Eimsbütteler Turnverband, Seite IV


ETV-Fassade ohne völkische Zeichen (Text folgt nach dem Novemberheft des ETV-Magazins)


Der Gedenkstein (Johannes Grützke, 1971)

→ [Kommentare und Dokumente zur Runderneuerung der ETV-Vergangenheit folgen nach dem 19.11.]

→ [Nachtrag: Die LKA-Ermittlung gegen die Initiative im Fall Robert Finn].


Zehntausende haben seit 2006 die Seiten dieses weblogs zum ETV gelesen. Hinzu kommen mehrere zehntausend Besucher auf unseren Flickr-Fotoblogs. Wer sich, aus welchen Gründen auch immer, über den ETV informieren will, holt sich hier sein Grundlagenwissen. Auch die ETV-Führung selbst. Auch einzelnen Begriffen wie „Turnerhakenkreuz“ – seit gestern erstmals vom ETV verwendet – konnte man bisher nur hier begegnen. Es ist verständlich, dass der ETV nur ungern seine Kritiker zitiert. Darum geht es nicht. Es geht um die damit verbundene Leugnung der Tatsache, dass der ETV seit einem Septembertag im Jahr 2006 nicht mehr die Kontrolle darüber hat, was von all dem, was er weiß und immer wusste, nach außen dringt und was nicht. Es wirkt seither autistisch, wenn man weiterhin behauptet etwas nicht zu wissen, was alle längst gelesen haben. Aber das ist nicht wirklich autistisch, sondern politisch. Die Vergangenheit soll jetzt so „bewältigt“ werden, dass die 65 Jahre, in denen sie gefeiert und zum eigenen Vorteil genutzt wurde, dabei nicht vorkommt. Auch die ETV-Historiker haben davon die Finger zu lassen. 

„Aber was wissen wir über die politische Bedeutung der Turnerkreuze Ende des 19. Jahrhunderts? Welche Einstellungen und Mentalitäten bestimmten die Geschicke des Vereins in den ersten 60 Jahren seiner Existenz?“ (Sich der Geschichte stellen – der ETV vom Kaiserreich bis zur Nazi-Zeit, ETV 8.11.2010).

Die Bereinigung der völkischen und nazistischen Vergangenheit des ETV gelingt nicht ohne neue Unwahrheiten. Natürlich wusste man im ETV immer schon alles, sei es weil man selbst „dabei“ war oder weil die Alten es den Jungen erzählten. Jedenfalls war man ziemlich einverstanden mit dieser Tradition und hat sie – wozu man sie kennen musste – auch gerne gefeiert. 60 Jahre lang. Immer wieder. Bis in die jüngste Gegenwart. Und bis vor wenigen Wochen hat man noch behauptet, von Sparbier und Bosse seien antisemitische Äußerungen nicht bekannt. Das lag daran, dass man den Antisemitismus dieser Äußerungen überhaupt micht skandlös findet.

Zwischen dem, was die Einzelnen denken und dem, was ein Verein oder eine Firma als Institution von sich geben, gibt es üblicherweise einen Unterschied. Die Institution achtet meistens darauf, politisch korrekt oder neutral zu erscheinen. Diese Unterscheidung hat es beim ETV bislang nicht gegeben: Der Verein sprach wie die Leute denken. Das soll jetzt geändert werden. Nicht die Leute, sondern die PR. Entsprechend fällt diese Vergangenheitsbewältung aus. Mehr dazu unter ETV 3

Die Zukunft der Vergangenheitsbewältigung
Dokumente und Kommentare zur Wiedergutwerdung des ETV

1. Einleitung: „deutsches Turnen“
2. Felix Dahn, Carl Diem, die Linkspartei und der ETV
3. Ein Persilschein von der Staatsanwaltschaft
4. Braun und Peiffer – die Linkspartei präsentiert zwei Turnforscher

→ Die Texte zu „ETV 4“ sind chronologisch geordnet: Die aktuellste Meldung befindet sich am Ende.


Links: Der Weltgeist zu Pferde: Nach dem Sieg über das reaktionäre Preußentum bei Jena und Auerstedt zieht Napoleon im Oktober 1806 in Berlin ein.
Rechts: „Sedan-Tag“ 1898 in Berlin in Erinnerung an den „Deutschen Einigungskrieg“ gegen die Aufklärung und an die Niederschlagung der Pariser Kommune 1871. 

[Die Anregung zu den Sedan-Feiern als „Volksgedenktag“ kam 1871 von der Diakonie/Innere Mission. Deren Aufruf wurde zuerst in der „Deutschen Turnerzeitung“ veröffentlicht. Durch die Allianz von Diakonie & Turnern wurde daraus der berüchtigte politreligiöse Tag der deutschvölkischen Mobilisierung].

• Zwischen 1806 und 1871 liegen jene Jahrzehnte, in denen sich „Deutsches Volksthum“ vor allem in Gestalt des „deutschen Turnens“ formierte: „nationaler Befreiungskampf“ gegen die „undeutsche“ Aufklärung, gegen den Code civil und gegen die soziale Revolution, die in Frankreich erstmals die feudale Staats- und Gesellschaftsordnung außer Kraft gesetzt hatte.

• Turnen gegen Napoleon, körperliche und sittliche Kräftigung gegen den Erbfeind 1870/71, Wehrsport gegen den Versailler Schandfrieden, Leibestüchtigkeit als nationale Kampfaufgabe, nationale Hochstimmung als Dauerzustand des Gemüts, mythologische Rückwärtswendung ins Reich der Erinnerung an einen „germanischen Urzustand“ – in diesem „vaterländischen“ Geist entstand auch der 1889 in Hamburg gegründete EIMSBÜTTELER TURNVERBAND (ETV).

• Im Jahr 1976, als im Radio schon Bob Marley lief, benannte der ETV seine Haupthalle nach dem langjährigen Vereinsvorsitzenden Robert Finn, vom dem die Vereinskameraden wussten, dass er ein Nazi war. Nach einer Renovierung der Halle im Jahr 2006 veranstaltete der ETV eine große Wiedereinweihungsfeier zu Ehren Finns – mit zahlreichen prominenten Gästen aus Sport und Politik (die über Finns Rolle in der NS-Kriegswirtschaft informiert waren) und dessen Söhnen als Ehrengästen. Nachdem durch unsere Enthüllungen 2007 der Name dieser Halle gestrichen wurde, klammerte sich der Großverein umso heftiger an vier an der Außenwand angebrachte völkische Symbole, darunter ein links- und ein rechtsdrehendes Turnerhakenkreuz. Doch seit Ende 2009 hat der ETV seine Wiedergutwerdung eingeleitet: sie besteht unter anderem in dem Plan, Erklärungstafeln neben die vier völkischen Symbole an dem Vereinsgebäude anzubringen.

Was wir davon halten, soll – zusammen mit neuen Rechercheergebnissen zum Fortwirken der Vergangenheit in der Gegenwart – auf dieser Seite dokumentiert werden.

Völkische Heimatkunde

Felix Dahn, Carl Diem, die Linkspartei und der ETV

LinksFelix-Dahn-Straße in Hamburg Eimsbüttel, 150 Meter vom ETV-Gebäude entfernt. Falls jemals Kritik an dieser Namensgebung aufkommen sollte (was im schwarzgrünroten Eimsbüttel kaum zu erwarten ist), wäre zu befürchten, dass am Ende eine Erklärungstafel unter das Straßenschild montiert wird – so wie es der ETV für seine vier völkischen Symbole plant. Rechts: Ausgeschlossen werden soll auf jeden Fall die oben gezeigte Lösung, die man in Würzburg für die Carl-Diem-Halle fand: Das rechte Foto zeigt die Demontage des riesigen Diem-Schriftzuges im Jahr 2004. 

• Als Folge des großen gesellschaftlichen Einflusses des „Traditionsvereins“ ETV im Hamburger Bezirk Eimsbüttel hat dieser der ganzen Gegend seinen Stempel aufgedrückt: Zwei in den Medien sehr häufig erwähnte Plätze des Vereins sind nach völkischen Vereinsführern benannt und völkische Zeichen und Wehrmachtsgedenksteine zieren das Vereinsgebäude. Dass die nur wenige Meter entfernte Felix-Dahn-Straße ebenfalls auf ETV-Initiative so benannt wurde, ist sehr wahrscheinlich, denn niemand war von Dahn so begeistert wie die Turner. In der Deutschen Turnzeitung wurde er 1912 als Turnerdichter gefeiert. Der „Alldeutsche“ Dahn (1834-1912) war einer der Hauptideologen des völkischen Germanenkults und der damit einhergehenden spekulativen Urgeschichte, mit der auch die Zeichen am ETV-Gebäude zu tun haben. Dahn, der lange in Breslau lebte, dürfte auch das rechtsdrehende Turnerhakenkreuz noch vor dem ETV gekannt haben.

Julius Sparbier und August Bosse, nach denen in Hamburg-Eimsbüttel die beiden Sportplätze benannt, die nach ihrer faktischen Privatisierung heute vom ETV kontrolliert werden, gehörten wie der Sportwissenschaftler und völkische Ideologe Erwin Mehl und die Sportideologen Carl Krümmel und Carl Diem zu den völkischen Turn- und Sportfunktionären, die bereits während des Kaiserreiches und der Weimarer Republik jenen völkisch-anthropologischen Bezugsrahmen entwickelten, der später „rassenphysiologisch“ erweitert werden konnte, also anschlussfähig war für den Nationalsozialismus. Carl Diem und Sparbier kannten sich seit den 1910er Jahren aus verschiedenen Dachorganisationen der Turner und der Wehrsportorganisationen.

1939 hielt Diem im Eimsbüttler Restaurant „Klinker“ (ein Treffpunkt der Völkischen seit jeher) einen „gedankenreichen“ Vortrag zum 50. Jubiläum des ETV

• In Würzberg kam es 2002 – immerhin 70 Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten! – zu einer politischen Auseinandersetzung um eine nach Carl Diem benannten Sporthalle. Wie in Eimsbüttel verteidigten Sportvereine, Sportbund und viele Sportwissenschaftler Diem vehement: „Diem war kein Nazi, er war nicht in der NSDAP. Er war [unverkrampfter] Patriot, aber kein Chauvinist.“ Wie im Fall Robert Finn wurde dort auch Diems Sohnmobilisiert. Wie in Eimsbüttel produzierte die Abwehr der Kritik neue antisemitische Statements.
Der Vorsitzende des Landessportverbandes erwähnte, dass Diem sogar mit einer Frau befreundet war, die „jüdisches Blut in sich hatte“.(Der ETV sagt 2010, selbst die Juden hätten kein Problem mit seinen völkischen Zeichen). Auch Diems Konformismus wurde (wie 2006 im Fall Finn vom ETV) lobend erwähnt: Er habe sich – angeblich – jedem Regime ohne innere Überzeugung (vom Antisemitismus) angepasst.
Ende 2004 wurde nach einer sehr knappen Abstimmung im Stadtrat der riesige „Carl Diem Halle“-Schriftzug entfernt wurde. Das ist bemerkenswert, weil Diem tatsächlich kein Parteimitglied war, sondern „nur“ einer der Völkischen, die mit den Nazis gingen.

Mit der Linkspartei, die seit 2007 kein Problem damit hat, zu Veranstaltungen in dem nach Diems-Gesinnungsfreund benannten„Sparbier-Saal“ des ETV aufzurufen, wäre das nicht zu machen gewesen:

Die Bedingung für eine Änderung ist heute üblicherweise, dass einer schon nachweislich Parteinazi gewesen sein muss. Auch der plakative Antifaschismus der Linkspartei funktioniert so, weil sie den Begriff „völkisch“ scheut. Deshalb nennen sie den deutschvölkischen Julius Sparbier „NSDAP-nahe“ und bezeichnen die völkischen Symbole am ETV-Gebäude als „NS-Zeichen“. Warum sie die Grenze unbedingt bei „1933“ ziehen wollen, zeigt sich, wenn es um völkische Helden des „nationalen Befreiungskampfes“ wie Ernst Moritz Arndt geht, der für die Linkspartei ein „deutscher Patriot“ ist. Bei der Abstimmung über eine Namensänderung der nach Arndt benannten Uni Greifswald Anfang 2010, enthielt sich die Linkspartei, die sich in Eimsbüttel bürgerkonform gegen „NS-Zeichen“ ausspricht, der Stimme und verhinderte so die Delegitimierung dieses besonders aggressiven völkischen Vorkämpfers.

Während der NS heute offiziell geächtet ist, gilt viel von dem, was die Nazis von den Völkischen übernommen haben, heute als legitim. Doch ohne die Anstrengungen der Völkischen, Turnen, Sport und Wandern in den Dienst von Staat und Heer zu stellen, könnte die Linkspartei heute nicht einmal einen Sportwissenschaftler in den Sparbier-Saal des ETV laden: Es war Diem, der 1920 mit der revanchistisch ausgerichteten „Deutschen Hochschule für Leibesübungen“ die Gründung der ersten Sporthochschule betrieb, ohne die es heute keine sportwissenschaftlichen Institute gäbe.

Erfreulich ist, dass man die Würzburger Halle anschließend nicht nach einem Nazi-Gegner benannt hat, was ebenfalls dem Ideal der Linkspartei entsprechen würde. Gut ist das nicht nur wegen der Gefahr, dass dann vielleicht ein Antisemit aus dem „militärischen Widerstand“ des 20. Juli in Frage gekommen wäre, sondern einfach deshalb, weil das eine Anmaßung wäre. Die Halle heißt jetzt nach ihrem neuen Sponsor, dem Mode-Unternehmen s.Oliver. Die 1952 vom Deutschen Sportbund gestiftete Carl-Diem-Plakette wird trotzdem von diesem weiter verliehen.


Schreiben der Hamburger Staatsanwaltschaft vom 4. Februar 2010. Die eingeblendeten Abbildungen zeigen zwei linksdrehende Hakenkreuze aus völkischen Zusammenhängen: Bündische Jugend (aus der Robert Finn kam) und ETV. Die kurzen Haken sind in beiden Fällen nicht durch Verwendung eines Buchstabens entstanden. 

■ Ein Persilschein für den ETV

Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat die vier völkischen Symbole am ETV-Gebäude zu harmlosen Ornamenten eines unpolitischen Vereins verklärt. Der ETV kann sich dafür bei der Partei Die Linke bedanken.

„Was macht das Hakenkreuz an der Turnhalle des Eimsbütteler Turnverbands?“ fragte die Hamburger Morgenpost am 21.12.2006. Vereinsgeschäftsführer Frank Fechner wehrt damals ab: Das Hakenkreuz – das sei gar keins, sondern ein Turnerkreuz! Dass Fechner da nicht so sicher war, zeigte eine nachgeschobene schriftliche Mitteilung: „Einer Aufarbeitung der Geschichte Robert Finns und der Symbolik des Turner-/Hakenkreuzes werden wir uns nicht verschließen.“ Den Namen Robert-Finn-Halle musste der ETV schon wenige Wochen später streichen, nachdem die Mopo Dokumente des Historikers G. Jacob veröffentlicht hatte, die Finns NSDAP-Mitgliedschaft beweisen. Seither sind drei Jahre ins Land gegangen, in denen der ETV die damals angekündigte „Aufarbeitung der Geschichte“ nicht weiter verfolgt hat.

Jetzt hat die Hamburger Linkspartei, die von dem Thema bisher nichts wissen wollte und sich damit auch nie beschäftigt hat, im Oktober 2009 plötzlich „mit Befremden“ bemerkt haben, dass dort „mehrere Symbole des NS-Regimes – zwei Hakenkreuze – öffentlich zur Schau gestellt werden“.

Aus dieser „überraschenden“ Entdeckung – zahlreiche Mitglieder der Linkspartei sind seit Jahren im ETV – hat diese Partei dann kurzfristig eine medienwirksame Strafanzeige „wegen Verdachts des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen nach § 86 a StGB“ gemacht. Dabei berief sie sich auf einen Prof. Harald Braun aus dem Umfeld des Jahn-Museums, der u.a. dafür bekannt ist, als Referent bei rechten Burschenschaften aufzutreten und der 1999 heftig gegen die Umbenennung der Hamburger Jahnschule polemisierte.

Da die Linke ihrer Strafanzeige auch kein eigenes Gutachten beifügte – über die völkische Herkunft dieser Zeichen, die eben keine NS-Symbole sind, weiß sie absolut nichts – hat sie der Hamburger Staatsanwaltschaft eine ideale Vorlage für eine Entgegnung geliefert, in der dem ETV nun „von höchster Stelle“ bescheinigt wird, dass diese Symbole – gerade weil sie am ETV-Gebäude angebracht seien – vollkommen unproblematisch sind.

OHNE die Linkspartei wäre der Großverein ETV nie in den Besitz eines solchen Persilscheins gelangt, der ihm jetzt völlig neue Möglichkeiten der „Vergangenheitsbewältigung“ eröffnet. Es wäre aber zu kurz gegriffen, dieser Partei nur grobe Fahrlässigkeit und ein bloß oberflächliches Interesse an medialer Aufmerksamkeit zu unterstellen. Unsere schon frühzeitig geäußerte Vermutung, dass die falsch begründete Kritik der Linkspartei an den „NS-Zeichen“ am ETV-Gebäude, mitsamt ihrer Berufung auf das dubiose Jahn-Museum, vor allem ein Angebot an den ETV darstellt, um mit diesem ins Gespräch zu kommen, hat sich inzwischen bestätigt:

Für den 10. März 2010 hat die Linkspartei zu einer Veranstaltung im „Sparbier-Saal“ des ETV geladen, bei der es um „Sport und Politik“ gehen soll. Zu dem von ihr mutwillig herbeigeführten Freispruch der Hamburger Staatsanwaltschaft (4. Februar 2010) schweigt die Linkspartei (wie auch ihr gesamtes Umfeld, das seinerzeit beflissen über die Strafanzeige berichtete) seither hartnäckig. 

Stellungnahme der Initiative

Augenschein

Am 4. Februar teilte die Hamburger Staatsanwaltschaft mit, dass sie das Ermittlungsverfahren gegen den Eimsbütteler Turnverband eingestellt hat. Die Staatsanwaltschaft habe die Symbole im Mauerwerk des ETV „in Augenschein“ genommen und dabei erkannt, dass es sich um Turnerkreuze aus dem Jahr 1910 handele. Die Kreuze seien aus vier F-Buchstaben gebildet, weshalb es sich hier „um eine Variante“ des bekannten Felsing´schen Turnerkreuzes aus dem Jahr 1844 handele. Zur Erhebung einer öffentlichen Klage gebe es also keinen Anlass.

Die Staatsanwaltschaft nimmt offenbar an, dass es „etwa im Jahre 1910“ für einen Mitgliedsverein der 1868 gegründeten Deutschen Turnerschaft (DT) ganz normal gewesen ist, das am christlichen Kreuz orientierte offizielle Verbandsemblems beliebig zu modifizieren und die vier Fs zum Beispiel in Hakenkreuzform anzuordnen. Tatsächlich kam diese Variante in Deutschland sonst nur in Breslau und Kassel vor, allerdings zu einer Zeit, als es die DT noch nicht gab. Die Frage, was den ETV „etwa 1910“ dazu veranlasst haben könnte, das Verbandszeichen zu ändern und die F-Buchstaben einmal alslinksdrehendes und einmal als rechtsdrehendes Kreuz darzustellen, wird von den Staatsanwälten nicht gestellt. Überhaupt wird nicht deutlich, dass es hier um zwei unterschiedliche Symbole geht; im Text geht es meistens um „DAS Turnerkreuz“. Dass am ETV-Gebäude auch einlinksdrehendes Kreuz zu sehen ist, dessen Flügel nicht als Buchstaben interpretiert werden können, weil ein spiegelverkehrtes F im Alphabet nicht vorkommt, wird einfach unterschlagen. Zugleich wird die Wahl der Hakenkreuzform (statt der obligatorischen christlichen Form) als rein zufällig und völlig bedeutungsfrei dargestellt. Wofür die Hakenkreuzform „etwa 1910“ stand, wird nicht hinterfragt.

Turnerkreuz und Turnerhakenkreuz

„Das 1910 geschaffene österreichische Turnbundesabzeichen zeigte schon die vier Turner-F in Hakenkreuzform.“ (ETV-Zeitschrift „Der Eimsbütteler“, Juni 1940) 

Ganz im Gegensatz zu dieser Indifferenz steht hier die Entschiedenheit, mit der die Staatsanwaltschaft behauptet, „DAS Turnerkreuz“ sei zu keinem Zeitpunkt ein Kennzeichen der NSDAP oder einer ihrer Unterorganisationen gewesen“.

Hinsichtlich des offiziellen, am christlichen Kreuz orientierten DT-Zeichens stimmt das. Im Fall der beiden Hakenkreuzvarianten am ETV-Gebäude, die die Staatsanwaltschaft in der Oberkategorie „DAS Turnerkreuz“ verschwinden lässt, obwohl mit „DAS Turnerkreuz“ stets nur das Felsing-Kreuz bezeichnet wird, stimmt es nicht. Das rechtsdrehende ETV-Kreuz wurde – mit gebogenen Haken – von den antisemitischen Turnern in Österreich seit 1889 verwendet. Es wurde (mit einem anderen Hintergrund) 1910 ihr offizielles Verbandsabzeichen. Ab 1918 wurde dieses Kreuz von deutschen, österreichischen und sudetendeutschen deutschvölkischen Turnern und auch von den Nazis in den einschlägigen Organen explizit als „Turnerhakenkreuz“ bezeichnet und es wurde – meistens mit geraden Haken wie beim ETV – mehrfach im „Völkischen Beobachter“ (erstmals im Juli 1923) abgebildet. Zudem wurde dieses Turnerhakenkreuz von sudetendeutschen und österreichischen Nazis immer wieder als Ersatzsymbol benutzt, wenn ihre Organisationen vorübergehend verboten * wurden. In der Tschechoslowakei war den deutschvölkischen Turnern die Verwendung des Turnerhakenkreuzes von 1924 bis 1929 untersagt. Nach einer zeitweisen Genehmigung wurde es 1936 endgültig behördlich verboten. In Österreich wurde das Verbot des Turnerhakenkreuzes erstmals 1934 verfügt, weil, so die Verbotsbegründung, „vielerorts die Wahrnehmung gemacht wurde, dass NSDAP-Mitglieder, denen keine politische Betätigung erlaubt ist, dieses Abzeichen, in dem vier große F in einer dem Hakenkreuz ähnlichen Form angeordnet sind, zu tragen pflegen.“ 

Die Behauptung der Hamburger Staatsanwaltschaft, „das Turnerkreuz“ sei „zu keinem Zeitpunkt ein Kennzeichen der NSDAP oder einer ihrer Unterorganisationen gewesen“ entspricht also nichtden historischen Tatsachen. Damit ist bereits die zweite Rechtfertigung für die Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen den Eimsbütteler Turnverband hinfällig.

* Verbot des ETV:
1919 dachten die alliierten Siegermächte über die Auflösung aller Turnvereine nach, da diese eine vormilitärische Ausbildung betrieben und zu den fanatischsten Kriegshetzern gehört hatten. Ein Verbot des ETV, der vor 1914 und vor 1939 Tausende Jugendliche auf den Kriegseinsatz vorbereitete und danach jedes Mal einen völkisch-religiösen Kult um die „Gefallenen“ inszenierte, wäre damals sehr hilfreich gewesen. Zu einem Verbot kam es immerhin 1945 mit der Kontrollrats-Direktive Nr. 23 zur „Beschränkung und Entmilitarisierung des Sportwesens“, die eine Auflösung auch des ETV bis zum 1. Januar 1946 verfügte. Seine Dachorganisation, der Nationalsozialistische Reichsbund für Leibesübungen (NSRL), war ohnehin verboten. Das Betätigungsverbot für den ETV galt bis Januar 1947; die ETV-Fechtabteilung blieb bis Mitte 1948 verboten. Die erste Publikation des ETV erschien erst 1948. Sie enthält die Mitteilung, dass jede militärische Ausbildung untersagt ist, Nazis der Kategorien I-II nicht Mitglieder werden dürfen und Entnazifierte der Kategorien I-V keine führende Funktion ausüben dürfen. Der ETV hat sich daran nicht gehalten; die gesamte völkische Clique war sofort wieder aktiv. Nach außen wurden andere vorgeschoben. Robert Finn wurde vorsichtshalber erst 1948 erneut ETV-Führer.

Der unpolitische Turnverein


„Eimsbütteler Turn- und Sport-Jahrbuch“ des ETV, 1926

Wahrscheinlich weil man die Überzeugungskraft dieser Begründung selbst nicht allzu hoch ansetzt, wird noch eine dritte hinterher geschoben: Zwischen den am ETV „angebrachten Turnerkreuzen“ – diesmal im Plural – sei eine „objektiv vorhandene Übereinstimmung“ mit dem NS-Hakenkreuz nicht zu leugnen (was bei dem linksdrehenden ETV-Kreuz überhaupt nicht zutrifft, da dieses von anderen völkischen Gruppen benutzt wurde), aber das sei in diesem konkreten Fall nicht strafbar, weil diese Symbole „am Gebäude eines Sportvereines“ angebracht sind, der im Übrigen – man höre und staune! – „in der Öffentlichkeit auf die politische Willensbildung“ keinen „Einfluss zu nehmen sucht“.

Die Staatsanwaltschaft will damit sagen, dass diese Turnerhakenkreuze auf dem T-Shirt eines Nazis vielleicht verdächtig wären, nicht aber an der Wand eines prinzipiell unverdächtigen und unpolitischen „Sportvereins“. Die Staatsanwaltschaft lässt hier offen, ob sie damit den ETV von 1910 oder den ETV von 2010 meint. Die Möglichkeit, dass der damals „arisch-völkisch“ orientierte ETV diese Symbole seinerzeit aus den selben Gründen anbrachte, aus denen sich heute ein Nazi dafür interessieren könnte, wird nicht einmal angedeutet und auch die Frage, warum der ETV seit 1945 diese Gesinnungszeichen der völkischen Bewegung so rabiat verteidigt, wird nicht gestellt. Die Behauptung, diese Zeichen hätten keinerlei politische Bedeutung, WEIL sie „am Gebäude eines Sportvereines“ angebracht wurden, ist – zumal vor dem Hintergrund, dass es eine umfangreiche Literatur über den Antisemitismus in der Deutschen Turnerschaft gibt – selbst eine geschichtsrevisionistische Deutung. Tatsächlich verhält es sich hier genau umgekehrt: Gerade weil diese Zeichen sich „am Gebäude eines Sportvereines“ befinden, der seit seiner Gründung dem „deutschen Turnen“ im Sinne Jahns verpflichtet war, liegt die Vermutung besonders nahe, dass sie einem völkischen Kontext entstammen.

„Unpolitisch“ ist übrigens auch der ETV des Jahres 2010 nur in dem Sinne, in dem das schon die „vaterländischen“ Turnvereine waren, die sich stets als überparteiliche Gesinnungsgemeinschaft definierten. Der heutige ETV beherrscht als Oligopolist den lokalen Sportmarkt und ist als gewissermaßen größte Volkspartei Eimsbüttels ein lokaler Machtfaktor ersten Ranges. Seit seiner Gründung übt der ETV ganz bewusst kommunalpolitischen Einfluss aus. Früher brachte er das schon im Titel seines Vereinsblattes „Der Eimsbütteler“ zum Ausdruck, heute ist eine verstärkte Einflussnahme auf die Lokalberichterstattung und eine Ausdehnung der eigenen „Viertelkompetenz“ zu beobachten. Mit seiner aggressiv-offensiven öffentlichen Verteidigung der vier völkischen Symbole und nicht zuletzt mit seinem reaktionären Sparbier-Kult, der dem rechten Jahn-Kult des heutigen Österreichischen Turnerbundes in nichts nachsteht, stemmt sich der ETV seit Jahrzehnten gegen jede Aufklärung über die Geschichte der völkisch-antisemitische Bewegung in Eimsbüttel. Dieser Großverein, an dem sogar das Jahr 1968 spurlos vorbei ging, war und ist im Bezirk DIE Institution mit dem größten Beharrungsvermögen gegenüber der Forderung nach „Aufarbeitung der Vergangenheit“ (eine Forderung, die sich als Schlagwort durchaus selbst verdächtig gemacht hat). Angesichts des gesellschaftspolitischen Einflusses des ETV, übt dieses Verhalten erheblichen Einfluss auf die politische Willensbildung im Bezirk Eimsbüttel aus. Somit ist auch die dritte Rechtfertigung der Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen den Eimsbütteler Turnverband hinfällig.

Völkische und Nazis

Am Ende ihres Einstellungsbeschlusses fügt die Hamburger Staatsanwaltschaft diesen drei Rechtfertigungen noch ein viertes Argument hinzu, das als Frontalangriff auf die gesamte historische Forschung zur Geschichte der Deutschen Turnerschaft und insbesondere zu den dort nachgewiesenen personellen und ideologischen Kontinuitäten zwischen Völkischen und Nazis bezeichnet werden muss:

„Schließlich ist zu berücksichtigen, dass die beanstandeten Turnerkreuze bei Erbauung des Gebäudes – etwa um 1910 – entstanden und DAMIT weder ein historischer noch ein politischer Zusammenhang mit dem erst zu einem späteren Zeitpunkt gegründeten NSDAP, die das Hakenkreuz zu ihrem Parteisymbol machte, besteht.“

Eimsbüttel war um die Jahrhundertwende eine Hochburg der antisemitischen Bewegung in Hamburg. Der „Antisemitische Wahlverein zu Hamburg“ wurde am 25. Juli 1890 von dem Eimsbütteler Porzellanmaler Friedrich Raab „zur Förderung antisemitischer Anschauungen und Kandidaten“ gegründet. Dieser Wahlverein hatte 1894 rund 3000 Mitglieder, die überwiegend aus Eimsbüttel kamen. Zu seinen Massenveranstaltungen strömten bis zu 4000 Personen. 1894 entstand aus diesem Milieu der antisemitische „Deutschnationale Handlungsgehilfenverband“ der 1905 rund 75.000 Mitglieder hatte. 1891 wurde der rechtsradiale „Alldeutsche Verband“ gegründet, der gerade in Hamburg wegen seiner Agitation gegen den Helgoland-Sansibar-Vertrag großen Zulauf hatte.

Mit der Deutschsozialen Partei entstand im Gründungsjahr des ETV der Vorläufer der DNVP, die in vielen Punkten mit der NSDAP überein stimmte. (Weil die NSDAP 1924 in Hamburg noch nicht existierte, wurde damals schon tätigen DNVP-Mitgliedern 1933 rückwirkend der Status von „Alten Kämpfern“ zuerkannt). Einer der bekanntesten Gestalten der völkischen Bewegung in Hamburg war der Rechtsanwalt Alfred Jacobsen (1855-1929). Von jüdischen Anwälten als „Antisemitenhäuptling“ bezeichnet, saß Jacobsen Ende der 1890er Jahre in den Vorständen fast aller antisemitischen Organisationen, darunter auch im „Deutschnationalen Radfahrerverband“, der schon 1896 von seinen Mitgliedern einen „Ariernachweis“ verlangte. 1898 gründete Jacobsen zunächst den „Barmbecker Bürgerverein“ und dann den „Bürgerverein Eimsbüttel“. Alfred Jacobsen war ein Onkel von Adolf Jacobsen (1880 bis 1974), der zwischen 1915-1922 ETV-Chef war und auch ab 1933 an der Seite der NSDAP-Mitglieder Brose und Finn gerne die Rolle eines Chef-Ideologen spielte. Gemeinsam mit Robert Finn garantierte Jacobsen die völkische Kontinuität im ETVbis in die 1970er Jahre.

Die Hamburger Staatsanwaltschaft aber glaubt zu wissen, dass es zwischen „etwa 1910“ und der NS-Zeit „weder einen historischen noch einen politischen Zusammenhang“ gibt und entlastet mit DIESER unglaublichen Begründung den ETV! Offensichtlich können Hamburger Beamte solche krassen Positionen vertreten, ohne Ärger mit der schwarzgrünen Koalition und ihrem eloquenten Justizminister befürchten zu müssen.

• ANMERKUNGWoher die Staatsanwaltschaft ihr Wissen hat, bleibt unerwähnt. Sie beruft sich auf den „Augenschein“. Damit kann allerdings auch ein Seitenblick in die von ETV & Linkspartei bereit gehaltenen Papiere des erwähnten Professors Braun gemeint sein. Dieser interpretiert zunächst (wie andere schon vor ihm) das rechtsdrehende Breslauer Kreuz als „Windmühle“, um dann das ganz offensichtlich dem Breslaukreuz nachempfundene – lediglich abgerundete – rechtsdrehende Hakenkreuz des antisemitischen österreichischen DTB als Variante des christlichen Felsing-Kreuzes darzustellen, das von den Austria-Antisemiten 1889 bzw. 1909 angeblich so „umgestaltet“ wurde, dass es „dem ab 1920 von den Nazis geführten Hakenkreuz ähnelte“.

Darauf muss man wirklich erst kommen: Ein Symbol von 1889 bzw. 1909 ähnelt einem Symbol von 1920! Dass es genau umgekehrt ist – die Nazis haben das Symbol von den Völkischen – davon will auch die Linkspartei nichts wissen, die in ihrer Strafanzeige unter Berufung auf Braun ebenfalls die Geschichte so erzählt, als hätten die Akteure von 1889 bzw. 1909 sich bei denen von 1920 bedient: Laut Linkspartei stehen die Kreuze des ETV (von denen die Partei annimmt, dass sie von 1910 sind) „zwar anders als das offizielle Hakenkreuz der späteren NS-Organisationen“ nicht auf der Spitze, stellten aber „für jedermann erkennbar“ eine Variante des „originalen Hakenkreuzes“ dar“. Mit „originalen Hakenkreuz“ ist hier das NS-Hakenkreuz gemeint, denn mit dem beginnt für die Linkspartei der „Faschismus“.

Mit einem solchen Geschichtsbild im Kopf, das von der völkischen Hakenkreuzbegeisterung seit dem 19. Jahrhundert nichts weiß und aus politischen Gründen nichts wissen will, können Linskpartei & ETV nur der Staatsanwaltschaft zustimmen, die ebenfalls eine klare Trennlinie zieht: „Vielmehr übernahmen alle deutschen Turnvereine nach der Einführung des Reichsflaggengesetzes vom 15. September 1935 das von den Nationalsozialisten verwendete Hakenkreuz als alleiniges Symbol.“

Der bloße Augenschein zeigt, dass dieser Satz einem vom ETV verbreiteten Text des Prof. Braun entnommen ist. Dort heißt es: „Spätestens mit dem Reichsflaggengesetz vom 15. September 1935, das die Hakenkreuzfahne als alleinige Reichs- und Nationalfahne vorschrieb, ist in den Turnvereinen das Hakenkreuz als dominantes Symbol geführt worden.“

ETV und Staatsanwaltschaft

Bis Mitte Oktober 2009 dominierte beim ETV die Sprachregelung, bei den vier Symbolen könne es sich nicht um völkisch-antisemitische Gesinnungszeichen handeln, WEIL sie aus dem Jahr 1910 stammten. ETV-Funktionäre plauderten bei dieser Gelegenheit freizügig ihr Geschichtsbild aus. Noch am 18. Oktober 2009 behauptete der Vereinsvorsitzende Fechner: „Da das Hakenkreuz zu dieser Zeit noch nicht in einem antisemitischen Zusammenhang genutzt wurde, spricht vieles dafür, dass dieses Symbol kein Hakenkreuz ist“ (18.10.09). Gegen alle geschichtliche Evidenz wird also darauf bestanden, dass das Hakenkreuz am Anfang des 20. Jahrhunderts als Weltanschauungszeichen der völkischen Germanenideologie noch nicht bekannt gewesen sei.

Tatsächlich beginnt das germanischen Kontinuitätsdenkens schon fünfzig Jahre früher mit der „deutschen Altertumswissenschaft“. Zu der damit einher gehenden „Runen„-Begeisterung, gehörte auch die Entdeckung des Hakenkreuzes als „germanisches Heilszeichen“. In diesem Geist wurde auch das Gesamtensemble am Gebäude des ETV komponiert. Wie Fechner ist aber auch der ETV-Funktionär Stahl davon überzeugt, dass es zwischen der frühen Germanenideologie und dem Nationalsozialismus nicht die geringste Verbindung gibt:„Das Gebäude wurde vor 100 Jahren gebaut und nie mit der Nazi-Vergangenheit in Verbindung gebracht“ (Abendblatt, 20.11.09).

Wenige Wochen später räumte Fechner ein, dass es womöglich doch einen Zusammenhang geben könnte zwischen „etwa 1910“ und dem Nationalsozialismus. Allerdings wird dieses „Zugeständnis“ so krude formuliert, dass es schon wieder ins Gegenteil kippt: „Es ist durchaus möglich, dass die Nazis das Turnerkreuz zu ihren Zwecken missbraucht haben, zumal es in der deutschen Turnbewegung relevante antisemitische, nationalistische Strömungen gab“ (Die Welt, 26. November 2009).

Wie die Staatsanwälte, macht auch Fechner aus den links- und rechtsdrehenden Turnerhakenkreuzen am ETV-Gebäude „DAS Turnerkreuz“, um das es hier überhaupt nicht geht. Während Fechner aber neuerdings – anders als jetzt die Staatsanwaltschaft – zwischen den „antisemitischen, nationalistischen Strömungen“ im ETV und den links- und rechtsdrehenden Turnerhakenkreuzen immerhin einen möglichen Zusammenhang andeutet, stimmt er mit dieser wiederum darin überein, dass die Turnerhakenkreuze (die er „DAS Turnerkreuz“ nennt) von den Nazis nur GEGEN die Intention ihrer Schöpfer vereinnahmt werden konnten. All das sind völlig freihändige, der Abwehr dienende Spekulationen, die jedoch gerne von den Medien als Tatsachen kolportiert werden.

Die Rede vom Missbrauch der an sich guten Dinge durch die Nazis, gehört seit 1945 zu den Standards deutscher Rechtfertigungsreden. Auf Beweise kommt es da überhaupt nicht an: Auch der ETV weiß, dass es keine Protestnoten des Vereins gegen die „Vereinnahmung“ des „unpolitischen“ linksdrehenden Turnerkreuzes durch die „Deutschvölkischen Blättern“ (1914) oder des „unpolitischen“ rechtsdrehenden ETV-Turnerkreuzes durch den „Völkischen Beobachter“ (1923) gibt.

Die mythologische Dimension

Links- und rechtsdrehende Hakenkreuze und andere Runen gehörten schon vor über hundert Jahren zum Okkultismus völkischer Bewegungen. Sie sind Teil einer spekulativen Volkskunde, die glauben wollte, in der von ihr selbst erfundenen „altgermanischen Volkskultur“ sei das Geheimwissen der „Rasse“ bewahrt. Der synonyme Gebrauch von Germane, Deutscher und Arier und der damit verbundene Ausschluss der Juden, wurde auf diese Weise vorbereitet. Diese deutsche Mythologie steht seit 1835 am Beginn des germanischen Kontinuitätsdenkens. Einige Jahrzehnte später findet man diese erfundenen germanische Traditionen komplett beim ETV: den völkischen Kalender, den Heils-Gruß, die Runen, den Sonnenwendkult. Vieles davon wird im ETV bis zum Tod von Robert Finn tradiert. Danach rückt der Kult um die abgetretene Gründergeneration in den Mittelpunkt. Die Bewahrung der vier Symbole und des Soldatendenkmals sind Teil dieser Verteidigung des „Erbes“, das vor 2006 allerdings von niemand öffentlich in Frage gestellt wird. Die Kontinuitätsbemühungen sind so zum Signum des Vereins geworden.

Von all dem will die Hamburger Staatsanwaltschaft nichts wissen. Die mythologische Dimension der völkischen Symbole am ETV-Gebäude, die damit verbundenen Vorstellungen von der „Wiedergeburt des germanischen Volkes“, von „arischer Reinheit“ und „Lebensraum“, kommt in ihrem Text nicht vor, der eine Antwort auf einen Text der Linkspartei ist, in dem all dies ebenfalls nicht vorkommt. Wie der ETV landete auch die Staatsanwaltschaft bei der populären Vereinnahmungsthese, deren Umkehrschluss bekanntlich in dem Satz besteht, dass eine Sache, nur weil sie einst von den Nazis verwendet wurde, noch lange nicht schlecht sein muss.

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Staatsanwälte 1880
In Sachsen verdächtige 1880 die antisemitische Zeitung „Deutsche Reform“ den Juden Emil Lehmann Mitglied einer verschwörerischen „jüdischen Weltliga“ zu sein. Der Vorsteher der Dresdner Israelitischen Gemeinde hatte deshalb eine Anklageschrift wegen Beleidigung gegen den Verleger der „Deutschen Reform“ verfasst. Der Angeklagte brachte zur Rechtfertigung seiner Schrift „Die Judenfrage gegenüber dem deutschen Handel und Gewerbe“ ein „wissenschaftliches Gutachten“ des bekannten Antisemiten Rohling vor. Die Staatsanwaltschaft lehnte unter Bezugnahme auf Rohlings Autorität die Verfolgung der Klage ab und stellte heraus, die „Lehren des Talmud würden nicht herb genug kritisiert und müssten aus Gründen der Erhaltung des Staates und der guten Sitte mit der größten Entschiedenheit von jedermann bekämpft werden.“ (Matthias Piefel: Antisemitismus und völkische Bewegung im Königreich Sachsen, Göttingen 2004)

Staatsanwälte 1928
In den folgenden Jahren bis 1933 machte die Hamburger jüdische Gemeinde immer wieder Eingaben an die Behörden und den Senat, diese Hetzereien der Deutschvölkischen und Nazis zu bekämpfen bzw. die jüdischen Einrichtungen zu schützen. Der weiteren Entwicklung standen die jüdischen Gemeinden machtlos gegenüber. Wenn auch von Seiten des Senates und Polizei noch 1928 dem Bedauern Ausdruck verliehen wurde, wurden nach Aufhebung des „Radikalenerlasses“ gegen die NSDAP 1932 z.B. keine Strafverfolgungen durch die Staatsanwaltschaft, trotz namentlich bekannter Täter, mehr erlassen. (Ina Lorenz: Die Juden in Hamburg zur Zeit der Weimarer Republik Bd. 2, Hamburg 1987)

Staatsanwälte 1965
Dem beschuldigten Robert Ritter wurde vorgeworfen, daß er sich in zahlreichen Fällen in seiner damaligen Eigenschaft als Direktor des Reichsgesundheitsamtes im Rahmen von zahlreichen Reihenuntersuchungen von Zigeunern Mißhandlungen habe zuschulden kommen lassen, und daß er darüber hinaus auch für die Zwangssterilisierungen und die Verbringung von Zigeunern in Konzentrationslager, wo viele von ihnen den Tod fanden, verantwortlich sei“. Ritter bestritt, für die Zwangssterilisierung und die Verbringung von Zigeunern ins KZ sowie deren Tod verantwortlich zu sein. Das Ergebnis: Ritter ist unschuldig. „Schon seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus der damaligen Zeit beweisen eindeutig, daß der Beschuldigte sowohl den nazistischen Rasse-Doktrinen als auch der Anwendung irgendwelcher Gewaltmaßnahmen ablehnend gegenübergestanden hat“, urteilt Oberstaatsanwalt Kosterlitz in seiner Einstellungsverfügung.(Joachim S. Holtmann: „Persilscheine für den Schreibtischtäter“, Köln 1994)

Bundestag 2008
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy hat die Forderung der CDU-Fraktion, zum auf Blutsverwandschaft basierenden Staatsbürgerschaftsrecht zurückzukehren (“ius sanguinis”), als “im Kern völkische Ideologie” bezeichnet. Die “Extremismusexpertin” der Union, Kristina Köhler [jetzt: Schröder], forderte laut Welt Edathys Rücktritt. Interessant ist, zu welchen Anlässen die Kristina Köhler sich zu Wort meldet: Im Zuge des hessischen CDU-Wahlkampfschlagers “ausländische Jugendliche als Gewalttäter” behauptete Köhler in einer Pressemitteilung, es gebe einen zunehmenden “deutschfeindlichem Rassismus”, was auf ihrer Internet-Seite von zahlreichen völkischen Kommentatoren bejubelt wurde. (anti-NPD-Blog, 24. August 2008).

Staatsanwälte 2010
Walter Herrmann, ein Antisemit aus dem Umfeld der Kölner Friedensbewegung, betreibt direkt am Kölner Dom seit 1991 eine sogenannte „Klagemauer“. An Leinen und Stelltafeln hängen an diesem „Forum der Gegenöffentlichkeit“ Pappen und Zettel mit diversen „Friedensbotschaften“, die sich bevorzugt gegen Israel richten. Die Kölner „Klagemauer“ ist inzwischen zum Ausflugsziel für Schulklassen und grüne Ratsfraktionen geworden. Anfang 2010 hat Herrmann eine antisemitische Karikatur im „Stürmer“-Stil ausgestellt, auf der ein Mann, mit einem Davidstern auf der umgehängten Serviette und einem Glas Blut neben dem Teller, sich daranmacht, mit Messer und Gabel einen Palästinenserjungen zu verspeisen. Anzeigen mehrerer Bürger wollte die Staatsanwaltschaft nicht zulassen. Die Begründung stand im Kölner Stadt-Anzeiger: „Die Anzeigen von nicht-jüdischen Privatpersonen will die Staatsanwaltschaft nicht weiter verfolgen. Der Straftatbestand der Volksverhetzung setzt voraus, dass Teile der inländischen Bevölkerung selbst Betroffene sein müssten.“ Die Formulierung legt nahe, dass Juden nicht unbedingt zur inländischen Bevölkerung gehören und dass die Staatsanwaltschaft selbst festlegen will, wer von den vielen Klägern Jude ist. Auf jeden Fall kann nach Meinung der Staatsanwaltschaft als Antizionismus verkleideter Judenhass nur für Juden beleidigend sein. Nichtjuden sind in diesem Szenario, wie Herrmann im Kölner Stadt-Anzeiger zu Protokoll gab, nur als potentielle Antisemiten vorgesehen: „Nur meine ich, dass die israelische Politik in der Pflicht ist, alles zu vermeiden, was tiefsitzende antijüdische Ressentiments aufleben lässt.“ (13.03.2010)

Linkspartei 2010
Israels Staatspräsident sprach am Holocaust-Gedenktag (27. Januar) vor dem Bundestag. Schimon Peres ist der Sohn eines Holzhändlers aus der damals polnischen Stadt Wischnewa. Peres rief den Versammelten das Bild seines Großvaters, des Rabbiners Zwi Meltzer, vor Augen, „ein würdiger und schöner Mann“, der seiner Gemeinde in Wischnewa in die hölzerne Synagoge vorausging, bevor die Nazis sie anzündeten. Keiner überlebte. Als der Staatspräsident das Kaddisch sprach, das Gebet für die Toten, erhoben sich alle von ihren Plätzen. Außer den Linkspartei-Abgeordneten Sahra Wagenknecht und Christine Buchholz. Letztere erklärte dazu: „Ich klatsche nicht für ideologische Kriegsvorbereitungen.“ Das bezog sich auf Peres Warnung vor der iranischen Bombe. Die NPD gratuliert der Linkspartei zu dem „Tabubruch“. „Für die Einübung des aufrechten Ganges gehört ausnahmsweise einmal zwei Kommunistinen Dank ausgesprochen.“ (Frankfurter Rundschau, 28. Januar 2010)
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Wiedergutwerdung

Einige unserer besten Bürger/ Einst geschätzt als Judenwürger/ Jetzt geknebelt seht ihr schreiten/ Für das Recht der Minderheiten. – Doch dem Kreuz dort auf dem Laken/Fehlen heute ein paar Haken/ Da man mit den Zeiten lebt/ Sind die Haken überklebt.

(Bertolt Brecht: Der anachronistische Zug oder FREIHEIT und DEMOCRACY, 1947)
Oben: Körper der Nation. Hamburger Turnjugend 1939, Deutsches Turnfest 2009.


■ Die Linkspartei und der ETV

– Was will die Linkspartei mit dem „Hakenkreuz-Thema“?
– Wozu braucht die Linkspartei Sporthistoriker?
– Warum strebt sie eine Veranstaltung in dem „Haus mit dem Hakenkreuz“ an, gegen das ihre Anwälte geklagt hatten?


Vom ETV zur Linkspartei und zurück. Astrid Dahaba war 2002 noch Finanzreferentin beim ETV und stimmte für die Privatisierung des öffentlichen Sparbierplatzes. Heute sitzt sie für die Partei im Bezirksparlament von Eimsbüttel. 2007 führten Lothar Voss und Genossen wenige Wochen nach der Umbenennung der Robert-Finn-Halle eine
Art Soli-Veranstaltung mit dem ETV durch, den sie für ihre Massenbasis halten. Ihre größte Sorge in dieser Zeit war, dass wir von ihnen verlangen könnten, sich zum Thema Robert Finn zu verhalten. 2010 zieht es die Linkspartei ernneut in den Ehrenstein/Sparbiersaal des ETV. Man hat dem ETV gerade einen Super-Persilschein für die weitere Vergangenheitsentsorgung verschafft, und das ist eine gute Gelegenheit, um mit dem ETV über „Sport und Politik“ zu reden. [Die Veranstaltung wurde auf den 15.4.verschoben]

• Die Linkspartei auf der Suche nach Sporthistorikern


Politische Ökonomie der Aufmerksamkeit: In der Konkurrenz um öffentliche Wahrnehmung ist jedes Thema recht, das zu einer Schlagzeile führt.Verhütungsmittel vom Amt für Bewohner von „Problemvierteln“ fordern auch die SPD in Bremen und die FDP in Mecklenburg-Vorpommern (Spiegel 11/2010) – gegen die unkontrolliere Vermehrung der „Unterschicht“! (Auch der Sozialrassismus hat völkische Wurzeln). Mit dem Hakenkreuz-Thema dürfte sich die Linkspartei aber verspekuliert haben. Man wird damit zwar im Abendblatt erwähnt, weil die Ablehnung von Nazisymbolen zum postfaschistischen Konsens gehört (Exterritorialisierung des NS aus der deutschen Geschichte), aber je näher Staatsanwälte, Medien, Sporthistoriker und auch die Linkspartei selbst hinschauen, desto sicherer sind sie, dass es sich bei den ETV-Kreuzen um links- und rechtsdrehende Windmühlen handelt. 

Parteipolitik geht es nicht um historische Wahrheit und Aufklärung von verwickelten Zusammenhängen, Hintergründen und Machtkonstellationen, sondern ums Mitmachen bei den Machtspielen, um kleine Geländegewinne in der Angebotskonkurrenz. Das ist bei der Linkspartei nicht anders. 

Der Eimsbütteler Turnverband (ETV) mit seinen rund 10.000 Mitgliedern ist für diese Partei vor allem und in erster Linie eine „Zielgruppe“, zu der man sich ins Verhältnis setzt. Als die Linkspartei Ende 2009 am ETV-Gebäude zwei Hakenkreuze „entdeckte“, die sie seit Jahren kannte, hatte sie schon mehrfach auf anderen Wegen versucht, mit dem ETV ins Gespräch zu kommen. Dass sie dabei auf wenig Gegenliebe stieß, hat damit zu tun, dass die Eimsbüttler „Zivilgesellschaft“ schwarzrotgrün wählt und der ETV sich, wie immer in den letzten hundert Jahren, an die Mächtigen hält. Das „Hakenkreuz-Thema“ ist nun ein Versuch der Linkspartei, sich beim ETV in Erinnerung zu rufen und Anerkennung als Gesprächspartner zu erlangen. Immerhin hat die Linkspartei gezeigt, dass sie es nicht nur mit der Meldung „Linkspartei fordert Kondome für Hartz-IV-Empfänger“ in die Lokalmedien schafft. Im ETV war man davon nicht unbedingt begeistert, aber weil der Wunsch der Linkspartei nach etwas Anerkennung so deutlich ist, war schnell klar, dass man sich über den Modus der ohnehin überfälligen Wiedergutwerdung des ETV schnell einig werden kann. Vor allem hat der ETV erkannt, dass diese Partei sich als Sprecher-Alternative zu den langjährigen Kritikern der Privatisierungspolitik des ETV anbietet, die auf den Zusammenhangvon Vereinstradition und Geschäftspolitik insistieren.

Über Herkunft und „Bedeutung“ der vier völkischen Symbole am ETV-Gebäude und über den Diskurs im ETV über diese Zeichen bis in die jüngste Gegenwart weiß die Linkspartei nichts und sie muss darüber auch nichts wissen, weil diese Symbole für sie nur ein Anknüpfungspunkt sind. Von Beginn an hat die Partei daher nach „Historikern“ gerufen. Abgesehen davon, dass das sehr bewusst gegen unsere Recherchen gerichtet ist, weiß sie sich damit in Übereinstimmung mit einer Gesellschaft, die von Historikern vor allem eine professionelle Historisierung der „Vergangenheit“ erwartet. Der Ruf nach Historikern ist ein Gesellschaftsspiel, bei dem es darum geht, die Akteure & ihre Nachkommen herauszuhalten: Im ETV weiß man nicht nur alles über die eigene Geschichte, man bezieht sich bis heute auch immer wieder positiv darauf.

Unter den Historikern sind die Sporthistoriker eine ganz besondere Spezies. Die meisten von ihnen haben ihre berufliche Laufbahn auf Landes- oder Bundesebene im Umfeld der Sportverbände begonnen und sind diesen entsprechend verpflichtet. Nicht wenige sind zudem als Funktionäre der Verbände tätig. Eine zünftige nationale und patriotische Gesinnung ist hier ganz besonders ausgeprägt. Sporthistoriker wie Hans Joachim Teichler (Potsdam), Peter Kapustin (Leiter Sportwissenschaft an der Uni Würzburg) und Karl Lennartz (Leiter des Diem Archivs an der Sporthochschule Köln) tun sich mit der „Aufarbeitung der NS-Zeit“ ganz besonders schwer, und was die davor liegende völkische Vergangenheit betrifft, so können sie oft kaum verbergen, dass sie deren „Werte“ in vielen Aspekten teilen. Die „Erinnerungskultur im deutschen Sport“ ist ein ganz besonders düsteres Kapitel deutscher „Vergangenheitsbewältigung.“ Sie steht noch hinter der der Kirchen zurück.

Dass die Linkspartei bei ihrer Suche nach Sporthistorikern, die man zwischen sich und den Gegenstand des Parteiinteresses sowie zwischen uns und den ETV schieben kann, von alldem nichts wusste und bis heute nicht weiß, ist nur ein weiterer Hinweis auf ihr sachliches Desinteresse. Die Etablierung einer „Wissenschaft vom Sport“ beruht auf der Initiative völkischer Gruppen in den 1920er Jahren. Die Deutsche Hochschule für Leibeserziehung ist der direkte Vorläufer der NS-Reichsakademie für Leibeserziehung, ohne die es wiederum die heutigen Sportwissenschaftlichen Hochschuleinrichtungen nicht gäbe. Die Sporthistoriker, die wir lieber Turnforscher nennen, haben vor allem ein Problem mit der Vergangenheit der eigenen Zunft.

(1Gesucht und gefunden: Professor Harald Braun…


Prof. Dr. Harald Braun (links), auf den sich ETV und Linkspartei gleichermaßen berufen, gehört zum Milieu der Jahngesellschaft und trat als Redner bei der Halle-Leobener Burschenschaft Germania auf. 

… und die Burschenschaft Germania

Die vier völkischen Symbole an der ETV-Halle sind den Mitgliedern der Linkspartei seit vielen Jahren ebenso bekannt wie unsere Kritik daran. Doch Ende Oktober 2009 will diese Partei „mit Befremden“ erstmals festgestellt haben, dass dort „mehrere Symbole des NS-Regimes – zwei Hakenkreuze – öffentlich zur Schau gestellt werden.“ Auf diese völlig überraschende Entdeckung reagierte die Linkspartei ganz spontan mit einer medientauglichen Strafanzeige. Wenn traditionelle Linke in die Medienöffentlichkeit drängen, ziehen sie gerne die autoritäre Karte. Vom drohenden Atomtod bis zur Abrüstung – es brauchte und braucht immer einige Professoren, die als Erstunterzeichner bestätigen, dass die Wissenschaft es genauso sieht wie die Linke.

Der Linkspartei ging es bei der Suche nach einem Gewährsmanns vor allem darum, dieses weblog, von dem sie 99 % ihrer Informationen zum ETV hat, nicht zu zitieren. Zum einen, weil sie das „Hakenkreuz-Thema“ von der aktuellen Politik dieses Großvereins (Tradierungspraxis seit 1945, Privatisierung des Sparbierplatzes) abtrennen und es diesem heimatkundlich und bündnispolitisch aufbereitet zurückspielen will, zum anderen, weil wir genau dieses Praxis der Linkspartei seit Jahren kritisieren.

Ihren Gewährsmann hat die Linke dort gesucht, wo sie Turnforscher-Kompetenz vermutete: Auf der Homepage des Jahn-Museums. Die meisten Texte auf dieser Homepage stammen von dem Professor Harald Braun und von dem fand man auch schnell einen Text, der zu passen schien: „Der Turner/innen Gruß und Symbol“.

Dort heißt es: „Eine weitere Gestaltung der 4 F hatte sich der Breslauer Alte Turnverein ausgedacht: Es standen die F mit ihren unteren Enden gegeneinander, so daß die Form den Flügeln einer Windmühle ähnelte, sich aber bei den Turnern nicht durchsetzte (…) Das Felsingsche Kreuz, das sich inzwischen in der DT durchgesetzt hatte, wurde vom österreichischen DTB und der völkischen Bewegung so umgestaltet, daß es dem ab 1920 von den Nazis geführten Hakenkreuz ähnelte.“

Wegen dieser Sätze galt und gilt Braun vor allem dem ETV als Berufungsinstanz. Denn eines der vier völkischen Zeichen am ETV-Gebäude – das rechtsdrehende Turnerhakenkreuz – ist faktisch identisch mit dem von Braun als Windmühle bezeichneten Breslauer Kreuz. Das runde Turnerhakenkreuz aus Österreich führt Braun hingegen auf eine Umgestaltung des Felsingschen (christlichen) Turnerkreuzes zurück. Die Linkspartei, mit dem gehobenen Unsinn deutschnationaler Turnforscher nicht vertraut, interpretierte Braun so, als habe er das ETV-Kreuz nicht als Windmühle, sondern als Hakenkreuz interpretiert:

„Einem Gutachten des für den Deutschen Turner-Bund tätigen Historikers Prof. Dr. Braun zufolge wurde DAS [!] aus den vier F gebildete Hakenkreuz mit Ende des 19. Jahrhunderts von völkischen Turnerverbänden explizit als antisemitischen Erkennungszeichen genutzt.“

Bemerkenswert an diesem Satz, der dann auf zahlreichen Websites
im Umfeld der Linkspartei auftauchte (und zuletzt am 22.02.2010 in der Taz), ist die ausgesprochene Hochachtung vor einem, der für den Deutschen Turner-Bund und das Jahnmuseum unterwegs ist. Der deutschnationale und gegenaufklärerische Text wird gar zum „Gutachten“ verklärt.

Der Linkspartei geht es mit dem Jahnmuseum Brauns wie dem ETV mit Robert Finn und der Schmierölverteilung der NS-Kriegswirtschaft: Sie lesen es und denken sich nichts dabei! Beim Stichwort „Jahnmuseum“ klingelt es nicht bei diesen Linken, die Ernst Moritz Arndt für einen Freiheitskämpfer halten. An der Homepage dieses dubiosen Vereins fällt ihnen so wenig auf wie dem ETV, wenn er stolz berichtet, dass Finn Chef der deutschen „Schmierölversorgung“ war. Sie sehen da keinen Grund zur Skepsis und deshalb fällt ihnen auch nicht auf, dass Braun auf der selben Homepage zum Beispiel den Text „Jahn und die nationale Frage“ veröffentlicht hat – eine „Festrede“, die er am 19. Mai 2001 auf dem „Siftungsfest der Halle-Leobener Burschenschaft Germania Altherrenverband“ gehalten hat.

Die Halle-Leobener Burschenschaft Germania (HLB-Germania) ist eine extrem rechte Studentenverbindung. Bei ihrer Gründungsfeier im Jahr 1999 stellte der „Selbstschutz Sachsen-Anhalt“ die Ordner. Ein Mitglied des Altherrenverbandes verteidigt regelmäßig als Anwalt bekannte „Neonazis“ vor Gericht. Die Burschenschaft, die sich in einen „Germanenhaus“ versammelt, gehört zu den wenigen Fechter-Verbindungen.

Nur ein Jahr, bevor Braun dort seine Rede hielt, fand im „Germanenhaus“ ein Treffen von ca. 100 „Krawatten- und Stiefelnazis“ (Antifa Halle) statt, darunter u.a. Andreas Klang (Pressesprecher der „Jungen Landmannschaft Ostpreußen“), Steffen Hupka (ehemaliger NPD-Landesvorsitzender Sachsen-Anhalt und NPD-Schulungsleiter), Mirko Appelt (Führer des „Selbstschutz Sachsen-Anhalt“) und Sven Liebich („Blood & Honour, Betreiber des Ladengeschäftes „Midgard“ in Leipzig).

Die Linkspartei hat sich bis heute zu ihrer Bezugnahme auf einen „Turnforscher“, der in diesem Milieu referiert, nicht geäußert. Nach unseren Hinweisen hat nur die die website „Kein Platz für Nazis“ den Link zum Jahnmuseum und zum Turnerbund entfernt. Auf diversen anderen Seiten der Linkspartei (Schattenblick, Ex-Eims-Net..) wird er immer noch mitzitiert. Und selbstverständlich gilt auch im ETV dieser Professor immer noch als eine wichtige Legitimationsinstanz.

Dieser „Experte“ veröffentlichte auch am 29. April 1999 imHamburger Abendblatt „aus Anlass der Umbenennung der Jahn-Schule in Hamburg-Eimsbüttel“ ein „Plädoyer für Friedrich Ludwig Jahn“, in dem es u.a. heißt: „Was kann JAHN dafür, wenn die Nazis sein Werk für ihre verbrecherische Ideologie uminterpretierten? Ich konstatiere, daß die Absicht, der Hamburger Jahnschule einen neuen Namen zu geben, auf einer oberflächlichen Betrachtungsweise JAHNs und dessen einseitiger Ideologisierung in der NS-Zeit basiert.“

Im plakativen Medien-Antifachismus der Linkspartei beginnt und endet der „Faschismus“ mit den Nazis. Deren völkische Vorgänger kommen bei ihnen ebenso wenig vor, wie die völkischen Denkmuster der Gegenwart. Das hat mit der eigenen Nähe zu einigen dieser Konzeptionen zu tun. Die Linkspartei kann sich daher auf die Hermeneutik der vier völkischen Symbole am ETV-Gebäude nicht einlassen. Sie kann sie nur zu „Nazi-Zeichen“ machen und sich auf dieser Ebene mit dem ETV auf eine medial inszenierte Wiedergutwerdungspolitik einigen.


Kein Platz für Braun: Von den vielen Online-Medien im Umfeld der Linkspartei, hat nur das Portal „Kein Platz für Nazis“ nach unserer Intervention den Link zu Braun und zum Jahnmuseum im Text der Strafanzeige der Linkspartei gelöscht. Die Partei und ihre Anwälte haben sich dazu nie geäußert. Auch zu dem staatsoffiziellen Persilschein für den ETV, den ihre falsch begründete Strafanzeige bewirkt hat, schweigt die Hamburger Linkspartei seit über einem Monat. 

(2Gesucht und gefunden: Professor Lorenz Peiffer…


Der übliche Weg der Turnforscher: Vom Angestellten des Deutschen Turnerbundes ans Uni-Institut für Sportwissenschaft.

Am Anfang seiner Karriere war Lorenz Peiffer noch ein großer Jahn-Fan. Damals agitierte er die Schüler der Jahn-Schule, die heute nicht mehr so heißt, noch für das Deutsche Turnfest, das sie im Geiste Jahns begehen sollten. Gleich unter dem Artikel stand die Anzeige des ETV. Inzwischen hat Peiffer sich auf den Stand der deutschen Erinnerungskultur gebracht. Dazu gehört der Kampf für eine echte deutsche Wiedervereinigung auf sportlichen Gebiet und auch Kritik an Jahn. Die Linkspartei hätte auch jeden anderen Professor genommen. Gefragt wurden viele, darunter ein ehemaliger ETV-Historiker. Entscheidend ist ja auch nicht der Text, sondern der Subtext. Und der lautet: Hauptsache wir sitzen im ETV.

… und Hitlers übersteigerter Antisemitismus

In seiner Dissertation von 1974 über Die politische Stellung der Deutschen Turnerschaft in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg bis zu ihrer Auflösung 1936 hat Peiffer erhebliche Probleme, seine eigene gute Meinung von Vaterlandsliebe und „deutscher Einheit“ von den völkischen Positionen von Fichte, Arndt, Jahn und der Deutschen Turnerschaft (DT) abzugrenzen, was eine eigenartige Verwischung von Darstellung und Kommentar zu Folge hat. Den „nationalen Befreiungskampf“, den Jahns kampfwillige „Anti-Imps“ gegen die „napoleonische Fremdherrschaft“ führten, findet Peiffer grundsätzlich gut: „Das Turnen war in dieser Zeit ein Mittel der Wehrhaftmachung der Jugend, zu Befreiung des deutschen Volkes von der Fremdherrschaft.“

Dass dieser „Kampf um die deutsche Einheit“ ein reaktionärer Kampf gegen die Aufklärung und die soziale Befreiung im antifeudalen Sinn der Französischen Revolution war und dass sofort nach der „napoleonischen Fremdherrschaft“ in den Rheinprovinzen die mit dem Code civil eingeführte Freiheiten wieder abgeschafft wurden, wird nicht erwähnt.

Indem Peiffer die „napoleonische Fremdherrschaft“ als Ursache der völkischen Bewegung darstellt – diese Bewegung hat ihre Wurzeln in Wirklichkeit in der deutschen Romantik des 18. Jahrhunderts – erklärt er sein prinzipielles Verständnis für ihre Motive: „Hervorgerufen durch die napoleonische Fremdherrschaft gewann zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Nationalbewegung einen immer größeren Einfluss!“ „Die deutsche Nationalbewegung, gestützt auf die Ideen von Herder, Fichte und Arndt, sah in ihrem Kampf gegen die französische Fremdherrschaft zugleich einen Kampf um nationale Einheit.“

Peiffer ist klar, dass die Programmatik und Rhetorik der völkischen Turner 30 Jahre nach dem Nationalsozialismus oft etwas befremdlich klingt. Um das deutschnationale Motiv trotzdem zu retten, spricht er von einem Hang der Turner zu gewissen Übertreibungen, die aber angesichts der „napoleonischen Fremdherrschaft“ durchaus verständlich seien: „Unter Volkstum verstand Jahn anfänglich `das gemeine Gemeinsame des Volkes… seine Fortpflanzungsfähigkeit´. Unter dem Eindruck der napoleonische Fremdherrschaft verengte sich der Inhalt dieses Begriffes zusehends, Teutonismus und Deutschtümelei drangen in die nationalen Bestrebungen ein; eine übersteigerte Vaterlandsliebe führte zur Verachtung alles Fremden.“

Übersteigerte Vaterlandsliebe“ – das ist Peiffers begriffsloser Begriff für das rassistische und antisemitische Programm der völkischen Bewegung. Die „bedingungslose Opferbereitschaft der DT zur Rettung der deutschen Einheit“ und die „Erinnerung an den glanzvollen Aufstieg des Vaterlandes aus der napoleonische Fremdherrschaft, der bedingt war durch das einmütige Bekenntnis des deutschen Volkes zu Volk und Vaterland und zum deutschen Volkstum“, bewertet er positiv. Leider aber habe der „übersteigerte Nationalismus der DT“ diese oft „blind [gemacht] „gegenüber den politischen Realitäten: Sie verkannte die Situation Deutschlands nach dem Zusammenbruch…“

In der ständigen Wiederholung der Formel vom „übersteigerten Nationalismus“ bringt Peiffer vor allem seine eigene politische Position zum Ausdruck: deutschvölkische Einheit ja, aber unter Beachtung der „politischen Realitäten nach dem Zusammenbruch“. Dass Peiffer auch nicht davor zurück schreckt, von „Hitlers übersteigertem Antisemitismus“ zu sprechen, zeigt, wohin ihn sein Wille führt, die „an sich gute Idee“ von ihrer radikalen Konsequenz zu trennen.

Peiffers Dissertation entstand in einer Zeit, als man in der BRD von der „(leider) noch offenen deutschen Frage“ sprach, als man die noch bestehende Kontrolle der Siegermächte als Einschränkung der „politischen Selbstbestimmung der Deutschen“ beklagte, zugleich aber wegen der „politischen Realitäten nach dem Zusammenbruch“ bei der Forderung nach „nationaler Freiheit und Einheit“ vor „übersteigerten Nationalismus“ warnte und warnen musste. Wenn Peiffer sagt, die Turnerei sei „ungeachtet ihrer übersteigerten Vaterlandsliebe … ein wichtiger politischer Faktor in dem Bestreben nach nationaler Freiheit und Einheit und politischer Selbstbestimmung in Deutschland“ gewesen, so ist damit zugleich die Situation der 1970er Jahre gemeint und beschrieben: Die „Heimholung“ der DDR lag noch in weiter Ferne.

Peiffers Doktorväter in Braunschweig waren der Historiker Werner Pöls (Jahrgang 1926) und der Sportwissenschaftler Hannes Neumann (Jahrgang 1939). Pöls wurde 1970 Professor für Neuere Geschichte am 1927 als kulturwissenschaftliche Abteilung gegründeten Historischen Seminar der Uni Braunschweig. Dieser Fachbereich, der in der Weimarer Zeit bereits „Volkskunde“ betrieb, wurde 1933 endgültig zu einen Zentrum der völkischen „Germanenkunde“ („Deutsche Vor- und Frühgeschichte“). Der Fachbereich wurde bis in die 1950er Jahre von Ernst August Roloff geleitet, der zur Zeit der Weimarer Republik Abgeordneter und Fraktionsvorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) im Braunschweigischen Landtag war. Eine gewisse Tradierung dieser Prägung zeigte sich im Wirken des Christdemokraten Werner Pöls, der sich hauptsächlich mit den „Stimmen der Zeitgenossen“ zum „wilhelminischen Deutschland“ beschäftigte, um dann in den 1970er Jahren zwecks „Wahrung des Andenkens an den Staats mann Otto von Bismarck“ das „Bismarckarchiv“ in Friedrichsruh bei Aumühle im lauenburgischen Sachsenwald aufzubauen. In dieser Zeit entstand u.a. der von Pöls herausgegebene Sammelband „Staat und Gesellschaft im politischen Wandel“ mit einem Beitrag von Werner Conze: „Das Kaiserreich von 1871 als gegenwärtige Vergangenheit im Generationswechsel der deutschen Geschichtsschreibung.“ Der Historiker Conze (1910-1986) hatte sich zuerst 1934 mit der völkischen „Ostforschung“ und „Volks- und Kulturbodenforschung“ einen Namen gemacht. 1940 forderte er in diesem Zusammenhang die „Entjudung der Städte und Marktflecken“ im besetzten Polen.

Für nichts davon ist Lorenz Peiffer verantwortlich, aber es ist keine Frage, dass man im Umfeld dieses Historischen Seminars im Jahr 1974 mit einem klaren Bekenntnis zum „Kampf zur Befreiung des deutschen Volkes“ besser punkten konnte als mit einer Kritik daran.

In dem überschaubaren und Feld der Sportwissenschaft, das von Staat und Verbänden abhängig ist und seine Existenz ohnehin den Instituts-Gründungen der Völkischen und der Nazis verdankt, zählt bis heute ein Esprit de Corps. Ohne ein „nationales“ Bekenntnis konnte dort niemand etwas werden.

Peiffers Veröffentlichungsliste zeigt, dass er bis 1990 ein konformistischer Sportwissenschaftler war wie die meisten seiner Kollegen. Er schreibt für Verbandszeitschriften wie „Turnerjugend“, „Deutsches Turnen“ und „Jahrbuch der Turnkunst“, in denen Jahn wie gehabt als „Turnvater“ verehrt wird, über genau die Themen, über die viele Jahrzehnte vorher auch Julius Sparbier eifrig schrieb: „Turnen und Spielen mit Musik“, „Der Turnspielgedanke in Jahns System der ´Deutschen Turnkunst`“, „Schulsport und die Sportlehrerausbildung“, „Zur Turnkunst gehören sehr wesentlich die Turnspiele“.

Die Darstellung der nationalsozialistischen Sportpolitik als „Gleichschaltung“ ist der gemeinsame Nenner der postfaschistischen Sportwelt. Peiffer handelt „Von der Gleichschaltung zur Auflösung: Das Ende der Deutschen Turnerschaft“, von „Anspruch und Wirklichkeit nationalsozialistischer Sportpolitik“, schreibt besinnliche Rückblicke („175 Jahre Hasenheide – Stationen der deutschen Turnbewegung“) und macht „Anmerkungen zu den Schriften Carl Diems über ein von ihm persönlich erlebtes und mitgestaltetes Kapitel der jüngsten deutschen Sportgeschichte“.

Erst als 1990 unter dem völkischen Slogan „Wir sind ein Volk“ eine neue deutsche Nationalbewegung das Ende der Fremdherrschaft („Amis und Russen raus aus Deutschland“) fordert und die „nationale Einheit und politische Selbstbestimmung in Deutschland“ erneut verwirklicht wird, stellt sich bei den vaterländischen „Turnforschern“ eine neue Gelassenheit ein. Der Jahnkult hat sich jetzt erübrigt. Ein Beitrag Peiffers zur „Geschichte des Jüdischen Sports in Deutschland“ , in der er nicht den BEGRIFF des „deutschen Turnen“ erkennt, sondern sie als bloß „dunkles Kapitel“ einer ansonsten durchaus hellen „Sportgeschichte“ beschreibt, wird im nun souveränen Deutschland zum Ausweis zeitgemäßer Political Correctness: Lorenz Peiffer zählt im Turnforschermilieu jetzt zu den Progressiven.

Peiffers Bekenntnis von 1974 zu Volk, Vaterland und deutschem Volkstum findet HEUTE unter Titeln wie 20 Jahre Mauerfall: Wiedervereinigung auf ganzer Linie? Die Entwicklung des Sportvereins vor und nach der Wende“ statt. Peiffer entdeckt die „Entwicklung des Schulsports in der SBZ/DDR“ als Thema, erforscht im Auftrag des „Bundesinstituts für Sportwissenschaft“, das natürlich nicht staatlich gelenkt ist wie das „Sportsystem in der DDR“. die „Archive & Quellen zum Sport in der SBZ/DDR“, spricht auf Kongressen zum Thema „Getrennte Vergangenheit – gemeinsame Geschichte?“ über „Sportlichen Systemwettstreit“.

Als Folge einer „friedlichen Revolution“ im Namen der Blutsverwandschaft stehen nun „tiefgreifende Veränderungen an“. Im Osten ist eine „neue Sportvereinslandschaft“ entstanden. Die Frage: „Inwiefern unterscheidet sich diese von der in Westdeutschland?“ garantiert neue Drittmittel. Geklärt werden muss nun auch, ob man die Turn- und Sportfeste der DDR „in die Traditionslinie des Deutschen Turner-Bundes“ einreihen darf? Peiffer sieht hier ein Problem, aber die völkische Einheit seit 1990 sei auch eine Verpflichtung für den Sport. Der Vereinigung von oben muss die innere Einheit folgen, damit WIR wirklich EIN Volk werden. Okay, Jahn war nicht ganz okay, womöglich sogar ein übersteigerter Nationalist. Aber nach einer ziemlich glimpflich abgelaufenen Verwarnung durch die Alliierten im Mai 1945 wurde „Jahns Traum“ am Ende doch (wieder) wahr. Dazu gehört allerdings auch eine Linkspartei, die ihre Existenz doch ebenfalls der nationalen Einheit des Volkes der Deutschenverdankt und die, weil sie über die hier nur kurz angerissene Geschichte der deutschen Turnforscherei nicht wissen will, ausgerechnet im ETV-Clubheim Ehrenstein/Sparbiersaal zum Gespräch über „Sport und Politik“ lädt.

[Sport & Politik: Veranstaltung der Linkspartei mit Prof. Lorenz Peiffer im ETV am 15.4.2010]

Arbeitsgemeinschaft Neuengamme, 10. April 2010
Erneut Übergriff von Nazis auf KZ-Gedenkstätte


Nazi-Symbole an der Gedenkstätte. Bei dem hervorgehobenen Zeichen handelt es sich um eine jener völkischen „Runen“, die später in die NS-Emblematik eingingen. Es ist eine Variante der „Odil-Rune“, verwendet u.a. als Emblem der 7. Waffen-SS Freiwilligen Gebirgs-Division „Prinz Eugen“.

Am Ostermontag war das Mahnmal der KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit Hakenkreuzen, SS-Runen und antisemitischen Parolen großräumig besprüht worden. Nur wenige Tage später, wurde die Gedenkstätte am Ort des ehemaligen Neuengammer Frauen-Außenlagers Wandsbek mit Hakenkreuzen beschmiert. Am 31. August 1944 wurden 500 Frauen aus Polen, Russland, Slowenien, Belgien, den Niederlanden, Tschechien und Deutschland aus dem Konzentrationslager Ravensbrück zur Zwangsarbeit ins Außenlager Wandsbek gebracht.

■ Deutsche Erinnerungskultur am Beispiel des 8. Mai

Bei seiner „Vergangenheitsbewältigung“ kann der Eimsbütteler Turnverband auf ein fertig geschnürtes erinnerungspolitisches Komplettpaket zurückgreifen. Und auf das selbstgefällige Wohlwollen einer nicht nur lokalpatriotischen Zivilgesellschaft.


8. Mai 2010Linkes Bild: Anlässlich des 65. Jahrestags der Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands wurde auf dem Bürgersteig vor dem Haupteingang des Eimsbütteler Turnverbandes (ETV) dieses Graffito eingebracht. Der Text lautet: „1941-1942. Bundestr. 98 Turnhalle. In dieser Veranstaltungshalle war ein Lager für 385 ausländische Zwangsarbeiter, die in der Rüstungsindustrie arbeiten mussten. Im Hamburger Stadtgebiet gab es nahezu 1300 Zwangsarbeiterlager.“ Rechtes Bild: Am 9. Mai hat jemand, der zum ETV ging, die Schrift übermalt.

Deutsche Erinnerung (1)

Stern, 7. Mai 2010
Umfrage zum Weltkriegsende: 8. Mai? 
Knapp die Hälfte der Bundesbürger (45 Prozent) kann die Frage nicht beantworten, was am 8. Mai 1945 in Deutschland geschah. Das ergab eine Umfrage für stern.de. Besonders groß ist die Unwissenheit unter den Jüngeren: Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) der 18- bis 29-Jährigen wussten nicht, dass an dem Tag die Wehrmacht des Deutschen Reiches bedingungslos kapitulierten musste. Besser informiert sind die Ostdeutschen (nur 28 Prozent falsche Antwort). Schlecht informiert sind die Deutschen auch über die Zahl der sowjetischer Opfer. Nur 18 Prozent konnten richtig angeben, dass zwischen 1941 und 1945 weit mehr als 20 Millionen sowjetische Soldaten und Zivilisten von deutschen Truppen getötet wurden. Ein Gesprächsthema ist die deutsche Kapitulation in weiten Teilen der Bevölkerung nicht mehr. 26 Prozent, vor allem die Jüngeren, sagten, darüber würden sie in der Familie oder im Bekanntenkreis „so gut wie nie“ sprechen. Dass Deutschland aufgrund seiner Vergangenheit noch eine besondere Verpflichtung gegenüber den vor 70 Jahren Überfallenen hat, meinen nur 28 Prozent der Deutschen. Die große Mehrheit (69 Prozent) ist der Ansicht, die Deutschen könnten sich heute verhalten wie jedes andere Volk auch.

Deutsche Erinnerung (2)

Tagesspiegel, 07.05.2010
1985: Weizsäckers Rede zum 8. Mai – Beginn der deutschen „Wiedergutwerdung“ 

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit Richard von Weizsäcker als Bundespräsident jene Rede gehalten hat, die als 8.-Mai-Rede in den politisch-historischen Diskurs eingegangen ist. Ihre eigentliche Bedeutung ist erst heute richtig zu erkennen. Diese Rede lebt vor allem davon, dass sie als geläutertes Geschichtsbewusstsein [als Staatsräson] der Deutschen formulierte, was das Kollektiv, das Volk (im Westen, damals), sich eben noch sagen ließ. Die Zeit war, 40 Jahre nach dem Kriegsende, gerade eben reif dafür geworden. Die damals noch gar nicht vorhersehbare Bedeutung dieser Rede aller deutschen Reden liegt aber in Folgendem: Sie hatte die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der Beitritt der DDR zur BRD für unsere Nachbarn überhaupt akzeptabel wurde. Entscheidend dafür war folgender Satz:„Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns
alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.“
Hätten die Deutschen diese Aussage weiterhin bestritten, hätten sie die Selbstverteidigung der Länder, die Deutschland mit Krieg überzogen hatte, [weiter] moralisch abgewertet. Ohne diese Klarstellung hätten unsere Nachbarn 1990, fünf Jahre später, die [„Wir sind ein Volk“-] Vereinigung innerlich [!] nicht akzeptieren können. Schwer genug war es ihnen ohnehin gefallen, was man auch erst 20 Jahre später so deutlich nachlesen konnte.

Deutsche Erinnerung (3)

Weizsäcker und der ETV

Weizsäckers Rede von 1985 gilt heute als Beginn der „neuen deutschen Erinnerungskultur“. Die Botschaft der Rede bestand in einem abstrakten Schuldanerkenntnis, das zu nichts verpflichtete (zum Beispiel nicht zur Zwangsarbeiterentschädigung). Außer Hitler wurden keine deutschen Täter beim Namen genannt, es wurde auch keine nachholende juristische „Aufarbeitung“ angekündigt. Zahllose ehemalige Nazis saßen, während diese Rede gehalten wurde, im Bundestag und in anderen Institutionen. Um die Westdeutschen dazu zu überreden, einige in aller Welt bekannte Tatsachen wenigstens nicht öffentlich weiter bestreiten, würdigt Weizsäcker in seiner Rede ausführlich die „Opfer der Deutschen“. Ein 1985 offenkundig noch „problematischer“ Satz wie:
„Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, daß Deportationszüge rollten.“
(Helmut Schmidt soll dabei abwehrend mit den Augen gerollt haben), ist umrahmt von zahlreichen relativierenden Sätzen wie:

„Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen. [Kein Endsieg, sogar einige Juden hatten überlebt]. Die meisten Deutschen hatten [als Nazis und Mitläufer] geglaubt, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden. … Niemand wird umdieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. …
Wir gedenken heute in Trauer aller Toten des Krieges. [wie demnächst auch der ETV, der bisher nur um die Wehrmachtssoldaten trauerte] .. Als Deutsche gedenken wir in Trauer der eigenen Landsleute, die als Soldaten, bei den Fliegerangriffen in der Heimat, in Gefangenschaft und bei der Vertreibung ums Leben gekommen sind. … Kein fühlender Mensch erwartet von ihnen, ein Büßerhemd zu tragen, nur weil sie Deutsche sind… 
Am Ende blieb nur noch ein Volk übrig, um [durch Bombenbterror und die Leute im Führerbunker] gequält, geknechtet und geschändet zu werden: das eigene, das deutsche Volk. Heimatliebe eines Vertriebenen ist kein Revanchismus. … Es gab keine „Stunde Null“, aber wir hatten die Chance zu einem Neubeginn. Wir haben sie genutzt, so gut wir konnten… Es lastet, es blutet, daß zwei deutsche Staaten entstanden sind. Wir Deutsche sind ein Volk und eine Nation.“ 

Diese deutschvölkische Litanei gilt seit 1985 als Leitfaden für eine tugendhafte Wiedergutwerdung, die es dann in der Folge erlaubte – gleichsam als Resultat des Stolzes auf diese neue Moral – fünf Jahre später unter Weizsäckers Losung „Wir sind EIN VOLK“ den Anschluss der DDR unter dem Titel Wieder-Vereinigung durchzusetzen und so den 2. Weltkrieg (gerade gegen den „Osten“) doch noch zu gewinnen. Der westdeutsche Staat brauchte 40 Jahre, um sich und seine Bürger an deutsche Verbrechen (mit Ausnahme der Wehrmacht, die der Wehrmachtsoffizier Weizsäckers gerne ausklammerte) zu „erinnern“. Wie wenig diese Rede, die vor allem auf außenpolitische Wirkung und auf Einhaltung eines „politisch korrekten“ Sprechens der tonangebende Medien angelegt war, an der „Basis“ bewirkte, zeigt das Beispiel des Eimsbütteler Turnverbandes (ETV), der weitere 25 Jahre benötigte, um auf den Stand von 1985 zu kommen! Und zwar in jeder Hinsicht:

„Der Eimsbüttler Turnverein bedauert, dass er sich nicht schon viel früher mit seiner Geschichte auseinander gesetzt hat. So lautete der Tenor nach der letzten Delegiertenversammlung. `Wir tragen zwar keine Schuld an den Sünden der Vergangenheit, aber wir tragen Verantwortung für den Umgang mit der Geschichte des Vereins´“, betont Geschäftsführer Frank Fechner“ laut „Eimsbütteler Wochenblatt neuerdings in Weizsäcker`scher Diktion. Und zwar in jeder Hinsicht: Man räumt jetzt immer schon gewusste und von uns nur bekannt gemachte Tatsachen ein, z.B. dass es Zwangsarbeiter in den ETV-Hallen, spricht von „Verstrickungen während der Nazi-Zeit“ und kündigt zugleich an, ab sofort nicht mehr NUR den »gefallenen Kameraden« der Wehrmacht und Waffen-SS öffentlich zu gedenken, sondern nun auch ZUSÄTZLICH den „Millionen anderen Opfern von Faschismus und Rassismus.“

Deutsche Erinnerung (4)

Horst Köhler und die Eimsbüttler Linkspartei


Patriotische Befreiungskämpfer für die Linkspartei: Die völkischen Vorkämpfer Ernst-Moritz Arndt und Johann Gottlieb Fichte waren die Vorbilder von Sparbier, Bosse und Finn. Im Antifaschismus der Linkspartei kommen die Ideologien & Symbole der Völkischen nicht vor. In der Praxis schon.

Im Westen wurde der 8. Mai 1945 lange Zeit als ein Symbol einer Niederlage verstanden. Im allgemeinen Sprachgebrauch war der 8. Mai der «Tag der deutschen Kapitulation». Das entsprach ganz und gar der wirklichen Erinnerung der Tätergeneration. In der DDR wurde dieser Tag 1950 unter dem Slogan «Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus» zum gesetzlichen Feiertag. Das entsprach überhaupt nicht der Erinnerung der Tätergeneration, sondern war ein Entlastungsangebot der antifaschistischen Kader an genau diese Generation, mit der sie nun einen antifaschistisch-sozialistischen Staat aufbauen sollten. Eine höchst undankbare Aufgabe, die auf die Umerzieher selbst negativ zurück wirkte. Die DDR wurde so zum einzigen deutschen Staat, der sein Existenzsrecht nicht nur gegen äußere Gegner verteidigen musste, sondern auch gegen seine völkisch gesinnten Bürger, die er zugleich zur Mitarbeit bewegen musste. Die DEFA-Verfilmung von Heinrich Manns Roman Der Untertan (Wolfgang Staudte 1951) ist ein frühes Beispiel für dieses Dilemma. Das großartige Werk charakterisiert treffend die deutsche Mentalität, die man den Leuten nun austreiben wollte, während der Westen gegen den Film aus allen Rohren schoss.

Befreit wurde 1945 ganz gewiss nicht „das deutsche Volk“, sondern die von der deutschen Mehrheit Ausgegrenzten und Verfolgten, die überlebt hatten: Die Insassen von Konzentrationslagern, Ghettos und Gefängnissen, die vielen Zwangsarbeiter, die kommunistischen und sozialdemokratischen Antifaschisten und andere Oppositionelle. Es waren die alliierten Truppen, die dem systematischen Judenmord ein Ende setzten. Dafür ist den sowjetischen, amerikanischen, englischen und französischen Truppen zu danken.

IIm heutigen „Deutschland“ – die Staatsform „Republik“ wird kaum noch erwähnt – ist nun am 8. Mai allgemein vom «Tag der Befreiung» die Rede – der Befreiung vom „Wahnsinn der Hitler-Zeit“ und vom „Schrecken des Krieges„. Inzwischen ist es sogar üblich geworden, den 8. Mai als «Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus» darzustellen. Richard von Weizsäcker übernahm 1985 diese in der DDR übliche Bezeichnung, allerdings ohne den Anteil der Roten Armee zu erwähnen, gegen die er als Hitlers Wehrmachtsoffizier ausgezogen war: «Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft», erklärte Weizsäcker damals. Doch deswegen, so fügte er damals hinzu, werden wir noch lange nicht «vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten».

Spätestens 2005, am 60. Jahrestag der deutschen Kapitulation, war aus dem 8. Mai eine weitere Wiedervereinigungsfeier geworden. Bundespräsident Horst Köhler dankte den „Völkern“ dafür, dass sie, indem sie Deutschland „vom Nationalsozialismus befreit haben“ einen neuen Wiederaufstieg zur Weltmacht ermöglicht hatten. Nicht vergessen, mahnt er, aber vor allem stolz sein auf Erreichtes. „Deutschland“ habe seine Chance genutzt, und eben darauf käme es an:
„Zehn Millionen Waggonladungen Schutt und Asche“ hätten die (West-) Deutschen weggeräumt und dann seien sie „durch eigene Initiative und Leistung zu Wohlstand“ gekommen. „So gab es für die Bundesbürger immer mehr gute Gründe, ihr Land zu schätzen.“ Heute erkennen wir nun, „an wie viel Gutes wir Deutsche anknüpfen konnten“. Denn nicht allein der NS, sondern „unsere ganze Geschichte“ bestimme die „Identität unserer Nation“. (Ein Bild, das vor allem von der Neuen Rechten favorisiert wird, die gegen eine „Verengung“ des Geschichtsbildes auf diese zwölf Jahre polemisiert). Vor allem aber, so Köhler, hätten sich „die Deutschen inzwischen als Nation wiedergefunden“, denn: Deutsche „halten zusammen, wenn es darauf ankommt.“ Am Ende erweist sich, dass die Beseitigung des Kriegsverlierers Hitler ein wahrer Segen für eine Nation war: „Wir werden in der Welt geachtet und gebraucht. Die Bundeswehr hilft weltweit, den Frieden zu sichern und die Menschenrechte durchzusetzen.“ Ergo: „Wir haben heute guten Grund, stolz auf unser Land zu sein.“

Köhlers deutschvölkische Rede, die mit revanchistischen und antikommunistischen Passagen deftig gespickt war („Wir gedenken des Leids der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen, der vergewaltigten Frauen und der Opfer des Bombenkriegs gegen die deutsche Zivilbevölkerung. In der Sowjetischen Besatzungszone überschattete schweres Unrecht die Erfolge bei der Entnazifizierung“) kam 2005 nicht überall so gut an, wie bei den Leuten, die sich heute in der Eimsbüttler Linkspartei versammeln [*].

Politiker von Grünen und SPD zeigten sich enttäuscht: „Ich hätte mir ein bisschen weniger Nationalstolz und mehr Bescheidenheit an diesem 8. Mai gewünscht“, sagte die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth. „Geschichten aus dem Wiederaufbau ersetzen nicht die Auseinandersetzung mit Geschichte“, fand einer ihrer Kollegen und der Sozialdemokrat Gernot Erler monierte, dass Köhler „alle Opfer des NS-Regimes gleichgesetzt“ und nicht etwa zum 8. Mai gesprochen, sondern „eine Rede wie zum Tag der deutschen Einheit gehalten“ [Am 9. November wären diese Töne für Grüne und SPD okay]. Er habe diesen Tag genutzt, „um erneut mit seinen Appellen an den deutschen Nationalstolz Aufbruchstimmung zu erzeugen.“

Solche restkritischen Kommentare waren schon damals marginal. Köhlers Linie ist heute durchgesetzt. Die „neue deutsche Erinnerungskultur“ ist nur eine Variante des „unverkrampften Patriotismus“. Wo notorische „erinnerungspolitische“ Nachzügler wie der ETV noch etwas nachzuholen haben, können sie längst auf einen fix und fertigen Erinnerungs-Sixpack mit Gutwerdungsgarantie zurück greifen, der von diversen Dienstleistern günstig angeboten wird: Archivrecherche, Stolpersteine, Texttafeln, Denkmalschutz, standardisierte Formeln, Trennung von Gegenwart und Vergangenheit. Auch die Presse, die dann darüber berichtet, kann auf bewährte Textbausteine zurückgreifen. Außer der Einfügung des Namens „ETV“ muss man an diesen Texten kein Wort ändern.

[*] Der im April 2010 von der Linkspartei engagierte „patriotische“ Turnforscher Lorenz Peiffer, zitierte in seinem Vortrag zustimmend einen Auszug aus der Köhler-Rede von 2005, die er auch per Beamer an die Wand des „Sparbiersaals“ warf. Ihren Eigenbericht über diese Miniveranstaltung (13 Teilnehmer) hatte die Eimsbüttler Linkspartei zunächst mit einem unserer Fotos des ETV-Turnerhakenkreuzes vom Juni 2006 bebildert, um das – in der Folge antifaschistischer Proteste in den Jahren 2006 bis 2008 – inzwischen ziemlich ramponiert (also „umstritten“) aussehende Symbol nicht abbilden zu müssen und auch, um den Eindruck zu erwecken, sie habe sich bereits 2006 mit diesen völkischen Zeichen auseinander gesetzt.

Tatsächlich ging es der PDS/WASG damals vor allem darum, mit unserer Kritik an der „Tradition“ des ETV nicht in Verbindung gebracht zu werden, weil sie dort ihre „Massenbasis“ vermutet. Die Möglichkeit, dieses „Thema“ als Angebot an den ETV zu einer gemeinsamen Vergangenheitsbereinigung zu nutzen, sah sie damals noch nicht. Als wir der Linkspartei nun die Verwendung unserer Fotos aus genau diesem Grund untersagten, ersetzte sie es durch eine Abbildung des von Peiffer verwendeten Köhler-Zitats von 2005. Offenbar fand das die übergeordnete Parteileitung nicht so ganz passend (wahrscheinlich wegen einer anderen Passage, in der Köhler die Auslandseinsätze der Bundeswehr als Beispiel für eine gelungene Vergangenheitsbewältigung würdigt). Jedenfalls verschwand kurz darauf auch die Abbildung mit dem Köhler-Zitat, mit dem aber unter „Folien“ auf der Homepage der Eimsbüttler Linkspartei weiterhin für einen stolzdeutschen Patriotismus geworben wird.

Völkisch und national
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Titelseiten des Spiegel zwischen 1989 und 2009:
Das Volk siegt (46/1989), Berlin: Metropole von morgen (52/1989), Wann wird Deutschland souverän? (20/1990), Nach der Einheit: WeltmachtDeutschland? (40/1990), Deutschland und die Deutschen (27/1990), Die Deutschen und der Krieg (05/1990), Flüchtlinge – Aussiedler – Asylanten: Ansturm der Armen (37/1991), Bewundert – gefürchtet – beneidet: Die unbeliebten Deutschen (06/1992), Die neue Teilung: Deutsche gegen Deutsche (34/1992), 50 Jahre Stalingrad (37/1992), 1945-1995: 50 deutsche Jahre – Aufstieg aus Ruinen (01/1995), Schwachsinn Rechtschreibreform. RETTET DIE DEUTSCHE SPRACHE. Der Aufstand der Dichter (42/1996), Die Verlotterung der Sprache: Rettet dem Deutsch! (40/2006), DIE GERMANEN, unsere barbarischen Vorfahren(44/1996), Zu viele Ausländer? (48/1998), Die neuen deutschen Dichter(41/1999), Berlin – Baustelle der Nation (49/1996), Wer darf Deutscher werden? – Operation Doppelpass (02/1999), Großmacht Deutschland?(45/1999), Angriff auf den Wohlstand – Wie SPEKULANTEN das Leben immer teurer machen (24/2008. Eine ähnliche Darstellung fanden wir im „Stürmer“ vom April 1930), Deutsche an allen Fronten: die überforderte Armee (11/2002), Die Flucht – die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten (13/2002), Gen-Projekt Übermensch (39/1999), 300 Jahre Preußen (04/2001), Berlin – Comeback einer Weltstadt (12/2007), Die Deutschland-Party (25/2006), DIE NIBELUNGEN: auf den Spuren der deutschen Sage (20/2005), Der DeutschenReich: das Heilige Römische Reich Deutscher Nation – gegründet 962, untergegangen 1806 (32/2006), Die Welt des MITTELALTERS (44/2005),Deutsche Forschung: Zurück zur Weltspitze (42/2007), Sechzig deutsche Jahre (07/2009), Vor 200 Jahren – Als die Germanen das Römische Reich bezwangen – DIE GEBURT DER DEUTSCHEN (51/2008), Die wiedervereinigten Deutschen (40/2000). 

Die Zukunft der Vergangenheitsbewältigung
Dokumente und Kommentare zur Wiedergutwerdung des ETV

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Veröffentlicht unter ETV