FAQ - Frequently Asked Questions

und EM 2008

Die folgenden Reflexionen zur WM entstanden im Sommer 2006. Wegen des Umfangs dieses Teils unserer FAQ-Rubrik haben wir diese Dokumente und Kommentare nun auf eine eigene Seite ausgelagert.

Hätte unsere Initiative nicht die Fußball-Weltmeisterschaft besser nutzen sollen? 

(5. Juni 2006) – Wir wüßten schon, wie wir eine der erfolgreichsten Initiativen Hamburgs werden könnten. Eine evangelikale Klinik soll mit Unterstützung des Hamburger Rechtssenats auf einer öffentlichen Sportfreifläche gebaut werden. Könnte man nicht gerade jetzt, da wegen der WM Fußball ganz hoch im Kurs steht, die Fußballverbände und überhaupt die Fußballbegeisterung gegen Senat & den „diakonischen“ Agaplesion-Konzern mobilisieren? Immer wieder wurde dieser scheinbar naheliegende Gedanke an uns heran getragen. Unter anderem wurde uns vorgeschlagen, im Rahmen der WM ein „Benefizfußballfest“ für den Erhalt des öffentlichen Sparbiersportplatzes zu organisieren. Wir haben solche Vorschläge aus den folgenden Gründen verworfen: 

1. Das „Nutzen von Chancen“ gehört zu unserer Alltagswelt. Die Kategorien von Werbung, Marketing, Promotion sind uns so vertraut wie unseren Kontrahenten. Es gilt vielen daher als verständlich, dass auch wir „clever“ sein und alle Register ziehen wollen. 

2. Tatsächlich sind das jedoch nicht unsere Mittel. Der Agaplesion-Konzern und das Diakonie-Netzwerk kämpfen bei Bedarf mit harten Bandagen. Agaplesion hat zum Beispiel versucht, eine eigene Bürgerwehr aus CDU-Leuten gegen uns unter dem Titel „Gegen-Bürgerinitiative“ in Stellung zu bringen. Die ETV-Spitze hat uns denunziert, um von ihren Mauschelabkommen mit der Agaplesion AG abzulenken. Diese Mittel sind nicht unsere. Wir wollen NICHT mit allen Mitteln gewinnen! 

3. Senat & Agaplesion AG argumentieren gegen uns mit dem „Gesundheitsstandort Hamburg“. Wir können nicht umgekehrt lokalpatriotisch bzw. nationalistisch mit dem „Standortfaktor Fußball“ argumentieren. Wir wollen eine öffentliche Freifläche erhalten, nicht einen Vereinsplatz. Die Hamburger Fußballverbände sehen sich selbst als Standortfaktor. Das Verschwinden eines öffentlichen Platzes ohne Bandenwerbung ist nicht ihr Problem. Und überhaupt: Wir sind keine Pro-Fußball-Initiative! Es gibt Fußballer bei uns, aber das macht uns so wenig zur „Fußballer-Initiative“ wie die Beteiligung von Anwohnern uns zur „Anwohner-Initiative“ macht. Wir sind gegen die Bebauung des Sparbierplatzes, weil es sich bei diesem Platz um eine öffentliche Sportfreifläche handelt, deren Bedeutung zudem über diesen Nutzungszweck weit hinaus reicht, weil sie als riesige Freifläche ein Bedeutung für die lokale Lebensqualität hat. Dass dort heute meistens Fußball gespielt, ist eher nebensächlich und macht uns nicht zu Anwälten des Fußballsportes. Der Fußball gilt uns grundsätzlich nicht als ein instrumentalisierbares „Interesse“, an dem wir „anknüpfen“, um unser Anliegen besser begründen zu können. Man muss sich für Fußball überhaupt nicht interessieren, wenn man gegen die Bebauung einer öffentlichen Freifläche ist.
(In den 1920er Jahren und auch nach 1945 wurde auf dem Platz übrigens vor allem geturnt und gelaufen. Auch heute wird die riesige Fläche für Spiele, Jogging und internationale Feste genutzt).

4. Fahnenschwingende deutsche Gartenzwerge sind nicht die Leute, die sich für etwas anderes einsetzen als den Holzkohle-Nachschub für ihren Balkon-Grill. Umgekehrt: Weil es rund um diese kommunal-öffentliche Großfläche seit 2002 politischen Widerstand gegen deren Privatisierung gibt, sieht man hier auch keine Nationalfahnen. (Es gab rund um den Sparbierplatz während der WM nur 2 Deutschlandfahnen an den Fenstern. Aufgehängt wurden diese in der Hohen Weide 30 vom Nachwuchs der neuen Eigentümer des Häuserblocks Hohe Weide/ Gorch-Fock-Strasse /Bundesstraße (Alxeander Stuhlmann/HSH-Nodbank und Reinhard Wolf/Handelskammer). Eine weitere Fensterfahne gab es in der um die Ecke liegenden Bundestraße 99, aufgehängt von einem locker-patriotischen St.Pauli-Fan). Der nationalistische Charakter der „Fußball-Leidenschaft“ dieser Leute (Sport ist ihnen Medium & Vorwand, um stumpfen Nationalstolz legitim ausleben zu können) wird nicht zuletzt daran deutlich, dass sie sich für den frei zugänglichen, keinem Verein gehörenden, kostenlos nutzbaren öffentlichen Platz nicht interessieren.

Ein Publikum, das seinen politischen Verstand willentlich dazu nutzt, „Doitschland!, Doitschland!, Doitschland!“ und „Fiii-naaa-leee!“ zu grölen, möchte ja gerade von KONFLIKTEN – zum Beispiel von Auseinandersetzungen mit Senat & Diakonie – nichts wissen, weil solche Konflikte das Untertanen-Ideal einer deutschen Volksgemeinschaft, die keine streitenden Klassen und Parteien kennt und daher keine „Miesmacher“ duldet, in Frage stellen würde.

Die nationalistische Aufwallung während der WM wird danach wahrscheinlich zu mehr Nachfrage nach Fußballplätzen führen. Das wird trotzdem nichts an den Bebauungsplänen ändern, durch die dieser öffentliche Raum beseitigt werden wird. Im Gegenteil: Durch die Stärkung von Untertanengeist und die kollektive Beschwörung des „Gemeinschaftsdenkens“ werden gerade die Kräfte der Repression gestärkt – in diesem Fall der Rechtssenat und das „diakonische“ Netzwerk. Und in deren nationalem und neoliberalem Diskurs gilt der (staatlich finanzierte) „Investor“ als Modernisierer, der „Deutschland nach vorne bringt“. Genau das wollen ja alle anderen auch bei dieser WM.

„Beobachte, studiere, präge dir ein, was geschieht – morgen sieht es schon anders aus, morgen fühlst du es schon anders; halte fest, wie es eben jetzt sich kundgibt und wirkt.“ (Victor Klemperer)


„Zwerge im Fußballfieber. Spar-Set ab 29.99. Mit Trikot in Deutschlandfarben. Stahlrohrfahnenmast, 6,2 m hoch: 49,99. Mit Fahne im Set: 69,99.“ (OBI)

Oben: „Deutschland im Fußballfieber“ – Lachen im Börsenblatt über deutschlandstolze Hartz-4-Empfänger (Karrikatur aus der FAZ, 12.6.). Unten: Die Karrikatur noch übertroffen: Glotze & Grill beim Spiel BRD:Polen auf die Bundestraße gestellt (Hamburg-Eimsbüttel, 200 Meter vom Sparbierplatz entfernt).

(Ausriss aus FAZ, 17.6.06) Man macht zwar Witze über Hartz-4-Empfänger, die hoffen, durch heftige Bekenntnisse zum Kollektiv ihrer Überflüssigkeit zu entkommen, aber diesmal sind die Eliten und gutsituierten Mittelschichten selbst vornweg dabei. An ihren schwarzen Limousinen und teuren Offroad-Fahrzeugen wirken die Deutschlandfahnen (am besten auf beiden Seiten!) wie wirkliche Hoheitszeichen, jedenfalls viel beeindruckender als an einem kleinen Opel Corsa mit Rostbeulen. SIE sind wirklich Deutschland und SIE können den „Patriotismus“ gut dossieren, von dem SIE am meisten haben. Aber völlig einverstanden sind da längst nicht alle. So rügt diese Leserin der rechtsbürgerlichen FAZ (die täglich eine WM-Beilage bietet) ihr Blatt dafür, mit Fußball von den nationalen Problemen abzulenken. Zur gleichen Zeit hofft die Hamburger Morgenpost am 22. Juni: „Ein Land im Rausch. Folgt der kollektiven Ekstase der wirtschaftliche Aufschwung?“. Die eine findet also, dass das Wedeln mit Nationalfahnen in Wirklichkeit Drückerbergerei ist. Die anderen hoffen, wer heute mit Fähnchen winkt, arbeitet morgen nicht mehr für Lohn, sondern für Deutschland. Wo es nur solche „Alternativen“ gibt, sieht es schlecht aus für jedes Engagement gegen den Untertanengeist. In DIESEM Milieu haben die Kräfte der Gegenaufklärung – und dazu gehören seit jeher Kirche & Diakonie – die besseren Karten. 


Links: Rein sportlich – Beflaggung in Berlin zur Olympiade 1936. Mitte: Extrem verkrampfter Patriotismus: Beflaggung (mit leerem Signifikanten) in Berlin am 8. Mai 1945. Rechts: Erste Lockerungsübung mit Helmut Kohl, Berlin 1990

(2006) Links: Unpolitische Fußballfreunde schwenken die Fahne des FC BRD. Sie wollen damit nur ihre sportlichen Präferenzen ausdrücken. So steht es jedenfalls im Feuilleton. Mitte: Eine Baufirma hüllte im Hamburger Schanzenviertel eine ganze Fassade in Schwarz-Rot-Gold. Leute, die bei diesem Thema keinen Spaß verstehen, haben durch die Entfernung von GELB die Aussage modifiziert. Rechts: Testbild – wie unverkrampft ist der neuste Patriotismus wirklich? 

http://www.abendblatt.de/daten/2006/06/24/577965.html
http://www.taz.de/pt/2006/06/27/a0306.1/text
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,423782,00.html
http://www.puk.de/gegenstrom/start/content/reader/reader-final.html

Natürlich National


Ausriss aus der BILD-Zeitung vom 20. Juni 2006

Deutsches "Nationalgefühl" soll 60 Jahre lang "verkrampft" gewesen sein. Zwischen 1933 und 1945 war es unverkrampft, allerdings etwas zu unverkrampft. Man spricht in diesem Fall nicht von National-GEFÜHL, sondern von National-ISMUS. Jetzt aber soll es wieder ein optimales National-Gefühl geben, das als "unverkrampfter Patriotismus" bezeichnet wird. Warum aber braucht der Mensch überhaupt einen Patriot-Ismus, National-Ismus bzw. ein National-Gefühl? Der Spiegel-Redakteur Matussek, von dem dieses Zitat stammt, hat es in BILD verraten: Die Liebe zur Nation ist NATÜRLICH. Jeder Ameisenstaat beweist das. 

„Deutschlandlied“

Als Zehntausende im Stadion, auf der Fanmeile oder im Garten des Ecklokals anfingen, lauthals die Nationalhymne zu singen, wurde in den ersten Tagen selbst einigen jener Zeitgenossen noch etwas mulmig, die ihr Fähnchen schon in den Wind gehängt hatten. Aber nicht mitzusingen, konnte sich zumindest im Stadion bald niemand mehr erlauben. Kurze Zeit später boomte die ZDF-Teletext-Seite mit dem Hymnentext. 

"Deutschland wäre nicht Deutschland, wenn die sich in nationale Symbolik kleidende Begeisterung für Sport nicht doch noch bei Bedenkenträgern alte Ängste wiederbelebt hätte. So wärmte die GEW ihre schon verstaubte Kritik an der Nationalhymne aus der Wendezeit 1989/90 wieder auf: Im "furchtbaren Loblied auf die deutsche Nation" lebten Traditionslinien aus finsteren nationalistischen Zeiten fort. Solch hanebüchenden Unsinn hat man tatsächlich schon lange nicht mehr vernommen." (F.A.Z. 16.6.2006, Titelkommentar)


Phantasma im vorpolitischen Raum: Ein Volk, ein Herz, ein Traum. Der Welt ein Meister sein.

„Teamgeist 82 Millionen“ – Rückseite des offiziellen „Danke Deutschland“-T-Shirts. Die Größe „82 Millionen“ wird bewusst ins Zentrum gerückt; sie wird verglichen mit 61 Mio. Franzosen, 57 Mio. Italienern, 50 Mio. Engländern, 38 Mio. Polen, 13 Mio. Niederlländern und 10 Mio. Tschechen. Jüngeren stellte sich durchaus die Frage: „Was bedeutet die Zahl 82 auf dem Shirt unserer Nationalmannschaft?“ Geklärt wurde sie u.a. in einem Forum unter http/de.answers.yahoo.com/question/?:
Dabei stellte sich heraus, dass „82 Mio.die Zahl derjenigen ist, die ihre Jungs während der WM unterstützt haben“ und dass „Deutschland mit über 82 Millionen Einwohnern nach Russland der bevölkerungsreichste Staat Europas“ ist. Kurz & gut: „Das sind die 82 Millionen Fans von der deutschen Mannschaft.“ Nur einem fiel ein, dass vielleicht nicht alle hinter „unseren Jungs“ stehen könnten: „Die haben wohl eine Million Deutsche weg gelassen, weil es gibt ja immer so Querköpfe, die Deutschland nicht unterstützt haben.“ 

Inklusion und Exklusion 

Obwohl diese WM das mit Abstand am stärksten politisierte Sportereignis seit Jahrzehnten war, wurde auf Kritik zunächst geantwortet, es sei doch alles nur ein Spiel. Auf diese Weise wurde, allerdings nur in den ersten Tagen, der emotionale Mehrwert geleugnet, den fahnenschwingende „Sportsfreunde“ aus dem Ereignis ziehen wollen: 

Zum Beispiel die Lust, andere zu demütigen:

Sprechchöre/Parolen/Gesänge:

• «Ihr seid ja nur die Möbellieferanten» (Spechchöre im Spiel gegen Schweden, AP-Meldung, 26.6.06)

• «Ihr seid ja nur die Pizza-Lieferanten» (Spechchöre im Spiel gegen Italien, Bild-Zeitung, 5.7.06)

• „Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin“
• „Steht auf wenn Ihr Deutsche seid“
• „Sieg!“ (ein gedachtes „Heil“ wird durch einen Trommelschlag ersetzt, so z.B. beim Spiel Deutschland gegen Schweden am 24.6.06)

http://www.bigsoccer.com/forum, 4. Juli 2006
• GERMAN SONGS
– „Grand March“. In German language the song is called „Triumphmarsch“.
– „Steh auf wenn Du ein Deutscher bist“ is sung to the melody of Petshop Boys „Go West“.
– Very common song to celebrate victories in knockoutstages, or hoping to go to the final is: „Fi-na-le, oh ho“ to the melody of „Volare“.
„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“ is just a chant. It means, as you might have expected: „Berlin, Berlin, we´re going to Berlin“.
— I just realize, that there´s a difference between english and german fan culture. The english sometimes sing real long songs, while the germans do more chanting and clapping. Songs are mostly one liners. The most used at NT games is a simple„Deutschland, Deutschland, Deutschland, Deutschland“ to a melody you will pick up easyly.

Zum Beispiel die Lust, andere unter Druck setzen oder ihnen offen zu drohen: 

• „IN: Grillgemeinschaft auf dem Balkon mit Nachbarn. OUT: Immer noch keine Auto-Fahne haben. Nur Spielverderber fahren ohne.“ (In/Out-Tabelle der Bild-Zeitung vom 5.7.2006)

• SCHLUSS MIT TABUS! Wir dürfen jetzt Deutschlandfahnen ans Auto heften. Müssen wir uns da noch länger das Wort Negerkuss verbieten lassen? Christian Thielemann, Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker und Dirigent des diesjährigen „Ring der Nibelungen“ in Bayreuth sagte kürzlich in der ZEIT: “ Es ist doch idiotisch, dass als ausländerfeindlich gilt, wer Negerkuss sagt! Also mich freut dieses Aufgerütteltwerden genauso, wie mich die Fußball-WM freut: Endlich sind wir mal ein bisschen unverkrampfter.“

• Gegen MIESMACHER, NÖRGLER, BEDENKENTRÄGER, NESTBESCHMUTZER, KRITIKER, VOLKSFEINDE, BESSERWISSER, SPIELVERDERBER, VATERLANDSVERRÄTER, SCHWARZ-ROT-GOLD-ALLERGIKER, DEUTSCHLAND-IN-DEN-DRECK- ZIEHER: „Die jubelnden Fußballfans mit auf die Stirn gemalten Deutschlandfarben scheren sich nicht um alberne Patriotismusdebatten. Da ist das gemeine Volk wohl schon weiter als sämtliche Mahner zusammmen. Wenn es allerdings durch die Weltmeisterschaft gelänge, auch verdruckste Funktionäre von der Lehrergewerkschaft in diese Gesellschaft zu integrieren, wäre das schon ein bemerkenswerter Erfolg“. (FAZ 17. Juni 2006) „Die Deutschen haben es allen Nörgelern und Bedenkenträgern kräftig gezeigt. Deutschland muß nach der WM endlich zur No-Go-Area werden. Für all die Miesmacher, die alles besser wissen …“ (Bild, 5. Juli 2006) „Sollen doch die knurrigen Besserwisser allein zu Haus vor dem Fernseher hocken, um kritisch zu analysieren und ihre apodiktische Meinung unter die Leute zu bringen – atmosphärisch bestimmen jene den Festverlauf, die gönnen können.“ (FAZ, 10.6.2006)


FAZ, 11.Juli 2006


BILD, 20. Juni 2006


FAZ, 16. Juni 2006


(FAZ, 7.Juli 2006, Titelkommentar) Die „Elite“ ist fasziniert davon, wie die medial mobilisierte Masse die „Miesmacher“ hinweg fegt. Nicht mit Texten, sondern auf der Straße – mit Fahnen & Gebrüll. Wenigstens für den Moment möchte da der Schreiber des distinguierten rechtsbürgerlichen Blattes zur Masse gehören und nach 60 Jahren selbst das deutsche Brüllen wieder einüben. Die Gleichzeitigkeit von Anbiederung und Führunsganspruch schlägt sich in diesem Fall auffällig in der Frakturschrift-Variante von „Fan“ nieder. 

(FAZ, 6. Juli 2006) Unübersehbar: Patrioten suchen als schwache, autoritäsfixierte Persönlichkeiten die freiwillige Unterwerfung und wollen umittelbar zum Körper der Nation werden, die ihnen Macht über andere verleihen soll. 

FAZ, 16. Juni 2006: Hohn und Spott für jene, die sich bedroht fühlen, dominieren die Kommentare von Taz bis Faz. Der aggressive Ton soll zugleich davon ablenken, dass die „Miesmacher“, gegen die ständig mobilisiert wird, angesichts der gelungenen Gleichschaltung und Selbstgleichschaltung öffentlich praktisch nicht sichtbar sind. Man muss sich daher Feinde erfinden, um den eigenen Konformismus unsichtbar zu machen. Zugleich beginnt der Konformist nach den Abweichlern zu fahnden: „Irgendwo müssen sie sich doch versteckt halten!“ Es beruhigt den Mitmacher nicht, wenn er eine 99-Prozent-Mehrheit hat. Erst wenn der letzte Zweifler gestellt ist, ist auch der eigene Zweifel überwunden, der sich manchmal noch aus dem Unterbewußtsein meldet. 

FAZ, 7. Juli 2006: Die Behauptung, die Deutschlandfahnen seien nur Fußballfahnen und es ginge hier doch nur um Sport, wurde in den ersten Tagen gegen kritische Einwände vorgebracht. Dass es tatsächlich um die Feier der nationalen Zwangsgemeinschaft ging, wurde dann aber offen gesagt. Dieses Sich-Einreihen wird als Glückserfahrung verbucht. 

Das Gesicht der Niederlage

Doch dann wird durch eine Niederlage gegen Italien deutlich, dass der ganze bisherige „Enthusiasmus“ auf der Ansicht gründete, die (aus Desinteresse am Republikanischen nur „Deutschland“ genannte)BRD habe eine Art Naturrecht auf den EndsiegSchwarz-rot-goldene Partylaune und Fanmeilen liefen rund, solange es Siege zu feiern gab und solange die Verlierer – die anderen also – trotzdem gute Laune beisteuerten. All das änderte sich schlagartig mit dem Sieg der Republik Italien: „Nach dem bitteren Sekunden-Tod des schwarz-rot-goldenen WM-Titeltraumes spielten sich vor den Augen der höchsten deutschen Volksvertreter herzzerreißende Szenen ab.“ (dpa, 5.7.) 

4. Juli 2006: Das „Wunder“ von Dortmund

Kurier (Österreich), 3.7.2007
■ DIE WELT ZITTERT WIEDER VOR DEUTSCHLAND
Der deutsche Teammanager Oliver Bierhoff strotzt nach dem Einzug ins Halbfinale vor Selbstbewusstsein. Er ist von einem Erfolg gegen Angstgegner Italien überzeugt.
Trotz des Angstgegners Italien glaubt ganz Fußball-Deutschland jetzt felsenfest an den ganz großen WM-Triumph. „Italien ist schlagbar so wie Argentinien. Man stürmt jetzt Richtung Finale“, erklärte selbst WM-Chef Franz Beckenbauer. „Die Welt hat wieder Angst vor der deutschen Mannschaft“, erklärte Teammanager Oliver Bierhoff mit breiter Brust. Co-Trainer Joachim Löw fügte nach dem WM-Aus der Brasilianer und den damit rein europäischen Halbfinal-Spielen scherzhaft an: „Weltmeister sind wir vor zwei Tagen geworden, jetzt wollen wir noch Europameister werden.“ Am Dienstag soll im „Wohnzimmer“ Dortmund, wo eine DFB-Elf noch nie ein Länderspiel verloren hat, zunächst die nächste schwarze Serie beerdigt werden.„Jetzt nehmen wir uns Italien vor“, verkündete Klinsmann-Assistent Andreas Köpke.

■ JEDOCH:
Dänemark/Jyllands-Posten: „Italienische Klasse beendete die deutsche WM-Party“. Polen/Rzeczpospolita: „Die Deutschen stehen unter Schock“. Frankreich/L’Equipe: „Italien zerbricht den deutschen Traum“. UK/Guardian: „Die Party ist aus für Deutschland“. Schweiz/Blick: „Ein Schuss mitten ins Herz der schwarz-rot-goldenen Fußball-Party.“ Schweden/ Svenska Dagbladet: „Die Deutschen erwartet nun gigantischer, landesweiter Kater.“ Argentinien/Olé: „Schweig, Deutschland.“ Schweiz/ Basler Zeitung: „So stürzten die Italiener die Deutschen aus allen Träumen.“ Norwegen/ Dagbladet: „Stille Nacht in Deutschland“. Le Figaro: „Italien löscht im Hexenkessel von Dortmund den Traum der Deutschen aus.“ Niederlande/Telegraaf: „Italien schießt deutschen Traum in Fetzen. DANKE ITALIEN!

Kurz darauf: Schon wieder verkrampft:

Jetzt ist der Frust zu Gast in Deutschland: Die Fanmeilen sind seither verwaist. Schon unmittelbar nach der Niederlage gegen Italien verschwinden die Jubeldeutschen sofort von der Bildfläche – schweigend und einzeln geht´s nach Haus. Denn ohne deutschen Sieg gibt es nichts zu feiern, weil der Sport für die meisten nur eine gute Gelegenheit für etwas ganz anderes war. Massive Polizeipräsenz und monatelanger öffentlicher Benimm-Unterricht (Deutschland muss einen guten Eindruck machen) sorgen jedoch dafür, dass der losgelassene nationale Fanatismus auch nach einer Niederlage unter Kontrolle bleibt. Mit einigen Ausnahmen:

Depression: «Fii-naa-lee, ooo-hoo, Fii-naa-lee!» In Berlin fieberte eine Million Menschen mit. In Hamburg sangen sich 70.000 Leute auf dem Heiligengeistfeld in Stimmung. Einige tausend, die nicht mehr hereinpassten, konnten auf eine weitere Leinwand an der Reeperbahn ausweichen. In Frankfurt drängten sich 60.000 Fans vor den drei Riesenbildschirmen der Main-Arena. Doch ein Doppelschlag der Italiener in den beiden letzten Minuten der Verlängerung ließ Deutschlands Traum vom Weltmeistertitel platzen. Auf den WM-Festen ist die Siegesgewissheit der Traurigkeit gewichen. Die 0:2-Niederlage stürzte die Massen in die Tristesse. Schon nach dem 0:1 breiteten sich vor den Großbildleinwänden Entsetzen und Stille aus. An der Main-Arena in Frankfurt mit ihren drei Riesenbildschirmen hatten schätzungsweise 60.000 Zuschauer den Sieg Italiens über die deutsche Mannschaft verfolgt. Als das erste Tor für die Azuros fiel, herrschte auf den Tribünen plötzlich Stille. Jedes Fanfest endete in einem Tränenmeer. Mancher versteckte seine Gefühle unter einen großen Deutschland-Fahne. Auch im Frankfurter Stadion, wo rund 35 000 Menschen das Spiel auf dem Bildschirm sahen, machte sich ungläubiges Entsetzen breit. Einige Zuschauer verließen die Arena schon vor dem Abpfiff, andere blieben fassungslos sitzen oder weinten. Die ausgelassene Stimmung nahm überall ein jähes Ende, als Italien das Spiel mit 2:0 für sich entschied. Überall breitet sichlähmendes Entsetzen aus. Die Fans sind meist verstummt und ziehen frustriert nach Hause. Menschen, die sich eben noch vor Anspannung die deutsche Fahne vors Gesicht gehalten hatten, starrten plötzlich schweigend vor sich hin, viele mit Tränen in den Augen. In Berlin leerte sich die Fanmeile schnell. Bis auf kleinere Rangeleien und herbe Sprüche zogen die meisten friedlich davon. Zirka 2000 Menschen waren vor die Großbildleinwand in Potsdam gekommen. Als die 0:2 Pleite nach 120 Minuten feststand, herrschte auf dem Platz betretene Stille. Siegesgewissheit wich Frustration. Deutsche und italienische Nationalflaggen wurden verbrannt.
(alle Sätze sind Zitate aus dpa-Meldungen) 


Alles unter Kontrolle auf der Fan-Meile. Risikobegrenzung durch Erziehung zum idealen Staatsbürger: Die Aufrufe zum „unverkrampften“ Nationalismus werden durch massive Polizei-Präsenz (250.000 Beamte plus 100.000 Mitarbeiter von Sicherheistdiensten) so ausbalanciert, dass am Ende das erwünschte Deutschlandbild entsteht.

Italien/La Repubblica, 10.7.2006:
„Einmal abgesehen von Italien und Frankreich – was wird uns wirklich von diesen Weltmeisterschaften 2006 in Erinnerung bleiben? Die deutsche Menschenmenge etwa. Ein diszipliniertes Meer von Fans. Sie wirken immer so, als hätten sie eine natürliche Fernbedienung. Die Furcht, die daraus entsteht, ist, in wessen Händen der Kontrollknopf letztlich landet.“ 

Offene Aggression: Die Medien haben offensichtlich kein Interesse daran, die prächtige nationale Stimmung durch Meldungen über deutsche Gewalt zu ruinieren. Polizeiberichte erscheinen meist nur in der hintersten Ecke der Lokalblätter. Zudem wird in diesen Tagen ohnehin der Gewaltbegriff sehr großzügig ausgelegt. Überhaupt nicht erfasst und auch in den Feuilletons nicht erwähnt wird das begründete Bedrohungsgefühl aller jener, die nicht dazu gehören oder nicht dazu gehören wollen. Nach der WM werden schließlich – mit dem Unterton, es sei ja nichts passiert – 7000 Straftaten, 9000 Festnahmen und 850 Verletzte gemeldet (FAZ 11.7.06). Die Einzelmeldungen hören sich so an: Die Berliner Polizei meldete in der Nacht „einzelne Auseinandersetzungen zwischen alkoholisierten und frustrierten Fans und einigen der etwa 6.000 eingesetzten Beamten“. Offenbar aus Frust über das verlorene Halbfinale des deutschen Teams gegen Italien hat ein Fußballfan einem Berliner Busfahrer eine Bierflasche auf den Kopf geschlagen. Der Bus habe daraufhin am frühen Mittwochmorgen ein parkendes Auto gestreift, wie die Polizei mitteilte. Zu der Attacke war es den Angaben zufolge gekommen, nachdem der 28-jährige Fahrer die deutschen Spieler kritisiert hatte. In der Folge beleidigte der Unbekannte den Fahrer und schlug ihn dann. Im Frankfurter Bahnhofsviertel und in der Innenstadt kam es im Anschluss an das Spiel zu mehreren Schlägereien, wie die Polizei berichtete. In Darmstadt gab es kleinere Rangeleien. In Wiesbaden berichtete die Polizei von Schlägereien. In Kassel waren 400 Personen an Auseinandersetzungen beteiligt. Am Spielort Dortmund kam es direkt nach dem Abpfiff zu Handgreiflichkeiten. Etwa 40 Menschen wurden festgesetzt. «Wir mussten ein paar Streithähne beruhigen, die ihren Frust austoben wollten», sagte ein Polizeisprecher. Auch in Köln und Gelsenkirchen gab es Scharmützel. In Stuttgart wurden 13 Menschen vorläufig festgenommen. Vier Fans kamen in Gewahrsam. Ein Polizist wurde von einer Flasche am Kopf verletzt. In Mainz griff die Polizei mit Pfefferspray und Schlagstöcken ein, um eine Gruppe von randalierenden Deutschen aufzulösen. In Kaiserslautern trat ein deutscher Fußballfan gegen das Auto eines Italieners. Danach schlug er dessen neun Jahre alten Sohn ins Gesicht und flüchtete. Auch in anderen Städten von Rheinland-Pfalz kam es zu Auseinandersetzungen. Dabei wurden einige Menschen vorübergehend festgenommen, wie die Polizei berichtete. In Worms verfolgten etwa 3.000 Zuschauer bei verschiedenen Public-Viewing-Veranstaltungen die Spielübertragungen. „Etwa 250 Personen haben sich wegen der Niederlage der deutschen Mannschaft leicht aggressiv verhalten“, sagte ein Polizeisprecher. Im Bereich Bad Kreuznach verfolgten etwa 2.500 Fußballfans am Kornmarkt das Spiel. Ein Deutscher wurde nach Bierglaswurf auf PKW in der Salinenstraße festgenommen. Ebenfalls in Bingen fanden sich etwa 2.500 Zuschauer im Biergarten „Glashaus“ ein. Die Polizei war vor Ort und hatte die Lage im Griff. In Brandenburg sind nach dem WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft einige Fans ausgerastet. Die Polizei meldete, hier und da hätten sich Fußballanhänger aus Enttäuschung über die Niederlage «unsportlich» verhalten. In Frankfurt (Oder) wurden kurz vor Mitternacht in der Innenstadt aus einer Gruppe von rund 70 betrunkenen Personen Flaschen auf Polizisten geworfen. Die Polizei registrierte auch in Oranienburg einzelne Straftaten. Fensterscheiben von zwei geschlossenen italienischen Restaurants wurden eingeworfen. In Quedlinburg traten 25 Krawallmacher Stühle und Tische eines italienischen Restaurants um. In Stendal zogen 40 Frustrierte zu einer italienischen Eisdiele. In Wittstock wurden Tische und Stühle vor einem italienischen Restaurant umgeworfen. Zittau: Nach der Niederlage der deutschen Fußballer ist es in der Nacht zum Mittwoch zu Randalen mit Sachbeschädigungen gekommen. Laut Polizei waren davon vor allem Zittau und Löbau betroffen. In Lübeck blockierten enttäuschte Fans einen italienischen Autokorso. Insgesamt neun Fans wurden festgenommen. In den meisten Fällen ging es um Bierflaschenwürfe, wie der Sprecher sagte. Ruhiger verlief die Nacht in Kiel. Nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft war die Stimmung auf den Straßen «so deprimierend wie in den meisten Wohnzimmern», sagte eine Polizeisprecherin. In Thüringen gab es einige Rangeleien aus dem Frust über die Niederlage der deutschen Nationalmannschaft heraus. In Gotha sind zwei Menschen verletzt worden. Die meisten Fußball-Fans sind jedoch mit »hängenden Ohren« und »gedätscht« nach Hause gegangen, sagten Polizeisprecher. 5. Juli 2006. Dortmund: Am Spielort kam es direkt nach Abpfiff des dramatischen Spiels zu Handgreiflichkeiten. Knapp 40 Menschen wurden festgesetzt. Aachen: Nach dem WM-Aus hat ein Deutscher aus dem Fenster seiner Wohnung mit leeren Bierflaschen auf die Autos feiernder Italiener gezielt. Palma de Mallorca: In den Biergärten in El Arenal und am Strand von Palma hatten Tausende Deutsche vor Großleinwänden mitgefiebert. Nach dem Schlußpfiff zogen sich viele Urlauber mit Tränen in den Augen in ihre Hotels zurück. Stuttgart: 17 Menschen wurden bei Schlägereien vorläufig festgenommen. Speyer: Glimpflich verlief der Sturz einer 21jährigen Frau, die wegen der deutschen Niederlage kurz nach Mitternacht die schwarz-rot-goldene Fahne von ihrem Balkon entfernen wollte. Als sie sich über die Brüstung beugte, um die unteren Befestigungsschnüre zu lösen, verlor sie das Gleichgewicht und stürzte in die Tiefe. Die 21jährige landete nach Polizeiangaben auf der Motorhaube eines unter dem Balkon geparkten Wagens.
(alle Sätze sind Zitate aus dpa-Meldungen)

Wolfsburger Allgemeine, 6. Juli 2006
Entsetzte Politiker!
Die Ausschreitungen gegen italienische Fans nach dem WM-Halbfinale lösten gestern Entsetzen bei Politikern aller Parteien aus. Oberbürgermeister Schnellecke war tief betroffen: „Im Namen aller Bürger möchte ich mich bei Wolfsburgs Italienern entschuldigen.“ Ralf Krüger, SPD, betont: „Es sollte alles dafür unternommen werden, dass kein Nährboden für Rechtsgesinnte gibt.“


Eine derart vollständige Verwechselung des eigenen Wahns mit der Wirklichkeit gibt es sicher nur in Deutschland. Auf Plakaten, T-Shirts und Hüten steht schon vorher: „Deutschland wird Weltmeister 2006“. Und die Leute glauben so heftig daran, dass sie aus allen Wolken fallen, als Italien diesen Kollektivtraum beendet. Doch dann redet sich das ganze Land ein, es sei trotzdem Weltmeister geworden. Das Spiel um den dritten Platz und die Verabschiedung der Mannschaft in Berlin treten an die Stelle des Finales, an dem das Interesse nur noch gering ist. Genau das ist es, was Deutschland so verdächtig macht: Man will stets das eigene Phantasma mit aller Gewalt „wahr“ machen. 

Am 4.7.06: Fassungslos! Doch die Enttäuschung kann den Glauben an den Endsieg nicht erschüttern. Deutschland wird nun zum „eigentlichen“ Weltmeister ernannt.

Die Physiognomie der Niederlage

Nationalismus soll kein Nährboden für „Rechtsgesinnte“ werden. Der etwas verunglückte Satz des oben zitierten Wolfsburger SPD-Politikers ist durchaus paradigmatisch: Die Verantwortlichen sind sich bewusst, dass sie die von ihnen gewollte und beförderte „Ich bin Stolz ein Deutscher zu sein“-Massenbewegung zu jeder Zeit ideologisch und polizeilich kontrollieren und lenken können müssen, damit der „neue deutsche Patriotismus“ im „Ausland“ nicht durch „Zwischenfälle“ doch noch eine schlechte Presse bekommt. Die Nationalisten anderer Länder sollen beim Blick auf Deutschland nur sich selbst erkennen. Denn anderswo weiß man ja seit jeher, wie man mit Fähnchen, Nationalperücken und Autokorso einen „unverkrampften Nationalismus“ in Szene setzt. Je näher man sich da also anlehnt und je weiter das Jahr 1945 zurück liegt, desto weniger wird „denen“ noch einfallen, was sie dagegen haben könnten, wenn es jetzt in Deutschland auch so zu geht. Das Design dieser WM-Kampagne ist auf die Blamage der ausländischen (und wenigen inländischen) Deutschlandkritiker angelegt. In den Medien – der „Stern“ hat eine Titelgeschichte dazu gemacht – werden Stimmen aus aller Welt zitiert, die sich positiv über Deutschland äußern. Besonders beliebt sind britische Kommentatoren, die sich für 60 Jahre antideutsche Vorurteile entschuldigen. („Sogar die englischen Blätter, normalerweise alles andere als deutschfreundlich, äußerten sich positiv über die Lebensfreude und die Unbefangenheit, mit der die Deutschen neuerdings ihre Nationalflagge schwingen“). Auch dem israelischen Botschafter (oder dem Zentralrat der Juden, was für viele keinen Unterschied ausmacht) hält man gerne das Mikro hin, damit auch von dieser Seite einmal gesagt wird, wie unverkrampft jetzt alles ist. Man gibt ihnen damit Gelegenheit, sich noch mehr Feinde zu machen und weiß natürlich, dass sie sich diesen Schuh nicht anziehen werden: So sagt dann auch Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch: „Ich teile die Begeisterung der Fans und freue mich, wenn ich überall in der Stadt Fahnen sehe. In München wehen übrigens nicht nur die deutschen Flaggen.“ Mehr Einwand würden sich die Deutschen auch nicht bieten lassen (siehe das Schicksal der GEW).

Obwohl die Ausschreitungen (die von der Polizei umgehend unter Kontrolle gebracht wurden) in der Summe durchaus beachtenswert sind, war die typische und vorherrschende Reaktion eine andere: Die Leute drehten sich praktisch auf dem Absatz um, gingen auf geradem Weg nach Hause und legten sich dort ins Bett! Man muss das gesehen und erlebt haben. Leute, die eben noch vor den Restaurants gemeinsam WM schauten, lachten und johlten, bezahlten blitzschnell und verschwanden ohne ein weiteres Wort in ihren Wohnungen. Niemand blieb noch auf ein Bier, niemand wollte über das Spiel reden. Sie waren wie vom Blitz getroffen, nachdem sie sich in die Überzeugung hineingegrölt hatten, dass „Deutschland über alles“ zu gehen habe. Sie konnten gemeinsam „Deutschland!“ schreien und sich mit wildfremden Wimpelträgern verbrüdern. Aber sie konnten sich nicht mehr in die Augen schauen, als alles vorbei war. Im Untergang gab es kein gemeinsames Thema mehr. Und so wie die Tische vor den Restaurants, so lehrten sich auch die Fanmeilen und anderen Public-Viewing-Locations in kürzester Zeit. Wortlos und stur geradeaus schauend radelten in Hamburg Tausende in Viererreihen nach Hause. Eine geradezu unheimliche Schweigeparade nach all dem Getöse.

Bei den anderen hingegen, besonders aber bei Westindern und Afrikanern, da ist das Verlieren kein Problem. Da gehört das Verlieren sozusagen zur nationalen Folklore, denn die kennen ja sonst nichts seit aller Ewigkeit:

Berliner Morgenpost, 28. Juni 2006
Trotz Niederlage feiern die Ghanaer
Kurz vor dem Anpfiff preßt Kenny Queshie die rot-gelb-grüne Fahne noch einmal fest an seine Brust. „Gott segne Brasilien, aber laß uns gewinnen“, betet der Ghanaer. Doch nach den vielen brasilianischen Toren werden die „Ghana, Ghana“-Rufe etwas leiser. Der Stimmung schadet das nicht: „Getanzt und gefeiert wird trotzdem“, sagt Kenny.


Konstanten des deutschen Charakters: In der eignen Phantasie war man bereits Weltmeister. Die Gemeinheit der anderen besteht darin, Deutschland Steine in den Weg zu legen. Zuerst Aggression und Überheblichkeit, danach kollektives Selbstmitleid. 

Ghana verliert in Deutschland, aber Deutschland verliert auch in Afrika. Dort aber will das aus Deutschland angereiste Publikum partout nicht tanzen: 

Rhein Mainer, 6.7.2006
IN DER 119. MINUTE VERSTUMMEN DIE SOLDATEN 
In Gabun stationierte Bundeswehr-Einheit fiebern beim deutschen Halbfinale gegen Italien mit
LIBREVILLE (dpa) Auf der FANMEILE AM ÄQUATOR steht die deutsche Verteidigung wie eine Eins. Sechs Mal so viele Männer, wie in Dortmund für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen Italien auf dem Feld stehen, halten im fernen Libreville in Westafrika DIE FAHNE HOCH. Die Klinsmann-Truppe gewinnt, so lautet der Tipp der allermeisten der 66 deutschen Soldaten des Vorauskommandos für den Kongo-Einsatz der Europäischen Union (EU). In der Hauptstadt Libreville im benachbarten Gabun haben sie eine Großbild-Leinwand aus Bettlaken aufgebaut. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hat seine Rückreise von einem Kurztrip nach Afrika frühzeitig um einige Stunden nach hinten verschoben, um nicht in der Luft zu sein, wenn Deutschland gerade gegen Italien kämpft. An diesem Dienstagabend wird keiner der Männer in Uniform eine Sekunde an den bevorstehenden Auftrag denken: die Absicherung der freien Wahlen im Kongo. Jetzt geht es um die Absicherung des Einzugs ins Finale der Fußball-WM. Als die Fußballer vor Beginn des Spiels die Nationalhymne singen, stehen die Soldaten auf und stimmen laut mit ein. Am Rande stehen einige Einheimische, die das Spektakel beobachten und den deutschen Gästen in Uniform die Daumen drücken. In der Halbzeit spielen sie den Queen-Klassiker „We are the champions“. Torwart Jens Lehmann ist der Held Nummer eins. In der Verlängerung singen sie den Fußball-Slogan „Steh auf, wenn Du ein Deutscher bist“. Auch Minister Jung steht auf. Doch in der 119. Minute ist plötzlich Stille.


Anfang und Ende der Fahnenstange.

Der neue Patriotismus folgt den alten Regeln:
Nur der Triumph über andere bringt wirklich Spaß.
Ohne deutsche End-Siege kommt keinerlei Freude auf. Mehr noch: wenn Deutsche verlieren, kann es für andere besonders gefährlich werden:

(1) NACH DEM SPIEL BRD/POLEN: Idependent (England): „Das Feiern war so ungezügelt, als hätte Deutschland die WM schon gewonnen.“ O Globo (Brasilien): „Deutschland schlägt Polen und feiert sein größtes Fest seit der Wiedervereinigung.“

(2) NEUER BESUCHERREKORD AUF FANMEILE
4.07.2006: Rund eine Million Fans sind zum Halbfinale der DFB-Elf gegen Italien zur Berliner Fanmeile gepilgert. Die Tore mussten bereits eineinhalb Stunden vor Spielbeginn geschlossen werden. Das Areal wurde erneut erweitert, weil seine Kapazität bei den vorangegangenen deutschen Spielen für den Riesenandrang von meist 750.000 Besuchern nicht ausreichte. Die Verlängerung des Fanareals auf der Straße des 17. Juni kostet eine sechsstellige Eurosumme.

(3) DEUTSCHE NIEDERLAGE TRÜBT PARTYLAUNE
Berlin (dpa) – Nach der Niederlage der deutschen Mannschaft gegen Italien hat der Ansturm auf die Fanmeilen erheblich nachgelassen. In vielen Städten blieben die Großbildleinwände während des zweiten Halbfinales am Abend verwaist. Auf der größten deutschen Fanmeile in Berlin-Mitte sahen nur noch rund 150 000Besucher das Spiel Frankreich – Portugal. Erst am Samstag, wenn Deutschland und Portugal um den 3. Platz spielen, dürfte das Interesse wieder massiv ansteigen.

(4) VORWAND FÜR SCHWARZ-ROT-GOLD
Donaukurier, 5.7.2006: Ingolstadt (sag) Jetzt, „am Tag danach“ noch mit der FAHNE DES VERLIERERS am Auto herumfahren – „warum nicht?“, fragte gestern Martina Kleinbaur kess zurück, nachdem sie ihren gelben Hummer H3 mit der deutschen Nationalflagge eingeparkt hatte. Und: „Ich steh’ absolut zur deutschen Mannschaft.“Vor der WM habe sie noch nie in ihrem Leben ein Fußballspiel angeschaut.

(5) GEKNICKTE FANS VEREINT IM STOLZ
Mitteldeutsche Zeitung, 5.7.2006
Deutschland ist vereint im Schock über die Niederlage gegen Italien. Tränen fließen, Jubelkorsos sind für die meisten nicht mehr denkbar. Doch Flagge zeigende Autofahrer gibt es immer noch. „Die bleiben dran, sicher auch etwas über die WM hinaus„, sagen viele. „Vielleicht sind es ein paar Fahnen weniger, aber den großen Abbruch gibt es nicht“. Sportpsychologe Oliver Stoll: „Je mehr ein Fan emotional investiert hat, umso schwerer ist es für ihn zu akzeptieren, dass Deutschland nicht im Finale steht.“ 14 Tage könne die Niedergeschlagenheit anhalten, schätzt Stoll. Mit der Verwandlung in ein „Volk voller Kritiker und Skeptiker“ rechnet er jedoch nicht. „Dazu haben die vergangenen drei Wochen zu viel bewirkt.“

(6) Die Party wird weitergehen
Die Zeit, 6.7.2006: Und die Party wird weitergehen. Auch nach dem Aus gegen Italien sangen die Fans in der Berliner Friedrichstraße weiter: »Deutschland wird Weltmeister, schalalala!« Und am ersten Wochenende nach dem Endspiel findet dort, wo jetzt noch die Fanmeile liegt, nach zweijähriger Unterbrechung wieder eine Love Parade statt.


Der Untergang

Der Wille zum „unverkrampften Nationalstolz“
Massenpsychologie des „Patriotismus“ und dessen diskursive Voraussetzungen.

Wer die Nationalfahne schwenkt und den Sieg der deutschen Mannschaft feiert und dabei “WIR haben gewonnen” grölt, obwohl er/sie dem Spiel höchstens zugeschaut hat, also mit dem Sieg nichts zu tun hatte, der/die zeigt damit den eigenen WILLEN zum Konformismus. Und man weiß durchaus, dass jene „Unschönheiten“, gegen die sich abgeklärte Deutsche im nüchternen Zustand gerne abgrenzen – Antisemitismus, Rassismus, Homophobie – etc. – ihren Ursprung in der nationalen Identifikation haben, einer Identifikation, zu der man sich ausdrüklich TROTZ des Nationalsozialismus bekennt. In diesem demonstrativen TROTZDEM steckt der Wille zur Relativierung.

Die Geschichtsserien von Guido Knopp (nach dem Muster: Nachdem wir unsere Schuld eingestanden haben, thematisieren wir jetzt die Verbrechen der anderen – zum Beispiel in Dresden), die Bücher von Günter Grass (z.B. über den den Untergang des Flüchtlingsdampfers „Wilhelm Gustloff“) und Jörg Friedrich (über den „Feuersturm“), in denen die Täter & Mitläufer als Opfer dargestellt werden, die Kampagnen für geschichtsrevisionistisches „Zentrum gegen Vertreibungen“, außerdem Kampagnen wie „Du bist Deutschland“ oder „Initiative Deutschland“, propagierten schon vor der Weltmeisterschaft eine neue „unbefangene“ Vaterlandsliebe. Die Medien (Bertelsmann vorweg) mischten dabei kräftig mit. Die „Du bist Deutschland“-Spots liefen auf allen TV-Sendern. Zudem fanden in den TV-Anstalten und Zeitungen Diskussionen über die Notwendigkeit eines „neuen Patriotismus“ statt. So debattierten bei Beckmann noch zwei Wochen vor Beginn der WM Florian Langenscheidt, Til Schwaiger, Gregor Gysi und Matthias Matussek über Gründe, „auf Deutschland stolz“ zu sein. Und der „Berliner Kurier“ verteilte als Beigabe bereits vor der WM deutsche Fähnchen.

Der tiefe Wunsch nach Nationalhymnen und Nationalfahnen war jedoch schon lange vorhanden. Er musste von den politischen Eliten mit Rücksicht auf Deutschlands internationale Stellung stets gesteuert werden. Was „im Volk“ gedacht wurde und was offiziell gesagt werden konnte, war nie das gleiche. Insofern ist auch der neue Massenstolz auf Deutschland von politischer Seite genau kalkuliert und er wird dementsprechend auch kontrolliert. Was auffällt ist diesmal allerdings die rückhaltlose Begeisterung der Eliten selbst, auch die der Mittelschichten, besonders auch die der rotgrünen Milieus in den Metropolen.

Alle wissen, dass das, was bei dieser WM in dieser Hinsicht geschah, noch vor ganz kurzer Zeit nicht einmal in der Vorstellung der Akteure möglich gewesen wäre. Der Tabubruch war und ist allen bewusst. Und die Welt ist seither eine andere. Wer gestern noch „gehemmt“ war, weiß heute schon nicht mehr, warum. Die Aktion von Millionen schafft neue Selbstverständlichkeiten. Wer dann noch dagegen ist oder daran erinnert, was gestern noch Standard war, schließt sich selbst aus der neuen Volksgemeinschaft aus. Im folgenden zunächst die Ankündigung einer der vielen medialen „Debatten“, die den „Patriotismus“ ankurbeln sollten. Danach ein Text aus dem Jahr 2005 (zur Zeit des Spiels Schweiz/Türkei). Hier beschreibt ein jüngerer Mann, wie er seine Hemmungen, was den Nationalismus betrifft, überwinden will: 

(1)

MDR, 28. November 2005 - Dresdner Gespräch:
STOLZ AUF DEUTSCHLAND?

„Ich liebe unser Land“, sagt Bundespräsident Köhler. Die Union hat jetzt das Thema „Patriotismus“ angepackt. Traditionelle Werte sollen wieder etwas gelten – Familie und Vaterland, Gemeinsinn und Solidarität. Damit hat er eine Debatte über das deutsche Nationalbewusstsein angestoßen. Sollen schon Grundschüler die deutsche Nationalhymne lernen? Oder wollen wir gar keine Patrioten sein? Engländer, Amerikaner, Franzosen und Polen sind auch stolz auf ihr Land. Für viele Deutsche ist dies nicht selbstverständlich, weil das Land Goethes auch einen historisch einzigartigen Völkermord zu verantworten hat.

(2)

DER WUNSCH

„Ich habe den Wunsch mein „Deutschsein“ und die Unterstützung der Nationalmannschaft zu zeigenWer aber klebt sich schon einen Bundesadler aufs Auto? Das hat doch noch zu sehr den Gestank des Ultrarechten, oder? Ich renne mit einem BVB Schal durch Köln und bin stolzer Westfale in der Diaspora, was ich auch zeige, habe aber keinen schwarz-rot-goldenen Schal. So eine Fahne mit Bundesadler wäre vielleicht noch ganz schön, aber ich bin total verunsichert, ob man die überhaupt so verwenden darf. Wie benutzt ein bürgerlich liberaler Mensch deutsche Staatszeichen? Ich finde keine Lösung, weil alle um mich herum so gehemmt sind. Das mutet doch sehr seltsam an, wenn man die roten, vor Symbolen kaum noch erkennbaren Autos nach den Siegen der türkischen Mannschaft gesehen hat.Ich finde aber es ist Zeit zu diesem Staat und unserem Team zu stehen! Wenn ich aber aufstehe und die Hymne mitsinge, was in allen anderen Ländern der Welt mehr als normal ist, komme ich mir verdammt seltsam vor. Ich tue dann etwas komödiantisch, damit allen Beobachtern klar ist, der Nils, der ist kein Faschist!“ Der vollständige Text unter: 
http://www.nilskuegler.de/Hauptseite/Texte/WM_Text/wm_text.html
[Nils K. hat seine Homepage gelöscht, seit er hier zitiert wird] 

(3)

Patriotismus kokett:
Spiegel, 3. Juli 2006

DEUTSCHLAND-FÄHNCHEN MIT SELBSTREFLEXIONEN
Von Thomas Tuma 

Die Wir-sind-wieder-wer-Debatte etwa hat mich mit einer schlichten Frage kalt erwischt: Meine Tochter wollte plötzlich ein Deutschland-Fähnchen. Sie ist neun Jahre alt. Ich sagte ihr, dass ich mir eher eine Fingerkuppe abschlagen würde oder das Auto verkaufen, als schwarz-rot-golden zum Einkaufen zu fahren. Einen Tag später flatterten ZWEI Fähnchen am Wagen.

Ein deutscher Dialog:

Vater: Wozu brauchst du ’ne Fahne?
Kind: So halt. Alle haben jetzt eine.
Vater: Und wenn alle aus dem Fenster springen, springst du hinterher?
Kind: Nee. Ich will doch nur ’ne Fahne.
Vater: Und von welchem Land?
Kind: Deutschland natürlich.
Vater: Kannst du mir einen vernünftigen Grund nennen, weshalb wir ein deutsches Fähnchen brauchen?
Kind: Weil’s cool aussieht. Und wir wohnen doch hier.

Okay, sie ist neun. Es hätte nicht wirklich was gebracht, mit ihr einen Parforceritt durch 200 Jahre deutsche Geschichte zu starten – Flaggenkunde in Zeiten von Heine, Holocaust oder Hartz IV sozusagen. Was hätte das auch mit den Fähnchen zu tun? Eben.

Das Geheimnis des Fähnchenerfolgs ist: Jede Gegenwehr wirkte schnell unentspannt, wo wir doch jetzt so super locker drauf sind. Ich wollte aber lange nicht locker werden.

Kind: (augenrollend) Dann zahl ich die Fahne eben von meinem Taschengeld.
Vater: Darum geht’s doch gar nicht.
Kind: Sondern?
Vater: Wir könnten ja auch zwei Fähnchen kaufen.
Kind: Welche denn noch?
Vater: Na ja, Brasilien zum Beispiel.
Kind: Wieso denn Brasilien?
Ja, warum eigentlich? Weil du, verehrte Tochter, nicht den Schimmer einer Ahnung hast, wie überfrachtet dieses bescheuerte Fahnenthema bisher war. Weil dein Dad mit zwei Fähnchen zum Ausdruck bringen könnte, was für ein supernetter Weltbürger er ist. Und dass vor seinem Fußball-Patriotismus kein Nachbar mit Migrationshintergrund Angst haben muss.

Es ist ja nicht mal so, dass ich aus ideologischen Gründen gegen das Fähnchen wäre. Ich wollte Schwarz-Rot-Gold aber auch nicht als Ausdruck schleichender Normalisierung spazieren fahren. Das wäre ja mindestens ebenso bescheuert.

Kurz darauf flackerte links Brasilien, rechts Schwarz-Rot-Gold. Es war ein typischer Große-Koalitions-Kompromiss, der zugleich verriet: Deutschland allein traut der Fahrer sich (noch) nicht. Es war komplett bescheuert. Ich war bescheuert – und zog die Brasilien-Fahne dann persönlich wieder ein.

Entspannen wir uns also! Es war auch schon anstrengender, deutschzu sein.

(4)

»Während der Dauer der WM interessieren sich Hartz-IV-Empfänger, Investmentbanker und Intellektuelle für dasselbe. Im Jubel sind die Grenzen der sozialen Herkunft verwischt.« (Der Spiegel, 25/06) Nicht nur im Jubel, wie dieser Kampagnenslogan zeigt: »Egal, wo du arbeitest. Egal, welche Position du hast. Du hältst den Laden zusammen. Du bist der Laden. Du bist Deutschland«. 

TZ, 5. 7.2006
SO HAT UNS DIE WM VERÄNDERT:

Popkultur-Optimismus
Ihr Hit ‘54, ‘74, ‘90, 2006 eroberte gerade erst Platz eins in den Charts. Nach der Niederlage gegen Italien lassen sich dieSportfreunde Stiller aber nicht unterkriegen. Die Münchner texteten den Song um in 54, ‘74, ‘90, 2010 – ganz nach dem Motto „Kopf hoch!“, dann gewinnen wir eben in Südafrika.

Zupacken, Tabus brechen
Endlich sonntags einkaufen
Michael Kaschitz: „Erstmals war Bürokratie in Deutschland nicht mehr so wichtig. Das hat auch der verkaufsoffene Sonntag gezeigt.“

Das tut Deutschland gut!
Heide Biollaz (34), Ingenieurin: „Eigentlich hatte ich schon mit einer Niederlage gegen Argentinien gerechnet. Die gute Stimmung tut Deutschland gut! Auf jeden Fall sollen alle weiter Flagge zeigen.“

Fahnen bleiben
Franz Otten (75): „Weil ich an den Sieg glaubte, habe ich auch ein Deutschland-Fähnchen an die Tür gehängt und dem Sohn eines ans Auto. Und das bleibt auch so!“

Das Trikot behalte ich an
Daniel Busse, Projektmanager: „Durch die Weltmeisterschaft finden viele andere Menschen zum Fußball, die sich sonst nicht dafür interessiert haben“. „Ich hoffe, dass die vielen Deutschlandfahnen nicht mehr eingemottet werden, sondern die Fussballbegeisterung so bleibt!“ „Man muss nach wie vor Flagge zeigen, schließlich sind wir ja nicht unehrenhaft entlassen worden.“

Neues Verhältnis zu unserem Land
Christian Schottenhamel (43): „Zum Einen meine ich, dass es nach vorne geht und Deutschland auf dem richtigen Weg ist und – das nicht nur auf den Fußball bezogen. Zum Anderen gefällt mir das neu erweckte Verhältnis zu unserem Land ausgesprochen gut. Wir haben bewiesen, dass man Flagge zeigen und seine Nation lieben kann, ohne andere dadurch herabzusetzen.“

Im Ausland jetzt beliebter
Markus Mayer: „Unser Land ist im Ausland beliebter geworden.“ Am Wochenende fliegt er nach Mallorca um dort den 3. Platz zu feiern. „Im 17. deutschen Bundesland ist bestimmt was los!“

Endlich Stolz ohne schlechtes Gefühl
„Endlich kann ich Flagge zeigen ohne schlechtes Gefühl“, sagt der Fachinformatiker Michael Klemm (25). Am Autodach weht – wenn auch etwas zerfleddert – die schwarz-rot-goldene Flagge. „Ich habe immer andere Nationen wie die USA um ihren Nationalstolz beneidet,damit ist jetzt Schluss!“ Selbst Freunde, die anfangs etwas zögerlich waren, Farbe zu bekennen, hätten nun keine Bedenken mehr. Wirklich traurig ist der Münchner nicht: „Es gibt ein Leben nach dem Fußball!“ Aber die Flagge will er so lange drauf lassen, bis sieabfällt

Das sagt der Historiker
Auch nach der WM-Niederlage wird Schwarz-Rot-Gold nach Ansicht des Historikers Wolfram Pyta nicht von der Bildfläche verschwinden. „Es wird keine kollektive Depression und Untergangsstimmung geben. Der neu entdeckte, ungekünstelte Patriotismus bleibt“, sagte der Wissenschaftler des Historischen Institutes der Uni Stuttgart. Gerade junge Menschen behielten das Bekenntnis zur Nation bei. Pyta: „Sie werden nicht mehr so selbstquälerisch sein wie ihre Eltern.“ Das Fahnenschwenken werde bis zum Ende der WM am Sonntag zwar „nicht in dieser Größenordnung weiter laufen, aber schwarz-rot-goldene Fahnen an den Autos wird es weiter geben“.

Das sagt der Psychologe
Der Münchner Psychotherapeut Stephan Lermer empiehlt den enttäuschten Fans, sich in der Gemeinschaft neuen Mut zu machen. „Ich sehe in der Gruppe die größte Chance, dass man sich aufrichtet“, sagte Lermer. „Wir können eine ganz große Wende beobachten.“ Zum ersten Mal sei ein Synergieeffekt zum Tragen gekommen. „Dass wir Ja sagen zum Staat, zur Nation, zum Vaterland, zu Deutschland, zu unseren Farben [zu allem also]. Das finde ich krass grandios.“


Spiegel Online Forum
„Flaggen ans Autofenster?“ 
341 Einträge, 21.000 Besucher (13.6. bis 9.7.2006). (Auszug)

14.06.2006, Rüdger: Ich habe ein Ladengeschäft an einer viel befahrenen und begangenen Ecke in Frankfurt. In den letzten Tagen haben ich und meine Mitarbeiter unzählige Autos mit deutschen Fahnen gesehen. Das Interessante ist, dass sowohl ich als auch einer meiner Mitarbeiter (beide 36) uns mit den deutschen Fahnen zunächst nicht so recht anfreunden konnten. Die beiden anderen Mitarbeiter (beide 24) hingegen hatten von Anfang an kein Problem damit. Inzwischen haben wir beiden „Alten“ aber die Stimmung der beiden „Bambini“ übernommen – und haben uns dann mal gefragt, warum wir eigentlich zunächst so ein Problem damit hatten, überall die Deutschlandfahne zu sehen. Wir sind zu dem Schluß gekommen, dass es an unserer Schulbildung liegen muß. Denn als wir auf dem Gymnasium waren, verging wohl kein Tag, an dem wir nicht in irgendeiner Unterrichtsstunde (sei es Deutsch, GK, Geschichte oder Erdkunde) mindestens einmal gehört haben: „Ihr seid dafür verantwortlich, dass so etwas (’33-’45) nie wieder geschieht!“ Das haben wir so verinnerlicht, dass ich heute noch unangenehm zusammenzucke, wenn ich die Nationalhymne höre. Und trotzdemfinde ich inzwischen, dass es auch uns gut ansteht, die Nationalfahne zu zeigen – und zwar genau in der Art und Weise, wie es auch die Engländer, Franzosen oder Koreaner tun. Denen unterstellt auch niemand, dass sie die Welt erobern wollen, wenn Sie den Union Jack oder die Tricolore schwenken. Und uns wohl inzwischen auch niemand mehr …! Also, das Ganze einfach etwas entspannter sehen – denn wir sind nun wohl (endlich!) in derVölkergemeinschaft angekommen (selbst wenn die Tommies das manchmal nicht wahrhaben wollen).
14.06.2006, Norbert-FM: Es ging mir auch so. Wenn das Deutschlandlied gesungen wird und die Fahne aufgezogen krampfte sich mir immer etwas zusammen und ich sah mich unwillkürlich um ob jemand sieht, dass es mir nichts ausmacht. Vielleicht kriegen wir über diese WM endlich ein anderes Verhältnis dazu. Schwarz-rot-gold sind die Farben eines demokratischen Deutschlands mit einer akzeptablen Entstehung. Das Land ist zwar immer noch Deutschland aber die Menschen und die Symbole sind andere geworden. Daher darf auch mal die Fahne raus. Außerdem -wem´s nicht passt, der darf ja auswandern – am besten in die USA :)))
14.06.2006, Daniel: Hallo,endlich dürfen wir unsere Flagge zeigen ohne als Nazi oder ausländerfeindlicher mensch dargestellt zu werden. Ich finde es gut zu zeigen „man ist Deutscher“. Was in jedem anderen Land normal ist wird bei uns von ein paar albernen Leuten als Anzeichen für ein Aufstreben rechtorientierter Szenen dargestellt. Ich bin stolz auf Deutschland und damit meine ich das Deutschland was nach dem zweiten Weltkrieg entstanden ist, vergessen darf die Tatsache des Holocausts nicht werden… aber wann kapiert unsere Generation endlich das man durchaus öffentlich bekennen darf stolz zu sein auf dieses Land.
14.06.2006, Claudia K: Hier ist immer die Rede von „Miesmachern„, die die intensive Beflaggung kritisieren.Zwischenfrage: Wer sind die eigentlich? Ich habe bisher über den Fußballpatriotismus nur Positives gelesen.
14.06.2006, robcory: Wenn in Frankreich der Nationalfeiertag begangen wird, zeichnen Kampfjets mit farbigen Rauchwolken die Tricolore in den Himmel über den Champs-Élysées. Wenn ich meine nicht-deutschen Freunde frage, ob sie stolz sind, Spanier, Italiener, Polen oder Schweden zu sein, dann schauen sie mich mit einem „wasndasfürneblödefrage-Gesicht“ an. Es ist das kollektive Trauma der Deutschen, dass ihre Nationalität mit Grausamkeit im Zweiten Weltkrieg verbunden ist. Und darum finde ich es gut, dass nun endlich auch Deutsche wagen, Flagge zu zeigen – denn für ein entkrampftes Verhältnis zu sich selbst wird es höchste Zeit.
14.06.2006, peter: Ist doch viel besser, wenn Normalos aus spass an der freud`die deutsche flagge in die hand nehmen, als die braunen. Das wurde echt zeit! Lasst die flagge nicht den neonazis
14.06.2006, Nbg: Ich bin stolz Deutscher zu sein, liebe mein Land, feiere meine Mannschaft und stellt euch vor: ICH BIN KEIN NAZI
14.06.2006, LV: Und es ist absolut bezeichnend für dieses Land, dass die vernünftigsten Aussagen zu diesem Thema von Migranten (Minh-Khai Phan-Thi und Feridun Zaimoglu) und einer deutschen Jüdin (Charlotte Knobloch) kommen. Gerade Migranten haben häufig ein völlig unverkrampftes Verhältnis zu ihrem Land. Den Vogel schießt bei der Spiegel-Umfrage Heiner Geißler ab, bei einem deutschen Spiel auch immer die Flagge des Gegners hissen? Herr Geissler, es gibt einen Unterschied zwischen Weltoffenheit und Unterwürfigkeit!
14.06.2006, zorro1: endlich den Nörglern, Schwarzmalern, Alt- und Neonazis in die Quere fahren: JA – ICH BIN STOLZ AUF UNSRE FAHNEN UND UNSER DEUTSCHLAND. Ab sofort kann niemand von ihnen mehr sich mit glatze, springerstiefeln und fahne hinstellen und mich provozieren – weil ich dort schon steh mit derselben fahne und derselben glatze, stolz auf deutschland und trotzdem begeistert von der welt zu gast bei uns.
14.06.2006, login2006: Ich trage Schwarz-Rot-Gold nicht nur um unser Team zu unterstützen. Ich trage es auch um meine Identität zu zeigen. Eine Identität, auf die ich stolz bin – und zwar als weltoffener und interessierter junger Mensch, der im Gegensatz zu vielen in unserem Land gemerkt hat, was für ein toller Teil der Erde unsere Heimat ist!
14.06.2006, Norbert: Wir wohnen in der Schweiz und sehen das ganze Jahr hindurch viele viele Flaggen. Während der WM möchten wir als Deutsche auch gerne „Flagge zeigen“ und haben uns eine gekauft. Aber niemand in der Familie hatte den Mut, sie aufzuhängen und ich schäme mich für meine Feigheit. Sollten wir Weltmeister werden, wird sie auf jeden Fall rausgehängt!
14.06.2006, OrBro: Langweilig ist bloß diese Farbmonotonie, also daß es so gut wie ausschließlich deutsche Autoflaggen sind.
25.06.2006, Martin Steffen: Was mir merkwuerdig vorkommt, ist der Tenor, mit dem hier him Forum das Thema behandelt wird. Vor allem die Klagen, die Geschmacksdiktatur der Alt-68er, der „Ewiggestrigen“, der Bedenkentraeger oder wer immer als vaterlandsloser Sauertopf ausgemacht wird, habe in der Vergangenheit verhindert, dass
man unbefangen sich die Backen bunt schmicken konnte. Offenbar wagt man das nur, weil die gesamte Presse den Sommer des Flaggenschwenkens ausruft.
16.06.2006, lenny: Ein wenig kann ich verstehen, dass man sich schwer tut, die sich momentan breitmachende Masse an deutschen Symbolen zu akzeptieren. Mir ging es ein bisschen so, als die komplette Dortmunder Südkurve die deutsche Nationalhymne geschmettert hat. 
16.06.2006, Paolo: Gute Idee, den nazi-Idioten ein Erkennungsmerkmal zu stehlen und sie bei weiterer Verwendung der deutschen Fahne für den rechten Müll als Vaterlandsverräter abstempel.
16.06.2006 Achaz: Wer nicht dafür ist, der ist gegen uns. Die Fahnenorgie, die Jubellettern der Boulevardpresse, die man, ob man will oder nicht, jeden Tag sehen muss: Wenn man so will, ist die Gesellschaft gleichgeschaltet. TV-Moderatoren rufen öffentlich zum E-MAIL-Senden an „Klinsi“ auf – wo ist da der Unterschied zum Schicken von Feldpost an die Front zwecks Moralunterstützung? Das Volk wird verführt zum Jubeln. Diese Methoden hatte der deutsche Staat schon immer angewandt.


Deutschlandfahne auf Reisen: Rest einer Bundeswehr-Drohne CL 289, abgeschossen über Serbien am 14.9. 1999. Von deutschen Kampfpiloten wurden damals 236 HARM-Raketen abgefeuert. Sie hinterließen eine Vielzahl von Toten und Schwerverletzten.

Die Politik selbst widerlegt
DIE BEHAUPTUNG VOM UNPOLITISCHEN SPORTEREIGNIS: 

Mittwoch 5. Juli 2006. (dpa) – Bundespräsident Horst Köhler hat die Deutschen aufgerufen, sich ihren Patriotismus aus der Fußball-Weltmeisterschaft über das Sportereignis hinaus zu bewahren. In einem Interview mit der «Bild»-Zeitung sagte er: «Wir sind auf einem guten Weg, uns zu uns selbst zu bekennen, stolz zu sein auf das, was wir nach 1945 wieder erreicht haben. Die Deutschen identifizieren sich mit ihrem Land und seinen Nationalfarben. Es ist schön, wenn Patriotismus da ist. Dann gibt er Halt.“ (…) Ein Regierungssprecher wies darauf hin, dass Köhler und Merkel dem Team kurz nach dem verlorenen Spiel gegen Italien Anerkennung gezollt hätten.

PATRIOTISCHER PATRIOTISMUSSTREIT

www.literaturnetz.com, 1. Juli 2006
Patriotismus leicht gemacht
Matussek und Langenscheidt propagieren eine etwas zu entspannte Vaterlandsliebe

Dürfen die Deutschen Stolz auf sich und ihr Land sein? Angesichts ihrer braungefärbten Vergangenheit und der wirtschaftsdepressiven Gegenwart? Matthias Matussek, Kulturchef des SPIEGEL und Florian Langenscheidt, Spross des gleichnamigen Verlags beantworten die Frage eindeutig mit JA. In ihren neuesten Publikationen wollen sie beweisen, dass man uns Deutsche gern haben kann und welche Gründe es gibt, Deutschland gerade heute zu lieben. Dabei stimmen Matussek und Langenscheidt ein Hohelied auf den friedfertig-optimistischen Patriotismus an.
Während Matussek deutsche Kulturgüter und Tugenden lobt, preist Langenscheidt vor allem die wirtschaftliche Innovationskraft der Bundesrepublik. Matussek schwärmt fürs Deutschsein in trennscharfer Abgrenzung zum Nicht-Deutschsein. Matussek ist ein verspäteter Linker aus den Siebzigern, der deutschen Nationalgefühlen lange Zeit ablehnend oder gleichgültig gegenüberstand. Erst als er für den SPIEGEL in die USA, nach London und Rio de Janeiro ging, keimte in ihm Vaterlandsliebe auf. Immer dann, wenn er als Auslandskorrespondent die Deutschland-„Klischees und Herabsetzungen“ der Gastgeber zu hören bekam. Aber auch die „historischen Besserwisser“ aus dem Lager der 68er, die sich gegen jede Form von Nationalismus mit Hinweis auf Auschwitz wehren, lassen ihn zum Patrioten mutieren. Den Briten nimmt er ihre nationale, den 68ern ihre moralische Überheblichkeit übel.
Langenscheidt wirbt in seiner Eigenschaft als Verleger für Deutschland als Land der Ideen. „Deutschland braucht den emotionalen Turnaround“, tönt Langenscheidt im anglikanisch angehauchten Werberdeutsch. Psychologischen Laien ist der Optimismus des Herausgebers bereits längst als „Positive Thinking“ bekannt. So finden sich Sätze wie „Schaffen wir die Wende zur positiven Selbstwahrnehmung, werden wir ungeahnte Innovationskraft freisetzen können“. Aus einer Flut von Gründen, Deutschland heute zu lieben, hat er die 250 vermeintlich wichtigsten ausgewählt.
Aber was haben die beiden Bücher inhaltlich wirklich zu bieten. Langenscheidts Kompendium erzählt vornehmlich die Erfolgsgeschichte deutscher Unternehmen. Aber auch von deutschen Sekundärtugenden wie Gründlichkeit, Sauberkeit, Zuverlässigkeit ist die Rede. Es ist ein Schmöker, der das ein oder andere interessante Fundstück parat hält. Dass Walter Ulbricht den Gartenzwerg wegen seiner kleinbürgerlichen Symbolik in der DDR verbot ist beispielweise nachzulesen. Matussek trifft junge, erfolgreiche Künstler, deren entspanntes Verhältnis zur deutschen Nation er rühmt. Führt Interviews mit Harald Schmidt, Heidi Klum, Klaus von Dohnanyi, Peter Sloterdijk oder Sarah Kuttner, die gelegentlich erstaunliche Antworten wie diese geben: „Die Juden hatten es ja sogar in den ersten Nazi-Jahren besser als damals die meisten Schwarzen im Süden“ (Klaus von Dohnanyi). Und so strahlen beide Bücher in punkto Deutschland eitel Sonnenschein aus. Allerdings eine Überdosis, die blind macht für die Schattenseiten. Ohne die ist ein anständiger Patriotismus nicht zu haben und weder nach innen noch nach außen glaubwürdig zu vermitteln. Denn Langenscheidt und Matussek unterschlagen eine Leistung, worauf die Deutschen mit Recht stolzsein können: Das gründliche, mitunter selbstquälerische Durchleuchten der unseligen Nazi-Vergangenheit. Ohne diese historische Anstrengungen wären ihre Bücher kaum denkbar. Doch die kritische Selbstvergewisserung bleibt aus, weil sie das optimistische Bild trüben und den patriotischen Elan ausbremsen könnte. Eine kritische, selbstironische Note hätte diesem neuerwachten Patriotismus gut getan. Was bleibt sind vor allem Parolen und Polemiken, die kurzfristig das Feuilleton, aber nicht die Menschen auf der Straße beschäftigen werden. Die Frage, was die Deutschen historisch und gegenwärtig, geistig und materiell wirklich miteinander verbindet, wird zu oberflächlich gestellt und beantwortet. Den Weg zu einem gesunden Patriotismus muss jeder selbst finden.

DIE ZEIT, 6.7.2006
Harald Martenstein über
KRITIK AN KULTURKRITIKERN

Ich hatte über ein Buch geschrieben. Das Buch stammt vom Kulturchef des Spiegel, es fordert die Deutschen auf, patriotisch zu sein. In dem Buch sind zahlreiche Fehler enthalten. Ich mache auch Fehler, aber nicht so viele, glaube ich. Ich bin ja auch kein Kulturchef. Meine Kritik war eher negativ.
Der Kulturchef rief an. Er war wütend. Er sagte: »Wie können Sie behaupten, dass ich in meinem Buch den Nationalismus gut finde?« Ich antwortete: »In Ihrem Buch steht auf Seite 23: Nationalismus ist kein Schimpfwort mehr, sondern es drückt das notwendige Selbstinteresse eines Landes aus.« Daraufhin sagte er, na gut, das sei missverständlich formuliert und könne von böswilligen Menschen vielleicht so ausgelegt werden, als halte er Nationalismus für etwas Notwendiges, aber das Gegenteil sei der Fall. Dann gab der Kulturchef ein Interview in der Netzeitung. In dem Interview sagte er, ich sei ein Schwindler…


Nazis – die Sozialfälle der Erinnerungskultur – werden als die großen Verlier der WM dargestellt. Tatsächlich sind sie als „Tabubrecher“ in vielerlei Hinsicht überflüssig geworden. Zweifellos gab es seit „Adolf“ nicht so viele Nationalflaggen an Plätzen und Häusern. Doch der „Stolz ein Deutscher zu sein“, steht heute, so heißt es, im Zeichen der Überwindung des Bezugs zur deutschen Vergangenheit. Anders gesagt: Der Wille zum Nationalstolz lässt sich mit dem Hinweis auf die Geschichte nicht mehr einschüchtern. Ungesunder Nationalismus war gestern, gesunder Patriotismus ist heute. Wer etwas dagegen hat, ist „verkrampft“. Es fällt dabei niemand die Häufung der medizinischen Metaphern auf. Das bißchen Zurückhaltung in Sachen nationaler Präpotenz, die man sich nach dem Holocaust mit Rücksicht auf die eigene Stellung in der Welt auferlegen musste, war demzufolge irgendwie „krank“, „unnormal“, eine „Verkrampfung“ und „Selbstverleugnung“. Bedenklich, so heißt es nun, ist nicht Nationalismus, sondern eine Situation, in der man ihn nicht „gesund“ ausleben kann. Denn Nationalismus ist im Grunde „natürlich“. Also Schluss mit der Verstellung! 

»Viel zu lange haben wir die Fahne und andere nationale Symbole den Rechten überlassen!« (Edmund Stoiber, SZ 24.6.06)

Spiegel, 6. Juli 2006
RECHTSEXTREME WAREN DIE VERLIERER
Düsseldorf – Versuche, die WM für rechtsextreme Zwecke zu nutzen, seien zu einem „Rohrkrepierer“ geworden, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ingo Wolf. Der Minister begrüßte den neuen Patriotismus, der von der deutschen Nationalflagge, der Hymne und der damit verbundenen Begeisterung symbolisiert werde: „Dieser Patriotismus ist unverkrampft, selbstverständlich und durchweg positiv für Deutschland.“ Diese „neue Welle“ habe die rechtsextremistische Szene Schachmatt gesetzt.


Allerdings – Nazis sind flexibel. Links: Nazis mit Deutschlandfahne in Berlin. Mitte: Nazis mit der Reichkriegsflagge auf der Hamburger Fanmeile. Rechts: Nicht nur die Republikaner – auch die DVU benutzt schwarzrotgoldene Logos.

Die letzten Kritiker: Ausgewählte Artikel zum Thema:


Bilder zum nächsten Text

Berliner Zeitung, 29.06.2006
KARNEVAL ODER VERFÜHRUNG?
Gastbeitrag von Helmut Digel

Deutschland feiert sich selbst und lässt sich feiern. Selbstbezüglichkeit scheint das Gebot der massenmedialen Kommunikation zu sein. Wer immer etwas Gutes über die Deutschen zu sagen hat, ist eines Zitats würdig, organisiertes Fremdlob ist Eigenlob, in der Masse ist der „Normale“ plötzlich der „Unnormale“, normal ist, was die Masse tut. Vor einer Woche wurde das Vorrundenspiel Deutschland gegen Ecuador in Berlin angepfiffen. Ich stand vor dem Olympiastadion und freute mich auf das Spiel. Plötzlich klingelte ein Mobiltelefon, ein junger Mann, kaum einen Meter von mir entfernt, antwortete seinem Gegenüber und er erzählte ihm, dass er sich vor dem „Adolf-Hitler-Gedächtnis-Stadion“ befinde. Ich bin irritiert, ja bestürzt. Im Stadion angekommen tauche ich ein in ein Meer von Schwarz-Rot-Gold, in ein Meer von weißen Nationalmannschaftstrikots, in ein Meer von tätowierten Fans und in ein Meer von patriotischer Identifikation.„Steh auf, wenn du ein Deutscher bist“, „Sieg“, „Sieg“, „Sieg“, grölt die Masse, und ich sehe mich genötigt, als Deutscher mit aufzustehen, obgleich ich über eine Sitzplatzkarte verfüge. Wenige Minuten vor Anpfiff ereignet sich in der Ostkurve des Berliner Olympiastadions etwas äußerst Eigenartiges. Über eine Länge von mehr als hundert Metern wird ein Tuch entrollt, darauf ist zu lesen:„Auf des Adlers Schwingen werden wir den Sieg erringen.“ Und plötzlich wird die gesamte Tribüne zu einem lebenden Motiv, ein schwarzer Adler auf weißem Hintergrund dominiert auf einer Fläche von mehreren hundert Quadratmetern die Kurve. Offensichtlich werden dann auf ein vorgegebenes Kommando in Schwarz-Rot-Gold die Nationalfarben hinzugefügt. Eine Inszenierung findet offenbar statt, die nationale Stärke zum Ausdruck bringen soll. Wie ist dieser Akt zu werten? Bei der Fernsehübertragung wurde auf diese besondere nationale Demonstration glücklicherweise verzichtet. Sie wurde nicht gezeigt. Was ist angemessen in einem Stadion, das wie kein anderes in der Welt einem politischen Machtmissbrauch unterlag? „Adolf-Hitler-Gedächtnis-Stadion“, martialische Reime, wie sie im Dritten Reich typisch waren, ein Reichsadler in einer Größe, wie ich ihn zuvor noch nie gesehen habe? Wer hat dies zu verantworten? Was soll mit solchen Inszenierungen bewirkt werden? Ist dies „karnevalistischer Patriotismus“ oder findet hier Verführung statt?

Professor Helmut Digel ist Chef des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Tübingen und Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF.


Das selbe Stadion einige Jahre vorher…

Neue Zürcher Zeitung, 5. Juli 2006
Die Welt in Angst vor Deutschland?
In die Feiern der WM-Gastgeber mischen sich immer mehr aggressive Töne

Deutschland ergehe sich in einem karnevalistischen Patriotismus, hiess es vor kurzem. Inzwischen hat die vermeintlich harmlose Angelegenheit neue Facetten erhalten: Jene, die sich skeptisch äussern, werden mitunter genötigt, ihre Ablehnung nationalistischen Taumels zu rechtfertigen.

Niemand wollte diesen Satz hören, vielleicht wollte ihn auch niemand wirklich gehört haben, verständlich wäre es: «Die Welt hat wieder Angst vor uns.» Das sagte Oliver Bierhoff, der Manager der deutschen Nationalmannschaft. Bierhoff meinte vielleicht nur die deutsche Mannschaft. Doch so ein Satz kann irritieren. Er kann aber auch verängstigen, vor allem, wenn er von einem Deutschen kommt. Nun könnte man einwenden, es sei bloss Fussball, worum es hier geht.

Vielleicht muss man erst einmal fragen, wer dieser Oliver Bierhoff ist. Mittelstürmer war er in der AC Milan, jenem Klub, von wo aus Silvio «Forza Italia» Berlusconi das ganze Land mit dem System Milan kontaminierte. Bierhoff war ein brillanter Kopfballspieler. Nicht jedem bekommt das gut. Vor bald zwei Jahren unterschrieb er gemeinsam mit Jürgen Klinsmann seinen Vertrag im DFB. Die «Süddeutsche Zeitung» berichtete von einer «mondänen Lösung», was auch immer das sein soll. Bierhoff engagierte sich für die «Initiative Neue soziale Marktwirtschaft», eine Lobby-Truppe der Neoliberalen.

Der Feldzug geht weiter, am Dienstag stand das Spiel gegen Italien in Dortmund an. Dort hatte im Vorfeld des Halbfinals eine ziemlich misslungene Satire über den italienischen Mann als solchen mittelprächtigen Ärger ausgelöst. Der Italiener könne nur in einer «parasitären Lebensform» existieren, hiess es dort.

Es geht heiss her in Deutschland. Und der neuerliche Patriotismus, der in all seiner Lockerheit selbst von manchen Linken freudig begrüsst wurde, zeigt allmählich ein anderes Gesicht. Der Tübinger Soziologe Helmut Digel, Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, veröffentlichte einen bemerkenswerten Text über den Besuch eines deutschen Vorrunden-Spiels in Berlin: «Plötzlich klingelte ein Mobiltelefon, ein junger Mann antwortete seinem Gesprächspartner und erzählte ihm, dass er sich vor dem ‚Adolf-Hitler-Gedächtnis-Stadion‘ befinde…. „ (siehe oben).

Im Fernsehen wurde der Adler nicht gezeigt, der Urheber des Aktes blieb im Dunkeln, der nichts anderes ist als jene «aggressive Gleichschaltung», wie sie der Kulturtheoretiker Theweleit beobachtet hatte. Und mittendrin steht Bierhoff mit seinem törichten Satz. Vermutlich ist er einfach nur ein Mitläufer, ein Parvenü, der sieht, wo er bleibt.

Inzwischen lassen sich Millionen gern manipulieren. Es reicht schon aus, die Deutschen vor dem Match gegen Argentinien nicht als Favoriten zu wähnen, und der Ärger steht an. Ein deutscher Kollege war vor ein paar Tagen in Berlin deswegen in eine hitzige Diskussion verwickelt worden, und er hatte im weiteren Gesprächsverlauf den Fehler begangen, anzumerken, dass er den neuerlichen Nationalstolz nicht nur in Anbetracht der schwindenden Bedeutung von Nationalstaaten für einen blanken Anachronismus und nebenbei für nicht ganz ungefährlich hält.

Der Mann durfte sich zunächst einmal allerlei Gründe anhören, warum man auf Deutschland stolz sein könnte, und bekam noch serviert, dass doch irgendwann «Schluss» mit dem alten Krempel sein müsste. Das waren keine Argumente. Es waren Vorwürfe, und in jedem Satz schwang das Wort «Verräter» mit.

Von DIVERSEN WEBLOGS…:

■ Der Gebrauch von Schwarz-Rot-Gold – SWG – wird schon langsam kindisch. Kinder mit Fähnchen am Fahrrad-Gepäckträger, SWG-farbene Hawaii-Ketten, Besonders apart die Müllfahrzeuge mit Schwarz-Rot-Goldener Standarte, fehlt noch das SWG-Klopapier. [siehe Bild weiter oben]

■ Ich kanns echt nicht mehr sehn. Überall Bälle, Trikots, Fähnchen und jede Menge besoffener Idioten, die “Steh auf, wenn du ein Deutscher bist!” singen und ganz furchtbar stolz auf ihre wunderbare Nation sind. Ich hoffe, die Schweden kicken sie raus, damit ich endlich meine Ruhe habe. Ich will nicht stolz sein, ein Deutscher zu sein. Weder kann ich was dafür noch ist Deutschland und das deutsche Volk was zum stolz drauf sein. Wie kann man stolz auf ein Volk sein, das mehrere 100.000 Leute mobilisieren kann, wenns ums Saufen geht, aber nur ein paar 100, wenn es darum geht, etwas gegen Sozialabbau zu tun. (Wie anders doch in Frankreich!).

■ Seit der Wiedervereinigung habe ich nicht so viele Fahnen gesehen. Hunderte von Jugendlichen säumen die Straßen, die sich in Deutschlandfahnen gewickelt haben,und rufen immer wieder “Deutschland, Deutschland.” Ich gehe ein Stück weiter, da zieht eine Truppe von Jugendlichen am Holocaustmahnmal vorbei und singt: “Steh auf, wenn Du ein Deutscher bist!”

■ Uff, endlich draussen! Um Weltmeister zu werden, braucht es neben fussballerischen Können auch noch Geist. Oliver Bierhoff: «Die Welt hat wieder Angst vor uns.». Vorrunden-Spiel in Berlin, es grölt die Masse: «Steh auf, wenn du ein Deutscher bist, Sieg, Sieg, Sieg.» Und in der Ostkurve des Olympiastadion: Über eine Länge von mehr als hundert Metern wird ein Tuch entrollt, darauf ist zu lesen: «Auf des Adlers Schwingen werden wir den Sieg erringen.» Fussball wie 1933?

■ Hier mal meine Eindrücke vom Spiel Deutschland – Costa Rica 4:2 am 9. Juni 2006 (Block 122, Reihe 1, Osttribüne): Die Eröffnungsfeier war nicht gerade der Reißer. Das Spiel war sehr gut für ein Eröffnungsspiel. Gleich so früh das 1:0 für Lahm. Dann pennt Arne Friedrich, 1:1! Jeder geschockt! Klose mit dem 2:1, alle wieder glücklich!! 3:1 und die deutschen Fans ticken weg! Immer wieder die gleichen Gesänge: „Steh auf wenn du ein Deutscher bist…“, „Deutschland, Deutschland, Deutschland, Deutschland…“ mehr kam leider nicht.

■ 14. Juni 2006: ich lass die leute in Ruhe – es sei denn, sie kommen mir mit dieser gar nicht so seltenen „wir sind wieder wer. steh auf, wenn Du ein Deutscher bist“-Haltung an. ich verstehe nicht, warum ich stolz auf deutschland sein sollte. wenn überhaupt, bin ich stolz, fehlerfrei rückwarts einparken zu können, die texte meiner lieblingsbands auswendig zu kennen oder auf meine paella – kollektivem stolz gegenüber bin ich misstrauisch.

■ 24. Juni 2006 – Überall hängen diese Fahnen: an Fenstern, Autos. Manche haben sogar diese lustigen (Hahaha)-Hüte auf. Die Bilder sieht jeder, der sich dieser Tage auf den Straßen bewegt. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob mich diese Bilder befremden, ob ich mich mittlerweile an sie gewöhnt habe. Am wenigsten klar komme ich mit den Fähnchen, die zusätzlich noch den Bundesadler tragen. Warum überkommt mich dieses Gefühl nicht, wenn ich englische, brasilianische oder japanische Fahnen sehe? Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich im Stadion wäre und um mich herum dieser Gesang “Steh auf, wenn du ein Deutscher bist” angestimmt wird. Mitsingen fiele mir schwer. Ich bin Deutsche, daran gibt es nichts zu rütteln. Ich weiß aber auch, dass eine Generation von Deutschen etwas getan hat, für das es keine Rechtfertigung gibt. Und wenn ich diesen Gesang bei den Fußballspielen höre, muss ich eben nicht nur an mich denken, sondern auch an die Vergangenheit. Daran hat sich auch nach all diesen Jahren nichts geändert (Nennt mich halt Miesepeter.)

■ Samstag, 1. Juli 2006: Nach dem unglaublichen Fußballspiel, von dem ich unfreiwillig die Verlängerung und das Elfmeterschießen sah, fuhr ich back to Marburg. Von den Fußballfans angepisst. Unglaublich was für eine Freiheit die Fans haben. Besetzten sie für ein paar Stunden den Rudolfsplatz und rütteln Busse durch, bequemt sich die Polizei nach einer halben Stunde mal mit einem Streifenwagen dort hin. Und dass nur, weil jemand angerufen hat, es würden Naziparolen gegrölt. Hätten die Studenten demonstiert, wäre sofort die Hölle los, ganz ohne Busschaukel. Zu hause, dann gleich mal die Tricolore aus dem Fenster gehangen, man muss ja Flagge zeigen. Diesen Nationalstolz vieler Fans verstehe ich einfach nicht. Man kann auf nichts stolz sein, für das man überhaupt nichts kann, z.B. „deutsch zu sein“. Solche Sprüche, wie „so sehen Sieger aus“ oder „steh auf, wenn du ein Deutscher bist“ kann ich überhaupt nicht haben. Das ist der Grund, warum ich die WM ganz und gar nicht mag.

■ Nunja, die Vergangenheit … Es braucht kein Hakenkreuz, um sich so richtig in Grund und Boden für Deutschland zu schämen, auch unter Schwarzrotgold gab es einiges, was nicht unbedintgt Stolz nach sich ziehen sollte. Wenn die anderen Nationen ihre Fahnen schwenken wollen, sollen sie, toll finde ich das nicht, aber eigentlich geht es mich auch nichts an. Ich bin nunmal Deutscher, und das einzige, was ich widerlich finden darf, ist das hiesige Gegröle.

■ Ich find’s cool mir das Spiel mit tausenden anderen Menschen gemeinsam anzuschauen, gemeinsam zu jubeln und danach zu feiern. Ich find die Stimmung cool. Und ja, ich gebe zu – ich fände es toll, wenn Deutschland Weltmeister wird. Was mich nervt sind diese Proll-Fans und Rassisten. „Steh auf wenn Du ein Deutscher bist“? Das sollte doch heissen : Steh auf, wenn Du für Deutschland bist ? Also ganz korrekt heisst es wohl: Steh auf, wenn Du Deutschland bist! „Steh auf wenn Du ein Deutscher bist“ oder ähnliche dumpfe Schlachtrufe wecken bei mir nur Ekel und Angst -vor allem aus 1.000.000 besoffenen Kehlen.

■ Auf meiner Autofahrt sah ich jede Menge traurig hängende Deutschlandfahnen. An den Autodächern wehten weitaus weniger Flaggen als noch am Vorabend. „Deutschland aus die Maus“, raunzt ein Rentner wie eine Attacke gegen das zuvor gewachsene nationale Selbstbewusstsein. Erstaunlich ist dieses Anwachsen des deutschen Nationalbewusstseins in den letzten Wochen. Ein gesundes Nationalbewusstsein – warum nicht?! Ich habe eine Ahnung davon, dass es nicht gleich in Faschismus münden muss, wenngleich man sehr wachsam für die fließenden Übergänge sein sollte! Was mir beim Italien-Deutschland-Spiel seltsam erschien, war der wiederholte Slogan des Radio-Reporters: Steh auf, wenn du ein Deutscher bist! – Gut, er zielte damit auf die Unterstützung unserer Mannschaft durch das deutsche Publikum. Bei dem Slogan schien mir aber gerade noch das „…ein richtiger Deutscher…“ zu fehlen, und ich entschied, dass ich kein richtiger Deutscher sein werde! Eine dunkle Vision, die mir durch die Fantasie geistert, ist nämlich die, dass es von nun an (wieder) zum innerdeutschen Bürgerpflichtprogramm gehören könnte, ein „richtiger Deutscher“ zu sein. Patriotismus könnte hip werden und Kritik am „Vaterland“ megaout. Und da würde ich dann doch freundlich abwinken wollen.


Militant Style: Schwarz-Rot-Gold (in Übergröße) zu getönten Scheiben und Offroad-Chic – bei den gutsituierten Mittelschichten soll der Deutschlandstolz auch die eigene Durchsetzungsfähigkeit demonstrieren. 

Spiegel, 14. Juni 2006
UMFRAGE 
Schwarz-rot-gold an Häusern und Privatautos. Was in anderen Ländern NORMAL ist, sieht man in Deutschland ZUM ERSTEN MAL. [toller Satz!]. Wir haben bei Prominenten nachgefragt: 

CONTRA: Markus Kavka, MTV-Moderator: „Es fällt mir schwer, wenn sie im Stadion ‚Steh‘ auf, wenn Du ein Deutscher bist‘ singen. Ich befürchte, dass die falschen Leute diese Stimmung ausnutzen können, etwa wie der Fan, der bei dem Lied den rechten Arm gestreckt hat.“ Heiner Geißler, ehemaliger CDU-Generalsekretär: „Es reicht langsam. Es gibt ein ukrainisches Sprichwort, das heißt: ‚Wenn die Fahnen fliegen, ist der Verstand in der Trompete.‘ Wir haben den Zustand, dass uns der Verstand verloren geht, bald erreicht.“

PRO: Feridun Zaimoglu, Schriftsteller: „Ich habe ich mir gerade eine deutsche Flagge gekauft, die ich hissen werde. Ich käme nie auf die Idee, aus dem fröhlichen Fahnenschwenken eine ideologische Debatte oder ein Problem zu machen.“ Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der Links-Partei: „Ich glaube, die meisten sind gut gelaunt, finden einfach Spaß daran und haben nichts Nationalistisches im Kopf. Insoweit geht es in Ordnung, auch wenn ich es selbst nie machen würde.“ Silvana Koch-Mehrin, FDP-Vorsitzende im Europäischen Parlament: „Die vielen Deutschlandfahnen finde ich sehr schön! Die aktuelle Patriotismus-Debatte ist absurd. Pünktlich zur WM haben ein paar ehemals linke intellektuelle Männer im besten Alter ihre Heimatliebe entdeckt. Diese Selbsterfahrung in den Feuilletons haben die meisten Deutschen nicht nötig.“ Ulrich Wickert, „Tagesthemen“-Moderator: „Der spielerische Umgang mit Schwarz-Rot-Gold macht mir keine Angst. Im Gegenteil.“


Hamburg, Großneumarkt

http://oraclesyndicate.twoday.net/stories/2196183/
Montag, 19. Juni 2006

GRÖLEMEIERS JUDENHATZ

(Harald Haack) – In Hamburg sind die Grölemeiers los.
Es geschah kürzlich in der Linie 31 der Hamburger S-Bahnzwischen dem Hauptbahnhof und Heimfeld nach dem Spiel zwischen Argentinien und Elfenbeinküste in der AOL-Arena im Stadtteil Volkspark. Der in der Hamburger Innenstadt tätige Buchhändler und werdender Vater, Florian K. (33), nutzt die S-Bahn, um nach Feierabend nach Hause zu fahren. Er liest in einem Avantgarde-Musiker-Magazin, als an einer Station kurz vor 23 Uhr drei betrunkene Jugendliche in den S-Bahnwaggon stürmen. Sie sind sportlich gekleidet, die Haare sind manierlich kurz geschnitten. Damit wirken sie auf Florian K. wie Rekruten-Neulinge der Bundeswehr. Sie grölen: „Steh auf, wenn du ein Deutscher bist!“ und fordern die Fahrgäste zum Mitsingen und Mitmachen bei ihrer La-Ola-Welle auf. Etliche machen mit. Florian K., der wie die meisten Deutschen dunkelhaarig ist, aber fühlt sich nicht angesprochen und steht auch nicht auf. Da rotzt ihn einer drei Grölemeier an: „Du bist nicht aufgestanden. Du bist Jude!“ (…) Florian K. blieb unversehrt, aber im Nachhinein findet er es erschreckend, dass ganz „normal aussehende“ junge Deutsche „diese rechtsradikale Gewalt im Blut“ haben.
(…) Sonderbares Erstaunen beim pseudolinken Presse-Mainstream. SPIEGEL-Online schließt sich der „FAS“, der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, an und zeigt sich erstaunt darüber, dass in den FIFA-Stadien kein Fan bei Herbert Grönemeyers offiziellen Hymne zur Fußball-Weltmeisterschaft „Zeit, dass sich was dreht“ mitsingen mag: (…) Dass in den Fussball-Stadien keiner in Grönemeyers Lied einstimmen mag, dürfte wahrscheinlich daran liegen, dass es längst unter den Fans einen rechtsradikalen Text erhalten hat…

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,420657,00.html
Spiegel-Online, 22. Juni 2006

„POLACKEN“-JAGD
Selbstversuch eines Reporters mit polnischer Fahne

SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Sebastian Christ wollte sich am Freitag mit Deutschland-Trikot und polnischer Flagge einen netten Abend in München machen. Doch seine binationale Ausstattung, die er „im Selbstversuch“ durch München trug, gefiel nicht allen Fans. Zwei Thüringer jagten ihn schließlich durch einen Park. Hier sein Protokoll.

„Polacke!“ Schon nach hundert Metern werde ich zum ersten Mal angepöbelt. Es ist Fußball-WM, der Tag des Eröffnungsspiels. In zehn Minuten beginnt das zweite Spiel, Ecuador gegen Polen. Und ich will mit Deutschland-Trikot und Polen-Fahne die etwa 500 Meter von meiner Wohnung zum Fan-Fest zu gehen. Es ist ein kleiner Selbstversuch: Gibt es Ressentiments gegen Polen und ausländische Fans im Allgemeinen?
Das ist im Prinzip schon alles, und doch nicht die ganze Geschichte: Denn den Rückweg wird meine Fan-Montur nicht überstehen.
Ich mag Polen, habe dort einen Teil meiner Studienzeit verbracht. Die deutsch-polnische Freundschaft liegt mir am Herzen. Für mich gibt es nichts Natürlicheres, als auch die Elf von Pawel Janas lautstark zu unterstützen. Doch es gibt Münchner, die das anders sehen.
Schon 50 Meter weiter werde ich wieder angemacht: „Die Fahne ist scheiße“, schnauzt mich ein besoffener Mann mit bayerischem Akzent an.
Ich bin noch nicht ganz auf der Brücke zum Stadion angelangt, als mich wieder jemand beleidigt. Ein sogenannter Fan im deutschen Nationaltrikot. Er leiert einen der ältesten Wortwitze herunter, den es in deutscher Sprache gibt: „Heute gestohlen, morgen in Polen.“ Ich versuche ihn versöhnlich zu stimmen. Doch den Hinweis darauf, dass Nationalstürmer Miroslav Klose auch in Polen geboren ist, lässt er nicht gelten. „Ja, ja“, sagt er nur. Und grinst.
Das Spiel selbst läuft katastrophal für Polen. Die vielleicht 500 polnischen Fans sind ruhig, kaum vernehmbar. Sie gehen in der großen Menge unter. Auf den Rängen liegen Berge von Müll: Bierflaschen, Essensreste, auch wertlose Werbegeschenke, die von den Sponsoren in Tausenderstückzahlen unters Publikum geschmissen wurden. Am Coubertinplatz zwischen Stadion und Leinwand feiern immer noch Hunderte Deutsche. Die meisten sind betrunken.
Es wird langsam kalt. Nach dem 1:0 für Ecuador mache ich mich wieder auf den kurzen Rückweg. Ich werde mehr als eine Stunde dafür brauchen.
Als ich die Brücke vom Stadion weg verlasse, raunt mir ein Mann mit thüringischem Dialekt von der Seite zu: „Was willst Du denn mit der Fahne?“ Ich drehe mich zu ihm hin: „Wieso?“ Er sagt: „Du kannst doch hier nicht mit der polnischen Fahne rumlaufen. Deutschland-Trikot und Polen-Fahne, das passt nicht.“
Der Mann wird zusehends aggressiver. Er hat keine Glatze und keine Springerstiefel. Seine Haare sind dunkel und kurz. Ich sage ihm, dass beides sehr wohl zusammenpassen kann. Das ist ihm egal. Die Leute aus seiner Gruppe halten ihn von nichts ab, sein nationalistisches Gerechtigkeitsempfinden läuft auf Übertouren. In den Augen blitzt Streit, sie verfolgen mich. Schließlich stellt er sich mir in den Weg und packt mich am Arm. „Du erklärst mir jetzt sofort, warum du hier mit der Polen-Fahne herumläufst. Eher kommst hier nicht weg.“ In mir reift langsam die Erkenntnis, dass ich in der Klemme stecke. Von hier aus kann ich fast meinen Studentenbungalow sehen. Aber es ist zu weit um dort hinzulaufen. Ich drohe ihm mit der Polizei. Das macht ihn erst recht rasend. „Du kriegst Schläge, wenn Du die Polizei rufst.“ Er schubst mich durch die Gegend. An uns gehen Dutzende Fans vorbei, die alle wegschauen. Ich sage laut, dass er mich einfach nur in Ruhe lassen soll. Keiner reagiert.
Ein zweiter Thüringer kommt hinzu. Sie tragen beide Deutschland-Shirts. Auf ihrem Rücken steht der Name ihres Heimatortes: Bickenriede im Eichsfeld. Sie sind Stammtischbrüder, wohl auf Fußball-Erlebnisreise in München. Ich wähle 110 und setze einen ersten Notruf ab. Es dauert endlose zehn Sekunden, bis ich durchgestellt werden. Die beiden beschließen, mich jetzt durch den Park zu jagen. Ich laufe so schnell ich kann eine Böschung hinunter, dann einen Hügel hinauf. In der rechten Hand habe ich die Fahne, in der linken das Handy. „Kommen sie schnell“, brülle ich ins Telefon. Die beiden haben mich fast. Ich schlage einen Haken, renne in die andere Richtung. Jetzt folgt mir nur noch einer von ihnen. Während ich mein Handy in die Tasche stopfe, kommt er immer näher. Dann hat er mich. Ich rutsche aus. Er würgt mich, reißt an meinem Trikot, drückt mir seinen Handballen ins Gesicht. Dann nimmt er meine Fahne und zerbricht den Stock über seinem Knie. Mir gelingt es kurze Zeit später die berittene Polizei auf die beiden aufmerksam zu machen. Als der Polizist nach den Personalien fragt, sagen die beiden Männer aus Bickenriede, dass sie keinen Ausweis dabei hätten. Sie bestreiten alles. Ich spüre eine Art Korpsgeist unter den beiden: Wir halten dicht. Mindestens einer von ihnen macht offensichtlich falsche Angaben. Dann dürfen sie nach Hause gehen. Der Polizist auf seinem Pferd schreibt meine Personalien auf. Er macht mir wenig Hoffnung darauf, dass die Sache ein Nachspiel hat. „Wir haben da gewisse Probleme mit der Beweisführung“, sagt er, als ich ihm erkläre, dass ich den Vorfall für fremdenfeindlich halte. Er sagt: „Sie sind halt kein Afrikaner.“

Zeitgleichheiten:

Mitteldeutsche Zeitung, 6. Juli 2006
■ BÜCHERVERBRENNUNG IN SACHSEN-ANHALT
Während einer Sonnenwende-Tanzveranstaltung am 24. Juni in Pretzien bei Magdeburg fand eine Verbrennung des Tagebuches von Anne Frank statt. Zunächst soll eine amerikanische Flagge in dem Feuer verbrannt worden sein. Dann soll ein Teilnehmer das weltbekannte Tagebuch der von den Nazis ermordeten Anne Frank in die Flammen geworfen haben. Eine Mitarbeiterin des zuständigen Ordnungsamtes hatte die Veranstaltung schließlich abgebrochen. Der PDS-Ortsbürgermeister Harwig soll der Veranstaltung tatenlos zugeschaut haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Volksverhetzung gegen drei Verdächtige.

Der Tagesspiegel, 7. Juli 2006
■; AUSCHWITZ-WÄCHTER ERHÄLT KRIEGSOPFERRENTE
Das Bundessozialgericht hat ein spektakuläres Urteil zu Kriegsopfer-Renten gefällt. Die Richter entschieden, dass einem ehemaligen Wachmann im KZ Auschwitz die Kriegsopfer-Rente nicht entzogen wird. Auch wenn KZ-Wächter gegen die Grundsätze der Menschlichkeit verstoßen haben, haben sie unter Umständen Anspruch auf eine Kriegsbeschädigtenrente. Wie das Bundessozialgerichts (BSG) entschied, kann ihnen die Rente nur aberkannt werden, wenn sie sich nicht auf einen „Befehlsnotstand“ berufen können. (Az: B 9a V 5/05 R). Der heute 83-jährige Kläger aus Baden-Württemberg hatte das Lager auf Wachtürmen und in Postenketten sowie Arbeitskommandos von Häftlingen außerhalb des Lagers zu bewachen. Dazu gehörte auch die Bewachung ankommender Gefangener an der Eisenbahn-Laderampe. Nach Schließung des Konzentrationslagers 1945 wurde der SS-Soldat an die Front versetzt und verlor bei den Kämpfen um Breslau sein rechtes Auge.

Frankfurter Allgemeine, 7. Juli 2006
■ Sechs Männer aus Berlin und Brandenburg haben am Mittwoch für einen schweren Zwischenfall auf der WM-Fanmeile auf der Straße des 17. Juni gesorgt. Die sechs Beschuldigten im Alter von 19 bis 26 Jahren hatten den Angaben zufolge kurz nach Mitternacht auf dem Fanareal vor etwa 40 Besuchern von unterschiedlichen Nationen gegrölt: «Wir bauen ´ne U-Bahn von Italien nach Auschwitz». Der Staatsschutz ermittelt.

Junge Welt, 24. Juni 2006
■ Im Chaos auf dem Dortmunder Hauptbahnhof nach der deutsch-polnischen Begegnung am 14.Juni grüßten germanische Fans ihre vergeblich auf einen Sonderzug wartenden slawischen Freunde von jenseits der Oder gastfreundlich mit einem herzhaften Tip: »Da ist ein Zug, der nach Auschwitz fährt.«


„I love Germany“ heißt eine neue „Stern“-Kampagne. Hier wird der Slogan umgesetzt beim Public Viewing im Betriebshof von Gruner + Jahr. Im Haus dahinter hatte man zwei Monate zuvor entschieden, dem umstrittenen „Hitler-Biografen und ehemalige FAZ-Herausgeber Joachim Fest“ (Thomas Osterkorn) den Henri Nannen Preis zu verleihen.

Heinrich Heine brachte seine Enttäuschung über das Scheitern der Demokratiebewegung von 1848 in seinem Gedicht „Michel nach dem März“ zum Ausdruck und bezieht sich in seiner Kritik auch auf dieFarben der deutschen Fahne:

Doch als die schwarz-rot-goldene Fahn,
Der altgermanische Plunder,
Aufs neue erschien, da schwand mein Wahn
Und die süßen Märchenwunder.
Ich kannte die Farben in diesem Panier
Und ihre Vorbedeutung:
Von deutscher Freiheit brachten sie mir
Die schlimmste Hiobszeitung.

Am Rande: Die Farbkombination Schwarz-Rot-Gelb ist auch eine ästhetische Zumutung. Die Kombination der Nichtfarbe Schwarz mit Rot entspricht noch den Idealen der Farblehre. Kommt aber das Gelb dazu, dann tut es den Augen weh. Wohltuend sind zum Beispiel die italienischen, französischen oder brasilianischen Farbkominationen. Zum Beispiel.
http://www.metroprime.de/farbharmonie/farbwaehler.php?PHPSESSID=cadc0a9c5c434b3aff3db5b690f20bd2

9/10. Juli 2006/Eigener Bericht

Willkommen in der Zivilisation:
Endlich unter normalen Nationalisten!
Italien-Frankreich – Auf der Hamburger Fan-Meile schauen sich 25.000 das Finale an – unbelästigt von deutschnationalen Schreihälsen.

Alles sprach dafür, dass der letzte Tag der WM einer der angenehmsten sein würde. Einer der wenigen Tage in diesen langen WM-Wochen ohne dieses diffus-mulmige Bedrohungsgefühl, das all jene überkommen musste, die wissen, dass sie letztendlich nicht „dazu“ gehören bzw. jene, die nicht dazu gehören wollen. In dieser Stadt leben Zehntausende, die eine Gänsehaut bekommen, wenn germanische Horden – ob schmale Abi-Pimpfe oder ausgewachsene Brecher – angefeuert von Abendblatt bis Spiegel-Online bzw. von Köhler bis Kerner ihren Ich-bin stolz-ein-Deutscher-zu-sein-„Patriotismus“ ganz offen ausleben, indem sie „unverkrampft“ anderen die Deutschlandfahne vor die Nase halten und ihre Selektionsphantasien rausschreien:“Aufstehen, wenn Du ein Deutscher bist“. Ein Satz, dessen Bedrohlichkeit durch die große Menschenmenge gesteigert wird, die ihn skandiert und durch das Unbewußte, das in diesem Satz zum Ausdruck kommt, durch das Nichtwissen seiner Ungeheuerlichkeit, durch das Fehlen jeder Empathie gegenüber allen, die Grund zur „Überempfindlichkeit“ haben.
Dass dieser letzte Tag auf der Hamburger Fanmeile ein Tag ohne „Deutschland, Deutschland“-Stumpfsinn, ohne Rechtsradikale und ohne pöbelnde Besoffene sein wird, war in dem Moment klar, da Italien die BRD rausgekickt hatte. Einfach deshalb, weil „Deutschland“ (früher: BRD) nicht mehr dabei war. In diesem Moment war das Interesse der jolenden Masse, das nie dem Fußball galt, sondern allein dem deutschen Endsieg („Fi-na-le!“), einfach verschwunden. Für diese Mehrheit war die WM endgültig nach dem Spiel gegen Portugal und der „Nur-für-Deutsche“-Abschiedsveranstaltung der BRD-Mannschaft in Berlin definitiv zu Ende. In der Tat: Während vor der Niederlage gegen Italien 70.000 bis 90.000 „Fußballfreunde“ zur Fanmeile drängten, waren jetzt nur noch 25.000 Menschen da (Man wird schreiben, es wären 40.000 gewesen, aber es gab vier dünn besetzte Tribünen für jeweils 5000 Besucher und dazwischen vielleicht noch 3000 stehende Zuschauer). In diesem Sonntagabend wurde der empirische Nachweis gebracht, dass es diesen Sportsfreunden immer nur darum ging, Deutschland zu feiern, an deutschen Siegen teilzunehmen. Ohne sie war die Fanmeile nun ein unerwartet großzügiger Ort geworden. Vom fast leeren Eingangsbereich konnte man an diesem warmen Abend bis zur Bühne schlendern. Niemand wurde geschubst, niemand trötete einem „Doitschlaaand“ ins Ohr. Kein Stress, kein Meer aus Deutschlandfahnen, kein tobender Mob. Auf den Tribünen herrschte eine freundliche, höfliche, charmante und selbstironische Stimmung. Wo es gelegentlich doch einmal Schwarzrotgold zu sehen gab, wedelten meistens japanische oder afrikanische Touristen damit. Denn das Publikum bestand wohl zu 90 Prozent aus Leuten, die hierzulande als Touristen, Einwanderer oder Asylbewerber, also als irgendwie Nichtdeutsche eingestuft werden, selbst wenn sie in Hamburg geboren wurden und aufgewachsen sind. Es war eine ganz und gar andere Versammlung als sonst. Nicht nur Franzosen und Italiener waren auf dem Platz. Es war, als hätten sich alle „Ausländer“ – aus Europa, Afrika, Asien – , alle „Einwanderer“ – alle die es wirklich sind und alle, die von der Mehrheit dafür gehalten werden – , hier versammelt. Die Leute schlenderten umher oder saßen „durcheinander“ auf den Tribünenplätzen. Es gab französische und italienische Fahnen, aber eher wenige. Die Mehrheit schien keiner der beiden „Parteien“ anzugehören. Auf jeden Fall war zu bemerken, dass das Fernbleiben der Deutschen allgemein als Erleichterung wahr genommen wurde. Bei den wenigen (an Trickots, Habitus etc.) erkennbaren Deutschländern handelte es sich überwiegend um angenehme Leute, die sich ohne die enthemmten Patrioten ebenfalls sichtbar wohler fühlten. Die wenigen von der Sorte „entkrampfte Patrioten“, die sich auf den Platz verirrt hatten, fielen sofort negativ auf. Zum Beispiel eine Mutter mit der zehnjährigen Tochter am Pizzastand, die folgenden Dialog beisteuerten: Die Mutter zur (deutschen) Verkäuferin: „Ist das nicht ein würdeloses Spiel? Dieses Endspiel hätte uns doch zugestanden.“ Sofort plärrt die Zehnjährige los: „Deutschland ist Weltmeister!“. Ich zu der Mutter: „Sie müssen ihrem Kind sagen, dass Deutschland nur den dritten Platz erreicht hat“. Die Mutter: „Aber Deutschland hätte die Weltmeisterschaft verdient. Außerdem sind wir Weltmeister der Herzen.“ Und wieder kräht die Kleine: „Deutschland ist Weltmeister, Deutschland ist Weltmeister“.
Die Umstehenden schauen sich peinlich berührt an. Dabei sind die meisten der Umstehenden gewiss keine Antinationalisten. Im Gegenteil. Heute sind sie aus verschiedenen Gründen für Italien oder Frankreich und vorher waren sie, falls sie nicht aus diesen beiden Ländern kommen, für irgendeine andere Mannschaft, jedenfalls für „ihr Land“. Auch sie skandieren Slogans und schwingen mitgebrachte Fähnchen. Aber sie sind deutlich entspannter. Die Mehrheit ist engagiert, aber nicht verbissen. Als Frankreich knapp verliert, verfallen die Anhänger dieser Mannschaft nicht in die Depression. Sie schweigen nicht plötzlich, sondern gehen mit den Fans der italienischen Mannschaft zusammen zum Ausgang, belächeln deren Übermut und gönnen ihn ihnen. Anders gesagt, sie sind all das, was die deutsche Boulevard-Presse und das deutsche Feuilleton seit Wochen wahrheitswidrig über das deutsche Publikum schreiben: Entspannte Nationalisten. Sie sind zum Beispiel Staatsbürger, denen es etwas bedeutet, dass es sich bei ihren Herkunftsländern um Republiken handelt. Selbst wenn sie „France“ sagen, meinen sie die République Française. Hier sagt man „Deutschland“, weil man mit „Bundesrepublik“ bzw. „BRD“ die Erinnerung an die bis 1990 eingeschränkte Souveränität verbindet. Man will nicht von einer „deutschen REPUBLIK“ sprechen, auch nicht von der „BUNDESREPUBLIK Deutschland“, sondern explizit von „DEUTSCHLAND“, wobei die Betonung auf der Unterstellung einer Deckungsgleichheit von Land & Leuten bzw. von Blut & Boden liegt. Das hört man den „Deutschland“-Rufen an. Hauptsache es klingt nach „Wir sind ein VOLK“; die Staatsform ist da zweitrangig. Die anderen aber, die heute hier versammelt sind, sind republikanische Nationalisten. Man merkt es an ihrem zivilisierten Verhalten, dass Nation, Aufklärung und Zivilisation für sie zusammen gehören. Nationalismus ist abzulehnen. Grundsätzlich. Hier soll nur daran erinnert werden, dass es noch gewisse Unterschiede zwischen republikanischem und völkischen Nationalismus gibt. Unter den Republikaner ist es leichter, den Nationalismus in Frage zu stellen, weil sie sich schon von Scholle & Volk emanzipiert haben.


Totalität der Gesellschaft ohne Chance auf ein Entkommen: Schaumburgs größte Deutschland-Fahne. Pünktlich zum Halbfinale zog Dachdeckermeister Steege das schwarz-rot-goldene Banner 27 Meter an seinem Kran in die Höhe, Discjockey Manfred Wolter spielte feierlich die Nationalhymne. Hoch über den Köpfen wehte das 17 Quadratmeter große Tuch im Wind. Schon nach der Vorrunde hatten die Frauen des Ortes die Idee dazu. Nach dem Sieg über Argentinien kramten sie alte Bettlaken hervor, färbten diese und nähten die Bahnen zusammen. 

Nachtrag (10.7.06):

Financial Times Deutschland, 5.7. 2006
DEUTSCHLANDFAHNEN SIND RESTMÜLL 
Vor unsachgemäßem Entsorgen der überflüssig gewordenen Deutschlandfahnen warnt Björn Rickert von der NRW-Verbraucherzentrale: „Nach Abfallrecht sind Fahnen ganz klar Restmüll.“

So schnell wird das nicht gehen. Etliche „Fußballfans“ werden wohl noch Tage oder gar Wochen mit Fahnen herum fahren. Nachdem die Flaggen im öffentlichen Raum etabliert sind, werden die Stolzdeutschen auf diese „Normalität“ nicht mehr verzichten wollen. Auf jeden Fall liegen die Winkelemente jetzt ständig in Griffnähe. An Vorwänden wird es nicht mangeln. 

www.spiegel.de, 6.7.2006
Ende der Auto-Fahnenstangen?
Seit WM-Beginn sind auf deutschen Straßen von Hamburg bis München schwarz-rot-gold geschmückte Autos zu sehen. Viele Fahrer befestigten eine oder mehrere Fahnen an ihrem Wagen. Doch nach dem Ausscheiden von Klinsmanns Kickern im Halbfinale gegen Italien scheint der Höhepunkt überschritten zu sein. Laut einer Blitzumfrage des Auto Club Europa unter 1232 Kraftfahrern haben nach dem verlorenen Spiel gestern Abend mehr als sieben Prozent der Befragten den Fahnenschmuck abgenommen. Weitere vier Prozent wollen damit noch eine Woche warten. Der Rest (24 Prozent) ist noch unentschlossen, was mit den Fahnen passieren soll. Bis spätestens nach dem Ende der Fußball-WM wollen aber mehr als 65 Prozent der Autofahrer die Flaggen einholen. Andere wollen die Deutschlandfahne auf ihrer bevorstehenden Urlaubsfahrt noch weiter wehen lassen, berichtet der ACE.

Kieler Nachrichten, 6.7.2006
Der Traum vom WM-Finale ist ausgeträumt. Bleiben die Fahnen und die gute Stimmung trotzdem? „Ich glaube nicht, dass die gute Stimmung bei der derzeitigen Politik anhält“, meint Claus Holst (59), Betriebsschlosser. Die Fahnen bleiben bei ihm aber hängen. „Bei mir bleiben die Fahnen hängen“, verspricht Stephanie Knetsch (24), Bürokauffrau. Man sei während der WM viel freundschaftlicher miteinander umgegangen. „Die Fahnen und die Fröhlichkeit müssen bleiben. Das sind Zeichen für ein völlig neues Selbstbewusstsein“, meint Astrid Kielgas (52) Krankenschwester. „Unsere Fähnchen bleiben bis zum Ende der WM“, erklärt Petra Kraus (41), Lehrerin. Allerdings befürchtet sie, dass in den nächsten Wochen wieder der Neid und das Gegeneinander zunehmen. „Die Euphorie ist nicht mit dem Ausscheiden der Mannschaft vorbei“, sagt Lars Kölling (35), Sparkassenbetriebswirt. Seine Fahnen bleiben aber noch zwei Wochen an Haus und Auto hängen. „Unser ganzer Balkon hängt voller Fahnen, und die bleiben dort auch mindestens bis zum Finale“, sagt Janina Kaufmann (16), Schülerin. Die Gesellschaft sei durch die WM freundlicher geworden.


BILD-Zeitung, 20. Juni 2006

Hamburger Abendblatt, 11. Juli 2006
Die Flagge bleibt dran!
Die WM ist vorbei. Die Fan-Feste auch. Gesichter und Arme sind wieder nackt, die Tattoos als Bekenntnis zum Favoriten verschwunden, Kurz: Die Normalität hat uns wieder. Aber halt! Ganz so einfach ist das nicht, denn noch flattern die National-Flaggen an vielen Autos, hängt Schwarz-Rot-Gold weiterhin an den Wänden im Büro. Und das wird wohl auch noch lange so bleiben, denn die meisten wollen ganz bewußt nicht aufs Bekenntnis zu Deutschlandverzichten.

Baden online, 12.07.2006
Flaggen bleiben hängen 
Die Euphorie NACH der Fußball-Weltmeisterschaft ist noch immer groß. Fahnengeschmückte Autos gehören weiterhin zum Straßenbild ebenso wie Deutschland-Fahnen an Gebäuden und auf Firmengrundstücken. Wie gehen die Städte damit um? Haslach nimmt es locker, obwohl dort die gesamte Altstadt unter Denkmalschutz steht. »Die Leute, die Flaggen aufgehängt haben, können sie noch mindestens 14 Tage hängen lassen«, erklärte der Hauptamtsleiter. Das gilt auch in der Altstadt von Lahr: »Niemand denkt daran, die Beflaggung zu kontrollieren«, betonte der Oberbürgermeister. So unkompliziert sich Deutschland während der Weltmeisterschaft gezeigt hat, so sehe die Stadt Lahr die Beflaggung trotz der Altstadtsatzung. Ähnliches gilt in Achern und Kehl. Auch der Sprecher der Stadt Oberkirch sagt, dass »es doch schön ist, wenn sich die Leute so mit Deutschland identifizieren«. Es gebe keine Verpflichtungen für die Bürger, Flaggen einzurollen. Es bleibt jedem selbst überlassen, wie lange er noch Flagge zeigen möchte. Auch in Offenburg wird die Stadt nicht eingreifen. »Was Privatleute an ihren Häusern machen, ist deren Sache«, sagt die Pressesprecherin.

Weltmeister der Herzen 


Allgemeine Zeitung Windhoek, 8. Juli 2006
Ideal der Leitkultur: Autokorso deutscher Siedler anlässlich der WM in Namibias Hauptstadt Windhoek.


Abendzeitung, 11. Juli 2006
Schwarz-rot-gold in Schwarzafrika: Die deutsche Flagge auf der Ausrüstung der Bundeswehr-Soldaten im Kongo.


Demo für die islamistische Hamas, Hamburg, 1. Juli 2006

Beirut WM 2006 Juli
Links: Beirut während des WM-Spiels BRD/Argentinien. Mehr deutsche Flaggen soll es nur in der BRD selbst gegeben haben. Rechts: DPA-Foto vom 15. Juli 2006. Antisemiten lieben Deutschland: Eine deutsche Flagge im Süden von Beirut, der von der antisemitischen Hisbollah dominiert wird. Nach den Angriffen der Judenhasser auf Israel türmen sich nun die Trümmer in der Straße.

■ „Wir“ dürfen jetzt Deutschlandfahnen ans Auto heften, wieder „Negerkuss“ sagen, in Adolfs Stadion das Endspiel ausrichten und – empfohlen u.a. von Günter Grass (14.7.06) – Arno Brekers Skulpturen zeigen. Bleibt da noch ein Tabu? 

Bild am Sonntag, 23. Juli 2006
Deutsche Soldaten an der israelischen Grenze sind nicht mehr undenkbar
Herr Beck, es ist viel von der neuen Rolle Deutschlands in der Welt die Rede. … Deutsche Soldaten an der israelischen Grenze – ist das vorstellbar? SPD-Chef Kurt Beck: Eine Beteiligung Deutschlands wäre immer noch etwas Besonderes, aber im Rahmen der internationalen Staatengemeinschaft nicht mehr undenkbar.

NACHTRAG (dpa, 12.9.06): „Deutschlandfahne am Heck der Fregatte „Hamburg“. Deutsche Schiffe sollen die libanesische Küste kontrollieren. Regierungsvertreter verwiesen aber auf die UN-Resolution, wonach die Truppen zur Unterstützung der libanesischen Armee eingesetzt werden. Merkel warb [gemeint ist Israel] erneut für eine politische Lösung des Palästinaproblems. «Ohne diese wird es keine Stabilisierung der Region geben.“ 

Nach vier Wochen:

Donaukurier, 11. August 2006
Neue Liebe zu Schwarz-Rot-Gold überdauert die Fußball-Euphorie 
Vier Wochen sind seit dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft schon vergangen. Aber noch immer ist viel von der Euphoriewelle und dem fröhlichen Patriotismus spürbar, die von der deutschen Nationalmannschaft durch ihren furiosen Offensivfußball ausgelöst worden waren. Nach wie vor flattern auch in Pfaffenhofen Deutschlandflaggen auf Autodächern, vor Hauseingängen oder an Balkongeländern. Der Donaukurier fragte nach den Motiven der anhaltenden Liebe zu Schwarz-Rot-Gold.
Eine Begründung war immer wieder zu hören: „Wir Deutsche sind sonst eher ein Volk, das gern über Kleinigkeiten jammert. Aber bei der WM waren alle positiv eingestellt,“ meinte der Fahrer eines „Fahnenautos“. Andere Pfaffenhofener wollen mit der Nationalflagge ganz bewusst auch ein patriotisches Zeichen setzen, wie Horst Tartler, der eine große Deutschlandflagge vor seinem Haus an der Posener Straße stehen hat: „Ich war vor kurzem in der Schweiz. Dort haben sehr viele Leute Nationalflaggen an den Häusern hängen.Warum sollten wir Deutschen das nicht auch machen?“ Er sei stolz auf sein Heimatland und die Fahne. Dies auch öffentlich zu zeigen, habe die Fußball-Weltmeisterschaft bewirkt. Früher habe sich in Deutschland kaum einer getraut, eine Nationalflagge vor seinem Haus aufzustellen. Dies sei mit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 anders geworden. „Und jetzt lasse ich die Fahne auch hängen. In anderen Ländern, zum Beispiel in den USA, ist das ganz normal„, sagt ein anderer Pfaffenhofener. Vor kurzem sei ihm die Fahne aus dem Vorgarten geklaut worden, kurz darauf habe sie sein Nachbar in der Nähe wieder gefunden. „Da habe ich mir gedacht: Jetzt bleibt sieerst rechtstehen. Und wenn die Fähnchen an meinem Auto nicht kaputt gegangen wären, dann hätte ich die auch nicht abgenommen“.
Seine Kinder hätten ihn dazu überredet, die Fahnen am Auto zu lassen, sagt Peter Kaith. „Sie fanden es so toll, dass sie mir verboten haben, die Flaggen nach der Weltmeisterschaft wieder abzunehmen. Und es sieht ja auch gut aus, wenn viele Autos mit dem Deutschlandschmuck herumfahren.“ Franziska Sturm wurde von ihrem Mann überredet: „Er hat mich die Fahnen nicht herunter machen lassen, aber inzwischen sind sie so kaputt, dass sie bald von alleine abfallen.“

Nach sieben Wochen:

Links: Konzentrationslager Buchenwald nach der Befreiung: US-amerikanische Fahne auf Halbmast. Daneben: Elie Wiesel am 16. April 1945. Rechts: Hermann Schäfer, der – ganz im Geist der neuen Unbefangenheit – als Vertreter des Kulturstaatsministers in Buchenwald über die „Leiden“ der Täter & Mitläufer sprach. Daneben: Vertriebenen-Dichter Günter GraSS, der mutig die Verbrechen der Siegermächte an den Deutschen aufdeckte („Wilhelm Gustloff“); hier auf einem Foto der „Bild“-Zeitung während der WM mit einem großen Deutschlandschal. Dazu der Hessische Rundfunk am 10. Juli: „Es ist schön, dass ein Deutschland-Skeptiker wie Grass keine Angst mehr vor einem Schal in Schwarz-Rot-Gold hat.“ 

Und da wir gerade beim Flagge zeigen sind, werden auch keine Ausnahmen mehr gemacht:

Spiegel-Online, 29. August 2006
Auch NS-Gedenkstätten sollen mit Deutschlandfahne flaggen
Die Affäre um die Rede des stellvertretenden Beauftragten für Kultur + Medien, Schäfer, weitet sich aus. SPIEGEL ONLINE liegt ein Flaggenerlass der Bundesregierung vor, der neben Schäfers Rede in Weimar in NS-Gedenkstätten für Empörung sorgt. Am 15. August hatte das Bundesinnenministerium zum Tag der Heimat 2006, dem 2. September, die „Beflaggung an Dienstgebäuden des Bundes“ angeordnet. Der „nationale Gedenktag für die Heimatvertriebenen“ wird alljährlich am ersten Sonntag im September begangen. Im Mittelpunkt steht das Thema „Vertreibung“. Aufgefordert zur Beflaggung am „Tag der Heimat“ wurden diesmal auch mehrere NS-Gedenkstätten, unter ihnen die KZ-Gedenkstätte in Buchenwald und die Stiftung für das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Eine Zumutung, heißt es aus einer der betroffenen NS-Gedenkstätten. Inzwischen wurde die Weisung vom Kulturstaatsminister für die Gedenkstätten zurückgezogen. „Wir haben die Begründung, dass das Rundschreiben irrtümlich in den falschen Verteiler gerutscht ist, zur Kenntnis genommen“, sagte der Direktor der Gedenkstätte Buchenwald. Der stellvertretende BKM, Hermann Schäfer, hatte am Freitag zur Eröffnung des Kunstfestes in Weimar mit einer Rede für einen Eklat gesorgt. Schäfer hatte unter dem Thema „Gedächtnis Buchenwald“ ausschließlich über die Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gesprochen und wegen lautstarker Proteste seine Rede abbrechen müssen.

Nach acht Wochen:

Neuß-Grevenbroicher Zeitung, 5. September 2006
Kollektives Schuldgefühl nach neuem Patriotismus? 
Es ist 60 Tage her, dass die Fußballnationalmannschaft [nicht die WM!] ganz Deutschland in einen kollektiven Freudentaumel fallen ließ. Plötzlich war es en vogue, die Nationalfarben im Gesicht und auf T-Shirts zu tragen, an Wohnzimmerfenstern, Autos und auf dem Schreibtisch im Büro wurde Farbe bekannt. Doch kaum war die große Party vorbei, hielt auch schon Katerstimmung Einzug; die allgemeine Begeisterung schien einem kollektiven Schuldgefühl zu weichen. Wir-Gefühl und nationale Identitätsbekundung unter der deutschen Flagge; jahrzehntelang wurden wir darauf getrimmt, [von wem!?] vor dieser „Missachtung“ der Geschichte zurück zu schrecken. Patriotismus ist in Deutschland tabu und wird in der Kollektivmoral unmittelbar mit dem Dritten Reich und neonationalsozialistischen Tendenzen verbunden. Wer sich selbst mit seiner Heimat identifiziertund dies vielleicht auch noch öffentlich bekennt, etwa durch das Hissen der deutschen Fahne, der wird schon von weitem skeptisch beäugt und, wenn möglich, gemieden. [Der Nationalist als Opfer von…?]Wer die Vorzüge Deutschlands in den Vordergrund zu stellen versucht, wird in einer Diskussion sofort mit Geschichtszahlen von 1848 bis 1990 bombardiert – und diese Argumente sind auch kaumzu widerlegen. Wenn jetzt selbst anerkannte, moralische Instanzen wie Günter Grass sich einer Vergangenheit bei der Waffen-SSbekennen, so ist das Wasser auf die Mühlen derer, die in jedem Deutschen – egal welchen Jahrgangs – einen Mitschuldigen für den zweiten Weltkrieg und dessen grauenhafte Auswirkungen sehen. So sagt der jüdische Schriftsteller Maxim Biller im ZDF „nachtstudio“ (am 27. August 2006) sinngemäß, durch jede nationale, kollektive Euphorie in Deutschland, bei der Flaggen geschwenkt werden, gerate die Aufklärung über das Dritte Reich ein Stück mehr in Vergessenheit. [Es sind also letztlich die Juden, die uns nie in Ruhe lassen werden]. Die Frage muss erlaubt sein: Wie kann etwas in Vergessenheit geraten, über das man ab Klasse 5 jedes Jahr aufs Neue grauenhafte Einzelheiten vermittelt bekommt? [Indem man – wie hier – sagt: „jetzt reicht es“]. Jeden Monat eine neue Sendung im TV über das dritte Reich, sieht man deutsche Soldaten der Wehrmacht unsere Nachbarländer überfallen oder alliierte Panzer über den Rhein rollen. Doch im Bewusstsein der historischen Verantwortung, die uns unsere Groß- und Urgroßeltern aufgebürdet haben, sollte es doch möglich sein, ein neues, unbefangeneres Nationalbewusstsein zu entwickeln. [„unbefangen“ an den Holocaust denken!]. Es ist fragwürdig, ob man mit Stolz auf die Zufälligkeit seiner Nationalität blicken sollte, doch ist die Identifizierung mit der selbigen ein natürlicher Vorgang, den wir Deutsche in den letzten Jahrzehnten zu unterdrücken versuchten. Ohne die Arroganz, uns höherwertiger anzusehen als andere Völker und ohne den Anspruch, anderen die eigene Kultur aufzwingen zu wollen, sondern im interkulturellen Austausch mit anderen Nationen und Völkern sich der eigenen Kultur und Nationalität bewusst sein dürfenso stellt sich diese Generation den neuen, deutschen Patriotismus vor. Deutsch sein, eine Flagge in der Hand zu halten und gleichzeitig einem dunkelhäutigen Brasilianer den Weg zur nächsten U-Bahn-Station zu erklären – das ist kein Gegensatz!

Oliver Bierhoff zeigt dunkelhäutigen Brasilianern den Weg zur nächsten U-Bahn zum Airport: Jetzt wird Klartext gesprochen. Patriotismus heißt: „Verschwinde, wenn Du kein Deutscher bist!“

Hamburger Abendblatt, 5. September 2006
Interview mit Oliver Bierhoff 
ABENDBLATT: Herr Bierhoff, haben Sie 60 Tage nach der WM den Eindruck, dass die WM die Bundesliga inspiriert hat?
OLIVER BIERHOFF (38): In dem Sinne, dass man voll auf deutsche Spieler baut, kann ich einen neuen Patriotismus nicht erkennen.
ABENDBLATT: Sie meinen Vereine wie den HSV, der viele Ausländer verpflichtet hat.
BIERHOFF: Das ist manchmal frustrierend. Wenn Sie sich die zwölf Vereine mit höheren Ambitionen anschauen, sind von 24 Innenverteidigern nur sechs Deutsche. Bei einigen Spielen ertappe ich mich beim Gedanken: Wieso schaue ich mir das eigentlich an?

Wie deutscher Spaß beim Verlieren aufhört: Ein besonders bemerkenswertes Video, weil es das Spiel Italien/BRD nicht auf dem Bildschirn zeigt, sondern auf den Gesichtern enttäuschter „Patrioten“, die auf Sieg eingestellt waren. Last 5min live on a german tv show!

Februar 2007:

→ FAZ-Titel, 4.2.2007 (Hinweis: Die FAZ ist eine politische Tageszeitung)

Juni 2007:

→ Hamburger Morgenpost-Titel 26.6.07 um 5:45 Uhr, Spiegel-Titel 25.6.07

Juli 2007:

→ FAZ vom 25. Juli 2007


→ FAZ-Titel 1. Oktober 2007

EM 2008

„Schwarzrotgold ist wieder angesagt. Natürlich werden sich wieder die Bedenkenträger zu Wort melden, denen die Aufwallung nationaler Gefühle ohne jegliche kritische Distanzierung unheimlich ist. Warum sieht man Schwarzrotgold nicht ganz selbstverständlich im täglichen Leben, zum Beispiel in jedem Klassenzimmer? Warum all die verklemmten Kampagnen „gegen rechts“ und „gegen Rassismus“, als dürfte man nicht stolz auf sein Land und seine Nationalmannschaft sein, ohne gleichzeitig sein schlechtes Gewissen zu markieren?“
(„Junge Freiheit“, Zeitung der „Neuen“ Rechten, Juni 2008)

Welt, 5. Juni 2008
Kritik an polnischen Boulevardblättern wegen EM-Titeln
Die SPD-Kandidatin für das Bundespräsidentenamt, Gesine Schwan, hat sich betroffen über die martialische EM-Berichterstattung polnischer Boulevardblätter gezeigt. „Fußball ohne Stil und Respekt – das geht gar nicht“, sagte die Beauftragte für die deutsch-polnischen Beziehungen der „Bild“-Zeitung. „Es wäre bedauerlich, wenn jetzt wieder nationalistische Sprüche vom eigentlichen Ereignis, dem Sport, ablenken würden“, sagte Schwan.

Süddeutsche Zeitung, 9. Juni 2008
NPD vervierfacht ihr Wahlergebnis in Sachsen
Nach der Landtagswahl 2004 in Sachsen war die NPD mit 9,2 Prozent der Stimmen ins Parlament eingezogen. Nach diesen Kommunalwahlen zieht sie zusätzlich in alle neuen zehn Kreistage ein. Während CDU
und SPD im Vergleich zur Kreistagswahl 2004 Stimmen verloren, konnte die NPD von auf 5,1 Prozent zulegen und damit ihren Stimmenanteil vervierfachen. Bei den Landratswahlen lag die NPD in zwei Kreisen sogar vor der SPD: Im Landkreis Görlitz mit 7,3 Prozent sowie im Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge mit 7,8 Prozent. Bei der Kreistagswahl im Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge lag die NPD in der Ortschaft Reinhardtsdorf-Schöna mit 25,2 % vor der CDU (21,7). Die Linke kam in dem Ort auf 15,6 und die SPD auf 3,7 Prozent.

Schweizer Fernsehen, 9. Juni 2008
Mehr als 150 deutsche Nazis in Klagenfurt festgenommen
Am Rande der EURO-2008-Partie zwischen Deutschland und Polen hat es allein im österreichischen Klagenfurt mehr als 150 Festnahmen gegeben. Bereits am Sonntagabend nahm die Polizei mehr als 140 Personen – hauptsächlich deutsche Rechtsradikale – in Gewahrsam. Am Sonntag hatte zunächst eine rund 60 Mann starke Gruppe vor dem Spiel in den Strassen Klagenfurts Sprüche gerufen, die an die Nazi- Zeit erinnerten, beispielsweise «Alle Polen müssen einen gelben Stern tragen». Es kam zu einzelnen Rangeleien mit polnischen Fans. Mit Beginn des Spiels ist eine zweite Gruppe in Erscheinung getreten. Auch diese hatte Sprüche skandiert, die an die NS-Zeit erinnerten, meldete APA. So hiess es etwa: «Deutsche wehrt euch. Kauft nicht bei Polen!» Beide Gruppen seien binnen kürzester Zeit von der Polizei eingekreist worden.

Deutsche mit bestem Gewissen …

Zwei Jahre nach der kollektiven Einübung eines „unverkrampften Nationalismus“ im Kostüm des „Fußballfans“, fehlt 2008 bereits derMehrwert des Tabubruchs. Deutscher „Patriotismus“ ist so normal geworden, dass sich kaum noch jemand an die Zeit erinnert, in der die Beflaggung mit Deutschlandfahnen „Schrebergärtnern und Rechtsradikalen“ und dem „Wir sind ein Volk“-Mob vorbehalten war. Es fehlen zudem endgültig die letzten „Miesmacher“, an denen man sich abarbeiten könnte.



Es ist schon eigenartig mit der Flagge in Deutschland. Lange war sie den Schrebergärtnern und Rechtsradikalen vorbehalten. Dann kam das Fähnchenwunder der WM. Jetzt sind sie wieder da. Schwarz-rot-goldene Flaggen wehen an Autofenstern, Balkonen, Strandkörben, Imbissbuden und Rathäusern (FAZ, 11.6.2008). „Wer nicht hüpft, der ist kein Deutscher„, rufen ein paar Jugendliche, die Menge stimmt ein, alles hüpft (Hamburger Abendblatt, 17. Juni 2008). Und wer schon wieder erschrickt, weil alle die deutsche Nationalhymne mitsingen, hat nichts verstanden (FAZ, 28.6.2008).



Lange mussten Flaggen-Hisser in Deutschland damit rechnen, schräg angeguckt zu werden. Je mehr Flaggen-Hisser es aber gibt, desto geringer wird die Diskriminierung. (FAZ, ebd). „Toll, wenn die Deutschen endlich ihre Hemmungen abgelegt haben“, meint der CDU-Fraktionschef. Wir sind sehr verkrampft im Vergleich zu den USA“ (MV Regio, 15.6.2008). Zeigen die Deutschen ausreichend Flagge? Norbert Lammert, Präsident des Bundestages: „Jedenfalls habe ich heute weniger als vor einigen Jahren den Eindruck, dass es dazu noch einer ausdrücklichen Ermutigung bedarf“ (Deutschland Radio, 26.6. 2008).



Flagge zeigen mit gutem Gewissen. Die Flaggen wehen an den Autos, die Wangen schimmern Schwarz-Rot-Gold, der Nachbar summt die Nationalhymne: Die EM bringt ein Stück Patriotismus ins Land. (Münstersche Zeitung, 12.6. 2008). Randale nach dem Spiel Kroatien gegen Deutschland im Kreis Esslingen (Stuttgarter Zeitung, 13.06.08). In Dresden attackierte eine Gruppe von etwa 30 Personen drei Dönergeschäfte und verletzte dabei zwei türkische Betreiber (dpa, 26.06. 2008).

… aber den altbekannten Schwächen:

Wenn Deutsche gelegentlich siegen, imaginieren sie sich gleich als Herren der Welt und wollen dieser ein Meister sein. Sie verlieren dann jeden Realitätsbezug. Wenn der Endsieg aber ausbleibt, können sie es kaum fassen. Die aggressive Feierlaune, die mangels greifbarer Opfer (auf den „Fanmeilen“ ist man weitgehend unter sich) bzw. durch die Polizeipräsenz weitgehend eingehegt ist, droht jederzeit umzukippen. So tröstet man sich mit der Ankündigung, dass es beim nächsten Anlauf besser klappen wird:



Die große Mehrheit glaubte an einen deutschen Sieg: Bei einer Umfrage tippten nur 21 Prozent auf Spanien (dpa, 30.6.08).



Torres Treffer sorgte für einen kollektiven Schockzustand. Fassungslos blickten die Deutschen auf den Bildschirm. Grabesstille dann bei dem Schlusspfiff. Hunderttausende verließen niedergeschlagen die Fanmeilen (Welt, 30. 06.2008).



Nach dem Abpfiff machten sich die meisten fast fluchtartig auf den Heimweg. Mit hängenden Schultern, leerem Blick. Spanische Mädchen hatten sich für alle Fälle unverdächtige T-Shirts druntergezogen. Angesichts der unfreundlichen Blicke und Worte, die sie im Verlauf des Spiels geerntet hatten, schien ihnen die Vorsicht nicht unberechtigt. Nach kleineren Auseinandersetzungen nahm die Polizei insgesamt 74 Menschen fest oder in Gewahrsam (Tagesspiegel, 29.6.2008).

(wird noch ergänzt)

Nachtrag
WM 2012

2014 06 07 Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Deutschvölkische Illustration im Comic-Stil: Aufrechter siegfriedianischer, germanisch-blonder Superdeutscher steht einem an Krücken gehenden Brasilianer gegenüber. Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 6. Juli 2014 zum WM-Spiel Deutschland-Brasilien am 8. Juli.

Bemerkenswert an dieser Karikatur ist, dass man sich jetzt selbst in einer Weise darstellt, die man jahrelang mit viel Aufwand als vorurteilsbeladene ausländische Zuschreibung beklagte („Der Deutsche kommt als Grobian daher: stereotype Karikaturen in der britischen Presse“, „Das Bild der Deutschen in der polnischen Karikatur“, „Deutschlandklischees in Frankreich“).

Der positive Bezug auf die herzlose Schneidigkeit dieses blonden Schlägertypen mit den geballten Fäusten, der sich bedrohlich vor einem wehrlosen (und zugleich kopf- und gesichtslosen) Gegenüber aufbaut, ist die Folge eines 2006 durchgesetzten neuen deutschen Geisteszustandes, der Rücksicht auf die Bedenken der anderen nicht mehr nimmt, weil er sie tatsächlich nicht mehr versteht. Dieses Nicht-Mehr-Wissen (das vorausgegangene Nicht-Mehr Wissen-Wollen ist schon vergessen) führt zu ganz neuen Dimensionen des deutschen Chauvinismus. Die deutsche Ukraine-Politik und die Ausweisung eines US-amerikanischen Diplomaten sind die jüngsten Beispiele dieses grenzenlosen Selbstbewusstseins.

Schon 2006 fiel Journalisten der Zeitung Boston Globe auf, dass der deutsche Nationalismus neuerdings nicht mehr versteht, was man überhaupt gegen ihn haben kann:. „Erwägt man die Übel, die der deutsche Nationalismus schon einmal ausgelöst hat, wäre es naiv, die ersthaften Konsequenzen dieses Trends im Deutschland von heute zu ignorieren.“ Doch 2006 treffen solche Befürchtungen „auf völliges Unverständnis“.

Selten zuvor hat die schon von Tacitus bemerkte „germanische Hartnäckigkeit selbst in schlechter Sache (sie selbst nennen es Treue)“ auf die Konkurrenz so einschüchternd gewirkt wie dieses Mal. Die Siege haben den Deutschen ein neues Selbstgefühl der Stärke gegeben.

Kommentare zur WM 2006: Stichworte: Fußballweltmeisterschaft, WM 2006, WM-Patriotismus, entspannter Patriotismus, unverkrampfter Patriotismus, „unverkrampfter Nationalstolz“, Fußballnationalismus, Nationalismus, Deutschlandfahnen, Schwarz-rot-gold, Autofahnen, Nationalstolz, „Steht auf wenn Ihr Deutsche seid“, „Steh auf, wenn Du ein Deutscher bist!“. no-go-area für Miesmacher, Deutschlandlied, Nationalhymne, Sieg!

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