Eimsbütteler Turnverband, Seite III

Folge 5 Neujahrsempfang: Der ETV präsentiert einen eigenen Historiker (26/1/07)

Folge 6 Wir präsentieren neue Dokumente: Ende der Robert-Finn-Halle (2/07)
• Robert Finns Angaben im Fragebogen der britischen Militärregierung
• Entnazifizierung 1945: „Robert Finn ist ein gefährlicher Nazi“.
• Funktionsverbot im ETV für Brose und Finn.
• Umbenennung der „Robert-Finn-Halle“ in „Große Halle“ am 22.2.07

Folge 7 Nachtrag ausgewählter und kommentierter Dokumente (3/07)
• „Nazi werden, um den ETV zu schützen“
• Der ETV führt freiwillig den Hitlergruß als Turnergruß ein
• Der ETV feiert den Hitlerputsch vom 9. November 1923
• 1946: Persilscheine von Nazis. 2006: Der selbe Tenor
• Der ETV feiert mit der NSDAP
• Edgar Finn: SA, HJ und ETV
• Der ETV – ein Lieblingsturnverein der Hamburger Nazis
• Nachträge zu Julius Sparbier und August Bosse

Gegen die Abtrennung der Vergangenheit von den 60 Jahren,
in denen sie gefeiert wurde

• „ETV-Historiker“ relativieren den Nationalsozialismus
• Die zwei Vergangenheiten des ETV: 1898-1945 und 1945-2006.
• Zwangsarbeiterlager: „Niemand wußte etwas!“
• Klage der Finn-Söhne gegen die Initiative (2007/2008)
• Weitere Auseinandersetzung um die völkischen Symbole (2007/2009)

Die Texte der Seite „ETV 3“ sind chronologisch geordnet: Die aktuellste Meldung befindet sich am Ende.

Robert Finn – fünfte Folge
der Auseinandersetzung um einen Ehrenbürger des ETV
(ab Januar 2007)

■ Der ETV stellt einen Historiker ein 

→ Sportstaatsräte, Eimsbüttler Bundestagsabgeordnete, Bezirkspolitiker – zum Neujahrempfang des staatstragenden Großvereins
ETV tritt alljährlich die gesamte lokalpolitische „Prominenz“ (Eimsbüttler Wochenblatt“) an.

Doch in diesem Jahr gibt es ein Problem: Der ETV steht unter Druck, seit wir bekannt machten, dass seine erst kürzlich frisch renovierte Robert-Finn-Halle nach einem Nazi benannt ist. Auf dem Weg zum Schnittchenbuffet im „Sparbiersaal“ (benannt nach dem deutsch-völkischen ETV-Gründer) kommen die Gäste am „Turnerhakenkreuz“ (an der Außenwand des ETV-Gebäudes) vorbei, sodann am „Ehrenstein“ für die „gefallenen Kameraden“ von Wehrnacht und SA vor dem Haupteingang, wo heute die Flugblattverteiler/innen der Initiative gegen die Bebauung des Sparbierplatzes stehen und schließlich auch an der nach Robert Finn benannten Halle. An dieser „Tradition“ hatte sich in den vergangenen 60 Jahren kein Lokalpolitiker gestört.

Jetzt aber haben einige Zeitungen über die Enthüllungen der Initiative berichtet. Der ETV hat darauf seit Monaten abwehrend reagiert. Hinter den Kulissen gab es deshalb hektische Aktivitäten, weil die Teilnahme an diesem Neujahrsempfang nun einem politischen Statement gleichkam. Eine für den ETV vorteilhafte Lösung dieser prekären Situation hatte sich der Sozialdemokrat Niels Annen ausgedacht: Der ETV sollte einen Historiker der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte einstellen und dadurch Zeit und Definitionsmacht gewinnen. Auf diese Weise würden die Enthüllungen der Initiative alsLaienpolemik relativiert werden und falls Robert Finn wirklich ein Nazi gewesen sein sollte, könnte ein bezahlter Historiker diesen Fall ganz bestimmt „historisch richtig einordnen“. Nach langem zögern gab der ETV dem Drängen von Annen nach: Gleich nach der allgemeinen Begrüßung wurde dem Publikum der Historiker Prehn vorgestellt. Seine unbedingte persönliche Anwesenheit an diesem Abend war Teil des verabredeten Deals. Wenigstens die Feier war damit gerettet.

Robert Finn und die Forschungsstelle für Zeitgeschichte

Die Hamburger „Forschungsstelle für Zeitgeschichte“ (FZH) spielte in unserer Auseinandersetzung mit dem ETV gleich mehrfach eine negative Rolle. 2003 empfahl deren Direktor Axel Schildt den Gegnern der Privatisierung und Bebauung des öffentlichen Sparbierplatzes, sie sollten sich für „Bauzeugnisse der NS-Zeit in Eimsbüttel“ einsetzen. Gemeint war das von der Diakonie genutzte ehemalige „Hitlerjugendheim“ am Rande des Sparbierplatzes, dessen geplanter Abriss im Zuge des Bebauungsvorhabens bekannt wurde. Die Springer-Anzeigenpostille „Eimsbüttler Wochenblatt“ machte aus diesem Historikerkommentar gleich eine Volksbefragung: „Soll des frühere [Nazi-] Jugendheim bleiben?“. Auch die lokalpatriotische Eimsbüttler Geschichtswerkstatt „Galerie Morgenland“ rief zum „Widerstand“ gegen den Abriss dieses „Baudenkmals“ auf.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass beide Institutionen sich nie zur nationalsozialistischen Vergangenheit des ETV und des Elim-Krankenhauses geäußert haben. Auch zur Robert Finn-Halle, zum Hakenkreuz am ETV-Gebäude und am dem vor diesem Gebäude stehenden ETV-Gedenkstein für Wehrmacht und SA haben sie sich nie geäußert (wenn sie es getan hätten, wäre daraus gewiss eine erinnerungspolitische „Einordnung“ geworden und die Empfehlung, solche „Zeugnisse“ zu erhalten.)

Ende 2006 schließlich vermittelte Frank Bajohr, ein leitender Mitarbeiter der Forschungsstelle, dem ETV einen Historiker, der – just während wir (mit erheblichem Zeit- und Geldaufwand) an der Aufklärung der Vergangenheit des Robert Finn arbeiteten – die Zusammenhänge aus „Expertensicht“ erforschen sollte. Die Idee dazu kam von dem sozialdemokratischen MdB Niels Annen, der den ETV auf diese Weise vor sich selbst retten wollte und dem es dabei auch um die Absicherung seiner eigenen Position ging: Als Eimsbüttler Abgeordneter war er an guten Beziehungen zu dem Großverein interessiert. Zugleich versuchte er damals sich einen Namen als „Rechtsextremismus-Experte“ zu machen. Für Niels Annen, mit dem wir damals ein Gespräch führten, war schnell klar, dass das Thema Robert-Finn-Halle von der Auseinandersetzung um die von Annen unterstützte Privatisierung des Sparbierplatzes getrennt werden und uns entwunden werden muss.

Tatsächlich hatte die NS-Vergangenheit des ETV 60 Jahre niemand interessiert. Die lokalen Berufshistoriker und Politiker verstanden sehr gut, dass wir im Zuge einer aktuellen politischen Auseinandersetzung mit der Privatisierungspraxis des ETV auf dessen 100jährige staatstragende Rolle aufmerksam wurden und dass wir in diesem Zusammenhang als erste auch die NS-Zeit dieses Vereins untersuchten, nicht zuletzt weil dieser „Traditionsverein laufend Artikel publizierte, in denen er die Jahre 1933-1945 als seine beste Zeit feierte. Annen und andere verstanden, dass gerade dieser Aktualitätsbezug für den ETV (und für sie selbst) zum Problem werden könnte. Er und andere beknieten daher die ETV-Führung, einen Berufshistoriker einzustellen und uns damit zu Hobbyhistorikern zu machen, die gefälligst das Urteil von Fachleuten abzuwarten haben.

Weil wir mit einer solchen Strategie gerechnet hatten, nahmen wir auch Kontakt zu Frank Bajohr auf, um ihm deutlich zu machen, dass unser Forschungsstand bereits ziemlich weit fortgeschritten war und die Einschaltung der Forschungsstelle nur als politisches Manöver bewertet werden kann. Auch Bajohr empfahl uns gleich, das Thema von der Auseinandersetzung um den Sparbierplatz zu trennen, signalisierte aber, sonst kein Interesse an diesem Thema zu haben. Wahrscheinlich hat Niels Annen dann aber solange Druck gemacht, bis Bajohr den Historiker Ulrich Prehn schickte. Der wurde dann gegen gutes Geld verpflichtet und während des Neujahrsempfangs des ETV im Januar 2007 der Versammlung lokaler Würdenträger als Wundermittel gegen unsere Initiative präsentiert. Plötzlich hatte der ETV bei diesem Thema reichlich Zeit, denn solange der „staatlich anerkannte Historiker“ am forschen war, waren unsere Enthüllungen per Definition nur unqualifizierte Polemiken.

Diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Schon wenige Wochen später fand der Historiker G. Jacob, der unsere Initiative (ohne Honorar) unterstützte, die entscheidenden Beweise für die NSDAP-Mitgliedschaft von Robert Finn. Dabei war das überhaupt nicht der Weg, den wir gehen wollten. Unser Hauptinteresse galt überhaupt nicht der Frage, ob Finn Parteimitglied war oder nicht. Uns interessierte in erster Linie seine Tätigkeit als Chef der deutschen Schmierölversorgung von Kriegswirtschaft und Wehrmacht. Viele Täter und Mittäter während der NS-Zeit waren überhaupt nicht in der NSDAP. Zugleich gab es Nazis, die an Stellen saßen, an denen sie gar keine Gelegenheit hatten, besondere Verbrechen zu begehen. Es hätte durchaus sein können, dass Finn, der als Schmierölfachmann qualifiziert war, auf einen Parteieintritt verzichtet hätte. Es gehört aber zu den Pointen der deutschen „Erinnerungskultur“, dass unser Nachweis von der führenden Rolle Finns in der deutschen Kriegswirtschaft weder dem ETV noch sonst jemand beeindruckt hätte. Als der Berufshistoriker eingestellt wurde, damit wir ausgeschaltet werden können, haben wir daher kurzfristig umdisponiert und in den Archiven nach dem Beweis gesucht, mit dem man einen Nazi angeblich allein als solchen überführen kann: nach der Parteimitgliedschaft. (Einige Details dieser Geschichte folgen noch).

Robert Finn – sechste Folge 
der Auseinandersetzung um einen Ehrenbürger des ETV
(ab 22. Februar 2007)

Das Ende der „Robert-Finn-Halle“

Neue Beweise

Nach Kriterien, die wir nicht teilen (siehe dazu unter ETV 1) taugt einer, der in der NS-Kriegswirtschaft ganz oben mittat, HEUTE nur dann nicht zum Ehrenbürger, wenn er eingeschriebenes Mitglied der NSDAP war. Es war der erklärte Wille unserer Kontrahenten, alle Untaten von Robert Finn – seine faschistischen Texte, das Wehrmachtsdenkmal, die Kriegswirtschaftstätigkeit etc. – zu banalisieren, wenn nicht nachgewiesen werden kann, dass er auch in der Partei war oder mit Adolf Hitler im Führerbunker gesehen wurde. Diese Forderung entspricht der verbreiteten verkitschten Nationalsozialismus-Vorstellung (der gute SA-Opa und die Monster im Hauptquartier) der gerade noch um eine minimale politische Korrektheit bemühten unverkrampften Patrioten.

Im Wissen, dass die wesentlichen Akteure aus Sport & Politik in Sachen Robert Finn sich von Forschungsdetails nicht beeindrucken lassen, weil ihre Haltung zum ETV von den Maßstäben politischer Macht im Bezirk gesteuert wird, im Wissen auch, dass man versucht, unsere umfassenden Recherchen als „Vorwürfe“ abzutun, die von einer von legitimierten Instanzen ernannten Stelle bestenfalls überprüft werden können, haben wir uns dazu entschlossen, selbst der Spur nachzugehen, der nachzugehen wir der anderen Seite schon im Oktober 2006 empfohlen haben: Die Suche nach den Anklagepunkten, gegen die Finn Ende 1947, als die Entnazifizierung praktisch zu Ende war, Berufung einlegte. Und wir haben sie gefunden. Das Ergebnis: Robert Finn war auch formell das, wofür wir ihn ohnhin hielten: ein Nazi. Robert Finn ist 1940 in die NSDAP eingetreten. Und es gab tatsächlich 1945 einige Leute, die wußten, was sie von ihm zu halten haben. Sie haben ihn – immerhin – aus dem Verkehr gezogen. Wenigstens für 2 Jahre.

Der Historiker G. Jacob, der für uns recherchierte, hat also die Dokumente besorgt, die nach den derzeit gültigen Maßstäben Robert Finn als Namengeber der großen ETV-Halle unmöglich machen. Und O. Wunder, Chefreporter der „Hamburger Morgenpost“, hat diese Dokumente publiziert. Jetzt müssen jene, für die NS-Kriegswirtschaft eine ganz normale Sache ist, überrascht tun und sich „distanzieren“. Auch die alten ETV´ler, die ja stets wußten, dass ihr „Kamerad“ Finn ein Nazi war, fallen jetzt als „Zeitzeugen“ aus. Erst kürzlich hatten sie durch den Mund des Geschäftsführers kundgetan, dass Finn in Wirklichkeit ein als Nazi getarnter Antifaschist war.

Siehe: „Hamburger Morgenpost“ vom 22. Februar 2007 und vom 23. Februar 2007

Robert Finns Fragebogen


Der Fragebogen der britischen Militärregierung. Ausgefüllt von Robert Finn. Bearbeitungsnummer 54 des Fachausschusses XIV (Ölindustrie).
Unterzeichnet von Finn am 3. Oktober 1945. 


Beruf: Kaufmann. Stellung: Prokurist und Schmieröl-Experte der
Rhenania-Ossag; Direktor der ASV.


„Abschnitt D. Schriftwerke und Reden. Verzeichnen Sie alle Veröffentlichungen
seit 1923, die ganz oder teilweise von Ihnen geschrieben oder herausgegeben wurden und alle Ansprachen, die Sie gehalten haben.“ Antwort von Robert Finn,
der allein für den ETV fast monatlich Texte schrieb und viele öffentliche Reden hielt: „Keine Reden und Veröffentlichungen“. 


„Abschnitt F. Einkommen: Verzeichnen Sie hier die Quellen und die Höhe
Ihres Einkommens seit dem 1. Januar 1933“. 


„Waren Sie vom Militärdienst zurückgestellt worden? Wann? Warum?“
Antwort: „Ja, während dieses Krieges.. für die Schmierölversorgung.“
[Redak. Hinweis: Der ungenaue Begriff „Schmierölversorgung“ statt „Schmierstoffverteilung“ taucht 1974 erneut im ETV-Nachruf auf Finn auf].


„Abschnitt H. Auslandsreisen seit 1933“. Finns Angaben über seine „Geschäftsreisen“ in die besetzten Länder (plus Schweden) sind
unvollständig. Mehr dazu an anderer Stelle.

Robert Finn nutzt die Gelegenheit zu „Anmerkungen“ am Ende des Fragebogens zu einer ihn kennzeichnenden Rechtfertigung: Der NSDAP sei er im Zusammenhang mit den Feiern zum 50. Jahrestag des ETV (Finn stellte im Herbst 1939 seinen Aufnahmeantrag) und eines Spiels gegen eine Fußballmannschaft aus Mussolinis Italien beigetreten. Finn hält das für eine ihn entlastende Erklärung.
Es ist immer das selbe Bild. Nach ihrer Niederlage gefragt, warum sie Nazis wurden, verschweigen sie ihre Zustimmung zu Vernichtungsantisemitismus und Vernichtungskrieg. Dass sie von der NS-Herrschaft über Europa profitierten und gerne als Herrenmenschen auftraten, wird jetzt geleugnet. Bemerkenswert ist, dass auch den Nachkommen nicht auffallen will, dass solche „harmlosen“ Begründungen, wenn sie zutreffen würden, alles noch schlimmer machen würden. Denn wer im Wissen um Holocaust und Vernichtungskrieg zu Protokoll gibt, er sei der Partei der Täter „nur“ beigetreten, damit sein Sportverein gut dastehe, ist ja in der Tat ein besonders „unaufrichtiger Charakter“. 

Der Entnazifizierungsauschuss 1945:
„Robert Finn ist ein gefährlicher Nazi“

Otto Borgner war Mitglied im Senat Petersen. Er leitete u.a. das Landesernährungsamt sowie das Landeswirtschaftsamt (Moorweidenstraße 18), wo auch der zuständige Fachausschuss des Entnazifizierungsauschusses tagte. Borgner war später auch Mitglied im ersten Senat von Max Brauer (ab 15. November 1946). Rudolf Petersen (1878-1962) war vom 15. Mai 1945 bis zum 15. November 1946 Bürgermeister von Hamburg. Er übte in dieser Zeit eine Reihe weiterer Funktionen aus. Laut „Verzeichnis der Verwaltungen und Ämter der Hansestadt Hamburg“ vom 22.8.1946 war er gleichzeitig Leiter der Senatskanzlei, Chef der Hamburger Polizei, Leiter der Pressestelle, Vorsitzender des Rechnungsprüfungsamtes, Leiter des Rechtsamtes, Leiter des Statistischen Amtes, Chef der Bauaufsicht, Chef des Staatsarchivs sowie Vorsitzender der Einspruchsstelle der Entnazifizierungsausschüsse. Rudolf Petersen, ein erzkonservativer Kaufmann, der wegen seiner jüdischen Mutter von den Nazis schon Anfang 1933 aus dem Handelskammerplenum verdrängt wurde, vertrat 1945 die Position, man müsse einige einflussreiche NSDAP-Leute schnell aburteilen und NS-Opfer rasch entschädigen, damit sich „der große Rest des Volkes“ der „Wiederaufbauarbeit“ zuwenden könne. 

Diese Ergänzung vom 8. November 1945 ist ebenfalls von Borgner, Juerss und Petersen unterzeichnet.

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Senat der Hansestadt Hamburg, Bürgermeisteramt, 3. Dezember 1946: Entnazifizierung der Sportgemeinschaften. Nach den gültigen Richtlinien durften Eduard Brose und Robert Finn im ETV nach 1945 keine Funktion ausüben. Ab 1947 war die Regelung bereits „umstritten“. Spätestens 1948 war eine Nazivergangenheit kein Hindernis mehr. (Originaldokument) 

Selbstverständlich hat die deutschvölkisch-nationalsozialistische ETV-Führung sich an diese Tätigkeitsverbote nicht gehalten. Nach außen wurde Gustav Tonndorf vorgeschoben, tatsächlich aber lief auch nach 1945 alles wie zuvor. Die langjährigen NSDAP-Mitglieder Brose und Finn blieben, zusammen mit Jacobson, die Köpfe des ETV. Finn wurde 1948 zum 1. Vorsitzenden gewählt, Brose Anfang der 1970er Jahre auf Finns Vorschlag für seine Verdienste in den Jahren 1933-1945 zum ETV-Ehrenmitglied ernannt. Dieses Dokument belegt, dass Eduard Brose sich trotz Verbot weiter um ETV-Belange kümmerte. Am 19. Oktober 1945 ruft er die für Sportplätze zuständige Behörde an und beschwert sich, dass auf dem nach dem ETV-Funktionär Bosse benannten Platz Baracken für Flüchtlinge aufgestellt werden. Der Sachbearbeiter „Sch.“, der sich in vielen internen Vermerken regelmäßig über die „Willkür der ausländischen Truppen“ ausläßt, reicht Broses Beschwerde mit dem Vermerk: „Wieder ein Fall, wo man über das Amt hinweg zur Tagesordnung übergeht“ an seinen Vorgesetzen weiter. (eingescanntes Original) 

■ „Denkwürdiger Tag“ Nr.1. Die alten Kameraden, die genau wissen, wer und was ihr Vorbild Robert Finn in der NS-Zeit war, würdigen Finns „Lebenswerk“ und beziehen den Nachwuchs gleich mit ein. Diese Tradierung funktioniert bis heute. Ohne Not identifizieren sich viele Jüngere mit der rechten „Tradition“ dieses Vereins. (Abbildung aus der ETV-Zeitschrift „Der Eimsbütteler“, 1976).

■ „Denkwürdiger Tag“ Nr.2. Die zweite Einweihung der „Robert-Finn-Halle“ im September 2006. Unser Protestflugblatt macht auf den ETV keinen Eindruck. Im „ETV-Magazin“ wird auch danach noch stolz verkündet, wer alles „zu Ehren“ des Robert Finn dabei war: Die Grüne Verena Lappe, der HSB-Präsident und – Symbolik wird im ETV groß geschrieben! – die beiden Söhne von Robert Finn. Selbstverständlich haben die nichts von der NSDAP erzählt und natürlich hat sie niemand danach gefragt. („ETV-Magazin“, Oktober 2006) 

■ „Denkwürdiger Tag“ Nr.3. Dreißig Jahre nach der ersten Einweihung und fünf Monate nach der zweiten, läßt sich die Wahrheit nicht weiter vertuschen. Auf Bitten der Initiative gegen die Bebauung des Sparbierplatzes recherchierte der Historiker G. Jacob die Karriere des NS-Kriegswirtschaftsfunktionärs Robert Finn. Am 22. Februar 2007 veröffentlichte die Hamburger Morgenpost die von ihm gefundenen, oben abgebildeten Dokumente zur Nazivergangenheit von Robert Finn. Die „Ehrentafel“ für Robert Finn wurde am selben Tag abgenommen

Ihr Inhalt entsprach der beliebten deutschen Selbstdarstellung als Opfer. Wer in diesem Land sozialisiert wurde, konnte die verschlüsselte Botschaft dieser wenigen Zeilen allerdings leicht decodieren: Die in der Halle (auf Vorschlag von Finn) untergebrachten Zwangsarbeiter werden verschwiegen. Finns völkische Hetzartikel „übersieht“ man oder lässt sie verschwinden. Nach dem von ihm errichteten Wehrmachtsdenkmal wird 2006 das Vereinslokal benannt. Sein Tätigkeitsverbot von 1945 bis 1948 wird verschwiegen. Seine führende Rolle in der deutschen Kriegswirtschaft wird geleugnet. Was dann noch übrig bleibt, ist Propaganda: „ETV-Verbandsvorsitzer 1948-1973“. Kein Wort von seiner führenden Tätigkeit im ETV vor 1945. Der Mann, der vom „Heldentod“ (der anderen) schwärmte und den „totalen Krieg“ beschwor, wird pathetisch zum „Wiederaufbauer“ stilisiert. Und noch in diesem Wort steckt die Absicht der Geschichtsfälschung. Man lässt bewusst offen, unter welchen Umständen „unsere Gebäude“ zerstört wurden und in welchem Verhältnis das Loch in der Hallendecke zu dem Weltbrand steht, zu dessen begeisterten Verursachern auch die Mehrheit der ETV-Mitglieder gehörte. „Die anderen haben uns alles kaputt gemacht!“ Die Tafel soll sagen: „Wiederaufbau ist aktiver Widerstand gegen Besatzerwillkür und Siegerjustiz! Für unseren Robert ging der Kampf nach 1945 weiter! Seine Botschaft haben wir verstanden“.

Robert Finn – siebte (und letzte) Folge
der Auseinandersetzung um einen Ehrenbürger des ETV
(ab 22. März 2007)

Beim Studium der Dokumente zur britischen Entnazifizierungspraxis in Hamburg wundert man sich immer wieder über die eigenartige Gelassenheit der Militärregierung. Von den Deutschen gefragt, was in diesem und jenem Fall nun getan werden soll, lautet die Antwort häufig: „Das müsst ihr selber wissen“. Was zunächst unverständlich erscheint, wird nachvollziehbar, wenn man auf die hier abgebildete Beschwerde des Hamburger „Staatskommissars für Entnazifierung“ stößt. In mehreren Schreiben empört dieser sich darüber, dass britische Offiziere die deutschen Ausschüsse als „stupid panels“bezeichnen, die von Nazis beherrscht werden. Den Briten war offenbar klar, dass sie die Deutschen lediglich zwingen konnten, sich äußerlich den neuen Verhältnissen anzupassen. Da es keine relevante antinazistische Oppossition in Deutschland gab, machten sie sich über die Reichweite der Entnazifierung keine Illussionen. Das ist heute kaum anders: Man kann eine „Robert-Finn-Halle“ unter Hinweis auf die offiziellen antinazistischen Selbstverpflichtungen verhindern, aber man kann nicht davon ausgehen, dass jene, die Finn stolz als den obersten Reichsschmierölmann vorstellten, begreifen, was daran falsch gewesen war. Das Turnerhakenkreuz ziert daher weiterhin das ETV-Gebäude, das Wehrmachtsdenkmal steht dort immer noch und eine Gedenktafel für die Zwangsarbeiter, die in den ETV-Hallen „untergebracht“ waren, gibt es auch nicht. 

■ Die Umbenennung der „Robert-Finn-Halle“ des Eimsbütteler Turnverbandes in „Große Halle“ war das erklärte politische Ziel derInitiative gegen die Bebauung des Sparbierplatzes. Das Ziel wurde am 22. Februar 2007 erreicht. DIESE Auseinandersetzung ist für uns als Initiative damit beendet. Wir beabsichtigen weder, die Forderung nach Umbenennung um weitere Forderungen zu ergänzen, noch beabsichtigen wir, die Geschichte des ETV zu schreiben oder den ETV vor sich selbst zu retten. Uns ging es darum, die politische Provokation nicht zu akzeptieren, die in jener VERSCHIEBUNG der momentan gültigen symbolischen Ordnung bestand, die der ETV durch die demonstrative Benennung (Neueinweihung) einer in Hamburg-Eimsbüttel (und bei Sportlern auch überregional) bekannten Halle nach einem Funktionär der NS-Kriegswirtschaft bewirken wollte. Dies nicht hinnehmen zu wollen, hat nichts zu tun mit Vorstellungen wie: „unser Eimsbüttel muss sauber bleiben“ (oder: „unser Verein muss sauber bleiben“, wie es in einem Morgenpost-Artikel anklang). Wir hängen NICHT der Illussion an, den ETV oder die vielen indifferenten Besucher, Bürger etc. durch unsere Nachforschungen zu Robert Finn nachhaltig ändern zu können. Wir halten es aber für nötig und für möglich, die Okkupation des auch von uns benutzten öffentlichen Raums durch derartige symbolische Akte politisch zu verhindern.

WIR werden also als Initiative jetzt keine Kampagne zur Beseitigung der Wehrmachtsdenkmals vor dem ETV-Haupteingang und des Turnerhakenkreuzes an der ETV-Halle starten. WIR werden jetzt auch nicht die Umbenennung des Sparbier-Platzes und des Bosse-Platzes fordern und WIR werden den ETV nicht drängen, eine Tafel zur Erinnerung an die Zwangsarbeiter aufzuhängen. Wir hätten das zwar alles gerne so und wir haben mit unserer Kritik, unseren Enthüllungen und durch die Nachforschungen des Historikers G.Jacob auch wichtige Voraussetzungen dazu geschaffen. Die historischen Tatsachen sind nun immerhin halbwegs bekannt. Und gerade deswegen fällt, NACHDEM der ETV seine Halle umbenennen musste und nachdem das ganze Ensemble rechter Reliquien rund um die ETV-Zentrale mehrfach in den Medien abgebildet war (Wehrmachtsdenkmal, die danach bekannte Kneipe Ehrenstein, das Hakenkreuz, die Finn-Halle), jede weitere Verteidigung dieser Zustände durch den ETV HEUTE auf diesen selbst zurück. Jetzt sagen viele: „Sie mussten die Halle umbenennen, schon aus geschäftlichen Gründen, wegen des anhaltenden Mitgliederschwunds. Aber intern bewirkt das nichts oder nicht viel. Sie werden vielleicht vorsichtiger, aber sie beharren auf ihrer`Tradition´.“ Und wir sind sicher, dass die ETV-Führung nichts auslassen wird. Sie werden Wehrmachtsdenkmal- und Hakenkreuz-„Experten“ aus dem eigenen Milieu bemühen und diese werden sich so authentisch äußern, dass wir dem nichts mehr hinzufügen müssen.

Die am 22.2. herbei geführte Entscheidung über den Namen dieser im ganzen Stadtgebiet bekannten und von Tausenden frequentierten Halle, konnte nur im Rahmen einer politischen Auseinandersetzung herbei geführt werden. Die Umbenennung hatte, wie die Erfahrung zeigt, die Existenz einer politischen Kraft zur Voraussetzung, die sichschon voher Gehör verschafft hatte. Diese Voraussetzung war vor der Entstehung unserer Initiative nicht gegeben. Es gab vorher lediglich Einzelpersonen und private Zusammenhänge, die z.B. erfolglos Einwände gegen das antisemitische Turnerkreuz an der ETV-Halle vorgebracht hatten. Der ETV heftet solche Eingaben ungerührt ab und die Springer-Presse druckte nicht einmal einen Leserbriefe. 2006/2007 fand die Auseinandersetzung um die Robert-Finn-Halle (und das Wehrmachtsdenkmal, das Hakenkreuz etc.) hingegen vor einem ganz anderen Hintergrund statt. Durch die seit über vier Jahren andauernden Auseinandersetzung um die Bebauung des öffentlichen Sparbierplatzes, wird die gesellschaftliche und politische Praxis des ETV ohnehin viel stärker beachtet. Da der ETV in dieser Auseinandersetzung auf Seiten der reaktionären Kräfte agiert (Rechts-Senat, klerikaler Krankenhauskonzern), bekam die deutsch-völkische Tradition des ETV ein ganz anderes Gewicht. Die heftigen internen Kämpfe, besonders im Jahr 2004, als mittels einer rechten Mobilisierung ein voher von den kritischen Kräften durchgesetzter Beschluss GEGEN die Bebauung wieder gekippt wurde (siehe unter „Presse 2004“), führten dazu, dass sich mehr Menschen als zuvor fragten, woher dieses repressive Potential überhaupt kommt? Im Frühjahr/Sommer 2006 erschienen dann in den ETV-Medien immer mehr Texte, die sich auf provokante Weise relativierend auf die Nazizeit bezogen. Immer unverbrämter wurden die Jahre 1933-1945 als die große Zeit des ETV gefeiert. Gefeiert wurde erneut auch Walter Jens, ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass es damals der NSDAP-Mann Jens war, der beim ETV zuschaute. Der inzwischen bekannte Satz über Robert Finns Tätigkeit als NS-Schmierstoff-Manager erschien sozusagen während des Höhepunktes dieser rechten Offensive, als der ETV immer übermütiger wurde und schon glaubte, auf niemand mehr Rücksicht nehmen zu müssen.

Es war also kein Zufall, dass WIR die „Robert-Finn-Halle“ zum Thema machten – und auch zum Thema machen KONNTEN! Es war kein Zufall, weil wir wegen der gesamten Auseinandersetzung die „Tradition“ des ETV besser einordnen konnten, und es war kein Zufall, weil nur die INITIATIVE mit ihren vielfältigen Verbindungen, ihren regelmäßigen Flugblatt-Aktionen vor der ETV-Zentrale und mit ihren sonstigen medialen Möglichkeiten in der Lage war, die Finn-Halle zum öffentlichen Thema zu machen.

Es gab Historiker, die uns (aus z.T. sehr fragwürdigen Motiven) den Rat gaben, unsere Auseinandersetzung mit dem ETV um die Bebauung des öffentlichen Sportplatzes von dem Thema der Finn-Halle zu trennen. Dabei ist leicht zu erkennen, dass der Streit um diese Halle nicht ein historisches, sondern ein aktuelles Thema ist. Da von Robert Finn bereits rechtsradikale Zitate bekannt waren – auch dem ETV bekannt! – gehörte die Frage der Hallenbenennung von Beginn an in die Register des Politischen. Man benötigte DAZU keine Historiker, sondern Leute mit politischem Mut, Verstand und einigen zivilisatorischen Mindeststandards. Nur weil es DAVON zu wenige gab, erscholl überhaupt der Ruf nach Historikern, die man als Puffer zwischen die Vergangenheit und die Gegenwart schalten wollte, um sich vor einer politischen und „moralischen“ Entscheidung drücken zu können. Dass die Halle erst umbenannt wurde, als UNSER Historiker die NSDAP-Mitgliedschaft von Finn nachweisen konnte, verdeckt daher noch nachträglich das „Versagen“ der meisten politischen und gesellschaftlichen Kräfte im Bezirk.

Historiker können, wenn sie sich nicht als Historisierer einsetzen lassen, Details aufhellen. Die deutsche Historikerzunft, die im Unterschied zu den Juristen zur Aufklärung von NS-Verbrechen schon in der Vergangenheit kaum etwas beitrug, kommt aber meistens erst ins Spiel, wenn die Auseinandersetzung schon läuft. So auch hier. Bemerkswert ist ja, dass der ETV bei all den Historikern & Historikerinnen, die sich sonst gerne als Eimsbütteler Heimatforscher betätigen, überhaupt nicht auftaucht! Der ETV ist in Eimsbüttel so etwas wie eine heilige Kuh, die nicht nur von Politikern sehr umworben wird. Selbst bei den Linken gibt es nicht wenige, die den ETV völlig grundlos für einen ehemaligen „Arbeitersportverein“ halten, obwohl er doch ein SA-Verein war. Den Sportverein, der schon in der Nazizeit „Bauch-Beine-Po“-Kurse anbot, möchte man sich lieber als Treffpunkt der Guten vorstellen, besonders wenn damals die eigenen Großeltern dabei waren. Das Wehrmachtsdenkmal vor der Tür und das Hakenkreuz an der Wand werden dann lieber einer fernen Vergangenheit zugeordnet, die mit heutigen „Neonazis“ und anderen Rechtstrends in keinerlei Beziehung steht. Kein Wunder, dass von der Nutzung der Turnhallen als Zwangsarbeiterlager – angeblich – niemand etwas wußte.

Soweit eine erste Reflexion. Einige Dokumente, die wir aus Zeitmangel bisher nicht präsentiert haben, werden wir wir auf dieser Seite noch abbilden und kommentieren.

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Der ETV und die NSDAP

Nach wie vor wird behauptet, Robert Finn und all die anderen ETV-Leute, die in der NSDAP, der SA und der SS waren, seien "nur" dabei gewesen, um den Verein vor dem Zugriff der Nazis zu retten. Das ist eine nachträgliche Schutzbehauptung, die ohne jeden Beweis auskommen muss. Tatsächlich war der ETV zwischen 1933 und 1945 einer der Lieblingsvereine der Nazis, nicht zuletzt wegen der vielen Doppelmitgliedschaften. Aber davon abgesehen, ist es nicht gerade beruhigend, dass man es bis heute gut verstehen WÜRDE, wenn einer der Partei der Mörder aus einem völlig banalen Anlass beigetreten sein sollte - aus Karrierismus oder aus Vereinsmeierei. Doch diese Figur ist Teil einer Leugungspraxis: DIESER Partei KONNTE man nicht beitreten, ohne ihre tagtägliche mörderische Praxis zu akzeptieren. 

■ „Nazi werden, um den ETV zu schützen“
Die Originalfassung: 

Die Vorlage mit Langzeitwirkung bis 2007: Gustav Tonndorf, genannt „der eiserne Gustav“, seit Jahren ETV-Funktionär und Gewährsmann der NSDAP-Mitglieder Brose und Finn, im ETV unter anderem zuständig für den guten Kontakt zum SA-Brigadeführer Senator Alfred Richter, schreibt seinem Chef nicht nur einen Persilschein, sondern fordert frech – Ende 1946! – „Wiedergutmachung“ für den Schmierölmann „im Namen von Hunderten von Eimsbüttelern“. Falls die „Gründe“ stimmen würden, die er für Finns NSDAP-Mitgliedschaft angibt, würde ihm auch heute kaum jemand widersprechen wollen, denn der Bürger hat größtes Verständnis dafür, dass einer sich verbiegt um des eigenen Vorteils willen. In diesem Fall soll die verständnisheischende Masche den Rassismus und Antisemitismus verbergen. Was Tonndorf zudem nicht erwähnt, aber weiß: Auch Opportunismus, falls es denn welcher war, war damals ein exklusives „arisches“ Privileg, denn Millionen anderen, die ermordet wurden, war jedwede Anpassung ausdrücklich untersagt. 

Zwei Kopien:


ETV-Stellungnahme im Eimsbütteler Wochenblatt, 28.12.2006 


„100 Jahre Fußball in Eimsbüttel“ (Folke Havekost 2006, Medienbüro Witt-Stahl

■ Aus Überzeugung führt der ETV freiwillig den Hitlergruß als Turnergruß ein:

Die Deutschvölkischen sehen in der „nationalen Erhebung“, wie sie die Machtübernahme der Nazis nennen, tatsächlich ihre eigenen Ziele verwirklicht. Sie begrüßen tatsächlich „freudigst“ die Durchsetzung von Deutschtum, Ordnung & Gehorsam. Den Linken, die jetzt abgeholt werden, weint man im ETV keine Träne nach. Die Angriffe auf die Juden verderben keinem die Laune. Der Start in die NS-Zeit fängt für den ETV ohnehin großartig an – mit der Umbenennung zweier öffentlicher Plätze nach zwei ETV-Funktionären. Der ETV hat von den Nazis wirklich nichts zu fürchten. Abgesehen davon: Die Nazis stehen dem ETV nicht gegenüber, sie sind dort auch massenhaft Mitglieder. Es ist auch IHR ETV!

■ Der ETV feiert den Hitlerputsch vom 9. November 1923:



Am 9. November 1933 führt der ETV (nicht die NSDAP) in seiner Großen Halle eine Festveranstaltung anläßlich des zehnten Jahrestages des Hitler-Ludendorff-Putsch vom 8/9. November 1923 durch. Dieser Bericht ist der Dezember-Ausgabe des „Eimsbüttelers“ entnommen. An der Feier sind neben der Vereinsführung mehrere Abteilungen beteiligt, darunter das Vereinsorchester und die Fechtabteilung, die faktisch eine schlagende Verbindung ist und aus vielen SS-Leuten besteht. Der ETV ehrt bewusst die 16 Nazis, die seinerzeit bei dem Putschversuch ums Leben kamen, als Vorkämpfer der vom ETV begrüßten neuen Zeit. Diese Veranstaltung wurde dem ETV nicht etwa befohlen. Der Verein führt sie aus eigenem Antrieb und aus innerer Überzeugung durch. Das von Paul Rittervorgetragene Gedicht spielt auf die „Alte Garde“ an, womit jene Nationalsozialisten der ersten Stunde gemeint sind, deren Mitgliedernummern unter 100.000 liegen. (Die darüber liegen, der NSDAP aber vor dem 30. Januar 1933 beitraten, hießen „Alte Kämpfer“). Die Feiern zum 15. Jahrestag des 9. November 1923 waren das Startsignal zur Reichspogromnacht.

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→ Zusammenhänge (1): Paul Ritter ist derjenige, der im August 1974 in der ETV-Zeitschrift den Nachruf auf Robert Finn schrieb. Von dem SA-Mann Ritter übernahm der ETV-Vorstand 2006 wörtlich und unter Nennung seines Namens den bekannten Hinweis zu Robert Finn: „Im 2. Weltkrieg leitete er die deutsche Schmierölversorgung.“Ritter formulierte im November 1976 auch unter dem Titel „Ehrung für Robert Finn“ den oben zitierten Text zur Einweihung der „Robert-Finn-Halle“.

→ Zusammenhänge (2): Dass Robert Finn NSDAP-Mitglied war, OBWOHL ! er doch 1947/1949 entnazifiziert und dabei sogar in die absolute Unschuldskategorie V eingeordnet wurde, versteht der ETV – angeblich – bis heute nicht. So steht es noch in der Stellungsnahme des ETV zur Umbennennung der „Robert-Finn-Halle“ in „Große Halle“ vom Februar 2007. Wie das ging, zeigt dieses Beispiel: Für sein Entnazifizierungsverfahren im Jahr 1947 brauchte Robert Finn einige Persilscheine. Zu den vier Leuten, die bereit waren, die Unwahrheit zu sagen, gehörten die ETV-Funktionäre Tonndorf sowie wiederum jener Paul Ritter, der einige Jahre zuvor noch den Hitlerputsch von 1923 begrüßte. Bemerkenswert ist, dass Ritter es für ausreichend hält, Finn als einen Mann darzustellen, der sich vom NS angeblich aus enttäuschter Zuneigung („zu wenig Erfolg“, „falsche Wirtschaftspolitik“) abwendet. (Unterstreichungen im Original).

Die folgende Passage gehört dabei sicher zu den perfidesten Verhöhnungen des antifaschistischen Widerstandes durch einen Nazi. Vor den deutschen Berufungsausschüssen, in denen auch nach Meinung der Engländer längst viele alte Nazis tätig waren, war dieser Tonfall Ende 1946 bereits möglich:

Paul Ritter war übrigens auch „Dietwart“ des ETV. So wurden die nationalsozialistisch ausgebildeten Schulungsleiter der Turner genannt, die im Verein für die regelmäßige „völkische Aussprache“ zuständig waren.

■ Der ETV feiert auch direkt mit der NSDAP:

Das Hamburger „Theater des Westens“ (das zeitweise auch unter „Bierhaus des Westens“ firmierte) lag am Schulterblatt 151 (heute Eimsbütteler Chaussee 1. Vom dem Eckgebäude sind nur die beiden Seitenhäuser erhalten). Im Mai 1934 feierten die Schläger und Antisemiten der NSDAP-Ortgruppe dort ein Frühlingsfest. Die ETV-Damen steuerten zum Gaudi der Nazis das damals beliebte „Bühnenschauturnen“ bei. Das Verhältnis des ETV zu den Nazis kann als herzlich bezeichnet werden. Nicht zuletzt wegen den vielen Doppelmitgliedschaften. Im „Theater des Westens“ wurden einige Jahre später – zur gleichen Zeit wie in den ETV-Hallen – Zwangsarbeiter eingepfercht. (Eimsbütteler/Juni 1934)


ETV-Zeitung "Der Eimsbütteler", August 1934 

■ Edgar Finnder jüngere Bruder von Robert Finn, trat bereits im Mai 1933 der Nazi-Partei bei. Kurz darauf wurde er Mitglied der „Leibstandarte Adolf Hitler“ (LSSAH), eines am 17. März 1933 gegründeten und Adolf Hitler persönlich unterstellten Verbandes, der seinen Sitz in Berlin-Lichterfelde hatte (dort, wo heute das Bundesarchiv sitzt). Bis September 1933 hieß die LSSAH „Stabswache Berlin“ und zählte 120 Mann. Aus ihr ging 1940 die Waffen-SS hervor. Der erste wesentliche Einsatz der Leibstandarte erfolgte Ende Juni/Anfang Juli 1934, als sie im Rahmen des sogenannten „Röhm-Putsches“ große Teile der SA-Führung tötete. Die LSSAH trägt die Verantwortung für zahlreiche Kriegsverbrechen an der Ost- und Westfront, wie dem Malmedy-Massaker in Belgien an mindestens 71 amerikanischen Kriegsgefangenen am 17. Dezember 1944. Im August 1934 schrieb Edgar Finn in der ETV-Zeitschrift „Der Eimsbüttler“ den zweiseitigen Beitrag „SA, HJ und wir!“ Er wendet sich an die vielen SA-Leute im ETV wie auch an die übrigen Vereinsaktivisten. Ihm geht es darum, den Platz der Sportler im NS-Systems zu bestimmen. Sportvereine, Hitlerjugend und SA, so die auch sonst im ETV gängige Vorstellung, würden sich als drei Säulen der Wehrerziehung ideal ergänzen. Nach 1945 bauten bzw. renovierten Edgar und Robert Finn in Hamburg gemeinsam mehrere Häuser, die heute einer Erbengemeinschaft gehören. Edgar Finn soll bis zuletzt fanatisch die „alten Zeiten“ verteidigt haben. 


NSDAP-Karteikarte von Edgar Finn, Mitgliedsnummer 3258749 . Die Akten von Edgar Finn liegen im Landesarchiv Schwerin.

■ Der ETV war in Hamburg der Lieblingsturnverein der Nazis

ETV-Verbandszeitschrift „Der Eimsbütteler“. Ausgaben Februar 1936 („Das Bild vom wiederentstandenen Heer: Schwerer Zugkraftwagen im Gelände“), Juli 1937 („Der Führer spricht im Olympiastadion zur deutschen Jugend“), November 1936 („Der Führer, Schirmherr des Olympischen Sports, bei den Olympischen Spielen“), Januar 1937 („Parole 1937: Alles für Deutschland“).

Ein Foto von Hitler in der Rolle des Schirmherrn des Olympischen Sports – das war das Übliche beim Wandel deutschvölkischer Turn- und Sportvereine zu nazistischen „Zellen der Volksgemeinschaft“(Robert Finn, 31.3.1940). Auch das Lob des Arbeitsdienstes fiel nicht aus dem Rahmen. Julius Sparbier hatte schon 1932 dafür plädiert.
Doch ein schweres Halbkettenfahrzeug der nationalsozialistischen Wehrmacht mit dem Untertext: „Ein Bild vom wiedererstandenen Heer“ auf dem Titel einer Turnvereinszeitung abzubilden, das war schon mehr als das, was die Nazis von einem linientreuen Verein erwartet haben. Der ETV hat dieses Übersoll an faschistischer Kriegstreiberei aus Überzeugung gerne erfüllt und auch seit 1945 besteht er darauf, die „gefallenen Kameraden“ von Wehrmacht und Waffen-SS mit einem Gedenkstein vor seiner Eingangstür zu ehren. Zu den letzten, die ihre „Pflicht“ erfüllten, gehörte am 2. Mai 1945 eine SS-Division, die sich eine Variante des Turnerhakenkreuzes als Divisionszeichen gewählt hatte. Angebracht war dieses Symbol – und hier schließt sich der Kreis – an einem Modell aus der vom ETV im Februar 1936 vorgestellten Zugkraftwagen-Serie, das allerdings nach dem „Endkampf um Berlin“ nicht mehr so frisch aussah wie 1936 auf dem ETV-Cover.

Nachträge zu Julius Sparbier und August Bosse

■ DIE UNVERBESSERLICHEN
Wie der ETV seine Tradition pflegt

Der Sparbier-Kult


ETV-Broschüre 1939 (ganze Seite: hier)


ETV-Magazin 2006

Der Bosse-Kult


ETV-Magazin 1935 zum Bosse-Platz


ETV-Magazin 1/2007 zum Bosse-Platz

• „Wer war eigentlich Julius Sparbier?

Wie der SA-Brigadeführer im Jahr 1939, so erinnert sich die ETV-Führung im Jahr 2006 gerne an 1933. Dieser Text erschien – abgesegnet von Vorstand & Geschäftsführung – als bewusste Provokation WÄHREND der Auseinandersetzung um die „Robert-Finn-Halle.“ An deren Beginn stand ein Artikel mit der Überschrift:

• „Wer war eigentlich Robert Finn?

Eine Frage, die im ETV-Magazin bekanntlich wahrheitswidrig beantwortet wurde. So auch hier: Warum gerade der Nazistaat 1933 den „Sportplatz an der Hohenweide“ nach dem ETV-Mann benennt, wird nicht einmal angesprochen. Als einziger negativer Aspekt dieser Zeit erscheint der Kampf der Briten gegen die Nazis, bei dem angeblich „die Halle“ zerstört wurde (womit die Große Halle gemeint ist, die in Wirklichkeit nie zerstört wurde). Der Artikel beginnt im ETV-Heft mit einem (auch noch falsch abgeschriebenen) Zitat Sparbiers aus dem Jahr 1934, wodurch in diesem kurzen Text die Jahreszahlen 1933, 1934 und 1937 aufgerufen und positiv konnotiert werden. Bei dem Text:

• „Wer war eigentlich August Bosse?

war man etwas vorsichtiger, vermeidet aber weiterhin jeden Hinweis auf die völkische und nazistische Orientierung dieser ETV-Helden. Über Bosse heißt es zum Beispiel im Fußball-Lexikon Hamburg: „Vom deutschtümelnden Kaiser-Anhänger wandelte er sich zum Bewunderer des Führers“. Die Lexikon-Autoren fanden eine Rede, die Bosse 1933 zum 35jährigen Jubiläum des SC Sperber hielt. Dort sagte er:„Vierzehn Jahre ist unser irrgeleitetes Volk im Morast hemmungsloser Selbstsucht, verlogener Phrasen, schamloser Würdelosigkeit und zersetzender Unmoral dahingetaumelt und war dem Abgrund nahegekommen. Da hat uns im letzten Augenblick ein einziger Mann zurückgerissen und zu Selbstbesinnung gebracht: Adolf Hitler“. Viele Deutschvölkische liefen seit Beginn der 1930er Jahre, vor allem aber seit Januar 1933 zu den Nazis über. So wie hier Bosse redet, redeten ab 1933 auch Sparbier und andere ETV-Funktionäre. Dafür, dass Sparbier und Bosse Mitglied der NSDAP war, fanden wir bisher zwar keine Beweise, aber an ihrer Begeisterung für Hitler gibt es keinen Zweifel.

• Hinter dem ETV steht das Eimsbütteler Bürgertum

Der Titel „Historie“ für die Schlagwörter zu Finn, Sparbier und Bosse zeigt, wie sich der ETV „Geschichte“ vorstellt: Dieser Verein war einst einer der Lieblingsvereine der Nationalsozialisten. Von Nazis geführt, von SA- und SS-Leuten dominiert, wurde er von Beginn des Jahres 1933 an vielfach belohnt. Die von der SPD geführte Koalition, die unter Bürgermeister Carl Petersen bis 1933 die Mehrheit in der Bürgerschaft hatte, lehnte seit 1928 die Eingaben des ETV zur Bennennung der beiden öffentlichen Plätze nach den beiden deutschvölkischen ETV-Führern ab. Die vom ETV bis heute verteidigte Benennung der beiden Plätze würde es also ohne die Nazis nicht geben. Das störte bislang aber niemand. Nicht das Eimsbütteler Bürgertum und auch nicht die Eimsbütteler SPD bzw. deren MdBNiels Annen, der das Image eines Experten für „Rechtsextremismus“ pflegt, aber nur, wenn er damit keiner Eimsbütteler Interessensgruppe zu nahe tritt.

■ Kollektives Gedächtnis:
Eimsbüttel erinnert sich an Julius Sparbier

Kult des Willens: Julius Sparbier spricht 1905 auf dem Kunsterziehertag im Hamburger Hotel Atlantik, bei dem die Turnlehrer das Thema „Musik und Gymnastik“ dominierten. In einer klug angelegten Rede greift Sparbier frontal die Jahn-Dogmatiker an und stellt sie als schlechte Patrioten dar. Mit ihren schematischen Geräte-Übungen sei kein moderner Krieg zu gewinnen. Der erfordere den freien Willen beim Mitmachen. Selbstständiges Handeln sei nicht am Barren, sondern nur beim Spiel zu erlernen. Auch Siegfried habe nicht am Barren geturnt („große Heiterkeit“). Sparbier spaltet das Publikum. Die Turndogmatiker sind empört, die Modernisierer in Militär und Verwaltung spenden ihm Beifall. Auch sein Förderer Fricke, der den ETV schon beim Bau seiner Halle unterstützt hat. Sparbier gehört nicht zu den verschrobenen völkischen Esoterikern. Innerhalb des völkischen Bezugsrahmens unterstützt er die Jugendbewegung, die Reformpädagogen“ und tritt als entschiedener Feminist auf.

Auzug aus: Kunsterziehung. Ergebnisse und Anregungen des dritten Kunsterziehertages in Hamburg 13–15. Oktober 1905. Musik und Gymnastik. Leipzig 1906.

Als im April 1910 das ETV-Gebäude eingeweiht wurde, sang der ETV„Deutschland, Deutschland über alles“ und Julius Sparbier schwärmte von Hamburg als „Ausfallpforte für das Deutschtum“. Die vierfache völkische Backstein-Deko an der Außenwand passte jedenfalls zu diesem Auftakt. Dieser Bericht von 1910 Abbildung ist seit 2006 auf unserer Seite Presse 1998 abgebildet. Siehe dort auch den begeisterten Artikel des „Hamburger Abendblattes“ von 1989 über Sparbier, Bosse, Brose und die „schöne Zeit“ im ETV während des Nationalsozialismus.

Julius Sparbier 1916 über „Völkische Leibeserziehung“ 

Der erste Wehrsport-Text von Sparbier stammt aus dem Jahr 1905, der letzte vom Juni 1933. Siehe dazu auch die Ansprache „Treu auf deutschvölkischem Boden“, die der ETV-Vorsitzende vier Jahre später zur „Weihe“ des (bis heute vor dem ETV-Gebäude stehenden) „Denksteines für unsere Gefallen“ hielt (ETV 2). Mehr zur völkischen Orientierung des ETV ist hier zu finden. Quelle:

Eimsbütteler Turn- und Sport-Jahrbuch 1916.
Hauptausschuss für Körpererziehung in Hamburg und Hamburgischer Landesverband für Jugendpflege: Die künftige Leibeserziehung der Jugend. Richard Hermes Verlag Hamburg, 1917, Seite 54 ff

Verschiedene Copy & Paste-Autoren haben zwischen 2007 und Herbst 2010 versucht, unsere Recherchen als eigene „Gutachten“ an den ETV zu verkaufen oder auf andere Weise mit ihm ins Geschäft zu kommen. Wir hatten deshalb an einigen Stellen irreführende Literaturhinweise gemacht.


Sparbier als Kriegshetzer, der die Grenzen von 1918 revidieren will. Eimsbütteler Turn- und Sport-Jahrbuch 1926


Unser Weltbild, Juli 1933

(Text folgt)



ETV-Zeitschrift „Der Eimsbütteler“, August 1933

Als Vertreter des Nazi-Senats sprach „infolge Ortsabwesenheit von Senator Witt“ der „Oberschulrat für das höhere Schulwesen“, Professor Wolfgang Meyer.

Karl Witt war vor 1933 führendes Mitglied der DNVP. Am 19. Mai 1933 trat er zur NSDAP über (StAHH, 131-15 Senatskanzlei ‒ Personalakten, A 47) und wurde dann (nach der Absetzung des sozialdemokratischen Senators Emil Krause) Senator und Präses der „Landesunterrichtsbehörde“ (vorher Landesschulbehörde). In dieser Funktion hatte er bis August 1933 insgesamt 315 neue linientreue Schulleiter eingesetzt und entsprechend auch die Universität gesäubert. Witt wurde 1942 zur Wehrmacht eingezogen. (StAHH, 361-2 VI Oberschulbehörde VI, 633; StAHH, 362-3/40 Schule Turmweg, 107; StAHH, 362-9/4 Jahnschule, 13).

Meyer, vorher Lehrer am Wilhelmgymnasium, Turnfunktionär und Verfasser einer Biographie Friedrich Ludwig Jahns war ein „stiller Förderer deutschnationaler und völkischer Staatserziehung“ (Hildegard Milberg: Schulpolitik in der pluralistischen Gesellschaft, Die politischen und sozialen Aspekte der Schulreform in Hamburg 1890-1935, Hamburg 1970). Mit Sparbier persönlich bekannt, förderte er auch die Monopolstellung dieses Vereins in Eimsbüttel.

Nach der Entlassung des sozialdemokratischen Landesschulrats Ludwig Doermer durch Witt wurde Meyer für eine Übergangszeit als kommissarischer Landesschulrat eingesetzt. Endgültiger Nachfolger Doermers wurde mit Wilhelm Schulz der Amtswalter des NSLB.

Der 1867 geborene Meyer war von 1918 bis 1933 Vorsitzender des Turnkreises Norden. In seiner 1933 erschienenen „Geschichte des Turnwesens im Gau Nordmark der deutschen Turnerschaft“ spielen auch Sparbier und der ETV eine zentrale Rolle. Nach Meyer sind bis heute die kommunale Wolfgang-Meyer-Sportanlage in Eimsbüttel und der Wolfgang-Meyer-Platz des TSV Moorburg benannt.

• Die Briefe Friedrich Ludwig Jahns: ges. und im Auftr. des Ausschusses der Dt. Turnerschaft hrsg. von Wolfgang Meyer. Leipzig: Sammlung belehrender Unterhaltungsschriften für die deutsche Jugend, Verlag Paul Erhardt 1913. • Wolfgang Meyer. Geschichte des Turnwesens im Gau Nordmark der deutschen Turnerschaft.Hamburg: Hans Christians 1936–38.

Der Eimsbütteler, August 1933
Unserem Julius Sparbier zum 22. Juli 1933
Es wird Ihnen, wie uns, gerade heute eine besondere Freude und Genugtuung sein, daß die Gedanken und Grundsätze, die Sie seit Jahrzehnten mit uns weitschauend, zielweißend und zielbewusst für die Ertüchtigung unserer Jugend in deutschem Sinne mit aller Kraft vertreten haben, nunmehr durch die Anschauungen der neuen nationalen Regierung und durch ihre Pläne und Maßnahmen Allgemeingut werden. (Eimsbütteler Turnverband, Hans Winkel)

Der Eimsbütteler, Oktober 1933
Julius Sparbier-Tag des ETV
Es folgte der Aufmarsch der gesamten 1200 Teilnehmer auf dem Fußballfeld. In seiner Begrüßungsrede wies Hans Winkel [damals „Führer“ des ETV] den grundlegenden Wandel der politischen Entwicklung hin, der es dem ETV heute wieder gestatte, ohne die Befürchtung einer Belästigung einen solchen Werbemarsch in den Straßen Eimsbüttels zu veranstalten. Winkel betonte, dass der ETVvon jeher auf der völkisch-nationalen Grundlage des heutigen Staates gestanden habe und endete seine Worte mit einem erneuten Treuegelöbnis für das Reich, den Reichspräsidenten und unseren Führer Adolf Hitler.

Der Eimsbütteler, Dezember 1933
Hockey im ETV
Es war vorgesehen, die neue Spielzeit mit drei Herrenmannschaften beginnen zu lassen. Weil aber 10 unserer Spieler der SA, SS oder Hitlerjugend angehören, ist eine Aufstellung der dritten Mannschaft unmöglich. Jeden Sonntag fallen nämlich wenigstens 5 Spieler durch Dienst aus.

Der Eimsbütteler, Ostermond [*] 1934
Der ETV, der erste Gauligameister des Gaues Nordmark
Wir statten der treuen Mannschaft und unserer altbewährten Fußballvereinigung im ETV, die herzlichsten Glückwünsche zu dem schönen Erfolge ab. Sieg Heil zu den weiteren Kämpfen! Heil Hitler!
Die Schriftleitung des Eimsbüttler, Julius Sparbier.

[*] „Germanische“ Monatsnamen finden sich schon sehr früh in den ETV-Schriften. Ab 1934 wurden sie obligatorisch. Ostermond steht für April.

Der Eimsbütteler, Ostermond 1934
In eigener Sache
Zur Ausdrucksweise meiner Mitarbeiter: Was sollen in der Vereinszeitung eines deutschen Turnvereins Wörter wie „Damen, Interesse, Training, Adresse, Quote, Taktik, Technik“ usw. Wir leben doch im Reiche der Wiederbesinnung auf alles Grunddeutsche und Urtümliche– Germanische! Heil Hitler! (…) Schickt Eure Urschriften für die Maizeitung in reinem Deutsch bis zum 20. Ostermond. Julius Sparbier.

Der Eimsbütteler, Brachet 1934 [Juni]
Der ursprüngliche Jahn
Adolf Hitler vollendet, was Jahn als Seher verkündete.


NS-Zeitung „Hamburger Anzeiger“, 19.7.1937


Nach dem Tod von Julius Sparbier, entstand im Gebäude des Eimsbütteler Turnverband der „Julius-Sparbier-Saal“. Diese Tafel von 1937 hängt dort bis heute und viele Veranstaltungankündigungen in den Medien erwähnen diesen nach einem völkischen Aktivisten benannten Saal als Treffpunkt. Wie lange der ETV sich das trotz unserer Dokumente noch leisten kann, wird sich zeigen.

■ Kollektives Gedächtnis:
Eimsbüttel erinnert sich an August Bosse


Hauptausschuss für Körpererziehung in Hamburg und Hamburgischer Landesverband für Jugendpflege: Die künftige Leibeserziehung der Jugend. Richard Hermes Verlag Hamburg, 1917, Seite 61 ff

Hamburger Fremdenblatt, 25. Januar 1935
August Bosses letzter Weg
Auf dem Ohlsdorfer Friedhof fand gestern von Kapelle 6 aus die Beisetzungsfeier für den im 68. Lebensjahr gestorbenen Oberinspektor des Jugendamtes und erfolgreichen Hamburger Sportführer August Bosse statt.
40 Jahre uneigennütziger Arbeit an der Jugend umfasst dieses Menschenleben und damit 40 Jahre wertvollen Dienstes am Volke. Daß diese Arbeit Dank und Anerkennung gefunden hat, bewies die außerordentlich starke Teilnahme an der Beisetzung. August Bosse war einer der Großen unter den deutschen Sportführern, und so waren aus allen Teilen Norddeutschlands die Vertreter der Sportvereine und Verbände herbeigeeilt. Der Bund hatte Dr. Handry entsandt. In großer Zahl waren auch die aktiven Hamburger Sportleute erschienen, unter ihnen fast alle alten Internationalen.
In der Kapelle hielt die Ligamannschaft des Eimsbütteler Turnverbandes die Ehrenwache am Sarge. Nach einem Gesang des Opernsängers Willy Kasper vom Staatstheater Bremen [ein Nazi, er starb im Oktober des selben Jahres], der dem Allgemeinen Bremer Turn- und Sportverein angehört, würdigte Pastor [Heinrich Peter] Voß [alldeutscher, also deutschvölkischer „Evangelischer Bund zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen“ und DNVP] die Lebensarbeit des Verstorbenen. Für die Partei, Kreis Hoheluft, nahm Pg. Valette Abschied von dem alten Kämpfer. Dr. Riebow sprach für den Deutschen Fußball Bund, dem der Verschiedene als einer der ältesten Pioniere angehörte und für den er ein großes Maß von ehrenamtlicher Arbeit in vier Jahrzehnten geleistet hat. Für den Eimsbüttler Turnverband, dem August Bosse seit Vorkriegszeiten seine Führereigenschaften zur Verfügung gestellt hatte, sprachSparbier, ebenfalls einer der wegweisenden Hamburger Turn- und Sportführer. 40 Jahre hat Sparbier zusammen mit Bosse für die Jugend im Eimsbüttler Turnverband gearbeitet, in dieser Zeit ist der Verein zu einem der führenden deutschen Turn- und Sportvereine aufgestiegen. Für das Jugendamt sprach ein Berufskollege zu Herzen gehende Abschiedsworte. [s.a. „Hamburger Anzeiger“ vom 22. und 25. Januar 1935]

• 1939: Kasten in der mit einem Hakenkreuz bedruckten Festschrift„50 Jahre Eimsbütteler Turnverband“. • 1955: Bosse-Erinnerung in der Festschrift „50 Jahre Norddeutscher Fußball-Verband“, in der nur „alte Kameraden“ über sich selbst schreiben. Nach dem Motto: „wir haben mitgemacht, um das Schlimmste zu verhindern“. • 2000: In dem Buch „Eine städtebauliche Wiedergutmachung – Bauen und Wohnen in Hamburg-Eimsbüttel“ von Silke Salomon (Eimsbüttler Geschichtswerkstatt Galerie Morgenland), wird der Bosseplatz im Rahmen einer rührseligen Heimatgeschichte (das schwierige Leben nach dem Krieg) unhinterfragt erwähnt und auch noch fälschlich als ETV-Besitz dargestellt. • 2005: In dem Band „100 Jahre Norddeutscher Fußballverband“ werden die Angaben von 1955, die wiederum von 1939 sind, erneut wiederholt. Von hier aus sind etliche Angaben beiWikipedia und anderen Websites gelandet. Dabei bleiben einige Details natürlich unerwähnt. Dass Bosse vom „Bundesführer“ Linnemann zum „stellvertretenden Gauführer der Fußball-Nordmark“ ernannt wurde, steht in diesen Worten nur im ersten der beiden Nachrufe des Naziblattes „Hamburger Anzeiger“. Die NS-Zeit wird meistens ganz weggelassen oder in „unpolitischen“ Listen von Fußballergebnissen der „Gauliga“ versteckt.

• Zum August-Bosse-Platz, siehe auch:
Rede des Nazi-Gauführers Richter, Abbildung aus einem ETV-Magazin von 1933 sowie Fotos vom Juni und Juli 2008.

• Deutschvölkische und Nationalsozialisten

In der deutschen „Erinnerungskultur“ wird die Zeit ab 1933 meistens sauber von der antisemitischen völkischen Bewegung des Kaiserreiches und der Weimarer Zeit abgetrennt. Tatsächlich wurde der Nationalsozialismus von den deutschvölkischen Parteien und Organisationen – zu denen nicht zuletzt die „vaterländischen“ Turnvereine gehörten – in jeder Hinsicht vorbereitet. In dem Bosse-Zitat von 1916 (oben) sind bereits alle Elemente der späteren nationalsozialistischen Sportpolitik (HJ-Sport, SA-Sport) vorweggenommen. Für den ETV sind solche Zitate kein Problem, solange nicht bewiesen ist, dass Bosse auch in der NSDAP war. So verhielt sich der Verein schon in der Auseinandersetzung um Finn: Völkische und antisemitische Statements zählen nicht, wenn darunter nicht der Name der Hitler-Partei steht.

In Nachrufen der NS-Presse von 1935 wird Bosse von den Nazis als einer der ihren bezeichnet. Trotzdem ist es uns auch nach Recherchen im Bundesarchiv und im Hamburger Staatsarchiv nicht gelungen, eine NSDAP-Mitgliedschaft Bosses konkret zu belegen. Da Bosse bereits im Januar 1935 starb, gibt es auch (anders als im Fall Robert Finn) keine Entnazifizierungsunterlagen, in denen sonst sicher noch das eine oder andere Detail zu finden gewesen wäre. Für den ETV ist damit alles in bester Ordnung.

Wir nehmen inzwischen an, dass Bosse über deutschvölkische Lehrerverbände wie den Lehrerbund der Deutschvölkischen Partei zum Hamburger Lehrerbund der Nazis kam. Die Mitglieder der Hamburger NSDAP und der SA kamen über eine Vielzahl verschiedener deutschvölkischer Organisationen zur Nazipartei bzw. zu ihren Umfeldorganisationen. Nach 1933 bemühten sich außerdem die Mitglieder vieler völkischer Parteien, ihre Gruppierungnachträglich in die Ahnenreihe der „Bewegung“ zu stellen.

Fünf oder sechs Jahre vorher sah es noch ganz anders aus. Es kam immer wieder zu Richtungsstreit zwischen den völkischen und nationalsozialistischen Strömungen in den „Vaterländischen Verbänden“. Deutschvölkische und Nazis standen ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre in erbitterter Konkurrenz zueinander. Zwischen Stahlhelm und SA gab es sogar gewalttätige Auseinandersetzungen. Noch Anfang Januar 1933 wurde der Hamburger Stahlhelm-Führer von einem SA-Mann niedergestochen. Die Deutschvölkischen, die nach der Revolution von 1918/19 an Zahl und Mitgliederstärke rasch zugenommen hatten, waren den Nazis zu bürgerlich und parlamentarisch. Umgekehrt hatten sich Organisationen wie die Deutschvölkische Beamtenvereinigung und der antisemitische Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband bis zuletzt noch nicht für die Nazis entschieden.

Vom Antisemitismus bis zu der rassenbiologisch begründeten Vorstellung vom Lebensraum, hatten die Nazis alles übernommen, was die Deutschvölkischen schon vor 1914 entwickelt hatten. Die Differenzen zwischen Völkischen und Nationalsozialisten lagen nicht so sehr auf dem Gebiet der Ideologie (einige Deutschnationale waren allerdings Monarchisten), sondern auf dem der Organisation. Vielen von ihnen passte das Konzept einer straff organisierten Massenpartei nicht und viele waren nicht unbedingt Anhänger der grenzenlosen Anwendung politischer Gewalt, wie sie die SA praktizierte.

Ab 1932 wuchs die Zahl der Deutschvölkischen, die zur NSDAP wechselten. Nach dem 30. Januar 1933 kam es in Hamburg recht schnell zur Selbstauflösung der deutschvölkischen Organisationen. Vor allem führende Funktionäre (und Abgeordnete) der DNVP, der DVP, des ADV, des Hamburger Kriegerverbandes, des Akademikerbundes und des Stahlhelm erklärten nun öffentlich ihren Übertritt. Im August 1933 hatten sich die Deutschvölkischen Organisationen praktisch aufgelöst, wenn auch nicht komplett in die NSDAP.

Es ist wahrscheinlich, dass Bosse im Zuge dieser Entwicklung zur NSDAP kam, ohne dort aktiv gewesen zu sein. August Bosse, zunächst Lehrer und dann Inspektor der Jugendfürsorge sowie sein ebenfalls im ETV aktiver Bruder Hans Bosse (beide: Gneisenaustraße 43, Hamburg 30) bewegten sich seit etwa 1920 im Umfeld der DNVP. Der Status „Alter Kämpfer“ wurde ab Juni 1933 allen Deutschvölkischen zuerkannt, die zwischen 1919 und 1924 in Hamburg zu einer der Mitglieds-organisationen der späteren Deutschnationalen Front gehörten, zu einem Zeitpunkt also, als es die NSDAP in Hamburg noch nicht gab.

Im Vergleich zu den ambitionierten Ideologen Sparbier und Finn trat Bosse vor 1933 nicht besonders „ideologisch“ auf (Ein Beispiel, auf das wir noch eingehen werden, ist die Einweihung der Tribüne des Hoheluft-Stadions des ETV). Obwohl deutschvölkisch orientiert, war Bosse seit seiner Jugend ein großer England-Fan. Er bewunderte alles, was aus England kam, vor allem die Sportarten. Diese England-Bewunderung war ab 1933 nicht mehr opportun:

„Wir sind gewiss nicht frei gewesen von einer im Grunde unberechtigten Hochachtung vor allem Englischen. Englischer Fußball, englisches Tennisspiel, englisches Boxen hat uns als Ideal vorgeschwebt bis in die alberne Nachahmung englischer Fachausdrücke“,

heißt es 1940 im „Eimsbütteler“. Im März 1935 erscheint in der Vereinszeitung des ETV ein zweitseitiger Nachruf auf Bosse. Er zeichnet das Bild eines scheinbar „unpolitischen“ Sportfunktionärs, der noch auf dem Sterbebett nur eines wissen will: Wie das Spiel des ETV in Lübeck ausgegangen ist. Von einer Parteimitgliedschaft oder -Tätigkeit ist keine Rede, obwohl dieser Text immerhin der offizielle Nachruf ist und obwohl der ETV mit einem „großen Nazi“ gut hätte punkten können. Bei allen anderen, inklusive Sparbier, wird ab Januar 1933 ständig herausgestellt, dass sie im Herzen immer schon Nationalsozialisten waren.

Falls Bosse auf einem der oben genannten Wege Nazi wurde, so wird er das vor 1933 nicht öffentlich gemacht haben. Wenn, dann war er wohl ein „stilles Mitglied“. Vor 1933 gab es im ETV die Regel, dassVereinsfunktionäre nicht parteipolitisch auftreten. Der ETV war immer bemüht, an Kredite, Baugenehmigungen und Grundstückschenkungen heran zu kommen. Die dazu nötigen Kontakte zu Bezirk und Senat waren nur möglich, wenn man als Verein halbwegs neutral auftrat und sich auf die Bekundung der vaterländischen „Gesinnung“ beschränkte. Richtig Farbe bekannte man erst ab 1933.

■ Relativierungen


„100 Jahre Fußball in Eimsbüttel“ (F.Havekost, 2006) Siehe Presse 2006-1.

Nationalsozialisten unterm Hakenkreuz

Die Erben und Enkel wollen anknüpfen, stolz sein, in Harmonie leben mit den Alten, ihr Erbe antreten, von Traditionen sprechen, alsunverkrampfte Patrioten stolz sein auf Deutschland. Zugleich wollen sie, solange sie zum Mainstream gehören wollen, irgendwie politisch korrekt sein. Auf jeden Fall sind sie „gegen Nazis“. Unter Nazis verstehen sie diese zum Comic gewordene Clique im Führerbunker sowie höhere Parteimitglieder und SS-Leute. Alle anderen sind durch die Umstände und Zwänge mehr oder weniger entschuldigt, auf jeden Fall aber ist ihr Verhalten erklärbar, also nachvollziehbar.

Dieses Verstehen aus den Zeitumständen heraus, gibt es in einer platt affirmativen Variante, die ihren aktuellen politischen Hintergrund kaum verhehlen kann (ETV-Führung) und in einer mehr kritischen Variante, die sich eloquenter vom NS distanziert, den Holocaust und den Vernichtungskrieg wenigstens erwähnt, um all das dann doch dem nationalsozialistischen Alltag gegenüber zu stellen, in dem aus SA-Leuten wieder Fußballer, aus Antisemiten Sportliebhaber und aus Wehrmachtssoldaten nette Heimaturlauber werden.

Diese „kritische“ Variante, die zwischen System und Lebenswelt trennt, betont eher, dass vieles noch im Dunkeln liegt. Relativierungen erfolgen über ironische Verneinungen: „Na ja, Widerstandskämpfer waren sie nicht gerade.“ Was sie, da es schließlich allzu menschlich ist, ein Mitmacher zu sein, nicht von all den anderen unterscheidet. „Unter den Bedingungen des NS-Systems“ war Widerstand eben schwierig. So werden aus bejahenden Mitmachern verhinderte Antinazis. Der Wunsch nach Widerstand wird ihnen einfach nachträglich unterschoben – weil das heute besser passen würde. Die Formulierung: „unter den Bedingungen des NS-Systems“, rechnet alle Akteure einfach aus dem Nationalsozialismus raus, stellt sie ihm gegenüber, auch wenn sie Teil davon waren. Daher sind Überschriften mit der Zusatz „…unterm Hakenkreuz“ so beliebt. „Fußball unterm Hakenkreuz“, „Turnen unterm Hakenkreuz“. Fußball und Turnen gelten aus dieser Perspektive als lebensweltliche Tätigkeiten, die gestern halt „unterm Hakenkreuz“ und heute eben „unter Merkel“ stattfinden, ohne dass dadurch der „Kern“ irgendwie berührt wird. Der Extremfall dieser Logik wäre die Formulierung: „Nationalsozialisten unterm Hakenkreuz„, denn auch Nazis hatten es oft nicht leicht in diesem System. So sagten es Robert Finn und andere nach 1945 zu ihrer Verteidigung, und so sagt es der ETV noch heute.


Robert-Finn-Halle und Sparbierplatz-Privatisierung

Gegen die Abtrennung der Vergangenheit von den 60 Jahren, in denen sie gefeiert wurde

Warum die Umbenennung der Finn-Halle durchgesetzt werden konnte.

Es ist alles andere als selbstverständlich, dass es die Robert-Finn-Halle nicht mehr gibt. Dass die Forderung nach ihrer Umbenennung am Ende durchgesetzt werden konnte, war an Voraussetzungen geknüpft, die wir hier festhalten wollen:

(1) Eine Kritik am ETV ist zugleich eine Kritik am EimsbüttlerBürgertum und an den lokalen Machthabern in Behörden, Politik und Wirtschaft. Eine Kritik der Vergangenheit des ETV trifft Zehntausende, die dort einmal Mitglied waren und sie trifft viele, die dort bereits in der dritten Generation ihren Hintern bewegen. Die Geschichte des ETV ist zugleich die Familiengeschichte von Leuten, die sich zur mehr oder weniger gehobenen Mittelschicht Eimsbüttels zählen. Mit seinen rund 10.000 Mitgliedern war und ist der ETV, wie das Hamburger Abendblatt 1964 schrieb, ein „tragendes Element des sportlichen Lebens und wichtiger Gesellschaftsfaktor“ in Hamburg-Eimsbüttel. Außer in der Zeit der Weimarer Republik, die vom ETV bekämpft wurde, war dieser Großverein immer einestaatstragende Institution und ein Sammelpunkt von Konformisten und anderen Vereinsmeiern.

(2) Eine Kritik am ETV ist zugleich eine Kritik am Sport. Turnen und Sport eignen sich – bis heute! – ganz besonders für die Formierung eines nationalen Habitus. Keine andere Formation thematisiert mit vergleichbarer Penetranz so sehr den Körper als nationale Wertvorstellung. Sport ist gleichbedeutend mit Nation und Patriotismus. An ihn knüpfen sich immer wieder reaktionäre Vorstellungen von einer „Volksgesundheit“, vom Schutz der „arischen Rasse“ vor „Entartung“: „Völker, die körperlich entarten, verschwinden aus der Geschichte“, heißt es schon 1859 in einem Turneraufruf aus Stade, und Ferdinand Goetz, 1860 Vorsitzender der Deutschen Turner befand: „Der Sinn und Gedanke, welcher der Turnsache Leben und Stärke verleiht, ist der, dass wir turnen, um ein kräftiges, sittliches, willensstarkes Geschlecht zu erziehen helfen, welches, von heißer Vaterlandsliebe erfüllt ist. Ein sinkendes Volk zu retten, verlangt nach der Stärkung des Leibes“.

In diesem Sinn betrieb der ETV von Beginn an die „Leibeserziehungder Jugend“. Viele seiner Turnlehrer standen dem Deutschvölkischen Lehrerbund der Deutschsozialen Partei oder dem völkisch-antisemitischen Junglehrerbund „Baldur“ nahe und dozierten über „Sport und Rassenpflege“. In diesem Geist macht man nach 1945 weiter. 1964 heißt es im Hamburger Abendblatt: „Der Eimsbüttler Turnverband hatte stets viele namhafte Kräfte aus dem Lehrerstand in seinen Reihen, unter denen sich neben Sparbier August Bosse, vorwiegend für Fußball und Turnspiele, große Verdienste erwarb.“

(3) Gegen diese gesellschaftliche Macht, die zugleich einSchweigekartell ist, kann man nur einen kleinen Teilerfolg erzielen, wenn eine bestimmte Konstellation gegeben ist. Zunächst ist hier die Diskrepanz zwischen Staatsräson und konkretem deutschen Gedächtnis zu erwähnen. Die Staatsräson besagt, dass der Nationalsozialismus zu verurteilen ist. Das Familien- und Vereinsgedächtnis besagt, dass das damals eine durchaus schöne Zeit war, abgesehen von den Tagen im Luftschutzkeller. Die Opferdes NS kommen in dieser Erinnerung nicht vor. Die Alten standen auf oder an der Seite der Täter und haben dem Nachwuchs deshalb nicht oder nur verfälscht von ihren Taten erzählt, sondern über ihre „Leiden“ berichtet: Ausgebombt, Flucht & Vertreibung, Gefangenschaft. Vor diesem Hintergrund kann ein antifaschistisches Anliegen nur Erfolg haben, wenn das Festhalten einer Institution an „damals“ sich so darstellt, dass es in einen Gegensatz zur offiziellen Selbstverpflichtung zur Verurteilung des NS gerät. Es geht dann nicht darum, was die Leute im ETV wirklich denken, sondern darum, wie sich die Institution nach außen präsentiert.

(4) Unter diesen Bedingungen eine symbolische Verschiebung zu erreichen, war und ist nicht jederzeit möglich. Sie wäre uns zehn Jahre früher nicht gelungen und 20 oder 30 Jahre früher noch weniger. Die Geschichten der überlebenden Opfer des NS sind heute bekannt. Es hat sich niemand für ihre Leiden interessiert. Die Gesellschaft der Täter war nach 1945 unter sich und konnte reden und denken wie sie wollte. Nur nach außen musste man einige Rücksichten nehmen – mit Blick auf die internationale Stellung der Nachfolgestaaten.
Zwischen 1945 und 2002 gab es nicht viele, die ein Interesse daran hatten, die ETV-Geschichte zum Thema zu machen. Die wenigen, von denen wir wissen, dass sie es gerne versucht hätten, hatten dazu keine Sprech- und Durchsetzungsmöglichkeiten. Auch wir selbst sind ja zunächst auch nicht angetreten, um uns mit der ETV-Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Aber in dem politischen Streit um die Privatisierung und Bebauung des öffentlichen „Sparbierplatzes“ formierte sich ein größerer Zusammenhang von Personen mit unterschiedlichem Hintergrund. Zunächst außerhalb des ETV und dann auch als vereinsinterne Opposition. Lange bevor wir auf die ETV-Geschichte stießen, hatten sich also soziale Strukturen gebildet, die erstmals auch in den ETV hineinwirkten. Durch Diskussionsveranstaltungen, Flugblätter, Unterschriftensammlungen, Pressemeldungen, Website etc. war einNetzwerk entstanden, zu dem zeitweise auch Leute mit Funktionen im ETV gehörten.

Da die Initiative gegen die Bebauung des Sparbierplatzes bereits öffentlich präsent war, regelmäßig Flugblätter verteilte, gut besuchte Veranstaltungen durchführte und auch in den lokalen Medien ständig erwähnt wurde (wie auch immer), war einem Flugblatt zur ETV-Vergangenheit bereits eine gewisse Aufmerksamkeit sicher. Damit in die Medien zu kommen, um den Druck noch zu erhöhen, war jedoch nach wie vor schwierig. Ein Großverein wie der ETV ist gut vernetzt mit Behörden und Journalisten. Bevor die auch nur eine Zeile gegen eine solche Einrichtung veröffentlichen, muss schon viele passieren. Bis zum ersten Bericht brauchten wir über ein halbes Jahr und es klappte am Ende nur durch Nutzung privater beruflicher Netzwerke.

(5) Entscheidend für die Brisanz des Themas war zudem die Rolle, die der ETV bei der Durchsetzung eines Leuchtturmprojektes des Beust-Senates in der Größenordnung von 100 Millionen Euro spielte. Die „neoliberale“ ETV-Führung hatte sich in der Auseinandersetzung um die Privatisierung und Bebauung der öffentlichen Fläche mit einem „Diakonieklinikum“ der evangelikalen Klinkkette Agaplesion AGgegen die Öffentlichkeit gestellt (dieser riesige unbebaute Platz in einem dicht bebauten Viertel ist eben nicht nur als Sportfreifläche von Bedeutung), weil das dem Verein (obwohl ihm der Platz nicht gehört und er nur einer von vielen Nutzern ist) Millionenzahlungen aus der Bausumme einbringt. Sie garantieren ihm in der Konkurrenz der privatwirtschaftlich agierenden Vereine um Marktanteile einen klaren Vorsprung.

Die Erweiterung des Protestes gegen diese Politik außerhalb und innerhalb des ETV durch ein „Nazi-Thema“ drohte den vielen Schwierigkeiten der Betreiber der Privatisierung eine weitere hinzufügen. Es ging um viel Geld und um politische Prioritäten. Entsprechend wurde der ETV von seinen „Partnern“ unter Druck gesetzt, damit sich hier keine weitere Front verfestigt.

(6) Der ETV hat die Finn-Halle* nicht aus Einsicht umbenannt. Er gab in dieser Auseinandersetzung nach, um sein Hauptziel nicht zu gefährden: Die Kooperation mit der evangelikalen Klinikkette bei der gemeinsamen Privatisierung einer 22.000 qm großen kommunal-öffentlichen Freifläche, die seit 1933 nach dem völkischen ETV-Funktionär Julius Sparbier benannt ist.

[* Finns Parteimitgliedschaft galt nicht unser Hauptinteresse. Der größte Teil unserer Recherche beschäftigte sich mit Finns Rolle als führender Kader der NS-Kriegswirtschaft. Die aber hätte nie zu einer Umbenennung geführt, obwohl Finns Rolle in der Kriegswirtschaft viel bedeutender war als seine relativ späte Parteimitgliedschaft]. 

(7) Mental ist dieser „Traditionsverein“ eine Ansammlung von Vereinsmeiern geblieben. Faktisch ist er jetzt aber durch seine Teilhaberschaft an einem 100-Millionen-Projekt zum Big Playergeworden. Die damit verbundenen BWL-Modernisierung (die mit der Bildung einer neuen Führung aus „neoliberal“ gesinnten Selbstständigen einher geht) steht nun in einem eigenartigen Kontrast zu der sich nur langsam wandelten Mentalität und zu dem Beharrungsvermögen bei der „Vergangenheitsbewältigung“. Trotzdem hat der ETV im Zuge des Streits um die Privatisierung der Freifläche seine völkische Tradition sogar verstärkt mobilisiert. Zum einen musste der Verein seine „Altmitglieder“ in Stellung bringen, um eine vereinsinterne Opposition zu überstimmen, die sich erstmals in der hundertjährigen Vereinsgeschichte gebildet hatte. Zum zweiten hat das Bündnis mit dem Rechtssenat und den Evangelikalen beim ETV das Gefühl verstärkt, er hätte gute Gründe zum „Stolz“ auf seine staatstragende völkische Vergangenheit.

(8) Die Umbenennung der „Robert-Finn-Halle“ des Eimsbütteler Turnverbandes in „Große Halle“ war das erklärte politische Ziel derInitiative gegen die Bebauung des Sparbierplatzes. Dieses Ziel wurde am 22. Februar 2007 erreicht. DIESE Auseinandersetzung ist für uns als Initiative damit zunächst beendet. Uns ging es darum, die politische Provokation nicht zu akzeptieren, die in jener VERSCHIEBUNG der momentan gültigen symbolischen Ordnung bestand, die der ETV durch die demonstrative Benennung (Neueinweihung) einer in Hamburg-Eimsbüttel und auch überregional bekannten Halle nach einem Funktionär der NS-Kriegswirtschaft bewirken wollte. Dies nicht hinnehmen zu wollen, hat nichts zu tun mit Vorstellungen wie: „Unser Eimsbüttel muss sauber bleiben“ (bzw. „unser Verein muss sauber bleiben“, wie es in einem Morgenpost-Artikel anklang). Wir hängen NICHT der Illusion an, den ETV oder die vielen indifferenten Besucher, Bürger etc. durch unsere Nachforschungen zu Robert Finn nachhaltig ändern zu können. Wir halten es aber für nötig und für möglich, die Okkupation des auch von uns benutzten öffentlichen Raums durch derartige symbolische Akte politisch zu verhindern.

Mit der Umbenennung der Robert-Finn-Halle in „Große Halle“ wurde die umfangreiche „Traditionspflege“ des Vereins nur an einemeinzigen Punkt eingeschränkt. Doch dem ETV steht noch ein ganzes Ensemble völkischerer Zeichen zur Verfügung: Der Sparbier-Platz, der Sparbier-Saal, der Bosse-Platz, der Wehrmachtsstein und dievier völkischen Symbole an der Außenwand der Ex-Finn-Halle, darunter ein links- und ein rechtsdrehendes „Turnerhakenkreuz“. Hinzu kommt, dass der ETV weiterhin über die Zwangsarbeiterschweigt, die in seinen Hallen untergebracht waren.

WIR werden als Initiative aber JETZT keine Kampagne zur Beseitigung der Wehrmachtsdenkmals vor dem ETV-Haupteingang, der Turnerhakenkreuze und der anderen völkischen Zeichen an der ETV-Halle starten. WIR werden JETZT nicht die Umbenennung des Sparbier-Platzes und des Bosse-Platzes fordern, wir werden den ETV JETZT nicht drängen, eine Tafel zur Erinnerung an die Zwangsarbeiter aufzuhängen. Wir wollen auch nicht die Geschichte des ETV schreiben und den Verein vor sich selbst retten. Wir werden zunächst nursehen und beobachten, was der ETV nun tun wird. Und ansonsten weiter gegen die Privatisierung und Bebauung des öffentlichen Raumes arbeiten, an der der ETV beteiligt ist.

(9) Dieser Verein ist voll und ganz mit der Sicherung der Privatisierungsbeute beschäftigt, die ihm Rechtssenat und Agaplesion in Aussicht gestellt haben. Und nur wenn es uns als Initiative gelingt, dem ETV und seinen Geschäftspartnern in dieser Hinsicht Schwierigkeiten zu bereiten, wird es auch möglich sein, zu gegebener Zeit Druck auszuüben, damit der andere völkische Symbolbestand aus der Öffentlichkeit verschwindet. Wenn der ETV und seine Verbündeten aus dieser Auseinandersetzung aber als Gewinner hervorgehen, wird sich die Frage der „Vergangenheitsbewältigung“ wieder ganz anders darstellen – als Unterkapitel des Modernisierungsprojektes, das die Vereinsführung betreibt.

Als supererfolgreicher Großverein wird sich der ETV irgendwann selbst an die „Bereinigung“ der völkischen und nazistischen Vergangenheit machen. Die neue deutsche Vergangenheitspolitikstellt für solche Vorhaben heute ein standarisiertes Komplettpaketbereit, das leicht von jedem großen Unternehmen umgesetzt werden kann. Es gibt genügend freiberufliche Historiker, die das routinemäßig und zügig durchziehen können. Es ist heute jeder Firma und jedem Verein möglich, innerhalb von drei Monaten auf die Seite der „Guten“ zu wechseln. Und die Kosten halten sich in Grenzen. Außerdem ist die Zustimmung des Publikum bei solchen Vorhaben besonders groß, weil sie niemand zu nahe treten. Man spricht über die Opfer und schweigt über die Täter. Es wird ein Gutachten geben und eine Erklärungstafel. Die Vereinsmitglieder müssen dazu nichts beitragen, können sich und ihre Familiengeschichte heraushalten und dann das Gefühl genießen, in einem politisch korrekten Club zu sein.

Nur zwei Dinge müssen dabei garantiert sein:

(10) Zum einen, dass die 60 Jahre nach 1945 nicht zum Themawerden. In dieser Zeit wurde festgelegt, was die völkische Vergangenheit bedeutet. In dieser Zeit hat man die völkischen Vorgänger geehrt, die Archive gesäubert und die Biographien bereinigt. In dieser Zeit hat sich die Mentalität gebildet, die 2002 das geldwerte Bündnis mit Schill, Beust und den Evangelikalen erst möglich machte und auch der repressive Stil, mit der man gegen jene vorging, die damit nicht einverstanden waren. Die über 60 Jahre gepflegte Tradition des ETV hat sich also längst ausgezahlt. Sie hat sich gelohnt. Man kann es nachrechnen. Das gesamte Eigentum des ETV beruht – beginnend beim Hallenbau 1908 – auf guten Verbindungen zu rechten Politikern und anderen Verbündeten.

Diese 60 Jahre sind eine „zweite Vergangenheit„, die sich zwischendie zu „bewältigende Vergangenheit“ und die Gegenwart geschoben hat, in der die Vorteile dieser Kontinuität realisiert werden – finanziell, politisch, kulturell.

NACHDEM man diese Vorteile in Form von Grundstücken, Gebäuden, Barmitteln und politisch nützlichen Vernetzungen realisiert hat, kann man nach Wegen suchen, wie das, was an dieser „Tradition“ bislang so einträglich war, bewahrt wird und ein Rest, der heute nicht unbedingt in die Landschaft passt, so „bewältigt“ wird, dass er auch in seiner negativen Konnotation irgendwie zur Vereinsgeschichte gehört. Man „steht“ dann zu seiner Geschichte, hat sie „bewältigt“ (großes Schulterklopfen!), nutzt aber weiterhin den Mehrwert, den man daraus gezogen hat.

(11) Zum anderen aber, und das ist der zweite Punkt, wird der ETV jetzt und in Zukunft darauf achten, dass der Grund in Vergessenheit gerät, der ihn 2007 dazu brachte, seine Halle umzubenennen. In einer Presseerklärung des ETV zur Umbenennung der Halle wird noch eine namentlich nicht näher benannte „Bürgerinitiative“ erwähnt, die dabei eine Rolle spielte. Das Verschweigen des Namens unsererInitiative (die keine „Bürgerinitiative“ ist), erfolgt ganz bewusst, und man kann sicher sein, dass schon bald nicht nur der Namen sondern auch die Tatsache selbst verschwiegen wird.

Beim Verschweigen dieses „Details“ geht es um mehr als um als eine kleine Rache an einer Gruppe, die einem viele Jahre zugesetzt und in Atem gehalten hat. Es geht ums Prinzip – um die Abtrennung der ersten Vergangenheit (1898-1945) von der zweiten (1945-2006), während der man die erste nicht nur gefeiert hat: Die Wahrung der materiellen, juristischen, personellen und mentalen Kontinuität (1898-2006) war und ist ein wirtschaftliches Erfolgsmodell. Ein von der PR-Abteilung formuliertes Bekenntnis zu gewissen „Verstrickungen“ ändert daran nichts, sondern macht das Erbe fit für die Gegenwart.

Fußnote: Historiker als Historisierer

Es gab Historiker, die uns den Rat gaben, unsere Auseinandersetzung mit dem ETV um die Bebauung des öffentlichen Raumes von dem Thema der Finn-Halle zu trennen. Als würde es um eine ferne Vergangenheit gehen und als hätte deren Affirmation in der Gegenwart keine Auswirkung darauf, was „Vergangenheit“ bedeutet. Die Absicht, nachträglich den Anlass ungeschehen zu machen, der zur Thematisierung einer „Tradition“ führte, für die sich kein Historiker interessierte, weil der Großverein eine einflussreiche lokale Macht ist (nicht wenige Historiker turnen dort selbst), zeigt dass diese Historiker Historisierer sind, die es auf eine „glatte“ Gutwerdung der Mächtigen abgesehen haben. Es ist leicht zu erkennen, dass der Streit um diese Halle nicht ein historisches, sondern ein aktuelles Thema ist. Da von Robert Finn bereits rechtsradikale Zitate bekannt waren, gehörte die Frage der Hallenbenennung von Beginn an in das Register des Politischen. Um das zu erreichen, benötigte man keine Historiker, sondern Leute mit politischem Mut, Verstand und einigen zivilisatorischen Mindeststandards. Nur weil es DAVON zu wenige gab, erscholl der Ruf nach Historikern, die man als Puffer zwischen die Vergangenheit und die Gegenwart schalten wollte, um sich vor einer politischen und „moralischen“ Entscheidung drücken zu können.

Der Ruf nach Historikern lenkt davon ab, dass man im Prinzip alles weiß, dass die Dokumente auf dem Dachboden liegen oder im ETV-Archiv und dort ständig für aktuelle Zwecke benutzt werden. Die deutsche Historikerzunft, die im Unterschied zu den Juristen zur Aufklärung von NS-Verbrechen schon in der Vergangenheit kaum etwas beitrug, kommt meistens erst ins Spiel, wenn die Auseinandersetzung schon läuft! Bemerkenswert ist ja, dass der ETV bei all den Historikern & Historikerinnen, die sich sonst gerne als Eimsbütteler Heimatforscher betätigen, überhaupt nicht vorkommt! Der ETV ist in Eimsbüttel so etwas wie eine heilige Kuh, die nicht nur von Politikern umworben wird. Wir brauchten bestimmte Dokumente (und die Hilfe eines Historikers) ja nur, weil jene, die alles wissen, schweigen oder Deckerzählungen verbreiten. Dass die Halle erst umbenannt wurde, als UNSER Historiker die NSDAP-Mitgliedschaft von Finn nachweisen konnte, verdeckt daher noch nachträglich das „Versagen“ der meisten politischen und gesellschaftlichen Kräfte im Bezirk. Historiker, die diesen Zusammenhang unterschlagen, arbeiten der Lüge zu, niemand hätte etwas gewusst.

Niemand wußte etwas!

Neue Rechercheergebnisse zur Nutzung der ETV-Hallen als Zwangsarbeiterlager finden sich am Ende von ETV 2Aber: Wie konnten hunderte Zwangsarbeiter einfach verschwinden? Warum mussten WIR Archive durchforsten, um etwas darüber zu erfahren? Wie war es möglich, dass angeblich „niemand davon wußte“, obwohl die ETV-ler in der kleinen Halle weiterturnten, während in der großen Halle Zwangsarbeiter eingesperrt waren? Hatten die Alten es vergessen? Hatten die Jungen danach gefragt?

Die deutsche „Erinnerungskultur“ ist ein großes kollektives Rollenspiel zur Irreführung der Weltöffentlichkeit und zur Selbstirreführung. Sie funktioniert nur, wenn alle mitspielen und sich absichtlich dumm stellen. Zum Beispiel bei dem Spiel: „Wußten die ETV-Mitglieder von den Zwangsarbeitern in ihren Hallen?“ Es gab (und gibt es immer noch) genügend ETV-Mitglieder, die damals auf die eine oder andere Weise „dabei“ waren. Tausende ETV-Mitglieder haben diese Zwangsarbeiter gesehen – und sie – als „Herrenmenschen“ – ÜBERSEHEN. Es hat sie nicht gestört. Sie haben nebenan weiter geturnt. Und „nach dem Krieg“, als man irgendwann aufgefordert war, sich (mit Blick auf die ausländischen Resozialisierungshelfer) mit den Nazisprüchen etwas zurückzuhalten, wurde einfach nicht mehr darüber gesprochen (es sei denn, man war unter sich). Die Jungen aber, die mit dem Geheimcode der Alten – diese ganze System von versteckten Andeutungen – aufgewachsen waren und zugleich durch die Reeducation-Informationen der Siegermächte immerhin ganz grob wussten, dass damals Ungeheuerliches von Deutschen getan wurde, wagten sich nicht das Thema anzusprechen (von den „Neonazis“ und anderen Rechten natürlich abgesehen). So war es möglich, das in den letzten Jahrzehnten scheinbar kein Mensch mehr wußte, dass die ETV-Hallen einst Zwangsarbeiterlager waren. Die Aufdeckung dieser Tatsache durch uns (auch noch ausgerechnet durch uns!) nimmt man daher zur Kenntnis, als hätte man bei Ausgrabungen ein altes römische Mosaik unter den Hallen gefunden. Man ist erstaunt, aber sonst auch nichts. Es ist eine Geschichte aus uralten Zeiten ohne Verbindung zur Gegenwart. Einen Gegenwartsbezug sieht man nur darin, dass der Sachverhalt in einer Boulevard-Zeitung thematisiert wird. Unter den Mitgliedern des ETV (es werden immer weniger und die kritischsten sind längst schon weg) gibt es bislang keine Forderungen nach genauerer Aufklärung, nach einer Namensliste der Opfer, keine Fragen zum Thema Entschädigung und keine Forderung nach einer Hinweistafel. Dass man heute dort turnt, wo damals Menschen litten, scheint kaum jemand zu beunruhigen.

Ein sehr bekanntes deutsches Erinnerungsspiel hat den Titel: „Wussten die Deutschen vom Holocaust?“ Der Holocaustforscher Saul Friedländer gab kürzlich die passende Antwort: „Ja, aber es war ihnen egal. Sie wussten mehr, als man bisher dachte und als ich zu ahnen gewagt hätte. Die Berichte des Sicherheitsdienstes belegen dies. Man sprach überall davon, aber nicht mit Entsetzen, sondern achselzuckend: So sei es nun einmal. Allerdings fürchteten die meisten Deutschen, irgendwann für diese Verbrechen bestraft zu werden. Schon als die alliierten Bomben auf Deutschland fielen, meinten viele, darin eine Bestrafung durch Gott zu erkennen. Es ist nicht wahr, dass alle nur mitmachten, um Karriere zu machen. Nachdem ich herausfand, wie frühzeitig die Bevölkerung von den Verbrechen an den Juden erfahren hatten und wie viel sie darüber wussten, ohne darüber bestürzt zu sein, bekam ich auch ein anderes Bild von der deutschen Nachkriegszeit. Eine Mehrheit der Deutschen war von den Grundprämissen des Nationalsozialismus überzeugt. So konnte von ihnen auch keine Reue über das Geschehene erwartet werden.“ (ND 20.1.2007)

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HINWEISE

• Unsere sechsmonatige Recherche zur Tätigkeit Robert Finns in der Schmierölverteilung der NS-Kriegswirtschaft umfasst mehrere Hundert Kopien von Originaldokumenten. Wir werden wahrscheinlich einige Auszüge auf diesem weblog veröffentlichen. Ein zweites blog nur zu diesem Thema ist schon in Vorbereitung. Da wir jedoch viel Zeit in die Auseinandersetzung mit der evangelikalen Klinikkette Agaplesion AG investieren müssen, die auf dem inzwischen privatisierten Sparbierplatz ein „Diakonieklinikum“ bauen will (5 Minuten entfernt vom riesigen Universitätsklinikum: es geht nur um bessere Konkurrenzbedingungen auf dem Gesundheitsmarkt), wird die Bearbeitung und Veröffentlichung noch einige Zeit dauern. Auf jeden Fall war Finn tatsächlich der Hauptverantwortliche für die Verteilung der Schmierölbestände, die, sofern sie nicht gleich geraubt waren, unter immer brutaleren Bedingungen zustande kamen. Den ersten Teil seiner Karriere gelang dem Kaufmann auch ohne Parteimitgliedschaft, was keineswegs ungewöhnlich war, zumal es ihm an linientreuer Überzeugung nicht mangelte.

• Inzwischen haben Tausende diese Seiten zum ETV gelesen (allein „ETV 1“ hatte im Januar 12.000 Besucher), und das Interesse an dem Thema hält an. Einige Leser haben uns Kopien von Dokumenten zur Verfügung gestellt. Es gibt jedoch nur wenige Fotografien aus dieser Zeit, und aus den Jahren 1938-1941 fehlen immer noch einzelne ETV-Zeitungen. (Hinweise bitte per Mail an keindiakonieklinikum@yahoo.de oder per Post an Initiative, c/o Behrendt, Hohe Weide 32). Wir wollen keineswegs „die Geschichte des ETV aufarbeiten“, sondern lediglich einige Beweise sichern, die von jenen, die behaupten, Robert Finn & Co. seien Nazis „nur“ aus taktischen Erwägungen geworden, zur Seite geschoben werden.

• Weitere Rechercheergebnisse und Dokumente, die wir aus Zeitgründen bisher noch nicht veröffentlicht hatten, werden derzeit auch auf den Seiten ETV 1 und ETV 2 nachgetragen.


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März 2007 bis April 2008

Strafanzeige, Strafantrag und LKA-Ermittlung gegen die Initiative

Vorwurf: Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener nach § 189 StGB im Fall Robert Finn


Hinweis: Nach unseren Erfahrungen mit dem LKA sind wir vorsichtig und haben alle Aktenzeichen und die meisten Ortsnamen geschwärzt.

Ein Oberstaatsanwalt nimmt eine Strafanzeige gegen uns an, was bereits ein politisches Statement ist. Der zunächst erhobene Vorwurf „Verleumdung“ wird abgeändert in den Vorwurf: „Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“ nach § 189 StGB. Mit dem § 189 StGB haben sich immer wieder Überlebende des Holocaust gegen antisemitische Angriffe gewehrt. Doch seit etwa zehn Jahren versuchen Nazis diesen Paragraphen gegen Antifaschisteneinzusetzen. Zum Beispiel gegen Gegner ihrer „Bomben-Holocaust“-Kundgebungen in Dresden, die Losungen wie: „Die Bombardierung Nazi-Dresdens war gerecht“ skandieren.


Die Veröffentlichung historischer Tatsachen als „schwerwiegende Tat“. Der Strafantrag ist politisch motiviert und erfolgt, obwohl der ETV seine Robert-Finn-Halle zu diesem Zeitpunkt bereits umbenannt hatte. Der ETV weiß von der Strafanzeige, äußert sich aber nicht dazu.


Obwohl die Sprecher der Initiative auf diesem weblog mit Namen und Telefonummer benannt sind und wir u.a. wegen unserer juristischen Einsprüche als Initiative auch Behördenpost bekommen, leitete eine Staatsanwaltschaft die Fahndung nach den „unbekannten“ Verantwortlichen der Initiative und dieses Blogs ein.


Kriminalisierung: Über das Amtgericht München erwirkt die Staatsanwaltschaft eine Anordnung, dass Yahoo nicht nur die – öffentlich bekannten – Inhaber der E-Mail-Kontaktadresse der Initiative benennt, sondern auch die Login-Daten weiterleitet.


Bei dem Beschluss zur Login-Überwachung unserer E-Mail-Adresse geht es nicht darum, die bereits bekannten Sprecher der Initiative ausfindig zu machen, sondern darum, mehr über die Initiative zu erfahren.


Offenbar verwendet die Initiative für ihre interne Kommunikation andere Mail-Adressen, während die Kontaktadresse offenbar selten genutzt wird. Sie sind also vorsichtig und reden lieber direkt miteinander. Das macht sie noch verdächtiger. (Aus dem Briefwechsel geht hervor, dass Yahoo kein Interesse an der Überwachung seiner Nutzer hat).


Dass man seit März nach uns fahndet, erfahren wir erst am 9. November 2007 durch eine Vorladung des Hamburger LKA, das inzwischen mit der weiteren Ermittlung beauftragt wurde. Eine solche Vorladung ist riskant und kostet entsprechend viel Nerven. Wer als „Zeuge“ geladen wird, kann schnell als Beschuldigter wieder heraus gehen. Schon dass man verdächtigt wird, macht einen verdächtig. Die Antwort auf die Frage: „Auf welchen PCs werden die Texte der Initiative eingegeben?“ wird plötzlich zum Problem. Die Antwort:„weiß ich nicht“ hat weitere Fragen zur Folge, die schnell zu einer „strafbewehrten“ Falle werden können. Mit jeder Antwort scheint man zugleich zu akzeptieren, dass Aufklärung über die völkische und nazistische Vergangenheit des ETV eine „schwerwiegende Tat“ ist. Man weiß außerdem, dass diese Sache auf jeden Fall teuer [*] wird, denn mehrere Mitglieder der Initiative brauchen nun Anwälte, die auch dann bezahlt werden müssen, wenn man mit ihrer Hilfe weitere Ermittlungen verhindern kann. Zur selben Zeit verdient ein vom ETV bestellter Historiker Geld mit einem „Gutachten“, das der ETV nur braucht, damit man uns nicht zitieren muss. Dass dort nur wiederholt wird, was schon lange auf unserem weblog nachzulesen ist, ändert nichts daran, dass wir es nun mit dem LKA zu tun haben.


Das ganze Ermittlungsverfahren, das wir hier nur in einer Kurzfassung wiedergeben, endet erst im April 2008 mit einer Einstellung nach § 170 Strafprozessordnung, wie uns nun lapidar mitgeteilt wird. Wir hatten inzwischen verabredet, dass unser Historiker G. Jacob erklärt, er sei die von der Staatsanwaltschaft gesuchte Person. Dadurch wurden weitere LKA-Recherchen über Mitglieder unserer Initiative abgewendet und die Bedingungen für eine politische Antwort auf diese Nachstellungen verbessert. Das sah die Gegenseite offenbar auch so und verzichtet auf eine Vertiefung der historischen Beweisführung.

[* Die Kosten des Journalisten G. Jacob hat am Ende ver.di übernommen. Die Kosten der anderen mussten durch Spenden aus dem Umfeld der Initiative finanziert werden – wie die zur selben Zeit anfallenden umfangreichen Kosten für diverse juristische Auseinandersetzungen mit dem ETV-Partner „Diakonieklinikum“ (Agaplesion AG), darunter eine teure Abmahnung. Nicht gering waren auch die Recherche-Kosten zu Robert Finn und zum ETV im Bundesarchiv (Berlin und Koblenz) und in anderen Archiven. Aber dazu hatten wir uns immerhin frei entschieden]. 

Politischer Hintergrund der Ermittlungen gegen uns

Die „Verleumdung“ eines Nazis kommt nicht gut an bei einigen Behörden, die den Nazis so viel verdanken. Es handelt sich nicht um Mißverständnisse, wenn ein Oberstaatsanwalt in der Aufdeckung der NS-Vergangenheit von Robert Finn ganz selbstverständlich eine „schwerwiegende Tat“ erkennt, die es notwendig macht, die Login-Daten der Initiative auszuforschen und wenn das LKA gegen uns im Fall Robert Finn wegen „Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“ ermittelt.

Ob BKA, LKA, BND, Verfassungsschutz und Staatsanwaltschaften: Dieeigene Nazi-Vergangenheit wirkt sich bis in die Gegenwart aus. Während man gegen die vorgeht, die die völkische und nazistische Geschichte des Eimbütteler Turnverbandes recherchieren, steht auf den Titelseiten der Zeitungen, BKA, LKAs, BND und Verfassungsschutz würden jetzt ihre eigene „düstere Vergangenheit aufarbeiten“.

Was davon zu halten ist, zeigen wiederum andere Berichte aus dem selbem Zeitraum: • In Bayern nutzt die Polizei Dossiers des Nazi-Blogs „Anti-Antifa.net“ zur Ermitttlung gegen Antifaschisten. • In Dresden fanden Antifas bei einer nächtlichen Aktion gegen Nazis in deren Büro eine „Anti-Antifa-Akte“ mit 150 Datensätzen über Nazi-Gegner, die aus erkennungsdienstlichen Polizeiakten stammen. • Laut „Spiegel“ soll auch das sächsische LKA mit NPD-Funktionären kooperiert haben (s. Abb. ganz unten). • Kurz darauf wurde bekannt, dass das LKA Sachsen-Anhalt in seiner Statistik selbst Hakenkreuzschmierereien nicht mehr als rechte Straftaten führt (Abb. unten).

■ Nachträge zu den vier völkischen Symbolen

Die Finn-Halle ist umbenannt, aber an ihrer Außenwand sind weiterhin vier völkische Symbole zu sehen, was der ETV auf provokante Weise bis jetzt verteidigt. Zu einem gegebenen Zeitpunktwird man daher auf diese Provokation reagieren müssen. Ein solcher Anlauf wird aber nur Erfolg haben, wenn man dann in der Lage ist, politischen Druck, historische Beweisführung und ev. auch juristische Schritte zu koordinieren.

Dabei gilt es auf einige Selbstverständlichkeiten hinzuweisen: Um gegen die vier völkischen ETV-Symbole, insbesondere gegen die links- und rechtsdrehenden Turnerhakenkreuze zu sein, muss man sich nicht erst historisches Wissen aneignen. Es reicht vollkommen die Feststellung aus, dass diese Kreuze aussehen wie NS-Hakenkreuze und dass das nach dem Holocaust und dem Vernichtungskrieg im Osten Grund genug ist, um ihre Entfernung zu verlangen. Man muss sich also nicht auf die provokanten Rechtfertigungsreden des ETV einlassen, die vor allem in dem Hinweis bestehen, die links- und rechtsdrehenden Kreuze an seinem Gebäude seien von 1910 und könnten daher [!] keine antisemitischen Symbole sein.

Da der ETV sich seit 1945 weigert, diese Kreuze zu entfernen und weil die Eimsbütteler „Zivilgesellschaft“ damit seit 1945 kein Problem hat, sehen Kritiker sich gezwungen, Erklärungen zur Geschichtedieser Symbole nachzuschieben. Sie rücken damit ein Stück von dem Imperativ ab, dass zwei dieser vier Symbole allein deswegen weg müssen, weil sie wie NS-Symbole aussehen. Der ETV versteht jedoch jedes Abrücken von dem “Es sieht aus wie ein NS-Kreuz“-Imperativ als einen Punktsieg. Er ist sich sicher, einige weitere Punkte zu machen, wenn sich die Gegner auf die (Vor-) Geschichte der vier Symbole und insbesondere der beiden Turnerhakenkreuze eingelassen haben. Da sagt der ETV nur: Breslau 1894. Denn in seinem Archiv hat er das Original der „Festschrift zum deutschen Turnfest in Breslau“ vom 21/25. Juli 1894. Und auf der Titelseite dieser Schrift, die wir auch haben (und noch einiges mehr), ist ganz klar eines der Turnerhakenkreuz abgebildet, das auch am ETV-Gebäude z sehen ist. Der Hinweis auf Breslau wird dem ETV aber am Ende nichts nützen. Es waren damals schon „arische“ Zeichen. Wir haben die Geschichte der „Bedeutung“ dieser vier Symbole recherchiert und können jederzeit zeigen, über welche Schrittfolgen sie mit dem völkischen und nationalsozialistischen Symbol-Universum verbunden sind. Dass sie „Vorgänger“ sind, versteht sich ohnehin, aber dass sie schon „damals“ aggressive Feldzeichen der völkischen Bewegung waren, muss nachgewiesen werden. Aber wie gesagt: Dieser Nachweis ist keine notwendige Voraussetzung zur Entfernung der Zeichen. Zum richtigen Zeitpunkt publiziert, kann er aber den politischen Druck auf den ETV erhöhen.


Links: Deckblatt der „Festschrift zum Deutschen Turnfest. Breslau 21.-25. Juli 1894“ mit drei Turnerhakenkreuzen. Rechts: Deckblatt des Bandes „Der Festzug“ mit einem Turnerhakenkreuz.


Abbildung aus: „Der Festzug in seinen Festwagen und Kostümgruppen“.

August 2007

Aufklärung und Feingefühl

„Die Deutschen denken nicht. Das ist die Grundlage der Macht, auf die sich das Regime stützt. Das eigene Denken, die Reaktion des individuellen Gewissens zerstören, das ist der erste Schritt des Nazismus.“ (Hélène Berr: Pariser Tagebuch. 1942-1944).

Gegner der vier völkischen Symbole am ETV-Gebäude haben (mit leicht abwaschbarer Farbe) die Konturen eines rechtsdrehenden Turnerhakenkreuzes nachgezogen, um dem Verein auf die Sprünge zu helfen. Der ETV hat das antisemitische Symbol nach einigen Tagen sorgfältig blank geputzt. Seit der erzwungenen Umbenennung der Robert-Finn-Halle in Große Halle, ist das Verhältnis der Vereinsführung zu dem Kreuz und zu dem vorm Haupteingang stehenden Gedenkstein für die Wehrmachtsoldaten noch inniger geworden. (Blick von der Straße aus, 1. August 2007). 

1. Man braucht keine Historiker, sondern nur etwas bürgerlichen Mindestanstand, um herauszufinden, was mit den vier völkischen Symbolen an der „Großen Halle“ des ETV geschehen soll.

2. Es wäre für Antifaschisten kein Problem, diese völkischen Symbole (und besonders die links- und rechtsdrehenden Turnerhakenkreuze)einfach abzuschlagen. Doch genau das wollen wir nicht, solange noch die Chance besteht, den ETV zu zwingen, das selber zu machen.

3. Die Fortexistenz dieser Symbole an der Fassade des ETV-Gebäudes ist eine Aussage über die politischen Verhältnisse in Eimsbüttel. Es geht darum, auf diese so einzuwirken, dass der ETV selbst zu Hammer & Meißel greifen muss. Die Initiative hat daher 2007 beschlossen, dass dem ETV diese Verpflichtung nicht abgenommen werden soll.

Januar 2008

Radio FSK Programmzeitschrift Transmitter, 01/2008
Koalition der Gegenaufklärung 
Unterstützt vom Rechtssenat privatisieren Evangelikale und eine Turnverein mit deutschvölkischer Tradition gemeinsam einen 22.000 qm großen kommunal-öffentlichen Raum in Hamburg-Eimsbüttel. Die heutige Sendung befasst sich mit der Entwicklung und Realisierung des Bauvorhabens durch welches sich Hamburg ein weiteres kirchliches Krankenhaus geschaffen hat, welches stellvertretend für Werte und Ziele des Hamburger Senats gesehen werden kann. Dazu zählt auch die vorgesehene Privatisierung eines weiteren öffentlichen Platzes durch den Senat und die Bezirksversammlung. Das Thema führt aber weit darüberhinaus auch in die nationalsozialistische Vergangenheit eines Sportverereins (ETV). Mit Interview mit der Initiative gegen die Bebauung des Sparbierplatzes.
http://www.fsk-hh.org/files/tm_0710.pdf

Juni 2008

■ Heimatkunde 2008

„Der ETV wurde 1889 gegründet. 1910 entstand die vereinseigene Halle nach Plänen des Vorsitzenden Julius Sparbier. Nach Kriegszerstörung folgte der Wiederaufbau. In der NS-Zeit war die Halle für Getreidelagerungen und für die Einrichtung eines Zwangsarbeiterlagers beschlagnahmt worden. Mit dem Eisernen Kreuz und dem Turnerkreuz sind zwei zentrale Symbole der Jahnschen Turnerbewegung in der Ziegelwand verewigt. Der Turnerkreuz ist aus den Anfangsbuchstaben F der Losung der Deutschen Turnerschaft gebildet: Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei.“

Mit diesem Mix aus Passagen unseres Weblogs (Getreideeinlagerung und Zwangsarbeiterlager) und der Homepage des ETV (Kriegszerstörung & Wiederaufbau – das einzige woran sich der ETV erinnern kann) wurde von April bis Juni 2008 eine „Sporthistorische Busrundfahrt durch Hamburg – auf den Spuren des Sports“ von der Landeszentrale für politische Bildung angeboten, die neben Stationen wie dem Germania Ruderclub an der Alster, dem Sportplatz Rothenbaum des HSV und dem Haus des Sports auch zum ETV führte.

Die Konzeption mitsamt Antrag auf Fördermittel hatte sich Magister Artium Jörg Petersen ausgedacht, der auch in Kooperation mit demHamburger Sportbund VHS-Kurse zu Fragen wie: „Warum ist der Sport für die Wirtschaft ein wichtiger Standortfaktor?“ anbietet. Angesichts solcher Verpflichtungen wundert es nicht, dass Petersen genau zu wissen glaubt, dass das rechtsdrehende Turnerhakenkreuz am (nicht von Sparbier geplanten) ETV-Gebäude ein „zentrales Symbol der Jahnschen Turnerbewegung“ war. Tatsächlich war weder das rechtsdrehende noch das linksdrehende Kreuz am ETV jemals ein „zentrales Symbol“ der frühen Turnerbewegung bzw. der DT.

Auf dem Handzettel, den Petersen an die Teilnehmer verteilte, stand es dann auch etwas anders: „Wir klären die besorgte Frage der Hamburger Morgenpost: Was macht das Hakenkreuz an der Turnhalle des ETV?“. Selbstverständlich wurde nichts „geklärt“, weil das Thema noch viel zu aktuell ist und eine staatlich geförderte sporthistorische Busrundfahrt nicht dazu da ist, einen staatstragenden Großverein schlecht zu machen.

Immerhin vermittelte die Veranstaltung eine Vorstellung davon, wie es sein könnte, wenn es dem ETV gelingen sollte, seinen völkischen Symbolbestand zu historisieren: „Hamburgs ältestes Hakenkreuz“ als Ausflugsziel von Oberstufen-Geschichts-LKs und von Führungen diverser Heimatforscher und Geschichtswerkstätten. Der Verkauf von Souvenir-Artikeln wird geprüft.

Januar 2009

Hamburger Morgenpost, 22.01.2009
„Hakenkreuz-Ständer“
Sie stehen in Barmbek und Eppendorf. Insgesamt an zehn Orten in Hamburg. Von oben betrachtet sehen die vom Textil-Discounter „kik“ in 2700 Filialen europaweit aufgestellten „Kreuzwinkelständer“ wie Hakenkreuze aus. Und die sind nach Paragraph 86a des Strafgesetzbuches („Verwendung nationalsozialistischer Symbole“) verboten. Der Streit um die Metallgestänge wird seit Monaten im Internet ausgetragen – zur besonderen Freude der Nutzer der Neonazi-Homepage „Altermedia“. „Platzsparend und gut“, findet „Anett“ die Warenträger und verkündet: „Vielleicht verkauft mir ,kik` einen.“ Und „Haunebu“ meint: „Es gibt Formen, die kann man eben nicht verbessern.“

Ein Mann in Schleswig-Holstein findet das alles nicht so witzig und erstattete Anzeige. „Die Sache ist in Bearbeitung, es wird ermittelt“, bestätigt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Kiel. Einen anderen Weg wählte Jens-Uwe Nickel aus dem Kreis Rendsburg-Eckernförde.

Er stammt aus einer jüdischen Familie, von der ein Großteil in Konzentrationslagern ermordet wurde. Nickel bat „kik“ darum, „jene Geräte entweder zu entfernen oder sie so zu verändern, dass eine Missdeutung ausgeschlossen werden kann“. Doch „kik“ fertigte den Mann mit dem Hinweis auf die Mitgliedschaft des Unternehmens im Verein „Gesicht Zeigen!“ ab.

Hier verstecken sich weitere Hakenkreuze in Hamburg:

Februar 2009

Der Spiegel, 2.2.2009
Nazis als Namensgeber
Rassenhygieniker, Raketenbauer, Funktionäre – viele Schulen tragen die Namen alter Nazis.

Zeit seines Lebens widmete sich der 1959 verstorbene Oberstudienrat Max Kästner hingebungsvoll der Historie des Erzgebirgsvorlands. An seinem Wirkungsort Frankenberg wurde ihm postume Ehre zuteil. Drei Jahre nach dem Ende der DDR erhielt eine Schule seinen Namen. Begründung: „Kästner setzte sich 1937 selbst ein Denkmal, indem er zur damaligen 750-Jahr-Feier ein Heimatbuch für Frankenberg zusammenstellte.“ In diesem Machwerk preist der Autor den Terror der Nationalsozialisten: „Der letzte marxistische Schlupfwinkel wurde ausgeräuchert.“ Als weiteren Höhepunkt führt er an, dass Frankenberg den SS-Totenkopfsturmbann „Sachsen“ beherbergen durfte. „Nur ungern sah die Stadt die SS scheiden, als sie aus wichtigen politischen Gründen nach Weimar-Buchenwald verlegt wurde.“

Der Nazi-Stadtschreiber ist nicht der einzige NS-Ahne, der einer Schule seinen Namen leiht. Allein unter den Namenspaten der rund 2000 Schulen in Sachsen finden sich acht ehemalige NSDAP-Parteiangehörige, drei SA-Mitglieder und ein SS-Mann. In Sachsen kamen wie in den anderen neuen Bundesländern viele alte Nazis zum Zug,
als nach der Wende die kommunistischen Namensgeber von den Schulportalen getilgt wurden. Zum Beispiel der Chirurg FerdinandSauerbruch, Namensgeber eines Gymnasiums im sächsischen Großröhrsdorf. Er war Arzt von Nazi-Chefpropagandist Goebbels und bewilligte als Top-Ärztefunktionär Gelder für medizinische Versuche an KZ-Häftlingen.

Im Westen ist es nichts anders: Der Historiker Gemser schätzt, dass bundesweit eine dreistellige Zahl von Schulen nach ehemaligen NSDAP-Mitgliedern getauft ist. In Berlin-Charlottenburg trug ein Gymnasium bis vor kurzem den Namen von Erich Hoepner, Generaloberst der Wehrmacht. Hoepner hatte in der Sowjetunion verbrannte Erde hinterlassen, von den Soldaten forderte er die „erbarmungslose, völlige Vernichtung des Feindes“. Im westfälischen Kreuztal trug das örtliche Gymnasium bis vor zwei Monaten den Namen von FriedrichFlick, 1947 in den Nürnberger Nachfolgeprozessen als Kriegsverbrecher verurteilt. Erst als ungläubige Reporter aus Osteuropa nachsehen kamen, welche Deutschen den Arisierungs-Gewinnler und Herrscher über ein Heer von Zwangsarbeitern noch in Ehren hielten, konnte sich der Stadtrat zur Umbenennung durchringen.

In Bernstadt in der Oberlausitz ist Klaus Riedel Schulnamenspate, ein Pionier der Raketenforschung. Er wirkte mit an der Entwicklung der „Vergeltungswaffe 2“. Die mit 1000 Kilogramm Sprengstoff bestückten Marschflugkörper brachten rund 10.000 Zivilisten im Ausland den Tod; über 12.000 Zwangsarbeiter starben bei der Produktion. Im bayerischen Friedberg und im hessischen Neuhof sind Schulen nach Riedels Chef benannt: Der Ingenieur Wernher von Braun leitete die Heeresversuchsanstalt in Peenemünde und stieg bis zum SS-Sturmbannführer auf. Sein Kollege Fetscher erstellte eine Datei zur Erfassung „biologisch minderwertiger Personen“. In mindestens 65 Fällen vollzog er selbst die Zwangssterilisierung.

Geralf Gemser: „Unser Namensgeber. Widerstand, Verfolgung und Konformität 1933-1945 im Spiegelbild heutiger Schulnamen“ (Akademische Verlagsgemeinschaft, 2009)

Oktober 2009

Abbildung links: Vorfaschistisches (linksdrehendes) Hakenkreuz aus der antisemitischen Zeitschrift: „Die Jahreszeiten. Blätter für Dichtung und Volkstum“ die von 1910 bis 1913 erschienen ist. Sie wurde von dem völkisch-religiösen, antisemitischen Schriftsteller Heinrich Ernst Wachler (1871-1945) herausgegeben. Wachler war Mitglied in der Germanischen-Glaubens-Gemeinschaft (GGG), Gründungsmitglied der antisemitischen Guido-von-List-Gesellschaft und der völkisch-religiösen Bewegung. Dieses Symbol – auch am ETV-Gebäude gibt es ein links drehendes Hakenkreuz – ist eine von verschiedenen Hakenkreuz-Varianten, aus denen die die faschistischen Freikorps, die antisemitische Thule-Gesellschaft und 1919/1920 auch die NSDAP ihre Hakenkreuze entwickelten.

In den deutschvölkischen Turnvereinen, die schon im 19. Jahrhundert antisemitisch orientiert waren (Stichwort „Turnvater Jahn“), entstanden ab 1840 verschiedene Varianten des (christlichen) Turnerkreuzes. Durch die Verbindung der „Vaterländischen“ Turner zu den oben erwähnten Strömungen, kam es auch zur Darstellung der vier Turner-Fs in der Form links- und/oder rechtsdrehender Hakenkreuze (zunächst beim Alten Breslauer Turnverein), die als Doppelhakenkreuze interpretiert wurden. Zum Zeitpunkt der Einweihung des ETV-Gebäudes im Jahr 1910, waren solche Querverbindungen bereits weit verbreitet. Die Entscheidung für die beiden Symbole an der Außenwand des ETV-Gebäudes (links und rechts drehendes Hakenkteuz aus den 4 Turner-Fs) geht auf diese Konstellation zurück.

Abbildung rechts: Wie die Abbildung des „Völkischen Beobachters“vom Juli 1923 zeigt, war beiden Seiten diese Verwandtschaft völlig bewusst. Als das Hakenkreuz der Nazi-Partei 1933 in Österreich verboten wurde, benutzte diese das am ETV-Gebäude zu sehende „Turnerkreuz“ als Ersatzsymbol (das in Österreich dann ebenfalls verboten wurde). Das ETV-Turnerhakenkreuz wurde also tatsächlich schon einmal von Nazis als Hakenkreuz benutzt!

→ siehe auch unter ETV 2.

Herbst 2009

Ein überraschendes Zwischenspiel der Linkspartei

HA, 21.10.2009
Linkspartei stellt Strafanzeige gegen den ETV
Fünf Anwälte der Linkspartei haben am 21. Oktober 2009 eine Strafanzeige gegen den ETV gestellt. Wegen der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole.

Linkspartei will ETV-Symbole zum Heimatthema machen

Die Hamburger Linkspartei will die ETV-Symbole zu einem Heimatthema machen. Dazu treten nacheinander zwei Fraktionen an. Zuerst eine Art Stadtteilgruppe der Partei, die auf die „Volksmassen“ mit einem kommerziellen Anzeigenblatt einwirken will. Dann die PR-Maschine der Landeszentrale. Beide schaffen es im Herbst 2009 mit bürgerlichen Antifa-Slogans (Tenor: „Rechte Symbole verschandeln unsere schöne Stadt“) in die Medien. Die Folgen ihres Tuns sind ihnen gleichgültig, wenn nur der erwünschte PR-Mehrwert dabei rausspringt. Der ETV ist nicht begeistert, durchschaut aber das linke Kalkül und die bemerkenswerten Quellen einer gegen den ETV gerichteten Strafanzeige. Daran, dass diese für ihn nur positiv ausgehen kann, zweifelt der Verein nach Durchsicht des Textes keinen Augenblick.

• Für die Linkspartei ist der ETV wegen seiner hohen Mitgliederzahl vor allem ein potentielles Wählerreservoir. Damit ist das Verhältnis der Partei zum ETV bereits festgelegt: Kritik an der Praxis dieses Großvereins ist unklug und deshalb zu unterlassen. Wenn sie gar nicht zu verhindern ist, kommt es darauf an, zwischen den guten Mitgliedern und der schlechten Führung zu unterscheiden. 2007 bekamen wir das schriftlich: Man ist offiziell gegen die Privatisierung einer öffentlichen Fläche, aber der daran beteiligte ETV darf auf keinen Fall erwähnt werden. Aus diesem Grund erzählte man sich in der Linkspartei bisher das Märchen, der ETV sei ein „alter Arbeiterverein„. Entsprechend hielt die Linkspartei sich auch aus der Auseinandersetzung um die Robert-Finn-Halle komplett heraus. Einige wechselten sogar die Straßenseite, wenn sie unsere Flugblattverteiler sahen, weil man befürchtete, vielleicht einen Aufruf gegen den ETV unterschreiben zu müssen.

• Drei Jahre nach dieser Auseinandersetzung startete die Linkspartei zu unserer Überraschung eine PR-Kampagne gegen zwei der vier völkischen Symbole am ETV-Gebäude, die man für Nazi-Hakenkreuze hält. Da man viele der völkischen Vorgänger der Nazis überhaupt nicht mit diesen in Verbindung bringt, kann man mit dem Begriff „völkisch“ garnichts anfangen und subsummiert deshalb alles unter „Faschismus“. Ernst Moritz Arndt zum Beispiel, völkischer Vorläufer und einst auch Held des ETV, wird in der Linkspartei als deutscher Antiimperialist und nationaler Freiheitskämpfer gegen Napoleon verehrt.

• Den Anfang machte ein kommerzielles Anzeigenblatt mit dem Namen Eims-Net, das – nur einige Monate – von politischen Hasardeuren aus dem Umfeld der Eimsbütteler Linkspartei herausgegeben wurde. Sie klauten frech die Rechereergebnisse dieses weblogs, drehten sie durch ihren populistischen Fleischwolf und versuchten daraus nach dem Muster: „Unser Dorf muss sauber bleiben“, eine Eimsbütteler Heimatklamotte zu machen. Das Werbeblatt, das sonst Pressetexte der CDU, der rechtsökologischen Nabu (wo man immer noch die Reichsvogelmutter Lina Hähnle verehrt) und der Stiftung des NSDAP-Mannes Kurt A. Körber zwischen Haspa- und Hagenbeck-PR abdruckte, wollte mit einer „Hakenkreuz“-Schlagzeile seine gegen Null tendierende Auflage erhöhen. Um mit dem Verein ins Gespräch zu kommen, gab man zunächst vor, die ETV-Symbole beseitigen zu wollen, verband das aber umgehend mit dem Angebot, gemeinsam Erklärungstafeln zu erstellen, auf denen die „faschistischen“ Zeichen „historisch eingeordnet“ werden. Teil des Angebotes war auch die Versicherung, die ETV-Mitglieder wüssten überhaupt nicht, dass es diese Zeichen gibt oder sie hätten diese einfach nicht einordnen können. Gleichzeitig ist man bestrebt, das „Hakenkreuzthema“ von der Auseinandersetzung um das „Diakonieklinikum“ der Agaplesion AG zu trennen, in der erstmals seit 1945 die völkische Tradition des ETV zum konkreten Problem und dadurch zum Thema gemacht wurde.

• Als die „Hakenkreuz“-PR-Kampagne des Anzeigenblattes erwartungsgemäß ein gewisses Medienecho fand, wurde die Hamburger Parteizentrale darauf aufmerksam. Da es sich bei den Eims-Net-Machern um eine Gruppe handelte, die im innerparteilichen Dauerstreit um Posten & Einfluss gerade nicht auf der „richtigen Seite“ stand, nahm man ihnen das Thema aus der Hand und machte daraus ein eigenes. Bella Rogalla, ein Mitarbeiter der Linkspartei-Bürgerschaftsabgeordneten Christiane Schneider rief einige parteinahe Anwälte zusammen und formulierte mit ihnen nach 10 Minuten Desktop-Recherche eine Strafanzeige gegen den ETV. Alle Beteiligten hatten vorher nie von diesen Symbolen gehört. Man eignete sich schnell im Internet unsere Texte an, die man allerdings nicht zitieren konnte, da die PR-Aktion in den Medien als originäres Produkt der Linkspartei dargestellt werden sollte. Um aber trotzdem eine Autorität zitieren zu können, suchte man auf den Homepages des Turnerbundes und des Jahn-Museums nach einem Professor und erwischte dabei einen, der nicht nur Braun heißt, sondern tatsächlich auch für Auftritte vor rechten Burschenschaften bekannt ist. Braun ist auch in Hamburg bekannt: 1999 hatte er sich erneut als bekennender Jahn-Anhänger geoutet und vehement gegen die Umbennenung der Jahn-Schule polemisiert. Der wurde nun zitiert, und zwar mit Passagen, die sonst auch der ETV zitiert, um seine völkischen Symbole zu rechtfertigen. Die linken PR-Macher hatten gar nicht verstanden, um was es geht, und an den rechten Inhalten von Professor Braun war ihnen nichts aufgefallen.

• Mit der so entstandenen Strafanzeige traten sie an die Presse heran und brachten den ETV zunächst etwas in Zugzwang – in der erklärten Absicht, darüber von dem von ihnen umworbenen Großverein endlich als ein Partner akzeptiert zu werden. Die Angebote an den ETV zur gemeinsamen Bereinigung des taktisch kalkulierten PR-Schadens folgte auf dem Fuß. Am Ende soll der ETV kostengünstig mit Hilfe der Linkspartei auf die Seite der „Guten“ wechseln. Die Linkspartei selbst bietet sich dazu (erfolglos) als Moderator an. Der ETV aber erkannte in der Strafanzeige die politische Linie des Professors Braun und gab zu Protokoll, dass er einer staatsanwaltschaftlichen Prüfung gelassen entgegen sehe und außerdem ohnehin vorhabe, seine Vergangenheit durch Anwendung der neuen und bewährten erinnerungskulturellen Standardverfahren zu bereinigen: Unverbindliche und abstakte Schuldanerkenntnis, gleichgewichtete Würdigung von Opfern und Tätern, Hinweistafeln zur Problematik von Diktaturen jeder Art, Stolpersteine als politisch korrektes Symbol (egal für wen) und einHistoriker-Gutachten, das vor allem bestätigen soll, dass es hier um Dinge geht, die sowieso nur Fachleute wissen können, weshalb man ja auch selber überhaupt nichts wusste.

• Dass die Linkspartei unser Material für ein rechtspopulistisches Anzeigenblatt und eine Strafanzeige verwendet, die sich auf einen rechten Professor beruft, ist dreist, und es ist schon bemerkenswert, wie eine Partei mit ihrem ganzen Apparat gegen eine Initiative vorgeht. Man nimmt uns im lokalen Raum als Konkurrenz wahr, vor allem weil wir die Dummheiten, den Rechtspopulismus und den Antisemitismus dieser Partei öfters erwähnen und weil wir trotzdem dort präsent sind, wo die Linkspartei gerne „Stimmen holen“ würde, wo sich aber niemand an sie erinnert, weil sie so denkt und redet wie alle anderen auch. Wir haben uns gegen diese aggressive Praxis zu Wehr gesetzt und unter anderem eine extra website zu dem Thema gemacht, die nicht ganz ohne Wirkung blieb: Das Anzeigenblatt kam in Verruf und musste aufgeben. Auch zu der Strafanzeige hat man aus der Parteizentrale nie mehr etwas gehört.

– Zum Ergebnis der Strafanzeige: ETV 4
– Zu den völkischen Symbolen: ETV 2
– Zur Vorgeschichte: ETV 1

Linkspartei und Hakenkreuz

Mit den Hakenkreuzen ist es wie mit den Ehrenmalen für „gefallene“ Soldaten: Während die alten noch längst nicht verschwunden sind, gibt es schon wieder neue:

(1)

Am 8. September 2009 wurde das 41 Meter lange und zehn Meter hohe Ehrenmal für die im neuen deutschen Verteidigungskampf in Bosnien, Kosovo, Afghanistan ums Leben gekommenen Bundeswehrsoldaten in der vereinigten Hauptstadt durch Bundespräsident Köhler eingeweiht. Der neue Heldenschrein ist allerdings so wenig das erste und einzige Bundeswehr-Ehrenmal (s. Laboe, Koblenz, Fürstenfeldbruck), wie der ETV-Ehrenstein für die „gefallenen Kameraden“ nicht der einzige Wehrmachtsstein in Hamburg ist. Ein Jahr zuvor, am 13. August 2008, war zudem auch ein dem Eisernen Kreuz nachgebildetes „Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit“ eingeführt worden – für „außergewöhnliche Tapferkeit“ vor dem Feind. Das Eiserne Kreuz ist seit 1956 das Erkennungszeichen der Bundeswehr.

Auch das Hakenkreuz ist in Deutschland häufig zu sehen. Nazis sprühen es an Hauswände, auf Grabsteine jüdischer Friedhöfe und Mahnmale oder beschmieren damit, wie jüngst in Cottbus, sowjetische Soldatenfriedhöfe. Öffentlich gezeigt werden Hakenkreuze heute allerdings vor allem bei Demonstrationen und Kundgebungen gegen Israel. Unter Losungen wie „Zionismus ist Faschismus“ oder „Stopp deinen Holocaust, Israel“ wird ausgerechnet der jüdische Staat immer häufiger mit dem Hakenkreuz in Verbindung gebracht. Die wohl kalkulierte Maßlosigkeit dieser „Israel-Kritik“ kommt nicht von ungefähr: Die Gleichsetzung der Juden als Opfer des Holocaust mit ihren Mördern, entlastet die Kinder und Enkel der Tätergeneration. Seit die Deutschen ein abstraktes Schuldanerkenntnis abgelegt haben, fühlen viele sich zu solchen Tönen moralisch berechtigt.

Die Verurteilung des Nazi-Antisemitismus wurde geradezu eineVoraussetzung für die „Berechtigung“, Israel als faschistisch zu bezeichnen. Vor diesem Hintergrund ist es keineswegs sicher, dass es allen, die sich zu den vier völkischen ETV-Symbolen und dabei vor allem zu den beiden Turnerhakenkreuzen äußern, um dieselbe Sache geht.

(2)

Am 25. Oktober 2009 wurde im Hamburger Kino b-movie die Vorführung des Films „Warum Israel“ von Claude Lanzmann von „Sozialistischen Linken“ (SoL) und der „Tierrechts-Aktion Nord“ (TAN) mit Gewalt verhindert. Gegen diejenigen, die sich den Film anschauen wollten, wurden Parolen wie „Judenschweine“, UND „Nazis raus“skandiert.

Lanzmanns bekanntestes Werk ist der neunstündige Dokumentarfilm Shoa (1985). Sein Israel-Film versucht nun zu ergründen, was es bedeutet, in einem jüdischen Staat zu leben, der ein Fluchtort für Verfolgte und Überlebende des Holocaust war und noch heute eine Zufluchtsstätte vor dem weltweiten Antisemitismus ist. Das wirre Bekennerschreiben „Warum nicht Israel“ der linken Antisemiten tauchte kurz nach dieser Tat auf der Homepage der Partei Die Linkeauf – auf der Subdomain „Zusammenschlüsse/Kritische Linke“, einer inner-parteilichen Plattform von Antisemiten. Der Text wurde allerdings vom Landesvorstand der Partei (vor allem wegen der internationalen Presseberichte) schnell gelöscht. Der Vorfall zeigt, dass manche „Gegner von Hakenkreuzen“ dieses NS-Symbol hier weg haben wollen, um es den Juden anzuhängen.

Le Monde, 12.11.09
Allemagne : la diffusion d’un film de Claude Lanzmann sur Israël dégénère
Alors qu’une nouvelle scéance du film du réalisateur Claude Lanzmann Pourquoi Israël est prévue le 13 décembre, la précédente, le 25 octobre, dans un cinéma alternatif de Hambourg, a été empêchée par une trentaine de militants d’extrême gauche. Ils ont bloqué l’accès à la salle et ont mimé un poste de contrôle israélien.

Jerusalem Post, Nov 22, 2009
‚Why Israel‘ film canceled after violent German leftist protest
According to German critics of left-wing anti-Semitism, the International Center B5 is a hotbed of radical anti-Israeli sentiments, and the Left Party in Hamburg has played a decisive role in stoking anti-Israeli feelings. The Left promptly posted the B5 statement on its Hamburg-based Web site. After the incident gained media attention, however, the Left took down the statement and distanced itself from the group. Wolfgang Gehrcke, a Left Party MP from Hamburg, has appeared at pro-Hizbullah and Hamas rallies where Israel was compared with Nazi Germany.

(3)

In der antifaschistischen Agitation vor und während des Holocausts und des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion wurde der nationalsozialistische Antisemitismus praktisch nicht thematisiert. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Im Kaiserreich und in der Weimarer Republik war die Linke insgesamt eine Partei der Aufklärung, die sich gegen die antisemitischen bürgerlichen Kräfte stellte und deshalb auch viele Menschen jüdischer Herkunft anzog. Allerdings hielt die linke Arbeiterbewegung den Antisemitismus für einen „Sozialismus der dummen Kerls“, also für ein falsches Bewusstsein von Leuten, die durchaus das Richtige wollen, aber den wahren Feind nicht erkennen können. Hinzu kam eine verbreitete Neigung zur Personalisierung antikapitalistischer Kritik, zum Beispiel auf politischen Plakaten, die häufig dicke Männer mit Zylinder zeigten. Deren Gesichtszüge hatten nicht selten jene Physiognomie, die Antisemiten für „Semiten“ reserviert haben. Tatsache ist, dass mit Eugen Dühring und Wilhelm Marr die ersten einflussreichen „Rasse“-Antisemiten aus der Linken kamen.

Dafür, dass die Nazis dann bei der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden keinen Unterschied zwischen linken und rechten oder armen und reichen Juden machten, gab es im linken Klassenkampf-Konzept keine „Erklärung“. Antisemitismus galt ihnen als Rassismus und der war definiert als Versuch der Herrschenden, die Arbeiterklasse zu spalten.

Weil der Judenmord nicht in das linke Weltverständnis „eingeordnet“ werden konnte, hatte er dort auch nach 1945 keinen festen Platz. Der heute bei Linken weit verbreitete „Antizionismus“ ist eine Folge dieser Verdrängung der Shoa, eine Projektion des eigenen Versagens auf Israel. In einer Welt, in der kaum jemand die Juden beschützen wollte – auch die Linke nicht – und in der die Vernichtungsdrohung gegen Juden nie zurückgenommen wurde, stellt die Existenz Israels eine jüdische Selbstermächtigung dar. Man kann sich jetzt selbst wehren.

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© Initiative, Recherche: G. Jacob

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