe Abb. rechts oben). Inhaltlich mußte er nichts ändern. Der Wehrsport war schon 1932 ein Projekt der Rechten. Der SA-Mann war beim ETV an der richtigen Adresse und ETV-Mitglieder, die zur Hitlerjugend, zur SA oder zur SS gingen, hatten schon die richtigen Vorkenntnisse.

Aus „Rekruten-Körperschulung“ (F. Niemann, 2. Auflage, März 1933). 

Ähnlich fliesend ist der Übergang bei dem Buch „Rekruten-Körperschulung“ von F. Niemann (Boysen & Maasch, Hamburg), dem die Abbildung zum Handgranatenwerfen entnommen ist. „Dank der nationalen Revolution“, so der Autor (Hamburger Wehrsportlehrer, zunächst Stahlhelm, dann NS-Lehrerbund) in der zweiten Auflage im März 1933, sei wahr geworden, was er Ende 1932 in der ersten Auflage gefordert habe. Das konnte ab dem 1. Februar 1933 auch der ETV von seinem Angebot sagen. Im rechten Lager, zu dem der ETV gehörte, waren nicht alle Nazis (im ETV waren es genug, um einen NSDAP-Mann mit Stimmenmehrheit zum Vorsitzenden zu wählen), aber mit deren „Machtergreifung“ waren auch andere Rechte bzw. Rechtsradikale der Verwirklichung der eigenen Ziele deutlich näher gekommen. 

Der ETV war im Wortsinn gut gerüstet: Zweiter Wehrsportartikel in der Verbandszeitung „Der Eimsbütteler“ im Mai 1933 (Auszug) In der Märzausgabe des Jahres 1933 wurden übrigens alle Mitglieder des Wehrsportausschusses des ETV aufgezählt: „Die Herren [John] Heinemann, Dr. Höller, Westphal, Bloess und Finn“. Unklar ist, ob hier Robert Finn gemeint ist oder sein Bruder Edgar, Mitglied der „Leibstandarde Adolf Hitler“. 

Siehe auch: • Hellmann, Burkart: Faschistische Tendenzen in der Deutschen Turnerschaft in der Endphase der Weimarer Republik, Hamburg 1974 • Peiffer, Lorenz: Die Deutsche Turnerschaft – ihre politische Stellung in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, Ahrensburg 1976 • Becker, Hartmut: Antisemitismus in der deutschen Turnerschaft, Sankt Augustin 1980 

• Wie im ETV Tradition produziert wird.
Den Satz „Im 2. Weltkrieg leitete er die deutsche Schmierölversorgung“ fand man im ETV-Archiv. Wie aber kam er dort hinein?

Dieser Satz ist ein Zitat aus dem ETV-Nachruf auf Robert Finn vom August 1974 (geschrieben von Paul Ritter, einem ETV-Funktionär, den wir noch genauer vorstellen werden). Frank Fechner, presserechtlich verantwortlich für das ETV-Magazin, ist also im September 2006 einfach ins ETV-Archiv gegangen, hat sich den Nachruf rausgesucht und den gesamten Text fast wörtlich abgeschrieben. So schlicht findet die Tradierung alter Inhalte im ETV seit jeher statt. Man könnte fast die These vertreten, dass sich die rechte Traditionslinie purer Faulheit im ETV verdankt. Über Jahrzehnte hinweg werden immer wieder alte Texte von Sparbier, Finn oder anderen Altvorderen einfach nachgedruckt – Texte aus der Nazi-Zeit inklusive. Aber diese faule Gedankenlosigkeit verdankt sich doch einem inhaltlichen Einverständnis. Eben deshalb ist niemand in der ETV-Geschäftsführung über den Satz mit der Schmierölversorgung gestolpert. Man wußte ja, dass es 1974 auch gut gegangen ist.

Eine ganz andere Frage ist: Woher kannte Paul Ritter, der Autor des Nachrufes, die Details von Finns Berufsbiographie? Die Antwort ist einfach: Das wußten damals alle alten Kameraden im ETV. Nach innen mußte da niemand etwas verbergen. Nur noch außen war man manchmal etwas vorsichtig. Deshalb fehlt 1974 jeder Hinweis auf Finns ETV-Funktionen während der Nazi-Zeit. Wäre es anders gewesen, so wäre wohl auch im Text von 2006 Finns Tätigkeit als 2. ETV-Vorsitzender in der Nazi-Zeit von Fechner erwähnt worden – und vielleicht sogar freihändig als ein Versuch Finns dargestellt worden, den ETV vor den Nazis zu retten. Das wiederum hätte 1974 nicht funktioniert, weil dann das schenkelklopfende Lachen der älteren Mitglieder zu deutlich zu hören gewesen wäre. 

• Warum die „Schmierölversorgung“ dem ETV so vertraut ist.
Über ETV-Vorstandstagungen im Shell-Haus! (Vorführung von Schmierölfilmen, danach Kassenbericht)

Robert Finns Funktion in der NS-Kriegswirtschaft war den alten ETV´lern (davon gibt es viele in der 900 Mitgliedern starken ETV-Rentnertruppe „Aktion Spätlese“) wohl bekannt. Finn hatte keinen Anlass, vorsichtig zu sein. Er bewegte sich im ETV als unangefochtener Führer unter „Kameraden“. Mit der Schmierölthematik war man im ETV vertraut. Mehrere Vorstands-, Delegierten- und Mitgliederversammlungen begannen mit der Vorführung von Schmierölfilmen und etliche fanden gleich im Shell-Haus statt. ETV-Plätze waren zudem an den Shell-Sportverein vermietet.

[Erläuterung: Bei dem im Film behandelten Shell-Werk Harburg handelt es sich um das zum Shell-Konzern gehörende SCHMIERÖL-WERK der Rhenania-Ossag. Robert Finn zeigt also tatsächlich einen Schmierölfilm. Die Inhaltsangabe des Films ist noch erhalten.]

• Wie man sich im ETV sonst erinnert.
„Weißt Du noch?“ – Vor nicht allzu langer Zeit gab es Treffen, um gemeinsam alte Fotos anzuschauen. 

Heute hat das ETV-Magazin Rubriken wie „Wer war eigentlich…“ (Robert Finn, Julius Sparbier…) „Geschichte“ ist im ETV eines der beliebtesten Themen bei Alt und Jung. Niemand will hier einen Schlußstrich ziehen. Niemand sagt: „Laß doch die alten Geschichten endlich einmal ruhen.“ Man möchte den ETV auf „Tradition“ gründen, durchaus wissend, dass es da 12 Jahre gibt, die unter Umständen Probleme bereiten könnten. Der ETV äußert sich zu diesen 12 Jahren jedoch nie grundsätzlich. Die einzelnen Jahre der Zeit zwischen 1933 und 1945 werden vielmehr ständig „wie nebenbei“ in die Erzählung eingeflochten – und zwar jeweils als Einzelerereignis, das zwar während des Nationalsozialismus stattfand, mit diesem ansonsten aber nichts zu tun hat, das sozusagen jenseits von Raum und Zeit irgendwie immer und überall so hätte geschehen können. Zum Beispiel ein ETV-Sieg im Zehnkampf. Das war zwar in der Nazizeit, aber dafür kann doch der siegreiche ETV-Sportler nichts. Ein Rekord ist doch ein Rekord! Mit „Politik“ hat das nichts zu tun! Tatsächlich wussten die ETV-ler das damals besser. Ein Rekord, dem der Erwerb des SA-Sportabzeichens voran ging, der unter der Voraussetzung gelang, dass linke und jüdische Sportler bedroht sind, etc. ist eben doch ein Rekord unter nationalsozialistischen Voraussetzungen.

Die vereinsinterne Erinnerungskultur des ETV ist weiterhin eine Betrachtung wert. Rechts waren einst auch andere Vereine. Sie haben aber bestimmte Gelegenheiten genutzt, um sich neu zu definieren. Am ETV ist hingegen alles vorbei gegangen: die 68er-Bewegung, die Disco-Jahre, die Antifa-Bewegung (wie bei St-Pauli), sogar die grünalternative Epoche. Die BWL-Fraktion musste hier immer mit der „Aktion Spätlese“ kooperieren. Der deutschvölkische und braune Schrott wurde immer wieder aufgehoben und mitgeschleppt, bis die Jungen sich den Alten anverwandelten. Jetzt verteidigen die vierzigjährigen Jungmanager die Kriegswirtschaftskarriere des Robert Finn als sei es ihre eigene. Das Kriegerdenkmal vor der Tür gilt als Fels in der Zeitgeist-Brandung. Die Verteidigung des Turnerhakenkreuzes an der Hauswand bringt bei der nächsten Entscheidung die Stimmen der „Robert-Finn-Generation“. Aus der Taktik wird schließlich Überzeugung, sofern diese nicht vorher schon bestand. 

In keinem anderen Verein dürften die Alten so zahlreich, einflussreich und gut organisiert sein wie im ETV. Die erste Altengruppe gab es bereits zur Zeit von Julius Sparbier. Der Kreis nannte sich „Altfreunde“ und wurde vom damaligen ETV-Chefideologen Adolf Jacobsen streng deutschvölkisch geführt. Diese „Altfreunde“ sowie zusätzliche Altengruppen in den Abteilungen, spielten damals schon eine Rolle bei der Machtabsicherung der ETV-Führung. Auch unter Robert Finn versammelten sich hier die Seilschaften der „Alten Kameraden“. Nach Finns Tod, aber noch von ihm gefördert, bildete sich die „Aktion Spätlese“, die mit 900 Mitgliedern erheblich stärker ist als beispielsweise die Fußballabteilung und die mit Sitz und Stimmrecht im Hauptvorstand vertreten ist. Diese Gruppe bildet praktisch den Kern derjenigen, die immer wieder die (deutschvölkische) „Tradition“ des ETV beschwören, die immer wieder die alten Geschichten erzählen (die angebliche Zerstörung der großen Halle) und diese weitergeben an die Jüngeren. Von der „Aktion Spätlese“ ging die Initiative zur Umbenennung der großen Halle in „Robert-Finn-Halle“ aus. Dort erkundigt sich Geschäftsführer Fechner über die Biographie von Robert Finn – und akzeptiert ganz selbstverständlich die Auskunft, Finn sei „in Wirklichkeit“ ein Nazigegner gewesen. Die „Aktion Spätlese“ wurde 2004 auch mobilisert, um NACHTRÄGLICH in einer Art Putsch den von den Turnern und Fußballern durchgesetzten Beschluss GEGEN die Bebauung der Sparbierplatzes wieder zu kippen. Die Alten wissen genau, was sie erählen und was sie verschweigen. Und sie können sich sicher sein, dass die Jungen keine kritischen Fragen stellen. Als es darauf ankam, haben die Alten kein Wort mehr über Hunderte Zwangsarbeiter verloren, die in den ETV-Hallen damals gefangen waren. Es dürfte heute im ETV noch 200 Mitglieder geben, die diese Zwangsarbeiter mit eigenen Augen gesehen hatten. Vor zehn Jahren sind es wahrscheinlich noch 1000 Mitglieder gewesen. Und keiner hat ein Wort darüber verloren. In den 1950er Jahren, als die Tätergeneration praktisch noch unter sich war, da wurde offen darüber geredet. Man hatte ja mit der Sache selbst kein Problem gehabt und untereinander musste man sich da nichts vormachen. Das Verschweigen begann erst, als sich heraus stellte, dass es mit dem „Schlussstrich“ vorerst doch nichts werden würde.

■ Antisemitismus im ETV 
und die seltsamen „Erinnerungen an jüdische Mitglieder“


ETV-Schulungsabend, angekündigt im Vereinsheft „Der Eimsbütteler“, April 1935 

Der Eimsbütteler Turnverband (ETV) war seit seiner Gründung ein Verein, der „deutsches Turnen“ als „Kampfmittel unserer Deutschheit“ verstand. In dieser „völkischen Bestimmtheit“ war die Ausgrenzung von Juden bereits angelegt. Die tatsächliche Praxis hing davon ab, wie man „deutsches Volkstum“ jeweils verstand. Eine nationalliberale Minderheit vertrat vor 1871 die Vorstellung von einer „Vereinigung der deutschen Stämme“ und war bereit, die Juden als einen weiteren deutschen „Stamm“ neben Sachsen und anderen zu behandeln. In der völkischen Bewegung, die wesentlich von den Turnern mitbegründet wurde, dominierte jedoch die Überzeugung, dass es sich bei den Juden um eine „fremdrassige“ Minderheit handelt. Die damit einhergehenden Vorstellungen von „Rasse“ und „Abstammung“ wurden zunächst mit einem nebulösen Volksgeist begründet, dann aber zunehmend biologistisch. 

• Im ETV dürfte das gesamte Spektrum der völkischen Sicht auf die Juden vertreten gewesen sein. Da der Verein wie alle Mitgliedvereine der Deutschen Turnerschaft (DT) seine „überparteiliche“ Ausrichtung betonte (Parteienstreit galt als ein die Volkseinheit gefährdendes Übel), hat man sich dazu öffentlich nicht explizit geäußert. Der Code, den alle verstanden, lautete: Uns ist jeder willkommen, an dessen „vaterländischer Gesinnung“ es keinen Zweifel gibt. Sozialdemokraten und Juden wussten daher immer, was sie vom ETV zu halten haben. Weil dieser Verein Teil des völkischen Milieus war, musste er nach außen nicht mit besonderen Unvereinbarkeitsbeschlüssen auftreten.
Es gab daher nur einzelne Arbeiter und einzelne Juden, die dem ETV beitraten, weil sie aus politischer Überzeugung Teil dieses Milieus werden wollten. Wie das Kapitel „Der ETV und die Deutschvölkischen“ auf dieser Seite (siehe oben) zeigt, wussten sie, auf was sie sich einlassen.

• Zudem kam es im ETV zwei Mal zu deutlichen Radikalisierungsschüben. Der erste fand gleich nach dem Ende des 1. Weltkrieges statt. Damals verschärfte der ETV seine Rhetorik gegen den „Schandfrieden“ und die Republik der „Vaterlandsverräter“ bis hin zur offen revanchistischen Kriegshetze. Die zweite rechtsradikale Zuspitzung findet zwischen den beiden Reichtagswahlen von 1928 und 1930 statt. In diesem Zeitraum dürfte ein erheblicher Teil der damaligen ETV-Mitglieder von den Deutschnationalen zu den Nazis gewechselt haben. Offenbar gab es in dieser Zeit deshalb auch eine große Zahl von Neueintritten. Der ETV hat, nicht zuletzt weil er ständig bei Senat & Behörden um Zuwendungen und Kredite anfragte, antisemitische Positionen nur selten explizit verkündet. Anzeigen von antisemitischen Organisationen wie dem Handlungsgehilfenverband (siehe oben) und eigene Werbung für solche Gruppierungen zeugen jedoch von dieser Orientierung. Explizit antisemitisch äußert sich der ETV erst ab 1933 und von da an heißt es dann auch, man habe das vorher so nicht gemacht, weil man den politischen Gegnern keinen Vorwand liefern wollte.

• Dass der ETV nach 1945 die im Wortsinn spurlos verschwundenen Eimsbütteler Juden nicht vermisste, davon zeugt sein bis heute anhaltendes Schweigen. Die Hamburger jüdischen Gemeinden hatten rund 20.000 Mitglieder. Hinzu kamen Tausende, deren Vorfahren gläubige Juden waren, die sich deshalb aber nicht als Juden verstanden, zum Beispiel weil sie Atheisten oder Agnostiker waren, weil sie Christen geworden waren oder weil sie das ganze Reden über Herkunft und Tradition nicht interessierte. Etwa der Hälfte derjenigen, die sich selbst als Juden verstanden und derjenigen, die 1935 von den Nürnberger Gesetzen „zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ dazu (bzw. zu „Mischlingen 1. und 2. Grades“) gemacht wurden, gelang bis 1941 die Flucht. 1000 Personen werden 1938 als „polnische Juden“ aus Hamburg abgeschoben. Etwa 7000 Menschen werden in Deportationszügen in Ghettos, Konzentrationslager und Vernichtungslager verschleppt und dort meistens ermordet.

• Der Einzugsbereich, aus dem die Mitglieder des ETV damals kamen und bis heute kommen, deckt sich weitgehend mit den Vierteln, in denen die meisten Hamburger Juden und jene, die dazu erklärt wurden, gelebt hatten. Tausende „Judenwohnungen“ sind damals in diesem Einzugsbereich an „Arier“ vergeben worden; im ETV organisierte Handwerker, Anwälte, Parteimitglieder etc. hatten mit diesen „Maßnahmen“ (inklusive der Versteigerung des jüdischen Besitzes) direkt zu tun. ETV-Mitglieder verdankten ihre Karriere den nun frei gewordenen Stellen. Geschäftsleute, die Anzeigen im „Eimsbütteler“ schalteten, profitierten davon. Über all das ist vom ETV seit nunmehr 60 Jahren nichts zu hören, während zugleich in zahlreichen aktuellenArtikeln von der sportlichen Glanzzeit des ETV während der NS-Zeit geschwärmt wird. Auf diese Weise wird indirekt gesagt, dass damals „nichts geschehen“ ist, was der Rede wert sein könnte. Aber auch diese nachträgliche Relativierung des Nationalsozialismus wird nicht explizit ausgesprochen. Auch diesmal kommuniziert man über einen Code, den aber alle verstehen. Nach Auschwitz ist das Beschweigen eine der Formen, in der sich die weiter bestehende „schlechte Meinung über die Juden“ fortsetzt. Eine andere ist die aggressive Weise, in der der ETV seit 1945 an seinem völkischen Traditionsbestandfesthält: vom Sparbier-Platz und Sparbier-Saal über die Finn-Halle
und Wehrmachtsdenkmal bis zu den völkischen Symbolen an der Hallenwand.

Oben: Auszug aus dem Jahresbericht des ETV vom April 1914 bis März 1915.Unten: Auszug aus dem Jahresbericht 1919/1920 des ETV vom Juni 1920. Aufgelistet sind die Vermietungen der kleinen und der großen Halle des Vereins während dieser Zeit. Unter den Mietern ist auch der 1898 gegründete zionistische „Jüdische Turnverein Bar Kochba“ (April bis Juli 1914 und Sommer 1919, jeweils
1-2 Wochentage).

• Der ETV hatte in seinen Gründungsjahren rund 1500 bis 2000 Mitglieder, vor 1933 dürften es rund 3500 gewesen sein. Berücksichtigt man die Fluktuation, die besonders nach 1918 eine Rolle spielte (viele Jugendliche hatten in den „Goldenen Zwanzigern“ von den völkischen Kriegstreibern vorerst die Nase voll), so haben zwischen1889 und 1933 wohl Zehntausende des ETV durchlaufen. Nach unseren bisherigen Recherchen waren darunter – verteilt auf viele Jahre – wahrscheinlich nicht mehr als ein Dutzend Personen, die später als Juden verfolgt wurden. Ihr Anteil lag also im Promille-Bereich! Von einigen wissen wir zudem, dass sie von jüdischen Vorfahren nicht wussten oder auch nichts wissen wollten, sich also selbst nicht als jüdische ETV-Mitglieder empfanden. Zionistisch orientierte jüdische Sportler und Sportlerinnen waren überwiegend in eigenen Vereinen organisiert. Einer davon war der „Jüdische Turnverein Bar Kochba“. Seine „Damenabteilung“ turnte vor 1913 im Logenheim in der Hartungstraße und Wartehaus Schlump. 1914 und 1919 mietete Bar Kochba für seine Turnstunden Räume des ETV, worüber der ETV im entsprechenden Geschäftsbericht unter der Rubrik „Mieteinnahmen“ berichtet. Es war jeweils ein kurzes Gastspiel. Ein letztes Mal mietet Bar Kochba am Sonntag, dem 25. April 1926 eine ETV-Turnhalle für ein öffentliches Schauturnen an.

• Die Vermietungen an Bar Kochba sind für die Anhänger der Eimsbütteler Linkspartei, die im ETV eine potentielle „Massenbasis“ sehen wollen und diesen Großverein deshalb gegen unsere Kritik in Schutz nehmen, ein klarer Beweis dafür, dass der ETV überhaupt nicht antisemitisch gewesen sein kann. Das ist schon deshalb eine seltsame Schlussfolgerung, da diese Vermietungen ja bestätigen, dass jüdische Sportler nicht IM Eimsbütteler TV, sondern bei Bar Kochba waren. Die Linkspartei versteht also entweder die deutschvölkische Logik nicht oder sie teilt sie sogar. Diese Logik besteht darin, dass die Deutschvölkischen, weil sie die „Rassentrennung“ wollten, mit zionistischen Sportlern im Prinzip kein Problem hatten, eben weil sie diese Trennung durch die separaten jüdischen Turnvereine gewährleistet sahen. Es
ist bemerkenswert, dass die Linkspartei, die ja heute dezidiert antizionistisch ist, nicht bemerken will, dass die damaligen Vermietungen an Bar Kochba mit der deutschvölkischen Losung: „Juden ab nach Palästina“ gut vereinbar waren. (Viele Mitglieder der Linkspartei fordern heute: „Juden raus aus Palästina“). Die Völkischen hielten die Auswanderungspläne der Zionisten für eine „Lösung der Judenfrage“.
Die zionistische Strömung hatte aus der permanenten Zurückweisung der Juden die Konsequenz der Abtrennung gezogen. In der Sache lief das auf eine „Selbstethnisierung“ hinaus, die von anderen jüdischen Gruppen scharf kritisiert wurde. Erst durch den Holocaust wurde derZionismus sozusagen historisch ins Recht gesetzt: Integration und Assimilation schützten nicht vor Verfolgung und Ermordung.

• Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang deshalb auch, an wen der ETV seine Hallen sonst noch vermietet. Beim Roten Kreuz, Ungedienten Landsturm (eingeschränkt taugliche Wehrpflichtige) und derKompanie-Instruktion ging es 1914 um die übliche körperliche und geistige Wehrertüchtigung. Überraschender ist die Erwähnung einerEinwohnerwehr im Jahr 1919. In diesem Jahr entstanden in Hamburg Freikorps & Einwohnerwehren, die sich später unter der Bezeichnung „Norddeutscher Heimatbund“ zusammenschlossen. Es gibt hier direkte Verbindungen zur antisemitischen „Bismarckjugend“ (unter Heinrich Otto Sieveking) und zu faschistischen Gruppen wie der „Organisation Rossbach“, dem „Kampfverband Roland“ und dem Hamburger „Wehrwolf“. Teil dieses Milieus waren die Polizeikasernen in der Bundesstrasse(oberhalb des ETV), die bei Wahlen den eigenständigen Stimmbezirk 211 bildeten. Bei der Reichstagswahl 1924 entfielen dort 20 Prozent auf den „Völkisch-Nationalen Block„, einen der Vorläufer
der NSDAP. Dieses Milieu traf sich zum Wehrsport bevorzugt in angemieteten Turnhallen – zum Beispiel beim ETV, der zugleich an Bar Kochba vermietete.


Nazi-Stimmbezirk 211: Die Polizeikasernen in der Bundesstrasse

• Wie oben erwähnt, fand im ETV zwischen 1918 und 1920 und dann wieder zwischen 1928 und 1930 eine deutliche rechte Radikalisierung der Mitgliedschaft statt. Um 1930 dürfte der Anteil von SA-Leuten & Parteinazis im Vergleich zu den DNVP-Anhängern signifikant zugenommen haben. Auch wenn es erst 1933 so im Statut stand, so bestand in den meisten Abteilungen gewiss schon vorher Konsens darüber, Juden nicht aufzunehmen. Unter diesen Voraussetzungen zog es jüdische Sportler ganz gewiss nicht zum ETV. Lucille Eichengreen, die damals neben dem ETV wohnte, berichtete uns (am 5.12. 2006) , dass ihre Eltern sie warnten, an dem ETV-Gebäude vorbei zu gehen. Die Gefahr, dort SA-Leuten und Hitlerjungen über den Weg zu laufen, war zu groß. Als dann 1933 gegenüber vom ETV das Heim der Hitlerjugend entstand, mussten jüdische Kinder diese Gegend ganz besonders meiden.


1940 wurde diese Praxis durch die Einfügung eines Arierparagraph in der Satzung des ETV besiegelt

• Seit Jahrzehnten erinnert das ETV-Magazin (früher „Der Eimsbütteler“) an die Geburtstage älterer Mitglieder, berichtet von der Verleihung von „Ehrennadeln“ für langjährige Mitgliedschaften und druckt Nachrufe auf verstorbene ETV´ler. Hinzu kommen seitenlange Berichte von Tagesausflügen der 1939 gegründeten 900 Mitglieder starken ETV-Rentnertruppe „Aktion Spätlese“ (Ausflug ins Alte Land, Besichtigung des Polizeihochhauses etc). In manchen Jahrgängen der Vereinspostille nimmt diese Berichterstattung so viel Platz ein, dass man denkt, die Hauszeitschrift eines Seniorenheimes in der Hand zu halten.

Selbstverständlich verfügt ein so „traditionsbewusster“ Verein über eine fast lückenlose Mitgliederdatei und exakte biographische Daten. Zum Beispiel: „Am 3.10.2006 wird Helga Petersen 75 Jahre alt. Am 9.12.2006 wird Friedel Dierk 85 Jahre alt. Am 23.11.2006 wird Waldemar Arps 93 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch!“ Nicht wenige der langjährigen ETV-Mitglieder waren schon vor 1933 dabei und noch mehr von ihnen sind in den NS-Jahren erst beigetreten! Über die Mitgliedsdaten hinaus, hat der ETV also auch Zugang zu unterschiedlichsten Materialien sowie zu informellem Wissen.

Zum Beispiel zu der Frage, wieviele jüdische Mitglieder der ETV seinerzeit hatteEin Vergleich der Mitgliederdaten mit den Namenslisten Eimsbütteler Juden (und jener, die durch Nazigesetze erst zu Juden wurden, die Atheisten waren oder Christen geworden waren oder nie wußten, dass ein Großelternteil irgendwiejüdisch war), würde da schnell Klarheit schaffen. Mit viel Aufwand lassen sich Einzelfälle auch anders rekonstruieren, aber so ginge es am leichtesten. Und wo es an Dokumenten fehlt, könnten all jene Auskunft geben, die soeben 75, 85 oder 93 Jahre alt geworden sind!

• Könnten! Aber warum sollten sie? Und wenn sie sprechen, warum sollten sie die Wahrheit sagen und damit Fragen nach ihrer eigenen Rolle damals provozieren. Niemand hat weniger Interesse an der historischen Wahrheit als diese „Zeitzeugen“, die in Wirklichkeit meistens gleichgültige Zuschauer, Mitläufer oder gar Mittäter waren. Auf jeden Fall aber zumeist Antisemiten, denn es wäre absurd, wenn man im ETV von damals eine signifikante Anzahl von „Judenfreunden“ vermuten würde.

Geschäftsführer Frank Fechner versucht derzeit jedoch, ausgerechnetETV-Mitglieder aus der Tätergeneration als völlig unproblematische Oral History-Quelle zu präsentieren: Leute, die vom Alter her mit großer Wahrscheinlichkeit → Wehrmachtssoldaten, → Waffen-SS-Mitglieder oder → BDM-Aktivistinnen waren, die dabei gewesen sein könnten, als → jüdisches Eigentum versteigert wurde, sollen sich über die kriegswirtschaftliche Tätigkeit von Robert Finn oder den damaligen Antisemitismus frei äußern können, OHNE zuvor IHRE Biographie offen gelegt zu haben.

Was dabei heraus kommt, zeigt der folgende Fall, bei dem ein ETV-Altmitglied, über dessen Tätigkeit in der NS-Zeit absolut nichts gesagt wird, als „Zeitzeuge“ zum Verbleib der Juden befragt wird. Spätestens seine Antworten hätten Skepsis bewirken müssen. Denn die Juden, die dieser „Zeitzeuge“ kannte, sind alle „ausgewandert“:


Der ETV-Veteran Hermann Weymar, geboren am 18. August 1912 hat die ganze NS-Zeit im ETV verbracht (seine Frau ist wahrscheinlich die am 27. April 1916 geborene Gertrud Weymar, die in allen ETV-Geburtstagslisten auftaucht) und gewisss seinen Beitrag hier wie dort geleistet (wir werden es bei Gelegenheit überprüfen).


Der ETV ist bis heute auch ein berufliches Beziehungsnetzwerk. Dort Sport zu treiben, lohnt sich – nicht zuletzt für Freiberufler. Auch der „Zeitzeuge“ Weymar bekam seit den 1960er Jahren Aufträge vom ETV. 

• „Erinnerung“? Hier „erinnert“ sich niemand. Hier werden Schutzbehauptungen kolportiert. Ohne auch nur einen Namen zu nennen und einen Beweis zu erbringen. Sie sind „leise gegangen“? In welchem Jahr? Und wohin? Warum so unkonkret? Was geschah mit ihrem Eigentum? Was tat der „Zeitzeuge“ selbst? Hat er es beobachtet? Vom Küchenfenster aus? Oder stand er in der Schlange, die den Hausrat der „Auswanderer“ ersteigern wollte? oder hat er es nur gehört? Hat
er überhaupt Beweise für seine Aussage? Warum nennt er nicht „zumindest zwei“ Namen? Er kannte ja offenbar drei oder mehr Juden? Warum hörte er von den Auswanderern und nicht von den anderen? Warum erwähnt er nicht, dass „mindestens zwei“ Juden in Lodz landeten?

ETV-ler erinnern sich bis heute an jedes Tor, das im September 1939 geschossen wurde. Warum fehlen hier alle Details? 

Unter der Rubrik „Historie“ erscheinen im ETV-Magazin ständig „Erinnerungen“ an die Nazizeit (und niemals negative!). Über Beweise hat man sich dabei nie Sorgen gemacht. Nach „richtigen Beweisen“ ruft man erst, wenn andere recherchieren, was damals wirklich im ETV geschah.

Das Zitat ist aus Folke Havekosts Buch „100 Jahre Fußball in Eimsbüttel“. Es dürfte dort nicht stehen. Denn es geht hier nicht um zwei konkrete, belegbare Fälle (mit Namen und Adresse), die als KONKRETE Beispiele die geschichtliche Wahrheit – diejenigen Hamburger Juden, die nicht sofort flüchteten, saßen bald in der Falle und kamen nicht mehr heraus – nicht in Frage stellen, sondern es wird durch eine allgemeine, beiläufige und unkonkrete Bemerkungder Eindruck erweckt wird, kluge Juden hätten jederzeit „das Beste“ aus der Lage machen können. Ganz und gar weggeschoben wird mit dieser Antwort die Frage der eigenen Rolle und der eigenen Haltung, die man DAMALS zu Juden hatte. Während man beim Sport 50 Jahre kein Detail vergisst, wird hier jedes Erzählen vermieden:
Was hat der angebliche Beobachter seiner Frau damals zu Hause erzählt? Was sagten die ETV-Kollegen? Schickte Robert Finn Blumen
zum Abschied? Wie war es ab 19. September 1941 beim Einkauf in der Osterstraße, als die anderen Juden, die nicht „still gegangen“ sind, einen gelben Stern trugen? Was wurde gesagt, als am 12. Februar 1942 im „Hamburger Tageblatt“ der Satz stand: „Wir in Deutschland, besonders wir Großstädter, haben das Judentum in Reinkultur genossen, und wir sind froh, dass die jüdische Pest durch den Nationalsozialismus ausgerottet wurde.“? Oder 1944, als plötzlich wieder
Juden (darunter auch Hamburger Juden!) auftauchten – als KZ-Häftlinge aus „dem Osten“, die hier nun Bomben entschärfen und Trümmer beseitigen mussten?

Die letzte Deportation von Hamburg aus fand am 14. Februar 1945 statt. Schon drei Monate später leugneten Eimsbütteler vor den britischen Militärbehörden, irgendetwas davon zu wissen.

Der Eimsbütteler, Januar 1940
Gruß von der Front
Der ETV hat uns gut vorbereitet. Der Marineartillerie-Gefreite Walter Briz berichtet [aus Polen]: „Soviel Dreck auf einmal wie hier, habe ich lange nicht mehr erlebt. Aber wir halten weiter aus.“ Jürgen Eckstein ist Flieger geworden.

[Aus der ersten Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht ist bekannt, dass Klagen über „Dreck“ in „Briefen an die Heimat“ häufig Deckerzählungen über „Judenaktionen“ sind. Es gibt für die Beteiligung von ETV-Mitgliedern auch Belege, die wir noch dokumentieren werden]. 

Der Eimsbütteler, Juni 1940
Gruß der Heimat an unsere Eimsbüttler in Feldgrau
Welches Verbrechens sich die jüdischen und plutokratischen Kriegshetzer in London und Paris schuldig gemacht haben, das beginnt allmählich auch dem englischen und französischen Volk zu dämmern.


Links: “Der Stürmer”, Mai 1931: “Jede Nummer ein Volltreffer gegen die jüdische Rasse” (Auf dem Ball steht: „Rassenfrage“). Rechts: „Der Eimsbütteler“, Oktober 1940: „Wir wissen .. daß dieses verjudete Volk .. eines Tages vernichtet am Boden liegt.“ 

Der Eimsbütteler, Oktober 1940
Liebe Ligaspieler im feldgrauen Rock!
„Noch sprechen die Waffen und noch schützt ihr die Heimat, denn unser größter Feind ist noch nicht niedergerungen. Dieser letzte Waffengang wird über unsere Zukunft entscheiden. Wir in der Heimat wissen jedoch, daß unser herrliches Heer die Gewähr dafür bietet, daß dieses verjudete Volk jenseits des Kanals eines Tages vernichtet am Boden liegen wird. Dann werdet ihr die gute alte deutsche Waffe dem Führer, der sie Euch anvertraute, zurückgeben und in unsere Gemeinschaft zurückkehren.“ Walter Riße, ETV-Fußballabteilung

Der Eimsbütteler, Juni 1941
Zurück zu Jahn, es gibt kein besseres Vorwärts
„Der Gedanke der Leibesertüchtigung fand immer mehr Anhänger. Es kam nach schwierigen Anfängen zur Gründung der ‚Deutschen Turnerschaft‘, der 1868 der österreichische Turnverein beitrat. Bei den Österreichern fanden besonders die alldeutschen Gedanken Georg R. von Schönerers, besonders seine Judengegnerschaft, Eingang. Der 1889 gegründete deutsche Turnerbund in Österreich betonte die völkische Erziehung, er führte den Arierparagraphen ein, seit 1902 mußte jeder Turner sein völkisches Wissen nachweisen. Hierfür galten drei Leitsätze: Rassenreinheit, Volkseinheit, Geistesfreiheit.Das 1910 geschaffene österreichische Turnbundesabzeichen zeigte schon die vier Turner-F in Hakenkreuzform.“

Eimsbüttel, November 1941


Fernsprechamt Schlüterstraße, Auszug


Amtsgericht Hamburg, Gerichtsvollzieher, 15.11.41

Hamburg, Juli 1942
Schaurige Geschichten, lüstern erzählt


Deportationsliste vom 11.7.42, Auszug

In den letzten Wochen sind die letzten Juden in Hamburg abtransportiert worden, wohin, weiß man nicht. Aber schaurige Geschichten kursieren darüber im Volke. Sie sollen in Massen an offenen Gräbern oder auf freiem Felde mit Frauen und Kindern durch Massenerschießungen getötet sein. […] Man kann kaum von solchen Greueln mehr hören, es wird einem übel, wenn man davon hört […] Unsere Taten schreien zum Himmel, u[nd] das d[eutsche] Volk, daß sich diese Untaten lüstern erzählt u[nd] Erschrecken heuchelt, ist das unschuldig an unsern Massengreueln? Nein, das ist es nicht, nur bei einem Volke mit einer solchen kritiklosen Gesinnung können solche Roheitsverbrechen vorkommen. 

(Tagebucheintrag des Handwerkers Hermann Frielingsdorf vom 19. Juli 1942, aufbewahrt im Archiv der früheren „Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg“, die nach einer „Schwerpunktänderung“ inzwischen den NS aus der historisierenden Perspektive einer „Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg“ betrachtet).

Anmerkung: Jahrzehntelang hatten Vaterländische, Völkische, Alldeutsche und schließlich die Nazis die „Endlösung der Judenfrage“ angekündigt. Doch nach 1945 konnten sie sich nicht mehr daran erinnern, jemals Antisemiten gewesen zu sein. Auf dieses Rätselspiel haben sich ihre Nachkommen immer wieder eingelassen. Die scheinheilige Frage, was die Deutschen wohl „gewusst“ haben, wird bis heute in immer neuen Variationen aufgeworfen und entsprechend „differenziert“ beantwortet. Manche finden, dass die Deutschen nur etwas „ahnten“, andere finden, dass die „Gerüchte“ ab 1942 schon sehr konkret waren. Tatsächlich hatte man den Juden den Tod ja gewünscht. Dass man über die unschönen Details der Ermordung der europäischen Juden nicht unbedingt alles wissen wollte, hat daher nichts mit Empfindlichkeiten zu tun, sondern mit Mitleidlosigkeit. Meistens war es dann auch Selbstmitleid, wenn den Tätern sich an
verschwundene Juden erinnerten, zum Beispiel im Luftschutzbunker, wo ihnen häufig der Gedanke kam, bei dem Feuersturm könnte es sich um eine Art (jüdischer) Rache handeln. Davon, dass die Deutschen eines Tages für ihre Verbrechen werden bezahlen müssen, waren seit der Niederlage in Stalingrad immerhin viele überzeugt. Nachdem sie sich dann bis 1949 alle gegenseitig entnazifizierthatten, merkten sie, dass diese Sorge unbegründet war. Damit war das „Judenthema“ für sie erledigt.
Es wurde dann Sache der Kinder & Enkel, die bis heute über die Taten und Tatorte ihrer Väter & Großväter kaum etwas wissen, durch eine „Opferzentrierte Gestaltung der Erinnerung“ und Beteiligung an dem „Was haben sie gewusst?“-Rätselspiel ihren Frieden mit der Tätergeneration vorzubereiten. „Erinnerung“ wurde nun zu einem selbstreferentiellen Ritual der Staatsräson, bei dem es vor allem um die Abwicklung einer routinierten und professionalisiertenBereinigung der „NS-Vergangenheit“ geht. Eine Kritik der völkischenIdeologie ist damit nicht verbunden. Doch dieser Befund gilt nur für den Bereich der politischen Öffentlichkeit. Im ETV, wo man bis heute ungebrochen die Vereinstradition pflegt, gibt es nicht einmal solche Rituale.

1940-1942:
Jüdische Nachbarn des ETV
Auszug aus der Liste der aus Eimsbüttel Deportierten

Hohe Weide 25: Benjamin Landau, 1893 – dep. 1940 Dachau, ermordet 31.10.41
Hohe Weide 25: Karin Landau, 1930 – dep. 1941 Lodz, 11.09.1942 Chelmo
Hohe Weide 25: Sara Landau, 1892 – dep. 1941 Lodz, ermordet 13.07.1942

Osterstraße 111: Gertrud Taeger, 1916 – dep. 1941 Minsk
Osterstraße 111: John Taeger, 1939 – dep. 1941 Minsk
Osterstraße 111: Rudi Taeger, 1915 – dep. 1941 Minsk
Osterstraße 162: Jonny Eduard Dabelstein, 1900 – 1934-39 Zuchthaus, tot am 26.6.1941 in Bremen

Bismarckstraße 11: James Wolf, 1870 – dep. 1942 Theresienstadt, tot am 3.1.43
Bismarckstraße 11: Pauline Wolf, 1867 – dep. 1942 Theresienstadt, tot am 3.3.44
Bismarckstraße 93: Erna Cohn, 1892 – dep. 1941 Lodz
Bismarckstraße 93: Judith Cohn, 1899 – dep. 1941 Lodz

1939:
Wie John Heinemann in Montevideo einen Sohn von Julius Sparbier traf

John Heinemann, der dem ETV 1909 beitrat, gehörte nicht nur dort zum rechten Rand. Während sein Vater, der Möbelhändler Bernhard Heinemann, in der jüdischen Gemeinde zum liberalen Flügel gehörte, enagierte John Heinmann sich u.a. im Wehrsportausschuss des ETV. Heinemann ist der einzige Jude, der auch nach 1945 in der Vereinszeitschrift des ETV erwähnt wird. Woher diese Zuneigung kommt, geht aus den Berichten nicht hervor. Als Heinemann im Exil in Uruguay lebte, lief dort (im Dezember 1939) der Panzerkreuzer Admiral Graf Spee ein – stark beschädigt nach einem Gefecht mit der britischen Marine. Heinemann beteiligte sich mit seiner (noch in Hamburg erworbenen) Motorjacht an der Rettung der Nazi-Soldaten. Darunter war auch ein Sohn des ETV-Vorsitzenden Julius Sparbier.

Dies ist ein Nachtrag vom 9.10.2010. Die Geschichte von John Heinemann gehört zu jenen Recherchen, die wir seit 2009 nicht mehr veröffentlichen konnten, weil seither diverse Copy & Paste-Historikerunterwegs sind, die sich ohne Quellenhinweis bei uns bedienen und zwar so, dass unsere Recherchen auf die eine oder andere Weise als Eigenbeitrag des ETV zur „Aufarbeitung der Vergangenheit“ erscheinen. Seit dem 9.10.2010 ist diese Gefahr vorbei. Die Geschichte wird demnächst hier erzählt werden.

1944:
Als „Mischling ersten Grades“ aus dem ETV ausgeschlossen

Wollt ihr Schweinehunde wohl arbeiten!“ Mit diesen brutalen Worten schikaniert der Aufseher mit der Hakenkreuzbinde die arbeitenden Männer. Es sind „Halbjuden“, die sich jeden Morgen am Altonaer Bahnhof in der Steinstrasse im Sammellager einfinden müssen, um für ihre Arbeitsstellen eingeteilt zu werden. Unter ihnen ist auch der19-jährige Emil Tisch, ein gelernter Kellner, der auf Grund eines „Verpflichtungsbescheides“ Zwangsarbeit leisten muss. Bei unserem Treffen erzählt er mir, dass er Halbwaise war, weil sein jüdischer Vater aufgrund der Judenverfolgung 1936 Selbstmord beging. Die Schwester des Vaters, Sophie Schoop, geb.Tisch, wurde 1943 im Alter 68 Jahren von der Gestapo verhaftet, ins KolaFu (Konzentrationslager Fuhlsbüttel) gebracht und am 20.1.1944 nach Auschwitz deportiert. Dort wurde sie am 3.1.1945 umgebracht. Ihr „Vergehen“ bestand darin, Kriegsgefangene mit Essen versorgt zu haben. Nach dem Krieg wurde ihr zu Ehren eine Straße benannt, der Sophie-Schoop-Weg in Hamburg-Allermöhe. Doch zurück zu Emil Tisch. Nach dem Besuch der Moorkampschule lernte er im „Hotel Reichshof“ Kellner, um danach als Jungkellner im „Uhlenhorster Fährhaus“ zu arbeiten. Er trat dem ETV (Eimsbütteler Turnverein [Turnverband]) bei, wurde aber bald, weil er im Sinne der faschistischen Rassenlehre als „Mischling ersten Grades“ galt, aus dem Verein ausgeschlossen.

(Willi-Bredel-Gesellschaft, 2008)

1945:
Die Vernichtung der europäischen Juden endet erst mit dem
Sieg der Alliierten über Deutschland


Deportationsbescheid vom 7. Februar 1945. Der nächste Transport war für Juni 1945 vorgesehen.

[wird noch ergänzt]

 Hunderte Zwangsarbeiter in den ETV-Hallen.

„Über die politische Einstellung des Vereins während des Dritten Reichs gibt es kaum Material.“ So steht es bis heute auf der Homepage des ETV. Immerhin so viel scheint sicher zu sein: (1) „Während des zweiten Weltkriegs musste der Sportbetrieb teilweise ganz eingestellt werden.“ (2) „Das Turnhallengebäude war bei zwei Angriffen schwer beschädigt worden. 1948 übernahm Robert Finn die Leitung des Vereins und es gelang ihm die Schäden beseitigen zu lassen.“

Nichts ist wahr an diesen Sätzen. Über die „politische Einstellung“ des ETV gibt es im ETV-Archiv genug Material, zum Beispiel alle Jahrgänge der Vereinspostille. Seit jeher werden zwecks Darstellung der ETV-Geschichte der Jahre 1933-1945 diese Publikationen heran gezogen. Monat für Monat werden dabei die großen Mythen des Vereins beschworen. Seit Jahren erscheint fast kein Heft ohne Erinnerungen an Olympia 1936, an Breslau 1938, an Robert Finns Parteigenosse Walter Jens, an die Fußball-Nordgaumeisterschaften 1942, an die von den Nazis vorgenommene Benennung zweier öffentlicher Sportplätze nach den ETV-Funktionären Sparbier undBosse.

Es ist nicht wahr, dass während des 2. Weltkrieges der Sportbetrieb „teilweise ganz eingestellt“ werden MUSSTE. Die List dieses Satzes liegt in der Passivkonstruktion, die den ETV als Opfer der Umstände erscheinen lässt. In Wirklichkeit war es so, dass die ETV-Sportler als bewaffnete Wehrsportler in fremden Ländern unterwegs waren – angefeuert von überbordenden Glückwünschen der Vereinszeitung, die dem „verjudeten England“ die „Vernichtung“ wünschte. Gewisse Einschränkungen der Turnmöglichkeiten gab es 1938, als in der großen Halle Getreide eingelagert wurde.

Zwangsarbeiter Eimsbuettel ETV 01

Dafür wurde dem ETV Miete gezahlt. Davon abgesehen sah der ETV als vaterländisch-völkische Kraft die Notwendigkeit dieser Maßnahme voll und ganz ein. Einverstanden war man im ETV auch, als in den Sporthallen Zwangsarbeiter eingepfercht wurden. Auch nach 1945 hat das niemand jemand bedauert.

Bevor WIR diese Tatsache im Oktober 2006 publik machten, hatte angeblich in ganz Eimsbüttel nie jemand davon auch nur gehört. Doch das ist nicht wahr. 1948 hat Robert Finn es selbst in der ETV-Zeitung erwähnt – im Rahmen einer Aufzählung der SCHÄDEN, die an den ETV-Gebäuden entstanden sind. Damals sah die Tätergeneration keinen Anlass, darüber zu schweigen, denn wenige Jahre zuvor gehörte die Demütigung und Auspressung von „Fremdarbeitern“ und „Ostarbeitern“ noch zur selbstverständlichen deutschen Praxis.

Später aber, als man gelernt hatte, sich mit Rücksicht auf „das Ausland“ vorsichtiger auszudrücken, wurde das Thema einfach beschwiegen. Die Alten, die noch dabei waren, hielten bis heute dicht und die Jungen sahen keinen Anlass zur Nachfrage. An die Stelle der historischen Wahrheit trat das, was man in der Psychoanalyse eine „Deckerinnerung“ nennt – ein Geschichte, die erzählt wird, damit man über die wirkliche Geschichte schweigen kann. Die beiden Sätze: „Während des 2. Weltkriegs musste der Sportbetrieb teilweise ganz eingestellt werden“ und „Das Turnhallengebäude war bei Angriffen schwer beschädigt worden. Finn gelang es, die Schäden zu beseitigen“ blockieren die tatsächlichen Zusammenhänge. Und diese Erinnerungen hat sich längst von allen Tatsachen emanzipiert: Tatsächlich wurde die große Halle des ETV niemals „durch Angriffe“ zerstört. Etwas mitgenommen wurde sie laut Robert Finn hingegen dadurch, dass dort Zwangsarbeiter leben mussten. Da das aber nicht zum Thema werden soll, erfindet man eine Bombardierung der Halle.

Während heute jeder Praktikant schon nach vier Wochen beim ETV mit dem Mythos vom „Wiederaufbau der ETV-Hallen“ indoktriniert ist und das Vereinslokal noch 2006 nach dem Wehrmachtsdenkmal vor dem Haupteingang benannt wird, gibt es am Schicksal jener, die damals gegen ihren Willen in den ETV-Hallen gefangen gehalten wurden, kein Interesse. Die „Zeitzeugen“ erinnern sich an jedes Fußballereignis des Jahres 1941, nicht aber an jene Menschen, die sie damals schon übersahen. Daher kennt heute niemand die Namen derwahrscheinlich mehr als 1600 Menschen, die zwischen 1941 und 1945 im ETV eine furchtbare Zeit erlebten. (Die Belegung solcher Lager wechselte häufig, weshalb ein mit 400 Personen belegtes Lager – siehe die nachfolgenden Zahlen – von viel mehr Personen durchlaufen wurde. Wenn die „Belegung“ jährlich gewechselt hätte, müssten dort nach und nach über 1600 Zwangsarbeitern gelebt haben). Nur weil die Täter und Mitmacher schweigen, muss muss man heute mühsam Archive befragen, um wenigstens „beweisen“ zu können, dass es diese nach Hamburg verschleppten Menschen WIRKLICH gab. Diese Beweise sind immer kläglich. Sie bestehen aus Spuren, die von den Tätern hinterlassen wurden. Listen medizinischer Untersuchungen oder Listen von Brotrationen. Die Opfer selbst bleiben auch in diesem Fall ohne Namen; IHRE Erinnerung können leider nicht dargestellt werden.

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Links: Die große ETV-Halle (bislang noch Robert-Finn-Halle). Sie ist heute durch einen Zwischenboden in zwei Stockwerke unterteilt. 

In dieser Halle wurde im August 1938 auf kriegswirtschaftliche Anordnung Getreide gelagert. Das geschah im Rahmen des Aufbaus einer „nationalen Getreidereserve“ als Teil der Kriegsvorbereitung. Zu diesem Zweck erhielt die Reichsgetreidestelle im August 1938 das Recht, Turnhallen und Tanzsäle zur Einlagerung von Getreidevoräten zu beschlagnahmen. Der ETV wurde dafür finanziell entschädigt. Mit hohen staatlichen Zuschüssen (35% der Baukosten) wurde dann der Bau von Getreidespeichern staatlich gefördert, womit die Einlagerung in der ETV-Halle bald überflüssig wurde. 

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Banalität des Turnerfaschismus: der Briefwechsel des ETV mit den NS-Behörden über Miethöhe und andere Details der Getreideeinlagerung umfasst einen ganzen Ordner. Über die Nutzung der Halle als Zwangsarbeiterlager gab es keine Beschwerden. 

Später, ab Anfang 1941 wurden in der gleichen Halle „Fremdarbeiter“ (Robert Finn) untergebracht, die in den umliegenden Betrieben und auf Baustellen eingesetzt wurden – u.a. beim Bau der beiden Bunker (Flakbunker und Leitturm) auf dem Heiligengeistfeld. Dazu wurde die Halle mit Verschlägen unterteilt:

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Wie ist es, wenn 400 unterernährte Menschen, die 70 bis 80 Stunden in der Woche arbeiten müssen, in einer Turnhalle übernachten? Wo waren die 20 Bewacher untergebracht? (Auszug aus einer Liste der „Gemeinschaftslager der Gauverwaltung Hamburg„. Es existieren auch Listen für andere Zeitäume). 

Von Februar 1941 bis Juni 1942 (und wahrscheinlich auch in den Jahren 1943 und 1944) existierte in der Großen Halle des Eimsbütteler Turnverbandes (ETV) ein Lager der Sonderbauleitung Unterelbe der Abteilung Rüstungsausbau des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition (Sitz: Bellevue 62, Hamburg 39) mit rund 400 ausländischen Arbeitern. Die Belegung der Großen Halle des ETV lag z.B. im Februar 1941 bei 385 Personen und ab Juli 1941 bei 391 Personen, von denen die meisten Franzosen und Niederländer waren. Es handelte sich um ein sogenanntes Gemeinschaftslager, womit (im Unterschied zu Zwangsarbeiterlagern einzelner Firmen) Lager bezeichnet wurden, deren Arbeitskräfte von verschiedenen Firmen bzw. „Lagerträgern“ gleichzeitig „eingesetzt“ wurden. In diesem Fall übte zwischen 1941 und 1942 die „Sonderbauleitung Unterelbe“ des Speer-Ministeriums die Kontrolle aus. Genaue Angaben für 1943 und 1944 liegen momentan nicht vor. Die Erhebungen für 1941 und 1942 sind im Zuge der seuchenhygyienischen Überwachung der ausländischen Arbeiter entstanden. Möglicherweise hat der „Lagerträger“ später gewechselt. Die Kleine Halle des ETV war zur gleichen Zeit mit „Arbeitskräften“ der Organisation Todt belegt.

Neben dem Lager in der ETV-Halle unterhielt diese „Sonderbauleitung Unterelbe der Abteilung Rüstungsausbau des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition“ in Hamburg noch weitere Lager:
• Ein Lager im „Theater des Westens“, Schulterblatt 151. In diesem Theater, das vorher noch als beliebter Treffpunkt im ETV-Organ „Der Eimsbütteler“ erwähnt wird (unter anderem eine gemeinsame Veranstaltung von NSDAP und ETV im September 1934), waren 172 Zwangsarbeiter untergebracht.
• Ein weiteres Lager des Speer-Ministeriums existierte im Yachthafen Waltershof. Dort wurden von Juli 1941 bis März 1943 284 Kriegsgefangene von 29 Uniformierten bewacht.
• Außerdem gab es noch ein Lager „Waltershof II“ der Sonderbauleitung Unterelbe, wo von Juli 1941 bis November 1944 rund 450 Kriegsgefangene (u.a. „Kriegsgefangenen-Kommando 996“) leben mussten.

• Neben dem großen ETV-Lager gab es in Eimsbüttel noch eine Reihe kleinerer und mittelgroßer Zwangsarbeiter-Lager. So existierte ganz in der Nähe in der Schule Bogenstraße (heute Ida-Ehre-Gesamtschule) im Jahr 1943 ein Lager mit 300 ausländischen Arbeitskräften, eingesetzt im Rahmen eines „Reichssondereinsatzes“. Kleinere Lager existierten in der Weidenallee 54, im Jesuitenheim am Schlump (60 Personen), am Schulterblatt 58, in der Fruchtallee 36 (115 Arbeitskräfte von 1941 bis 1943), Am Weiher 29 (143 Menschen), Eppendorfer Weg 56 (Hamburger Batteriefabrik Otto Gross/Habafa, 30 Zwangsarbeiter), Schäferskampallee 56/58 (Lager der Deutschen Werft 1941 mit 56 belgischen Arbeitern). Auch im Gebäude der Diakonie (damals: Innere Mission) in der Dorotheenstraße 129 lebten unfreiwillig 90 ausländische Arbeitskräfte.

• Im Umkreis des ETV-Lagers gab es auch ein Zwangsarbeiterlager (6 Baracken und ein Appellplatz) des Werkes Grasbrook der Rhenania-Ossag (also der Schmieröl-Raffinerie!), und zwar im Schröderstift (Schröderstiftstraße 34), von wo aus von Juni 1943 – Februar 1945 205 ausländische Arbeiterinnen und Arbeiter (darunter 50 Französinnen) zu ihren Einsatzorten laufen mussten. (Dokumentiert wurde dies z.B. 1944 von der Behörde für Ernährung und Landwirtschaft). Andere Zwangsarbeiterlager der Rhenania-Ossag lagen meist in der Hafengegend: Das Lager Heimfelder Straße 123 (ein Wohnlager für das Werk in der Wilhelmsburger Hafenstraße). Das Lager Heimfelder Straße 44 (mindestens 241 Arbeitskräfte vom Mai 1943 bis Dezember 1944 für das Werk Harburg). Das Lager Werftstraße 21 (ein Lager für das Schmierölwerk Grasbrook im Jahr 1941). Das „Polinnenlager“ Falkenbergsweg (1943 mit 85 Frauen. Im Juni wurde der Aufbau eines Ukrainerlagers geplant. Wahrscheinlich wurden die Frauen im Dezember 1943 verlegt). Ein weiteres Lager am Falkenbergsweg war ein Gemeinschaftslager von Rhenania-Ossag, Ölwerke Julius Schindler und der Firma Carl Flemming im Jahr 1944 mit mindestens 660 Arbeitskräfen. (Einsatz beim Bau der Siedlung Falkenberg).

Schließlich gab es das von uns schon im September 2006 erwähnte (siehe unter „ETV 1“) KZ-Außenlager Dessauer Ufer, ein Gemeinschaftslager im Rahmen des „Mineralölsicherungsprogramms“ (Geilenberg-Programm) von Rhenania-Ossag, Ölwerke Julius Schindler und Mineralölimport Ernst Jung, das im Jahr 1944 mit 1500 weiblichen Häftlingen belegt war, vor allem mit ungarischen, tschechischen, polnischen und einzelnen deutschen Jüdinnen, darunter Cecille Landau (Lycille Eichengreen aus der Hohen Weide in Eimsbüttel). Im Zusammenhang mit diesem Geilenberg-Programm stand auch das KZ-AußenlagerFuhlsbüttel mit 1300 Häftlingen aus der Sowjetunion, aus Polen, Belegien und Frankreich. Die erwähnte Firma Jung-Öl wiederum war, gemeinsam mit der Reichsbahn und der Stadt Hamburg, auch an einem Lager in der Spaldingstraße 156 beteiligt, einem Außenlager des KZ Neuengamme mit 2000 Häftlingen. Zu erwähnen ist noch das in Sichtweite der Raffinerien (am Reiherstieg) gelegenen „Arbeitserziehungslager“ Langer Morgen (heutige Adresse: Blumensand), an dem neben der Rhenania-Ossag die Ölwerke Julius Schindler, die Deutsche Erdöl AG Wilhelmsburg, die Howaldtwerke und die HEW beteiligt waren. In diesem Gestapo-Lager mit SS-Bewachung waren unter schlimmsten Umständen 653 Häftlinge (davon 278 Frauen) eingesperrt. Mehrfache Ruhr- und Flecktyphus–Erkrankungen sind nachgewiesen. Am 22. März 1945 wurde das Lager, für dessen Insassen es keine Schutzräume gab, durch einen Bombenangriff zerstört.

In einer Schilderung des „Wiederaufbaus“ nach 1945 geht Robert Finn ganz nebenbei auch auf die Zwangsarbeiterunterbringung ein – als eine von verschiedenen Störungen, die aber den Turnbetrieb nicht wirklich aufhalten konnten. Denn „zum Glück“ gab es ja eine zweite Halle:

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Tatsächlich wurden auch die hier abgebildeten Kellerräume der kleinen Halle von der Organisation Todt (OT) ab Sommer 1940 genutzt, möglicherweise zur Unterbringung einer eigenen Einheit, die (nach einer Meldung der „Gaunachrichten„) für einen nicht näher benannten „Sonderauftrag“ von der Westfront nach Hamburg verlegt wurde. Die OT hatte den Keller mit Zwischenwänden unterteilt, die der ETV nach 1945 „in Selbsthilfe“ entfernte:

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Und dabei wurde nicht gemeckert, da man die Notwendigkeit dieser Einschränkungen politisch teilte und der Schaden nicht von den feindlichen Briten angerichtet wurde.

Die Einlagerung von Getreide in der ETV-Halle und ihre Nutzung als Zwangsarbeiterlager gehören nicht zur kanonisierten historischen Erzählung des ETV.

• Auch über den Panzergraben, den in den letzten Tagen die Wehrmacht noch durch den ETV-Tennisplatz gezogen hat, um „den Russen“ aufzuhalten, gab es nie größere Klagen.

Diese Schadensfälle haben sich im Gedächtnis des ETV nicht festgesetzt, weil es kein Interesse gab, darüber zu berichten. Akribisch wird hingegen jeder von den Briten umgeknickte Grashalm aufgelistet, um deutsche Schuld zu relativieren:

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An das Loch, das die Briten angeblich in die Hallendecke bombten und an die Beschlagnahmung der Sportplätze Hohe Weide und Hoheluft durch die Engländer (Das Finn-Zitat zum Besatzer-Terror gegen den ETV-Rasen ist vom Juli 1949) „erinnert“ sich hingegen auch heute noch jedes Kind im ETV, weil Robert Finn und seine Nachfolger über Jahrzehnte immer wieder die Mühen des „Wiederaufbaus“ beschworen haben. So funktioniert die intergenerationale Tradierung der Sichtweise der Tätergeneration.

Zur besseren EindordnungDie ersten Zwangsarbeiter wurden offenbar im Frühjahr 1941 in den ETV-Hallen eingesperrt und bewacht. In anderen Lagern in Eimsbüttel wurden schon früher Zwangsarbeiter untergebracht. Bereits 1939 zogen Kolonnen von Polen durch die Osterstraße. 1941 gab es auch „Fremdarbeiter“ (besonders aus Frankreich), die sich, z.B. um ihrer Verschleppung zu entgehen, „freiwillig“ zum „Arbeitseinsatz“ nach Deutschland gemeldet hatten, dort aber trotzdem ins Lager kamen. Die „nationale Zusammensetzung“ der gefangenen „Arbeitskräfte“ ergibt sich aus den Aktivitäten der Wehrmacht: Bis zum Frühjahr 1941 hatte die Nazi-Wehrmacht folgende Länder überfallen: Spanien (Luftangriff auf Guernica am 26.4.1937), Tschechien (3/1939, nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei), Polen (9/1939), Norwegen (4/1940), Dänemark (4/1940), Niederlande (5/1940), Belgien (5/1940), Luxemburg (5/1940), Frankreich (6/1940), England (8/1940, „Luftschlacht um England“, zum Glück ohne deutschen Sieg), Libyen (2/1941. Zum Entsetzen der nach Palästina geflüchteten Juden kam die Wehrmacht bis El Alamein), Griechenland (4/1941) und Jugoslawien (4/1941). 

Die Unterbringung von Ausländern direkt in den Wohnvierteln erlaubten die Nazis nur notgedrungen. Obwohl die Bevölkerung von sich aus den „Fremdarbeitern“ aus dem Weg ging und Gesten des Mitleids selten waren (man verachtete und fürchtete die zerlumpten Gestalten gleichzeitig), wurde eine Kontaktaufnahme unter strenge Strafe gestellt, zumal es immer wieder Jugendliche gab, die ein neugieriges Interessse an den – meist gleichaltrigen – Fremden zeigten. Im Fall des ETV erfolgte die Unterbringung in direkter Nähe zum laufenden Publikumsbetrieb. Zu den spärlichen Überlieferungen (die meisten Unterlagen wurden Anfang 1945 beseitigt) gehört dadurch immerhin auch eine Aktennotiz der Hamburger Jugendbehörde vom 30. Mai 1941:

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Kreisdienststelle 1a, Abteilung IA-2, Verwaltungsabteilung, Löwenstraße 22. Kurzbericht vom 30.5.41. Solche Befürchtungen gelten selbstverständlich nicht für die nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppten minderjährigen Mädchen oder gar für jüdische Mädchen, die zur Deportation vorgesehen sind.

Das war noch vor dem Überfall auf die Sowjetunion. Nach der Vergrößerung des Anteils der „Ostarbeiter“ ab Sommer 1941 wird die Absonderung der ausländischen Arbeiter und Arbeiterinnen ohnehin verschärft. Im April 1941 leiden in Hamburg 31.000 „Fremdarbeiter“, im November 1943 sind es bereits 53.000 sowie 13.000 als Kriegsgefangene anerkannte Arbeiter (zumeist Menschen aus dem westlichen Ausland). In Eimsbüttel wurden diese Frauen und Männer in kleinen und großen Firmen (z.B. Valvo), zum Bunkerbau (z.B. Bunker an der Christuskirche und Tiefbunker im „arisierten“ Unnapark) und zur Trümmerbeseitigung eingesetzt.

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© (2006) Initiative, Recherche: Günther Jacob

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